Kritik Daniel Harding, London Symphony Orchestra, Tabea Zimmermann: Berio Folksongs & Sinfonia

LONDON SYMPHONY ORCHESTRA DANIEL TABEA ZIMMERMANN HARDING BERIO FOLK SONGS BERIO SINFONIA BERLIOZ HAROLD EN ITALIE

Neue Saison, neues Glück. Im August gehe ich grundsätzlich nicht ins Konzert (Saisoneröffnungskonzert mit Bruder Beethoven und Meister Mahler, 28. 8. 2010) und so startet die Saison 2010/2011 mit dem Concertgebouworkest Amsterdam und dem London Symphony Orchestra. Deshalb kurz etwas über das London Symphony Orchestra.

Das London Symphony Orchestra. Eröffnungskonzert des Musikfests. Vor zwei Jahren dirigierte Harding mit dem LSO eine rasante, alles in allem äußerst lustige Bruckner Vierte, letztes Jahr hinterließ Gergiew einen schwachen Eindruck mit dem LSO (Schostakowitsch 11). Die Vorfreude auf Daniel Harding war also genau so groß wie die Erleichterung darüber, das die Londoner nicht mit Gergiew kamen.

Wo bleibt die englische Effizienz? Mann! Beispiel 1: Zuerst kommen die Orchestermusiker, die auf der linken Seite des Podiums sitzen. Applaus. Dann kommen die, die auf der rechten Seite des Podiums sitzen. Noch mal Applaus, aber schon deutlich zögerlicher. Dann kommt der Rest. Kein Applaus. Dauer des Ganzen: über drei Minuten. Beispiel 2: Zwischen den Folk Songs und der Sinfonia baut ein einziger Brite die ganze Bestuhlung um. Eine junge Britin (adrett, aber kühl, kein Flirt mit dem Publikum) half anfangs, verschwand aber irgendwie ziemlich schnell. Ein Brite und 100 Stühle! Und dann auch noch im Zickzack ohne jede Koordination und nicht systematisch von links nach rechts oder von vorne nach hinten. Mann! Als überorganisierter Deutscher leidet man beim Zuschauen. Ein Wunder, wie die in London mit so viel Unorganisiertheit immer aufs Neue diese bewunderungswürdigen Zeremonien mit den Royals hinbekommen. Weiterlesen

Was die Berliner Philharmoniker in der Philharmonie so trieben

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SAISON 2009 / 2010 PHILHARMONIE BERLIN

Es ist Hochsommer, der Landwehrkanal stinkt, es sind Ferien und der kleine Pavillon der Türken im Nachbarhof ist verwaist. Gerade lese ich, dass Annette Dasch die Elsa in Bayreuth singt. Die war doch schon als Donna Elvira an der Staatsoper schlechter als die Donna Anna von Anna Samuil. Tja, Bayreuth…

Saisons haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie irgendwann zu Ende gehen. So auch die  Saison 2009/10. Was bleibt? Ich lasse die Akteure noch einmal Revue passieren. Zuerst jedoch die Stücke. Die interessantesten waren Schostakowitschs wilde Vierte und Sibelius‘ erschütternde Vierte sowie vielleicht Sibelius‘ Sechste (alles Simon Rattle). Schostakowitschs Zwölfte (Dudamel) und Dreizehnte (Staatskapelle, Barenboim) fand ich, na, fand ich zu episch. Das zweite Violinkonzert von Schostakowitsch (Barenboim, Kremer, Staatskapelle) ist ein Stück, das Schostakowitschs erstem (Bychkov, Guy Braunstein) um eine Nasenlänge voraus ist. Der reine Brahmsabend (Haitink/Lupu) wäre nicht nötig gewesen – sowohl Klavierkonzert als auch Vierte gabs von Rattle herzlicher und eindringlicher. Ligetis Athmospères und seine Mysteries of the Macabre (Hannigan) waren Höhepunkte und hielten sowohl konzeptionell als auch substantiell, was der Name Ligeti versprach. Rattle kombinierte Ligeti mit Sibelius, Kurtag und Beethoven. Auf den leidenschaftlichen Sibelius-Zyklus der Berliner Philharmoniker freute ich mich mit rätselhafter Schadenfreude. Schlussendlich befreite der Zyklus den Finnen aus Adornos giftiger Obhut und den Zuhörer aus mancher Unwissenheit (alles Simon Rattle). Beethoven (Klavierkonzerte, Rattle, Uchida) wirkt stets wieder seltsam unvertraut. Weiterlesen

