Neujahrskonzert Wien 2022

Erster Januar, Neujahrsvormittagskonzert. Ich folge auf Ö1, und, weil in Katerstimmung, nur der zweiten Hälfte. In der Zweidrittel-besetzten Goldschachtel des Musikvereinssaals präsentieren die Wiener Philharmoniker ihren altbekannten „Exportschlager auf dem TV-Weltmarkt“ (Wiener Zeitung).

Haben Barenboim und die Musiker geheime Botschaften im Programm versteckt? In der ersten Konzerthälfte wahrscheinlich schon. Denn aus Phönix-Marsch und Phönix-Schwingen-Walzer lässt sich ein beschwingtes, 4/4- respektive 3/4-Takt-geprägtes Aus-der-Asche-Emporsteigen heraushören, nämlich aus der Virus-Malaise.

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Silvesterkonzert 2021: Berliner Philharmoniker Lahav Shani, Janine Jansen

Die kurzfristige Absage Petrenkos (die Intendantin: „Hexenschuss“) ruft in Berlin Grübeleien aller Arten hervor. Was ist mit Petrenko? Gibt es Stress? Wie ist das Verhältnis zum Orchester? Lahav Shani springt – äußerst kurzfristig – ein. Der ist jung, aber mit seinen 32 Jahren schon ausreichend erfahren.

Los geht es mit der Fledermausouvertüre. Die klingt nicht spritzig-frivol (wie an der Komischen Oper), sondern gediegen symphonisch. Und in einem höheren, wienerischen Sinne durchaus harmlos.

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Spannender DSO-Dezember: Ruth Reinhardt, Diana Adamjan, Ticciati reicht „Neues vom Tage“

Ich reiche zwei Winterabenteuer mit dem Deutschen Symphonie-Orchester nach.

Am 12. Dezember debütieren drei Frauen beim DSO. Am 19. Dezember dirigiert Ticciati ein Konzert, wie ich noch keines gehört habe.

Zum 12. 12, Sonntagabend. Ruth Reinhardt, Diana Adamjan, Selina Ott, Dirigentin, Geigerin, Trompeterin, debütieren. Es ist eines der seltenen Symphoniekonzerte in der Philharmonie, in das man für 12 Euro reinkommt. Und für 28 Euro in Reihe 1 sitzen kann. Das Mendelssohnkonzert spielt Diana Adamjan, 21, Menuhin-Preisträgerin.

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Véronique Gens singt im Boulezsaal Reynaldo Hahn

Kurz vor Weihnachten sitze ich im warmen Holz-Oval des Boulezsaals. Draußen ist die Französische Straße vom ersten Dezemberschnee überzuckert. Drinnen singt die Französin Véronique Gens mélodies von Reynaldo Hahn, Gounod und Guy Ropartz.

Vor dem Konzert mache ich mir Gedanken, ob es möglich ist, einem eineinhalbstündigen Recital à la française zu folgen, in dem weder Fauré, noch Duparc, noch Ravel, noch Poulenc, dafür aber viel Reynaldo Hahn angekündigt sind. Aber dann kommt Véronique Gens, und diese Hahn-mélodies, diese intimen, mondänen Klangerzeugnisse der Proust-Zeit, beginnen zu leben, sind umwerfend interessant.

Es gibt einen Hahn-„Ton“. Immer gedämpft, lyrisch, immer subtil. Aber kein Lied gleicht dem anderen.

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Nelsons+Philharmoniker: Sacre, DSO: Denève und Sheku Kanneh-Mason mit Elgar

Der Berliner Musikdezember ist bei weitem besser als das Berliner Dezemberwetter.

