Kritik Berliner Philharmoniker Andrés Orozco-Estrada: Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 4 Andsnes Schostakowitsch

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Andrés Orozco-Estrada Berliner Philharmoniker

Andrés Orozco-Estrada debütiert mit Schostakowitschs Fünfter.

Vor die Fünfte setzen die Programmgötter jedoch das Klavierkonzert Nr. 4 von Rachmaninow.

Da ist die Überraschung. Orozco-Estrada und Andsnes nehmen den Beginn des vierten Klavierkonzert von Rachmaninow sehr rasch, quasi rubatolos. Wenn Leif Ove Andsnes das Klavierkonzert Nr. 4 mit kantig modelliertem Ton, nordisch schnörkellos und ohne nennenswerte Schattierungen der Dynamik, der Farbe, des Klangs spielt, dann klingt das so anti-russisch wie möglich. Statt Rubato-Selbstherrlichkeit herrscht Kunst-Ernst. Ausdruck wird zurückgehalten. Melodielinien wirken ungewöhnlich gedrängt. Wärme? Extrovertiertheit? Jamais, never, никогда. Feinheiten des rhythmischen Gefühls verschmäht Andsnes. Dafür tischen Orozco-Estrada und Andsnes uns ein sehnig gestrafftes Klavierkonzert auf. Inneres, Inniges gelingt weniger leicht: Für die Höhepunkte hat Andsnes wenig Ekstase. Das Finale gerät in seiner unbedingten Klarheit am besten. Weiterlesen

Kritik Don Carlo Schillertheater Berlin: Lianna Haroutounian Pape Sartori Trekel

Don Carlo Verdi Staatsoper Berlin

In Don Carlo erwischt man Giuseppe Verdi ja fast auf dem Weg zum (Opern-)Kunstwerk der Zukunft. Solch stockende Grübel-Arien, solch messerscharf ausgeprägte Bühnencharaktere und vor allem so sprechtheateraffin hat Verdi nie wieder komponiert.

Und wie kaum ein anderer „Verdi“ ist Don Carlo Familienaufstellung pur.

Da ist der einsame Spanierkönig Philipp II., ein schwer an der Bürde der Macht Tragender, von René Pape mit weniger imposant strömender Basskraft Weiterlesen

Andrea Chénier: Marcelo Álvarez María José Siri George Gagnidze

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Andrea Chénier, das ist die klassische Dreiecksgeschichte in der Variante Revolutionsdrama. Die Moral von der Geschichte? Im Schatten der Guillotine ist schlecht lieben. Und der Brite John Dew inszenierte Umberto Giordanis Verismo-Meisterwerk an der Deutschen Oper Berlin grell und unmissverständlich. Der erste Akt ist eine fulminante Leistungsschau der Kostümbildnerei.

HIER BESPRECHUNG DES CHÉNIER VOM 28. NOVEMBER 2018 LESEN!

Für den standhaften und hitzigen Dichter Chénier bringt Tenor Marcelo Álvarez viel virilen Verve und Leidenschaft mit: Der Argentinier strahlt hinreichend revolutionäre Persönlichkeit aus und singt sich mit Caramba und Karacho durch seine zahlreichen Arien. Gut, der Mann lässt sich von seinem Temperament bisweilen zu äußerlichen Effekten (man höre die Partitur-fremden Noten am Schluss von „Un dì all’azzuro spazio“) hinreißen, womit er

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Staatskapelle Berlin Lahav Shani: Prokofjew Violinkonzert 1 Lisa Batiashvili, Sinfonien 1 & 5

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Der Dirigent Lahav Shani ist eine auffällige Erscheinung.

Über dem kleinen Körper erhebt sich ein Kopf, der durch eine widerspenstige Frisur noch vergrößert wird. Die Dirigierbewegung kommt aus der Hüfte, der Oberkörper zieht es vor, steif zu bleiben. Dafür kreisen die Arme in einem begrenzten Bereich vor Brust und Hals, wobei die Schultern starr wirken, was natürlich auch an einem zu großen Jackett gelegen haben kann. Typisch ist das anfeuernde Armrollen. In den Bewegungen des jungen Israelis steckt noch Schlaksiges.

Kurz und gut, Lahav Shani scheint ein Dirigent mit vielversprechenden Karriereaussichten zu sein.

Das kapriziöse Programm bietet drei Mal Prokofjew.

Staatskapelle Berlin Lahiv Shani

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Kritik Konzerthausorchester Iván Fischer: Kit Armstrong Beethoven Klavierkonzert Nr. 2

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Es ist ein weites Land zwischen Beethoven, Mauricio Kagel und Bernd-Alois Zimmermann, das da im Konzerthaus durchmessen wird. Beethoven als seriöser Substanzsetzer, Kagel und Zimmermann als Flankengott.

