Petrenko: Zimmermann, Lutosławski, Brahms

Jetzt macht Petrenko auch einen Mini-Zyklus Brahms. Diese Woche erklingt der Publikumsrenner D-Dur-Sinfonie und nächste Woche das mächtige B-Dur-Konzert (mit Schiff). Das ist erstmal gediegenes Philharmoniker-Business, as usual halt und ziemlich erwartbar. Interessanter ist, was neben Brahms passiert. Da stehen ein Hauptwerk eines spezifisch deutschen Expressionismus, Zimmermanns Photoptosis, und die burschickose Nachkriegs-Erste des Polen Lutosławski auf dem Zettel (oder dem Download-Programm).

Brahms, Allegretto, T. 188 / Foto: digitalconcerthall.com/Berliner Philharmoniker

Ich höre Digital Concert Hall.

Unter einem sichtlich genesenen, vital beweglichen Petrenko (Silvester-Hexenschuss, ade) legen die Philharmoniker das kalt lodernde Photoptosis hin. Ich höre abwechselnd gläsern lauernde Farbschichtenstatik (die Farben kommen aus dem Giftschrank) und dramatisch durchleuchtete Durchbrüche. Petrenko sucht nicht die expressive Zermalmung. Über dem Musikgetümmel schwebt bei Petrenko die makellose Struktur. Zimmermann dürfte es freuen.

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Ultraschall III: LUX:NM, Yiran Zhao, Schöllhorn, DSO

Entspannt und locker geht es auch bei den letzten zwei Tagen von Ultraschall Berlin zu. Maske, 2G+Booster, Ausweiskontrolle, ausreichend Platz, Leute, die vernünftig sind – dann klappt das auch mit dem Festival, selbst wenn das Virus durch Berlin schwappt. Gut auch, dass es anders als bei den diesbezüglich arg gebeutelten Berliner Opern nicht zu Veranstaltungsabsagen kommt.

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Ultraschall II: Zsolt Sörés, Boulanger Trio, New Recherche

Waren das drei Buhs am Ende der Uraufführung von Astro-Noetic Chiasm (χ), komponiert vom Ungarn Zsolt Sörés? Ultraschalltag 3 im Heimathafen Neukölln weckt vorerst wenig Begeisterung. Sörés‘ Stück, gediegene 50 Minuten lang, vertraut auf minimale Varianz bei weitgehend statischem Material. Dass dabei die Faszination aus vollständiger Prozessmonotonie emporsteigt wie der Phönix aus der Asche, bleibt eine vergebliche Hoffnung. Einziger, wenn auch optischer Lichtblick ist Mihály Sándor, der im Halbdunkel als finsterer Zeremonienmeister über der Elektronik thront. Franz Hautzinger spielt Trompete, der Komponist Bratsche, Anthea Caddy und Judith Hamann arbeiten sich stoisch am Cello ab.

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Ultraschall I: zwei Klavierkonzerte, Francesconi + Christensen, Djordjević, Ivičević, Newski

Ultraschall Berlin geht ins zweite Pandemie-Jahr. Nach der Online-only-Ausgabe von 2021 offeriert man dem erwartungsfrohen Publikum im Jahr 2022 wieder dreizehn Präsenzkonzerte, die an drei Spielorten gebündelt werden. Flankiert wird das klassische Präsenz-Angebot durch eine dicht gestaffelte Folge von Live- oder Fast-Live-Übertragungen, die von den Festival-Trägern Deutschlandfunk Kultur und RBB passgenau ausgestrahlt werden, oft zu bester Sendezeit.

Los geht Ultraschall Berlin ganz traditionell im Haus des Rundfunks an der Masurenallee, Traditionen zählen auch bei Neuer Musik.

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Neujahrskonzert Wien 2022

Erster Januar, Neujahrsvormittagskonzert. Ich folge auf Ö1, und, weil in Katerstimmung, nur der zweiten Hälfte. In der Zweidrittel-besetzten Goldschachtel des Musikvereinssaals präsentieren die Wiener Philharmoniker ihren altbekannten „Exportschlager auf dem TV-Weltmarkt“ (Wiener Zeitung).

Haben Barenboim und die Musiker geheime Botschaften im Programm versteckt? In der ersten Konzerthälfte wahrscheinlich schon. Denn aus Phönix-Marsch und Phönix-Schwingen-Walzer lässt sich ein beschwingtes, 4/4- respektive 3/4-Takt-geprägtes Aus-der-Asche-Emporsteigen heraushören, nämlich aus der Virus-Malaise.