Stéphane Denève dirigiert beim DSO Elgar, Roussel und Ravel, und bei Elgars Cellokonzert sitzt der junge Brite Sheku Kanneh-Mason am Instrument. Da Stephane Denève wie ein hartgesottener EU-Brexit-Unterhändler gegen jede Art von aus der Zeit gefallenem Viktorianismus zu Felde zieht, erklingt Elgars Altersmeisterwerk mit einer leicht nüchternen Note. Die viersätzig-suitenhafte, von zusätzlichen Rezitativ-Introduktionen bereicherte und zugleich von Satzungleichgewichten belastete Form fasziniert mich auch heute. Weitere Interpretationstendenzen: Solist und Orchester drängeln in den raschen Sätzen (Scherzo im 4/4-Takt und Finale). Dafür lässt Sheku Kanneh-Mason das Cello in den beiden Adagio-Sätzen gefühlvoll singen.

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Lob des Singens: Doris Soffel in der Deutschen Oper

Doris Soffel singt in der Deutschen Oper Strauss, Sibelius, Weill. Und zum Einsingen zwei Wunderhornlieder Mahlers. Soffel hörte ich vor der Pandemie als Oceane, Chrysotemis und Fricka, stets stellte sie Charaktere auf die Bühne. Da war plausible Rollenintensität, die auf eindringlicher Deklamation, dramatischer Färbung und stimmlichem Gewicht fußte. Im Pausenfoyer der Deutschen Oper ist am heutigen Abend um zehn vor zehn Schluss. Da hat Doris Soffel schon einmal die Garderobe gewechselt, drei Zugaben gesungen und schlussendlich sechs Komponisten programmiert.

Zu Beginn, in Mahlers neckischem Rheinlegendchen, hängt noch Flugrost in der Kehle der Mezzosopranistin. Als dann Lob des Leidens dran ist, die Nummer drei aus Strauss‘ eher unbekanntem Opus 15, in dem, für Strauss ungewöhnlich genug, viel von Gram und Qual die Rede ist, wölben sich die Bögen, der Ausdruck ist intensiv. Auch bei der versöhnlichen Heimkehr singt Soffel mit artikulatorischem Aplomb und vokaler Finesse. Mein Eindruck ist, dass in den feinen Phrasierungsdetails ein ganzes, langes Mezzo-Leben steckt.

Doris Soffel Lieder Deutsche Oper Mahler Strauss
Doris Soffel: Da geht sie hin
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Wie klingt Berlin? Konzerthausorchester mit Sounds of Berlin. unitedberlin & Kompopolex

Wie klingt Berlin? Das Konzerthausorchester geht die Frage pragmatisch an. Und zwar im Rahmen des Mini-Konzerthaus-Festivals Sounds of Berlin.

Ich höre am Freitagabend Werke der Berliner Komponisten Jost, Nemtsov und Encke. Am besten klingt Nemtsov, am zweitbesten Encke.

Aus Urbanica von Christian Jost steigt ein gut geölter Berlinklang. Filmischer Schwung ist wichtig. Aber die Einzelstimme zählt nichts. Das ist ein Fehler. Ich denke verwundert: So viel kultivierte Wildheit gibt’s selbst in Berlin nicht. Dann scattered ways von Sarah Nemtsov (2015). Es ist präziser. Zugrunde liegt Emily Dickinsons Gedicht We met as Sparks — Diverging Flints / Sent various — scattered ways. Das Stück ist von einer stupenden Überklarheit. Die Texturen feinnervig. Das Timbre scherbenähnlich. scattered ways ist durchdacht und gleichzeitig spontan; übersubjektiv und zugleich engagiert in jedem Augenblicksteil.

scattered ways: Komponistin Sarah Nemtsov mit Dirigent Emilio Pomàrico auf der Bühne
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Premiere Sleepless Staatsoper Berlin Eötvös

Über die Berliner Eötvös-Uraufführung lässt sich Gutes berichten – aber nicht nur.