Rolando Villazón Berlin: Staatsoper, ade – Onegin mit Artur Rucinski, Maria Gortsevskaya, Margarita Nekrasova, René Pape

Eugen Onegin Daniel Barenboim Achim Freyer Anna Samuil Artur Rucinski Rolando Villazón Maria Gortsevskaya Margarita Nekrasova Stephan Rügamer

Rolando Villazón singt wieder – auf russisch // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Die letzte Vorstellung in der alten Staatsoper der DDR. In der renovierten Staatsoper wird der Schweiß Tausender DDR-Bürger, Abertausender Stasi-Spitzel und Erich Honeckers verschwunden sein. Die Arien Rolando Villazóns werden endgültig verhallt sein, ebenso wie die Magie von Barenboims Parsifal. Der Rücktritt Horst Köhlers traf mich ebenso. Nie wieder wird Horst Köhler samt bezaubernder Frau in der Mittelloge sitzen und bescheiden, mit aufmerksamem Gesicht Wagner hören. Was uns statt dessen blüht, kündigte ein Blick in die Mittelloge während dieses Eugen Onegin an, die mit einem schwitzenden Wirtschaftsminister Brüderle und einer für Berliner Verhältnisse schon skandalös unsexy wirkenden Gattin besetzt war.

Na gut, immerhin war der Regierende Bürgermeister Wowereit da, der allerdings lieber mit der geistreichen und schicken Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, die eine Reihe hinter ihm saß, plauderte, als mit Brüderle. Bei Joschka Fischer mutmaße ich immer, dass er lieber Pink Floyd hört als das Staatsopernorchester, doch vielleicht ist seine Gattin unerwarteterweise eine umfassend gebildete Muse ersten Ranges. Fischer hat sich als a.D.-Politiker auch irgendwo in den Seitenrang hin verdrückt. Nach dieser Saison kann ich drei Jahre lang keinen Tristan und fünf Jahre lang keinen Eugen Onegin hören.

Die Musik. Die Festtage scheinen schon weit weg. In der ersten Vorstellung der Festtage war Rolando Villazón ein in homöpathischen Dosen und mit äußerster Vorsicht singender Schatten seiner selbst. Barenboim dirigierte mit nie gehörter gespenstischer Leisheit. In der zweiten Vorstellung gelang Rolando Villazón die alte Sicherheit in der Duellszene zurück. Es ging ein Aufatmen durch das gesamte Publikum.

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Simon Rattle dirigiert an der Staatsoper: L’Etoile mit Magdalena Kozena, Stella Doufexis, Jean-Paul Fouchécourt, Juanita Lascarro

L’Etoile Simon Rattle Dale Duesing Magdalena Kozena Stella Doufexis Jean-Paul Fouchécourt Juanita Lascarro
Der Komponist ist übrigens Emmanuel Chabrier. Eine heitere Oper, eine Oper mit kurzweiliger Handlung, eine Oper, die nach zwei Stunden durch ist und schon deshalb einen angenehmen Eindruck macht. Simon Rattle hält sie für eines der ‚masterpieces‘ des neunzehnten Jahrhunderts (das war das Interview, in dem er mitteilte, Barenboim sei einer der ‚greatest musicians of the planet‘ und übrigens esse er oft mit Barenboim zusammen). Es ist die erste Premiere, die Rattle an der Staatsoper leitet. Es gab Gerüchte, dass Rattle einen Ring an der Deutschen Oper in Charlottenburg dirigiert, aber das waren offensichtlich uninformierte Spatzen, die das von den Dächern pfiffen. Stattdessen wird Simon Rattle wohl Janaceks Totenhaus Unter den Linden rausbringen. Was ist L’Etoile? Eine hübsche Oper. Eine Klamotte. Es gibt Ohrwürmer en masse. Eine Oper, die auch Snobisten aufgrund des munteren Melodieklaus und des daraus folgenden heiteren Rätselratens mit gutem Gewissen hören können. Einer der Höhepunkte ist unzweifelhaft das Auftauchen von Themen aus Tristan und Isolde. Ein Schauer des Vergnügens läuft über meinen Rücken, als ein Thema (3. Akt, ‚Kurwenal, hei ha ha ha…‘) auf einmal sequenziert wird. Der Herr neben mir im Rang, der aussieht wie ein furchterregender Wagnerianer, grunzt bei jedem neuerlichen Themeneintritt entzückt. L’Etoile ist eine erquickende Dusche aus zauberhaften Melodien, rhythmischer Raffinesse und viel Blödsinn. Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, Opern, die durch diese Eigenschaften glänzen, sind rar. Weiterlesen

