Kritik Berliner Philharmoniker Myung-Whun Chung: Unsuk Chin Cellokonzert Alban Gerhardt Brahms 2. Sinfonie

Unsuk Chins Cellokonzert ist ein, naja, interessanter Beitrag zum Solokonzertrepertoire. Die Zutaten dieses Konzerts sind ein selbstbewusster Part für den Solisten, ein verwirrend transparentes Orchester – große Streicherbesetzung, vielgestaltige Schlagzeuggruppe -, sowie die vertraute Viersätzigkeit. Es gibt überfallartige Crescendi und verstörende Diminuendi. Der Klang des Konzerts ist klar, die Instrumentierung bei allem großen Apparat sparsam, die Architektur fantasievoll. Alban Gerhardt genügt den Anforderungen, die das Stück stellt, und spielt mit hellem Ton.

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Premiere Festtage Staatsoper Berlin: Tannhäuser Sasha Waltz

„Obacht! Das Auge der Venus blickt auf dich.“ So sieht’s jedenfalls Sasha Waltz in der Berliner Tannhäuser-Premiere // Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

HIER die Kritik des Tannhäusers 2017 lesen!

Sasha Waltz erneuert ihre langjährige Partnerschaft mit der Staatsoper Berlin und inszeniert im Rahmen der Festtage 2014 Wagners Tannhäuser.

Ich sage es gleich: Tannhäuser ist was anderes als Dido & Aeneas oder Medea. Eine Tenorlegende wie Peter Seiffert lässt sich nicht rückstandlos in eine fußhuschende Choreographie integrieren, und sei diese auch noch so ausgeklügelt, wie von Sasha Waltz gewohnt. Schöne Bilder zweifelsohne: Marina Prudenskaya als Venus von Milo im Greek-Style, Ann Petersens Elisabeth als einsame Ball-Lady, das herbstliche Kupfer für den 3. Akt (Bühnenbild Pia Maier Schriever mit Sasha Waltz).

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Berliner Philharmoniker Iván Fischer Kritik: Beethoven Klavierkonzert 4, Brahms Klavierquartett (Schönberg)

Seit den Nullerjahren hört man Brahms‘ op. 25 öfters mit Schönberg als ohne Schönberg.

Iván Fischer ist ein feuriger und genauer Sachwalter des Mit-Schönberg. Sein angenehmer Dirigierstil verbindet Eleganz und Energie. Letztere tritt bisweilen zusammen mit einem herrischen Fuchteln des Dirigierstabs in Erscheinung. Fischer mag es durchaus kleinteilig, aber auch schön locker, wie man im 9/8-Intermezzo hört. Mein Lieblingssatz ist das Andante. Bei den Meistersinger-Anklängen des Mittelteils, die in der Ohne-Schönberg-Version von op. 25 längst nicht so deutlich rauskommen, weiß man nicht wohin mit seiner Bewunderung. Kurzes Hornsolo der unbekannten Dame am Solohorn.

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Kritik Staatskapelle Berlin Daniel Barenboim: Elliott Carter Instances, Dorothea Röschmann Vier letzte Lieder, Sacre du Printemps

Es geht los mit den ebenso klaren wie verspielten, ebenso ausbalancierten wie kurzen Instances von Elliott Carter, eine deutsche Erstaufführung.

Strauss Vier letzte Lieder

Die Staatskapelle spielt sie mit satter Kontur und „samtener Strömung“ (Zitat Georg Heym, gewiss kein Strauss-Bewunderer). Das Orchester löst die kristallklare Melancholie von Strauss‘ Alterswerk in üppiges Chiaroscuro. Ist der Einstieg – aber nur der – in „Abendrot“ nicht kolossaler Kitsch? Weiterlesen

Bayerische Staatsoper München Spielplan 2014/2015: Anna Netrebko, Evylyn Herlitzius, Barbara Hannigan, Jonas Kaufmann, Anja Harteros

Die Bayerische Staatsoper sagt, was nächste Saison Sache ist.
Die Münchener haben ein Spielzeitmotto. Ist das nötig? Es heißt „Blicke Küsse Bisse“. Neben der Frage, ob das nötig ist, und der Entdeckung, dass Kommas am Odeonsplatz nicht ins Gewicht fallen, fällt auf, dass das Motto auch „Tränen, Triller, Tote“ hätte heißen können. Aber was will man machen. Dann eben „Blicke Küsse Bisse“. Auch wenn mir ad hoc keine Opernszene einfällt, die einen Biss eines Sängers erfordert.

Ja, München ist besser als Berlin. Sängerisch. Meistens. Aber nicht dirigentisch. Da ist die Staatsoper Berlin noch ein klitzekleines Nasenlängerl vorne.

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Kritik Bruckner 4. Sinfonie Haitink Berliner Philharmoniker Mozart Emmanuel Ax

Vor der Philharmonie. Ich summe das Hauptthema des ersten Satzes. Ein Pummelchen hält einen Flyer vom Klavierfestival entgegen. Pfffff… Hinter mir summt einer das 2. Thema des Finales. Das sind die echten Kenner.

Haitink zählt zu den rosigen Greisen. Er hat sich eine leichtfüßige Freundlichkeit bewahrt. Man bringt der Physiognomie Sympathie entgegen: die kluge Nase, die knittrige Stirn, die tadellose Haltung, der gut sitzende Frack. Die anmutige Fliege.