Die Grundstimmung von Sleepless ist trostlos. Dennoch, am Ende siegt die Hoffnung. Das ist das Fazit, das man nach zweieinhalb Stunden in der Linden-Oper ziehen kann. Das Libretto besorgte Mari Mezei nach Jon Fosse. Die Geschichte vom verzweifelten Paar auf der Suche nach Unterkunft und Rettung aus nicht endender Misere vermischmascht dabei die Erzählung von Betlehem mit Puccinis Manon Lescaut und Schostakowitschs Lady Macbeth.

Was passiert in den zwei Akten?

Die schwangere Alida und ihr Liebster Asle werden von Alidas Mutter rausgeschmissen, landen in schummrigen Bars, die voll ungehobelter Fischer stecken. Das ganze spielt im norwegischen Bjørgvin (Bergen hieß offenbar im frühen Mittelalter so). Zwei Teenager auf der Flucht. Asle (der sehnig-magere, wie innerlich aufgezehrt wirkende Linard Vrielink gestaltet die hochliegende Partie erfreulich timbre-sicher) tötet dabei am laufenden Band Menschen. Weswegen er wenig später am Galgen baumelt.

Als daraufhin Alida mit dem Neugeborenen auf der Straße landet, rettet Asleik (der hoch aufragende Arttu Kataja prächtig baritonklar) die junge Mutter. Ich reibe mir verwundert die Augen. Ist Sleepless etwa ein rührendes Sozialstück?

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RSB Jurowski Hope: mit Berg über Tschaikowsky in der Nacht zu Firssowa

Das Rundfunk-Sinfonieorchester, das nicht 75 ist wie das DSO, sondern 96 (gegründet im Stresemann-Berlin 1925), spielt ein langes, nicht einfaches Konzert. Ich höre Spätwerke von Berg und Tschaikowsky sowie eine Uraufführung der in England lebenden Russin Firssowa. Das Thema heißt Tod und Nacht – was das RSB beschönigend in „Spirale des Lebens“ umdeutet. Der Werkzugang in der Philharmonie erfolgt, wie immer bei Wladimir Jurowski, hochindentifikatorisch. Das ist nicht unproblematisch.

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Wie alt ist das DSO? Der Ticciati sagt immer: grad neugeboren

Das DSO ist 75. Für Orchester ist das kein Alter.

Ich komme gleich zum Wichtigen.

Die Fantasia (1910) von Ralph Vaughan Williams gelingt Ticciati mitreißend. Der Dirigent gewährleistet Druck und Präsenz. Fantasia ist unverkennbar englisch, aber unverkennbar kein Elgar. Aber ein Werk des Ernstes, und der Hoffnung. Das folgende Sudden Time (des Briten George Benjamin) wirkt anregend durch Ereignisreichtum. Sudden Time ist geschmeidig zeitgenössisch, dabei bietet es reizvolles Orchesterspektakel und wird vom Deutschen Symphonie-Orchester auch kenntnis- und könnensreich dargeboten. Ich höre die Konzertübertragung im Kulturradio.

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Anna Samuil singt Pauline Viardot-García

In den Berliner Konzertsälen beginnt wöchentlich ein neues Zeitalter. Am Montag erst wurde 2G eingeläutet. Und schon steht 2G plus vor der Tür. Warum auch nicht? Impft euch halt, ihr, die ihr draußenbleiben müsst. Vorbei ist Unter den Linden erst auch einmal die schöne maskenlose Zeit auf den Sitzplätzen, die es in der Philharmonie seit Herbst 2020 nie gab.

Dort, im Apollosaal, widmet Anna Samuil ihr Recital Pauline Viardot-García, die nicht nur einer der großen Sängerinnen des 19. Jahrhunderts und Schwester von Maria Malibran war, sondern auch komponierte. Sieben ihrer Lieder singt Samuil, die seit 2003 Unter den Linden aktiv ist, im lüsterstrahlenden Apollosaal. Die Lieder bieten einen kleinen und feinen Überblick über das Schaffen von Viardot-García, die fast neunzigjährig 1910 in Paris starb. Haï-luli! ist das Lied einer verzweifelten Verliebten, die zu allem bereit ist, weil sie die Untreue des Liebsten ahnt. На холмах Грузии (Auf den Hügeln Georgiens) spiegelt in der meisterhaft knappen Landschaftsschilderung Puschkins pure romantische Seelenbefindlichkeit. Das kokett rhythmisierte L’Oiselet evoziert nicht ohne Humor eine verwickelte Herzensangelegenheit. Und intensiv C’era una volta, ganz mit Verdi’scher Verve erfüllt.

