Kritik Staatsoper Berlin Don Giovanni: Maria Bengtsson Dorothea Röschmann Anna Prohaska

Da sitzen sie: Anna Prohaska, Dorothea Röschmann, Maria Bengtsson // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Drei Mozart-Mädels an der Bushaltestelle: Anna Prohaska, Dorothea Röschmann, Maria Bengtsson // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Das war der Don Giovanni, der aus lauter unteren Hälften von Fichten bestand. Außerdem war das der Don Giovanni, in dem Anna Netrebko nicht sang, getreu der Tatsache, dass manche Aufführungen berühmter sind, weil jemand nicht singt. Die Vorteile der Inszenierung (Claus Guth): 1. Man sieht mal echte Bäume auf der Bühne. 2. Auftretende kündigen sich an, indem ihre schwankende Gestalt zuvor zwischen den Stämmen auftaucht – wie im echten Wald. Das hat was. 3. Es ist lustig. Die Nachteile: wenn die „statua gentillissima“ des „uom di sasso“ wie eine klapperdürre frühgermanische Voodoopuppe aussieht, fällt selbst hartgesottenen Regietheater-Fans wie mir die Aufrechterhaltung der theatralischen Illusion schwer. Der Aufreger des Abends: war das ein Live-Wolf oder ein Theater-Wolf in der Friedhofsszene im 2. Akt?

Die Mädels hatten heute Abend die kostbareren Lungen als die Herren. Röschmann riss hin, Bengtsson ersang sich vollständigen Respekt, Prohaska vollständige Bewunderung. Weiterlesen

Kritik Berliner Philharmoniker Mariss Jansons: Dvorak 9. Sinfonie, Martinu Violinkonzert Zimmermann

Ich bin noch ganz fertig vom Barenboimkonzert am Dienstag. Und jetzt kommt Jansons mit der Dvořák-9. Ich bin ja immer für möglichst viel Ligeti, Zimmermann oder was ähnliches im Philharmonikerkonzert, aber heute ist das Programm auch gut – dem Berliner Wetter angemessen: sonnig, mit Ferienvorgeschmack.

Martinu: Seit ich mal eine Martinů-Sinfonie verpasst habe,

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Kritik Staatskapelle Berlin Barenboim: Bruckner 6. Sinfonie, Mozart KV 466

Typisches Konzert mit Barenboim. Bruckner und noch was. Eine Abendwolke im Osten über dem Gendarmenmarkt. Rilke nannte so was „Abend… stille die Fernen.“ Und jetzt von der stillen Prager Neoromantik zur vorlauten österreichischen Spätromantik.

Jottseidank, die Bruckner-Sechste gibt es nur in einer Fassung. Kein Stress mit Varianten. Daniel Barenboim dirigiert wie Lord Nelson die britische Flotte bei Trafalgar: konzentriert und souverän, in genauer Kenntnis der Umstände, mit voller Kraft vorrückend. Die Streicher schmolzen 

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Kritik Berliner Philharmoniker Missa Solemnis: Herbert Blomstedt Ruth Ziesak

Heute abend als Absacker nach zwei anstrengenden (kleine Übertreibung am Rande) Wochen mit Rattle-Walküren und Domingo-Boccanegras: Missa Solemnis.

Ich gehe nicht gern in die unsinnliche Missa Solemnis. Wenn ich gehe, dann unter dem Motto „Muss es sein? Es muss sein!“. Heute musste es sein. Wehmütig denke ich an den Herbst zurück: Im Vergleich zur Missa Solemnis war die von Harnoncourt dirigierte C-Dur-Messe ein flotter Feger. Wahrscheinlich geht man in die Missa Solemnis, um Abbitte zu leisten für Vergnügen an Strauss, Chabrier, Puccini (seufz).

Herbert Blomstedt. Er entlässt Beethoven in die Schwebe. Weiterlesen

Kritik Staatsoper Berlin Simon Boccanegra: Plácido Domingo, Anja Harteros, Fabio Sartori, Kwangchul Youn

Anja Harteros Staatsoper Berlin
Sopranstatue: Anja Harteros // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Hier Besprechung „Simon Boccanegra“ 2025 lesen!

Boccanegra in der Staatsoper. Nachmittags unter der wärmenden Sonne des (noch kalten) Müggelsees, abends unter der wärmenden Sonne Verdis – was will man mehr?