Tristan und Isolde, Waltraud Meier, Peter Seiffert, René Pape, Ekaterina Gubanova, Roman Trekel, Reiner Goldberg

TRISTAN UND ISOLDE Daniel Barenboim Harry Kupfer Waltraud Meier René Pape Peter Seiffert Ekatarina Gubanova Roman Trekel Reiner Goldberg Arttu Kataja Florian Hofmann

Sozusagen die Generalprobe für die beiden Festtagsvorstellungen zu einem Drittel der Festtagspreise. Das Vorspiel mit einigen Fehlern und vielen Ungenauigkeiten. Ein schrecklicher Hornschnitzer im ersten Akt. Klarinette, Flöten, Englischhorn toll. Ebenfalls die Streicher (seufz). Nach dem ersten Akt klatscht Barenboim dem Orchester zu. Offensichtich war er da wieder zufrieden.

Waltraud Meier ist angeschlagen, lässt sich entschuldigen, lag kurz vorher noch im Bett. Ein Raunen der Angst ging durch den Saal, als der Herr der Staatsoper mit der Ankündigung vor Beginn auf der Bühne erschien. Die ganzen drei Akte in Bezug auf Meier daher ein Wechselbad der Gefühle: unwillkürliches Lauschen auf Stimmschwächen, prophylaktisches Etwas-ungenauer-Hinhören, kurze Schauer bei Unsauberkeiten, wenn sie denn kommen. Das war wie Gehen auf dünnem Eis. Waltraud Meiers Stimme trug bei den großen Entfaltungen. Einiges war vorsichtiger gesungen, weniger intensiv phrasiert, mehr auf Korrektheit als auf Interpretation bedacht, weniges im p- und pp-Bereich gelang offen hörbar nicht in gewohnter Weise. So bei ‚Mild und leise‘, wo die Stimme während der ersten Silbe lange nicht ansprang und das dann so klang, wie wenn ein Zwölfzylinder-Motor eines Maserati Probleme beim Starten hat. Dies alles steigerte die Hochachtung vor der Leistung von Opernsängern (insbesondere der von W. M.) womöglich noch. Heute sang Waltraud Meier ‚Das Schwer, ich ließ es sinken‘ statt ‚…fallen‘. Seiffert revanchierte sich mit ‚Starb ich nun ihr‘ anstatt ‚Stürb ich…‘, was indes viele Tenöre so machen, denen der deutsche Konjunktiv II wohl generell nicht ganz geheuer ist.

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Staatsoper Berlin: Nozze di Figaro mit Julien Salemkour, Anna Samuil, Hanno Müller-Brachmann, Arttu Kartaja, Sylvia Schwartz

Il Nozze di Figaro Julien Salemkour Thomas Langhoff Anna Samuil Hanno Müller-Brachmann Arttu Kartaja Sylvia Schwartz

Waltraud Meier sagt ihr Konzert ab. James Levine sagt sein Konzert ab. Er hat Rückenprobleme. Nichts ists mit dem Benefizkonzert der Staatskapelle. Also setzt die Staatsoper einen Figaro auf den Spielplan, der nur ein Drittel des Üblichen kostet. Fast ausverkauft.

Arttu Kartaja: hager, gibt dem Grafen eine schöne Spontaneität, sehr achtbar, sehr sorgfältig, schlanke, leichte, trockene, helle Baritonstimme. Nach dem misslungenen Heerrufer der letzten Festtage hat er eine sehr positive Entwicklung hingelegt.
Sylvia Schwartz: leichte, in der Höhe kostbare Stimme.
Anna Samuil: aus dem Bett ‚auferstanden‘, wie der Herr von der Staatsoper vor Beginn der Vorstellung erklärt, will sagen auferstanden aus den Ruinen einer Erkältung. Vorsichtiger Beginn.
Hanno Müller-Brachmann setzt in ‚Non più andrai‘ zu früh an, oder Salemkour ist zu langsam. Dann vergisst er im dritten Akt eine Rezitativzeile. Die Worte der Souffleuse hallen durch die Staatsoper.
Der Cherubino von Rachel Frenkel anstatt dem von Katharina Kammerloher war eine Enttäuschung. Weiterlesen

Il Turco in Italia an der Staatsoper: Alexandrina Pendatchanska Colin Lee Andrea Concetti

Il Turco in Italia Riccardo Frizza David Alden Alexandrina Pendatchanska Colin Lee Andrea Concetti Giovanni Furlanetto Katharina Kammerloher Alfredo Daza