Samuil singt das herrlich deklamationsüppig und mit feinhörig kontrollierter Dynamik, nicht selten fast im Widerstand gegen die klangvolle Stimme. Oder das sehnsuchtsvolle Melodya von Chopin. Das wird wunderbar gestuft gesungen – widmen tut Samuil Melodya der verstorbenen polnischen Sopranistin Aga Mikolaj. Ja, ich erinnere mich an sie, Rheingold, Götterdämmerung, Don Giovanni.

Aber der Reiz des Recitals liegt gerade in der Vielfalt der Werke. Es ertönen von Franz Liszt Über allen Gipfeln ist Ruh und Die Loreley nach Goethe und Heine. Es folgen auch zwei kleine Berühmtheiten, Tschaikowskys Отчего? (Warum?) und Brahms‘ Von ewiger Liebe (Dunkel, wie dunkel). Samuil singt mit klanglicher Emphase, feurig, aber immer in die Linie eingebunden.

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Trio Catch: Judit Varga, unitedberlin: Sebastian Stier, Sergej Newski, Nirmali Fenn, Felix Krieger, Angela Postweiler

Wird es 2030 Konzerte geben, die sich ganz der Corona-Musik widmen? Also mit Musik, die in den langen Lockdown-Wochen komponiert, aufgenommen oder ersonnen wurde?

Dann kämen nicht nur die Lockdown-Tapes des Ensembles Musikfabrik in Frage, sondern auch das ca. 20-minütige Werk Fenster der Ungarin Judit Varga. Der Untertitel von Fenster lautet: Zwölf wundersame Welten im Lockdown, und die sind jetzt im Radialsystem beim Format „Ohrknacker“ zu erleben. Wie immer wird das Stück zwei Mal gespielt und zwischendrin vom Trio Catch erläutert. Heute ist es lustiger als sonst. Es muss am ungarischen Temperament liegen. Zwölf Teile umfasst Fenster. Jede Miniatur dauert relativ exakt 90 Sekunden. In jeder schaut der Zuhörer mit den hörenden Augen der Komponistin in eine Corona-Wohnsituation. Was überraschenderweise nicht immer deprimiert klingt, sondern gerne auch ziemlich lustig.

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Petrenko: Mendelssohn, Schostakowitsch, DSO: Elim Chan & Víkingur Ólafsson

Ich habe so etwas wie Toscanini-Tempo erwartet. Doch Petrenkos Tempo bei den Berliner Philharmonikern ist alles andere als rasant. Nächste Überraschung. Petrenko wiederholt die Exposition (bin immer so dankbar, wenn das jemand macht). Sofort verwandelt sich die Musik in etwas Gedämpftes, Geheimnisvolles, fließen die Geigen (was sie zuvor bestimmt auch schon getan haben, aber jetzt höre ich es). Die hinreißend dramatischen Forte-Stellen hebt Kirill Petrenko nicht übermäßig heraus, keine Spur von Knalligkeit wie weiland beim Solti. Sondern fließen über vor lauter einzeln hörbaren Binnenstimmen. Die Reprise beginnt spektakulär unspektakulär: zögerndes Zaudern. Haarsträubend gut ist das, Takt für Takt. Und die Sturmepisode der Coda schallt, als wäre Mendelssohn nicht in Schottland, sondern in Dresden im Fliegenden Holländer gewesen. Im Scherzo blitzt eine Wärme, eine entfesselte Klangintelligenz auf.

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