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Silvesterkonzert 2021: Berliner Philharmoniker Lahav Shani, Janine Jansen

Die kurzfristige Absage Petrenkos (die Intendantin: „Hexenschuss“) ruft in Berlin Grübeleien aller Arten hervor. Was ist mit Petrenko? Gibt es Stress? Wie ist das Verhältnis zum Orchester? Lahav Shani springt – äußerst kurzfristig – ein. Der ist jung, aber mit seinen 32 Jahren schon ausreichend erfahren.

Los geht es mit der Fledermausouvertüre. Die klingt nicht spritzig-frivol (wie an der Komischen Oper), sondern gediegen symphonisch. Und in einem höheren, wienerischen Sinne durchaus harmlos.

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Spannender DSO-Dezember: Ruth Reinhardt, Diana Adamjan, Ticciati reicht „Neues vom Tage“

Ich reiche zwei Winterabenteuer mit dem Deutschen Symphonie-Orchester nach.

Am 12. Dezember debütieren drei Frauen beim DSO. Am 19. Dezember dirigiert Ticciati ein Konzert, wie ich noch keines gehört habe.

Zum 12. 12, Sonntagabend. Ruth Reinhardt, Diana Adamjan, Selina Ott, Dirigentin, Geigerin, Trompeterin, debütieren. Es ist eines der seltenen Symphoniekonzerte in der Philharmonie, in das man für 12 Euro reinkommt. Und für 28 Euro in Reihe 1 sitzen kann. Das Mendelssohnkonzert spielt Diana Adamjan, 21, Menuhin-Preisträgerin.

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Véronique Gens singt im Boulezsaal Reynaldo Hahn

Kurz vor Weihnachten sitze ich im warmen Holz-Oval des Boulezsaals. Draußen ist die Französische Straße vom ersten Dezemberschnee überzuckert. Drinnen singt die Französin Véronique Gens mélodies von Reynaldo Hahn, Gounod und Guy Ropartz.

Vor dem Konzert mache ich mir Gedanken, ob es möglich ist, einem eineinhalbstündigen Recital à la française zu folgen, in dem weder Fauré, noch Duparc, noch Ravel, noch Poulenc, dafür aber viel Reynaldo Hahn angekündigt sind. Aber dann kommt Véronique Gens, und diese Hahn-mélodies, diese intimen, mondänen Klangerzeugnisse der Proust-Zeit, beginnen zu leben, sind umwerfend interessant.

Es gibt einen Hahn-„Ton“. Immer gedämpft, lyrisch, immer subtil. Aber kein Lied gleicht dem anderen.

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Nelsons+Philharmoniker: Sacre, DSO: Denève und Sheku Kanneh-Mason mit Elgar

Der Berliner Musikdezember ist bei weitem besser als das Berliner Dezemberwetter.

Stéphane Denève dirigiert beim DSO Elgar, Roussel und Ravel, und bei Elgars Cellokonzert sitzt der junge Brite Sheku Kanneh-Mason am Instrument. Da Stephane Denève wie ein hartgesottener EU-Brexit-Unterhändler gegen jede Art von aus der Zeit gefallenem Viktorianismus zu Felde zieht, erklingt Elgars Altersmeisterwerk mit einer leicht nüchternen Note. Die viersätzig-suitenhafte, von zusätzlichen Rezitativ-Introduktionen bereicherte und zugleich von Satzungleichgewichten belastete Form fasziniert mich auch heute. Weitere Interpretationstendenzen: Solist und Orchester drängeln in den raschen Sätzen (Scherzo im 4/4-Takt und Finale). Dafür lässt Sheku Kanneh-Mason das Cello in den beiden Adagio-Sätzen gefühlvoll singen.

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Lob des Singens: Doris Soffel in der Deutschen Oper

Doris Soffel singt in der Deutschen Oper Strauss, Sibelius, Weill. Und zum Einsingen zwei Wunderhornlieder Mahlers. Soffel hörte ich vor der Pandemie als Oceane, Chrysotemis und Fricka, stets stellte sie Charaktere auf die Bühne. Da war plausible Rollenintensität, die auf eindringlicher Deklamation, dramatischer Färbung und stimmlichem Gewicht fußte. Im Pausenfoyer der Deutschen Oper ist am heutigen Abend um zehn vor zehn Schluss. Da hat Doris Soffel schon einmal die Garderobe gewechselt, drei Zugaben gesungen und schlussendlich sechs Komponisten programmiert.