Da ist es für alle Moderne-Angsthasen gut, dass man sich bei Beethovens Klavierkonzert Nr. 2 auf festem sinfonischem Terrain befindet.

Wie spielt er nun, der noch immer von früher Wunderkindaura Umwehte?

Ohren aufmachen, hinhören. Erstaunen: Bei Kit Armstrong klingt noch nicht alles hasenrein. Im Konzert muss der US-Amerikaner ja wie jeder andere erst mal zeigen, was er kann. Anfangs ist er mehr Pianist als Musiker: Der Einstieg in die Solo-Exposition ist uninteressant. Staccati spielt Armstrong überdeutlich, Sforzati (dadurch entsteht überscharf Gezeichnetes) stellt er deutlich aus, künstliche Nervosität liegt in der Luft (also etwas zutiefst Brendel-Artiges). Kein Wunder, dass während der Solo-Exposition in beinah jedem Takt das Konzerthausorchester passender, besser, gelungener spielt (wie frisch und reich klingt das 2. Thema!). 

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Kritik Rattle Berliner Philharmoniker: Bruckner Sinfonie 8 Simon Holt Surcos

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Brucknersinfonien zählen zu den Kronjuwelen des Repertoires.

Doch warum muss man Bruckner partout mit Mozartkonzerten umhegen? (Herr Barenboim??) Besser ist, Zeitgenössisches voranzustellen.

Surcos („Furchen“) des Briten Simon Holt ist ein kurzes, einsätziges und interessantes Stück. In ihm schlägt ein mürber, asymmetrischer Grundpuls (Blech, Harfe). Erst nach einer Weile kommt es zu polyphonen Gefechten glühend Weiterlesen

Kritik Tosca Berliner Philharmoniker Rattle: Kristine Opolais Álvarez

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Die Berliner Philharmoniker machen Oper. Wie jedes Jahr in Baden-Baden zur schönen Osterzeit.

Heuer ist es Tosca, Puccinis Diven-, Künstler- und Sadistendrama.

Man kann diskutieren, ob die Welt eine Tosca von den Berlinern braucht. Vermutlich brauchte die Welt 2013 auch keine Zauberflöte von den Berlinern. Aber gut. Chefdirigententräume sind womöglich dazu da, erfüllt zu werden. Zumal Rattle in dieser Saison mit konzertanten Opernaufführungen von Ligeti und Bartók auch schon sperrige Opernware in die heimischen Abokonzerte bugsierte.

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Staatsoper Wien Parsifal Kritik: Alvis Hermanis inszeniert

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Der Parsifal als echt wienerisches Anstaltsweihefestspiel. Das hat es noch nicht gegeben. Jetzt ist es an der Wiener Staatsoper zu erleben.

Nun hat also auch Wien seinen Alvis Hermanis.

Hermanis denkt sich Folgendes: Die Gralsburg ist eine Psycho-Anstalt, wie sie im Wiener Jugendstil-Architekturführer steht. Darin herrscht Gurnemanz als weißbekittelter Oberarzt. Klingsor ist auch Arzt, hat sein Zimmer gleich nebenan, wirkt aber als fieser Pathologe. Und, oh höchstes Wunder, der Gralskelch ist ein Hirn. Die Zeit: um 1900. Die Sezession lässt herzlich grüßen.

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Kritik Berliner Philharmoniker Baden-Baden: Rattle Batiashvili Dvořák Bartók

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Das fünfte Jahr in Folge verbringen die Philharmoniker Ostern in Baden-Baden.

Rattle und die Seinen genießen frühlingshafte Temperaturen an der freundlich plätschernden Oos. Und machen nebenher Musik.

Das heutige Programm – Hauptwerke von Dvořák und Bartók – strahlt Osterfestkonzertgediegenheit aus, die Spielstätte Festspielhaus und der vor fünf Jahren von der Salzach entführte Marketing-Rahmen „Osterfestspiele“ verpflichten. Weiterlesen

Kritik Festtage Staatskapelle Barenboim: Beethoven Violinkonzert Anne-Sophie Mutter, und anderes

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Anne Sophie Mutter Beethoven Violinkonzert Philharmonie Berlin

Gottogott!

Ein Festtagekonzert der Schwergewichtsklasse, was Länge und Niveau der Stücke angeht. Das ist das Programm: Takemitsus immerhin mittelkurzes Nostalghia, Beethovens Violinkonzert (48 Minuten!), Debussys magistrales Meta-Stück La Mer, Bergs epochale Drei Orchesterstücke.

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Kritik Premiere Frau ohne Schatten Staatsoper Berlin Claus Guth

Frau ohne Schatten Staatoper Berlin Premiere Camilla Nylund
Die Frau ohne Schatten: Camilla Nylund singt die Kaiserin / Foto: Hans Jörg Michel

Die Frau ohne Schatten ist das sperrigste Opernkind aus der Künstlerehe Strauss-Hofmannsthal.