Anja Harteros: Ach, wie sie dasteht. Wie sie sich bewegt. Eine Bühnenstatue wie Nina Hoss. Ein Gemälde wie von Feuerbach. Sie hat das Lächeln in der Stimme, aber nicht immer das Gefühl in der Stimme. „Come in quest’ora bruna“ hat Frau Harteros ganz gut, aber ein bissl belegt gesungen, besser, das heißt sehr gut, ist Harteros dann so gut wie überall sonst. Ihre makellosen Gesangslinien sind ein Ereignis. Sehr charakteristische, klangstarke, fokussierte, perfekt auf dem Atem

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Ach nööööööö. Staatsoper Berlin erst 2015 fertig.

Au wei, Staatsoper: Betrieb vor 2015 is nich // Foto: Christian von Steffelin / staatsoper-berlin.de

Au wei, Staatsoper: Betrieb vor 2015 is nich // Foto: Christian von Steffelin / staatsoper-berlin.de

Da haben wir den Salat. Die Staatsoper unter den Linden soll erst im April 2015 fertig werden, so Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Schuld an der Verzögerung sind weder ein neuerliche Babypause von Anna Netrebko noch ein Sabbatical von Jürgen Flimm, Weiterlesen

Anna Netrebko Absage München: Anna sagt Пока Пока, Мюнхен

Anna Netrebko sagt „Tschüssi, München“. A.N. singt ihre restlichen Vorstellungen in I Capuleti e i Montecchi an der Staatsoper München nicht mehr. Am 23. & 26. Mai springt Eri Nakamura für Netrebko ein und singt Giulietta. Die russische Sängerin mit dem üppigen Samtsopran ist krank, sagt bayerische.staatsoper.de. Netrebko sang am Samstag noch in I Capuleti e i Montecchi zusammen mit Vesselina Kasarova. Sie hörte sich gesund an, sie sah gesund aus. Und nun das: krank! Die Bayrische Staatsopernkasse erstattet gnädigerweise die Hälfte des Kartenpreises, allerdings nachträglich. Als Berliner sagt man da: Tja, Leutchen, so kanns jehn. Und übrigens, Kopf hoch: 2 mickrige Münchener Netrebko-Absagen sind ja nun mal rein gar nichts gegen 5 Berliner Netrebko-Absagen.

Kritik Rattle Walküre Berliner Philharmoniker: Herlitzius Westbroek Lilli Paasikivi Petrenko

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Walküre konzertant ist was für Masochisten, besonders im Mai, und besonders wenn man bis 8 in der Sonne liegen kann. Man erntet mitleidige Blicke von Bekannten. Man lehnt Einladungen ab, in der Luise „noch ein kleines Bierchen“ zu trinken. Man flucht. Ich seufze. Zu allem Überfluss wurde mir heute mal wieder das Fahrrad geklaut.

Und damit zur Sache.

Ladies first…

Eva-Maria Westbroek: Resonante Stimme, resolute Erscheinung. Hübsch ist die spontane Glut des strudelnden Klangstroms, Westbroek gebietet über einen reichen Sopran mit

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Kritik München I Capuleti e i Montecchi: Anna Netrebko Vesselina Kasarova Dimitri Pittas Ante Jerkunica

Anna Netrebko München

Anna Netrebko vor Stufen-Prospekt: Sie trällert auf hohem Niveau / Foto: k.A. / bayerische.staatsoper.de

Nachdem wir armen Berliner Staatsopernbesucher es hinnehmen müssen, dass Anna Netrebko sich lieber mit ihrem Sohn beschäftigt als ihre versprochenen fünf Don-Giovanni-Vorstellungen in der Staatsoper zu singen, höre ich traurig aber gefasst die Live-Übertragung von I Capuleti e i Montecchi aus München an. In medias res.