Zu Beginn, in Mahlers neckischem Rheinlegendchen, hängt noch Flugrost in der Kehle der Mezzosopranistin. Als dann Lob des Leidens dran ist, die Nummer drei aus Strauss‘ eher unbekanntem Opus 15, in dem, für Strauss ungewöhnlich genug, viel von Gram und Qual die Rede ist, wölben sich die Bögen, der Ausdruck ist intensiv. Auch bei der versöhnlichen Heimkehr singt Soffel mit artikulatorischem Aplomb und vokaler Finesse. Mein Eindruck ist, dass in den feinen Phrasierungsdetails ein ganzes, langes Mezzo-Leben steckt.

Doris Soffel Lieder Deutsche Oper Mahler Strauss
Doris Soffel: Da geht sie hin
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Wie klingt Berlin? Konzerthausorchester mit Sounds of Berlin. unitedberlin & Kompopolex

Wie klingt Berlin? Das Konzerthausorchester geht die Frage pragmatisch an. Und zwar im Rahmen des Mini-Konzerthaus-Festivals Sounds of Berlin.

Ich höre am Freitagabend Werke der Berliner Komponisten Jost, Nemtsov und Encke. Am besten klingt Nemtsov, am zweitbesten Encke.

Aus Urbanica von Christian Jost steigt ein gut geölter Berlinklang. Filmischer Schwung ist wichtig. Aber die Einzelstimme zählt nichts. Das ist ein Fehler. Ich denke verwundert: So viel kultivierte Wildheit gibt’s selbst in Berlin nicht. Dann scattered ways von Sarah Nemtsov (2015). Es ist präziser. Zugrunde liegt Emily Dickinsons Gedicht We met as Sparks — Diverging Flints / Sent various — scattered ways. Das Stück ist von einer stupenden Überklarheit. Die Texturen feinnervig. Das Timbre scherbenähnlich. scattered ways ist durchdacht und gleichzeitig spontan; übersubjektiv und zugleich engagiert in jedem Augenblicksteil.

scattered ways: Komponistin Sarah Nemtsov mit Dirigent Emilio Pomàrico auf der Bühne
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Premiere Sleepless Staatsoper Berlin Eötvös

Über die Berliner Eötvös-Uraufführung lässt sich Gutes berichten – aber nicht nur.

Die Grundstimmung von Sleepless ist trostlos. Dennoch, am Ende siegt die Hoffnung. Das ist das Fazit, das man nach zweieinhalb Stunden in der Linden-Oper ziehen kann. Das Libretto besorgte Mari Mezei nach Jon Fosse. Die Geschichte vom verzweifelten Paar auf der Suche nach Unterkunft und Rettung aus nicht endender Misere vermischmascht dabei die Erzählung von Betlehem mit Puccinis Manon Lescaut und Schostakowitschs Lady Macbeth.

Was passiert in den zwei Akten?

Die schwangere Alida und ihr Liebster Asle werden von Alidas Mutter rausgeschmissen, landen in schummrigen Bars, die voll ungehobelter Fischer stecken. Das ganze spielt im norwegischen Bjørgvin (Bergen hieß offenbar im frühen Mittelalter so). Zwei Teenager auf der Flucht. Asle (der sehnig-magere, wie innerlich aufgezehrt wirkende Linard Vrielink gestaltet die hochliegende Partie erfreulich timbre-sicher) tötet dabei am laufenden Band Menschen. Weswegen er wenig später am Galgen baumelt.

Als daraufhin Alida mit dem Neugeborenen auf der Straße landet, rettet Asleik (der hoch aufragende Arttu Kataja prächtig baritonklar) die junge Mutter. Ich reibe mir verwundert die Augen. Ist Sleepless etwa ein rührendes Sozialstück?

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RSB Jurowski Hope: mit Berg über Tschaikowsky in der Nacht zu Firssowa

Das Rundfunk-Sinfonieorchester, das nicht 75 ist wie das DSO, sondern 96 (gegründet im Stresemann-Berlin 1925), spielt ein langes, nicht einfaches Konzert. Ich höre Spätwerke von Berg und Tschaikowsky sowie eine Uraufführung der in England lebenden Russin Firssowa. Das Thema heißt Tod und Nacht – was das RSB beschönigend in „Spirale des Lebens“ umdeutet. Der Werkzugang in der Philharmonie erfolgt, wie immer bei Wladimir Jurowski, hochindentifikatorisch. Das ist nicht unproblematisch.

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