Es ist eisig kalt, und in der Staatsoper dringt die Kälte durch alte Fensterrahmen an manche vermeintlich geschützte Ecke. Selbst im Zuschauerraum, wo man in wärmeren Monaten gerne mehr ablegen möchte, als schicklich ist, herrschen nicht viel mehr als temperierte Temperaturen. Was guckt man sich an? Im Berlin der Vorweihnachtszeit, das von Simon Rattle und Daniel Barenboim gemieden wird wie derzeit nur die Deutsche Oper von Christian Thielemann, ist man auf den anständig besetzten Turco in Italia angewiesen, wenn man nicht an der Deutschen Oper für das dreifache Geld einen ähnlich anständigen Barbiere sehen will. Der Turco unter den Linden weckt weniger den Türken in uns wie ein Besuch am Kottbusser Tor. Die Staatskapelle spielt zur Vorweihnachtszeit mit jener liebenswürdigen Ungenauigkeit, deren Charme über die mittelmäßigen Geigen und Bläser hinwegtröstet. Macht Konzertmeister Batzdorf Urlaub? Hilft er bei den Phiharmonikern aus? Verbringt er seine freien Abende im Berghain? Die Leitung liegt beim anständigen Frizza, einem halbwegs jungen Mann aus Italien, bei dem man sich nicht sicher ist, ob er mit mehr Proben mehr aus Rossinis Musik gemacht hätte.

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Simon Boccanegra: Plácido Domingo erkältet, Anja Hateros nicht. Kwangchoul Youn brilliert

Simon Boccanegra Daniel Barenboim Federico Tiezzi Plácido Domingo Kwangchoul Youn Anja Harteros Fabio Satori Hanno Müller-Brachmann Alexandr Vinogradov

Plácido Domingo Simon Boccanegra Verdi Berlin Oper
Plácido Domingo: „Ey, haste ma ne Sekunde“.  Kwangchoul Youn: „Mann, muss der mir immer direkt ins Ohr singen?“ // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Domingo lässt sich in der Pause wegen einer Erkältung entschuldigen, die er sich aller Wahrscheinlichkeit am Montag vorm Brandenburger Tor holte, als er aus Anlass des zwanzigsten Jahrestages des 9. Novembers 1989 in strömendem Regen im Beisein von Merkel, Sarkozy und dem großen Komiker Berlusconi „Berliner Luft“ schmetterte. Diese Entschuldigung sollte sich als sehr gerechtfertigt herausstellen. Das Ende des dritten Aktes absolvierte Domingo im brüchigen Falsett. Lust und Luxus der Aufführung waren dahin. Eine Kritik erübrigt sich. Eine mit Kopfstimme genommene Phrasierung im ersten Akt erwies sich rüchblickend als Vorbote seiner Stimmschwächung. Dennoch war der erste Akt glorreich.

Auch nach wiederholtem Ansehen serviert Tiezzis schöhnheitliche Inszenierung viel Theaternippes. Es fehlt der Stachel frischer Verdi- und Menschenkenntnis. Erstaunliche Ungeschicklichkeiten: Sänger kommen ein Buch lesend auf die Bühne und bemerken aufblickend eine andere Person – ein Stilmittel des 19. Jahrhunderts. Nie hatte ich mehr das Gefühl, auf den Gängen einem Ostberliner Bildungsbürgertum zu begegnen. Jacketts, Hosen und Kleider, die schon vor fünfundzwanzig Jahren in Kleiderschränken in Prenzlauer Berg und Pankow hingen und jetzt mit Witz und Anstand auf Domingo hinuntersehen. Die zwei fülligen Damen, die in den ersten drei Vorstellungen jedes Mal in der Mitte der ersten Reihe saßen, suchte ich vergeblich.

Der Berliner Lohengrin Stefan Herheims: Anna Samuil mit Kupfersopran, Kwangchoul Youn kantabel

Lohengrin Daniel Barenboim Stefan Herheim Kwangchoul Youn Anna Samuil Burkhard Fritz Gerd Grochowski Deborah Polaski Arttu Kataya