Dimitri Pittas (Tebaldo) singt „È serbata a questo acciaro“ mit schlanker, klangschöner Weiterlesen

München: Jonas Kaufmann singt „Una notte, under starry skies, Die Nacht der Träume, C’est bien la nuit de reve…“

Wer keinesfalls Fußballfan, aber um so mehr Opernfan ist, dem bietet sich überraschenderweise eine günstige Gelegenheit, doch einmal die Münchener Fußball-Arena zu besuchen. Jonas Kaufmann tritt vor dem morgigen Champions-League-Finale in der so genannten Allianz-Arena auf. Kaufmann singt die ungefähr dreiminütige Champions-League-Hymne – allerdings Playback. Als Opernfan sollten Sie die Arena jedoch direkt nach dem Auftritt Kaufmanns und vor dem Anpfiff demonstrativ verlassen. So drücken Sie am besten ihre Verachtung für Fußball im Besonderen und für alle rüpelhaften Mannschaftssportarten im Allgemeinen aus.

Wer hat den deutschen Tenor eingeladen? Ich tippe auf den sensiblen und womöglich kunstsinnigen Philipp Lahm. Oder singt der Münchener Tenor umsonst? Und will die Münchener Spieler auf Flügeln des Gesangs, sozusagen aus purem Patriotismus, zum Sieg verhelfen? Der Text, den Jonas Kaufmann singt, wird jedenfalls dem gehobenen Anlass angepasst. Der Text enthält jetzt unter anderem die Zeilen „From North and South, Aus West und Ost, Venez les chants, Come the songs, comes the night!“ und „Una notte, under starry skies, Die Nacht der Träume, when memories never die. C’est bien la nuit de reve, the night the champions rise!“ Aber mal ehrlich, in Tosca oder Siegfried ist auch nicht alles Hochliteratur, was gesungen wird.

Jonas Kaufmann wird von David Garret begleitet. Preistipp: Preise für Schwarzmarktkarten liegen derzeit bei rund 2.000 Euro.

Staatskapelle Andris Nelsons: Beethoven Egmont Eroica, Birtwistle Antiphonies, Pierre-Laurent Aimard

Ein hörenswertes Konzert. Andris Nelsons dirigiert. In einigen Jahren wird der Satz, ein Dirigent dirigiere wie ein Affe, zu einer hohen Auszeichnung werden. Nelsons dirigiert so. Nelsons sieht von hinten aus wie ein Sack Kartoffeln, der immer kurz vorm Umkippen ist.

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Berliner Philharmoniker 2012/2013: Rattle Lutoslawski, Dutilleux, Beethoven, Thielemann Brahms, Dudamel Debussy

Wie gewohnt sagen die Philharmoniker als eines der letzten Berliner Ensembles, was 2012/13  los ist.

Rattle: Lutoslawski, Dutilleux, Beethoven, Strawinsky, Bruckner, Widmann, Gershwin, Britten

Zuerst zu den Rattle-Konzerten. Der programmatische Wille zu konsequenten Zyklen ist leider passé (siehe die einstigen Pärchen Sibelius-Beethoven, Beethoven-Webern, Brahms-Schönberg sowie Mahler). Aber Gott sei Dank findet der Ligeti- und Berio-Strang Weiterlesen

Ancora una volta: Claudio Abbado Schumann 2. Sinfonie

Noch mal Claudio Abbado. Sonntag Abend. Es wird einem warm ums Herz, wenn er erscheint. Hager, hochgewachsen, mit schlenkernden Armen. Angedeutete Verbeugung, die Linke aufs Herz gelegt. Habe eine Karte fürs Podium bekommen.

Zu Alban Berg und Isabelle Faust und Anne Sofie von Otter siehe den vorangegangenen Artikel. Beide dürften Leute im K-Block übrigens kaum gehört haben.

Ich bleibe dabei. Claudio Abbado schafft einiges Gutes bei der Zweiten. Aber auch einiges weniger Gutes. Bis aufs Finale hinterlässt mich kein Satz im Zustand der Erleuchtung. Bei Satz Nr. 2 denk ich wehmütig an Rattles Insistieren. Bei Nr. 1 an Barenboims Gaucho-Glut. Melancholie der Erinnerung.

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Kritik Berliner Philharmoniker Abbado: Schumann & Berg Violinkonzert, Isabelle Faust

Vorher Gewitter und Platzregen, dann leichtes Tröpfeln, aus dem Tiergarten weht frische Luft rüber.

Kein Auftritt in der Philharmonie wird herzlicher zur Kenntnis genommen als der Claudio Abbados. Es ist langer, von Herzen kommender Applaus. Die erste Programmhälfte rechtfertigte ihn.

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