Hier Kritik der Vorstellung vom September 2018 mit Simone Young lesen!

Was ist die Frau ohne Schatten nicht alles? Die Fruchtbarkeitsfestoper schlechthin. Saure Eheüberhöhungsoper. Hehres Paartherapieweihfestspiel.

Ja, die Frau ohne Schatten (Uraufführung 1919) ist von allegorischem Humbug überladen, die Handlung zäh wie kalter Honig.

Und doch liegt falsch, wer diese oft geschmähte, selten geliebte Opernzumutung nicht liebt. Vom Duo Strauss-Hofmannsthal selbst stets als Haupt- und Lieblingswerk angesehen, steht dieser Eheglücksmumpitz doch mit beiden Beinen fest in der europäischen Operntradition (Zauberflöte!) – und zuallererst auch in Strauss‘ eigener: in der „Frosch“ rumoren Rosenkavalier und Elektra, Alpensymphonie und Till Eulenspiegel.

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Festtage 2017 Parsifal Barenboim: Andreas Schager, Anna Larsson Kundry, René Pape Gurnemanz

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Außer Rand und Band: kleine Gralsritterschlägerei im dritten Akt / Fotos: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Außer Rand und Band: kleine Gralsritterschlägerei im dritten Akt / Fotos: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Parsifal ist das Meta-Werk par excellence. Es hat so viele doppelte Böden, dass man vor lauter Böden schier die Noten nicht mehr hört.

Und Barenboim ist der Parsifal-Dirigent par excellence.

Und René Pape ist der Gurnemanz par excellence, spielfaul wie eh und je (selbst, dass er Kundry am Ende erdolcht, bekommt nur der mit, der es vorher schon weiß), doch in dieser Rolle ist Pape stellenweise unendlich bezwingend. Die von Pape in orgelnder Stimmpracht exponierten Vollhöhen sind zwar die auffälligsten Pluspunkte, vollauf überzeugend Weiterlesen

Madama Butterfly Staatsoper: Oksana Dyka Teodor Ilincăi Alfredo Daza

Michael Smallwood, Natalia Skrycka, Katharina Kammerloher, Alfredo Daza, Oksana Dyka, Teodor Ilincăi
Michael Smallwood, Natalia Skrycka, Katharina Kammerloher, Alfredo Daza, Oksana Dyka, Teodor Ilincăi, Eun Sun Kim

Diese Madama Butterfly ist anders.

Oksana Dyka ist groß und knochig. Dyka überragt den Pinkerton ebenso wie ihren (einzigen) Freund, den Konsul. Diese Madama Butterfly ist keine Farfalletta, kein süßer Schmetterling. In einem Ehestreit trüge nicht sie, sondern der US-Boy die blauen Flecken davon.

Oksana Dyka, das ist ein Sopran wie ein Traktor. Eine Butterfly mit dem Herz einer Tosca. Unmöglich, dass eine Madama Butterfly mit dieser Stimme noch Jungfrau ist.

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Kirill Petrenko mit den Berlinern: Mozart, Tschaikowsky, Adams

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Da ist er. Kirill Petrenko.

Knapp-kompakt das Kraushaar, darunter die fliehende Stirn, dazu die irgendwie ausgemergelte Gestalt. Dirigiert er, beherrscht ein komplizierter Teppich aus Falten die Stirn.

Die Philharmoniker spielen Tschaikowskys Sechste, erster Satz.

Es klingt so locker gefügt und verblüffend genau ausgehört. Selten wurde in der Philharmonie in den letzten Jahren Spätromantik so besessen diszipliniert gespielt. Selten hört man die weiträumigen Spannungs- und Entspannungsfelder so hochbewusst ausgefeilt. Ist das nicht die Strategie Karajans: Überwältigen durch Schönspielen und Formbewusstsein? Den elegischen Kulminationspunkt der Coda spielen die Musiker jedenfalls mit karajanesk schöner Entfaltung der Linien. Erstaunlich andererseits, wie frei virtuos die Holzbläser (Moderato mosso) spielen dürfen. Weiterlesen

Kritik Rattle Berliner Philharmoniker: HK Gruber Klavierkonzert Bartók Herzog Blaubarts Burg

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Das Klavierkonzert von HK Gruber kann ich wieder vergessen.

Oder auch nicht.

Lassen wir die Frage, ob der fluffige Ton von HK Grubers Komposition Ernst oder Jux ist. Das unaufdringliche Tastenparlando gibt Emmanuel Ax jedenfalls klar und akkurat. Aber es ist nichts Neues an Grubers Klavierkonzert. Muss ja nicht. Erfrischend leicht gestrickt ist das Werk immerhin, aber nur selten ironisch augenzwinkernd. Die Instrumentalisten steuern Kostbares bei, Tarkövi die gestopfte Trompete, die Streicher Butterweichheit.

Der Klavierpart ist sterbenslangweilig. Aber der Rest…

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