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Kritik La Traviata Staatsoper Berlin Domingo Hindoyan: Jessica Nuccio, Sergey Skorokhodov

Hier Premierenkritik zur Traviata 2015 im Schillertheater lesen. Im Wissen um die geniale Ökonomie der Traviata (keine unnötige Note, jede Partiturseite ein Geniestreich) konzentriert sich Mussbachs Inszenierung auf das Wesentliche. Der Chor wird von Mussbach sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzt.

Es ist eine gute Repertoirevorstellung.

Jessica Nuccio: Macht als Violetta einen positiven Eindruck. Ihr Sopran zeichnet sich durch eine ebenmäßige Klangqualität und eine gut fokussierte Höhe aus. Im Piano schwingt ihr Ton klar und sauber.

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Kritik Berliner Philharmoniker Rattle: Brahms 3. Sinfonie, Haas Dark Dreams, Debussy La Mer

Simon Rattle

Brahms Dritte.

Brahms‘ 3. live ist immer ein bissl heikel. Die 1.: hat wilde Komplexität. Die 4.: Wucht. Die 2.: sonnige Länge. Die 3. hat alles und nichts.

Ich werde erst in der Durchführung hellhörig. Mit dem Ernst von Bergleuten wühlen sich Celli und Kontrabässe durch die Kellergeschosse von Brahms 3. Stefan Dohr bläst sein goldiges Hornsolo. In den Seitenthemen überrascht die freie Handhabung der Achtel-Dingsda’s (Wenzel Fuchs, Klarinette). Brahms‘ Markenkern, Gemüt, durch Struktur gebändigt, wird freigelegt, wo es sich ergibt. Ansonsten achtet Simon Rattle auf Verklammerung. Auf Schwarmintelligenz –

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Kritik Berliner Philharmoniker Simon Rattle: Haydn-Pasticcio Mozart Uchida Messiaen

Aussage Nr. 1

Mitsuko Uchida kann’s einfach. Der erste Satz aus Mozarts Klavierkonzert KV 456, der voll intelligenter Reflexe ist, hat durchgängig hohes Niveau. Die Interpretation durch die Handvoll Philharmoniker entzückt ganz und gar. Der zweite Satz leidet an einer Vorliebe für übermäßige Feinsinnigkeit.

Aussage Nr. 2

Messiaens Oiseaux exotiques klingen, trotz differenzierter Technik, nicht mehr ganz farbecht. Hätte ein zeitgenössischer Komponist dieses Stück geschrieben, ich hätte geseufzt: Ey, Post-Impressionismus, que me veux-tu? Weiterlesen

Kritik Salome Staatsoper Mehta: Camilla Nylund, Gerhard Siegel, Birgit Remmert, Albert Dohmen

Camilla Nylund Salome Berlin Staatsoper // Foto: Mara Eggert / staatsoper-berlin.de
„Kann der mal aufhören, mit dem bescheuerten Obst rumzuwedeln?“ Camilla Nylund Salome // Foto: Mara Eggert / staatsoper-berlin.de

Eine Repertoirevorstellung gehobenen Niveaus.

Camilla Nylund: Nylunds Salome ist weniger Luder als ein Teenager mit einem altersnormalen Grad an selbstverliebter Extrovertiertheit.

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Kritik Premiere Staatsoper Katja Kabanowa Simon Rattle: Eva-Maria Westbroek Pavel Černoch Anna Lapkovskaja

Kataja Kabanova: Eva-Maria Westbroek, Sopran, vor leerem Tisch. Deborah Polaski denkt nach // Foto: Uhlig / staatsoper-berlin.de
Eva-Maria Westbroek steht im Regen. Deborah Polaski denkt nach // Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Katja Kabanowa, die kondensierte Form einer Oper, in der die Hauptperson unglücklich liebt und tragisch stirbt bzw. tragisch liebt und unglücklich stirbt, hat Premiere an der Staatsoper. Wenn Andrea Breth inszeniert, dann auch aufgrund des Versprechens, das sie mit der einleuchtenden Inszenierung des Wozzeck gegeben hat. Sie löste es nicht zur Gänze ein.

HIER KRITIK ZU KATJA KABANOWA JUNI 2017 LESEN!

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Kritik Berliner Philharmoniker Abbado Gedenkkonzert: Zubin Mehta Mahler Adagietto, Beethoven Klavierkonzert Nr. 5 Rudolf Buchbinder, Heldenleben

Ein ungewöhnlich reichhaltiges und gelungenes Konzert.

Der Abend dient als Gedenkkonzert für Claudio Abbado.

Das Adagietto (Mahler, 5.) dirigiert Zubin Mehta als Anti-Abbado, also denkbar unphilosophisch, aber wunderbar feinfühlig – der Begriff „plüschig“  verbietet sich bei diesem Anlass – und nobel. Der Satz hat mehr Charme als Sentiment, was nicht das Schlechteste ist, was ihm passieren kann. Den Septdezim-Glissando-Absturz spielen die ersten Geigen der Wiener Philharmoniker mit einem höheren Maß an Mahler-Besoffenheit – will sagen: raffinierter, beiläufiger, hypnotischer. Die letzten Forzati knurren die Kontrabässe unnachahmlich als grimmigen Abschiedsgruß Abbado hinterher.

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