Nach dem pathetischen Tizianismus Domingos sowie dem kühlen Klassizismus Harteros‚ nun wieder Repertoire-Theater. Doch dieser Lohengrin… ist eine zu triftiger Witzigkeit entschlossene, mit Hellsichtigkeit ebenso das Unheimliche wie Banale in Wagners Lohengrin aufspürende Inszenierung. Kräftige Buhs für die Regie nach dem ersten und zweiten Akt. Deborah Polaski erhält nach dem dritten ein Buh. Herheims Wagnerinszenierung ist frisch, leichtfüßig, von unverschämter Verspieltheit und munterer Angriffslust, ohne der Lohengrinerzählung deswegen Tiefe und Pathos zu entziehen. Es gibt allerhand denkwürdige Details, darunter die Edelfrau, deren Marionettenfaden sich verhakt und die den verdrehten Arm erst freiziehen muss, die vier äußerst anmutig agierenden Edelknaben, König Heinrich im Ganzkörperkostüm in Zebraoptik mit Feigenblatt sowie der ingeniöse Helm Lohengrins, eine Meisterleistung der Staatsopernwerkstätten. Auch der leicht tuntige Heerrufer (Arttu Kataja) war sehenswert. Auf höherer Ebene ergänzen sich Fabulierlust, Einfallsreichtum und der unbedingte Glaube an die harte Droge Oper zu einem überzeugenden Feuerwerk an vorder-, hinter- und untergründigen Ideen. Das Ergebnis: ein prachtvoller Lohengrin. Das Motto Herheims: Ein Einfall reicht nicht. Zwei sind gut, drei besser. Wo wenn nicht hier gibt es einen Wagner, der als Märchenoperette beginnt, sich zum Schauermärchen wandelt und und als Theaterfarce endet. Das sind Hinterspiegelungen von wahrhaft Wagnerscher Chuzpe. Weiterlesen

Plácido Domingo Staatsoper Berlin, dazu Anja Harteros, Kwangchoul Youn und Fabio Satori

Opernkritik Simon Boccanegra Daniel Barenboim Federico Tiezzi Plácido Domingo Kwangchoul Youn Anja Harteros Fabio Satori Hanno Müller-Brachmann Alexandr Vinogradov

Tiezzi ist Kunsthistoriker. In Berlin durfte er Simon Boccanegra inszenieren. Barenboim hebt Tiezzis Arm in die Höhe, während diesem der Buhsturm der Premiere um die Ohren pfeift. Es hätte eine Aufführung werden können, an die man sich als klappriger Windelträger noch erinnert. Der alte Domingo, die junge Harteros, ein Youn am Gipfel des Könnens, eine Staatskapelle unter Barenboim am Zenit. Doch dann kommt Tiezzi. Doch ohne Tiezzi kein Domingo, wie es heißt. Und Barenboim wird aufatmen, dass er keinen Kloß im Hals sitzen hat, der Achim Freyer, sondern eine Soße schlürfen darf, die Federico Tiezzi heißt. Ohne Barenboim kein Domingo. Ohne Domingo kein Premierenpublikum, in dem sich Geld- und Geistesadel die Waage halten. Kurzum: Die Harmlosigkeit der Inszenierung stand in keinem Verhältnis zu den Anforderungen, die die Partitur stellt. Weiterlesen

Parifal Staatsoper Berlin: Waltraud Meier, René Pape, Michaela Schuster, Burkhard Fritz

Lang Lang? Peanuts. Besser: Parsifal hören.

In unmittelbarer zeitlicher Nähe zu mehreren Berliner Gastspielen des unter- ähh überschätzten Lang Lang unter Daniel Barenboim fanden die letzten beiden Vorstellungen des Parsifal in der Berliner Staatsoper statt. Just fand die letzte Vorstellung (27. Juni 2007) statt, und es wird für einige Zeit die letzte bleiben. Grund zum Trauern, da Barenboims Parsifal-Dirigat alles in allem das überzeugendste musikalische Schwergewicht der abgelaufenen zweiten Hälfte der Berliner Konzert- und Musiktheatersaison war.

Pimp my Staatsoper!

Daniel Barenboim sitzt auf seinem Schemel, weiße Locken auf dem Kopf. Er dirigiert rudernd, bevorzugt mittels kreisender Armbewegungen. Wird es laut, schlingern die Arme in die Höhe, er beugt sich weit vor, über oder besser in das Orchester hinein. Sitzt er wieder, kommt das Schweißtücherl zum Einsatz. Manchmal (22. 6.) dauert es lange, bis aus dem Dunkel des Orchestergrabens die ersten Streicher mit den ersten Noten des Vorspiels beginnen – das ist dann die Ruhe vor dem Sturm, die nervös und glücklich macht.

Das Vorspiel der Vorspiele

Das Vorspiel macht glücklich, mehr von innen heraus kann man es nicht hören, es scheint Ewigkeiten zu dauern, und doch lenkt Da. Bar. zügig und straff, wie man später des Öfteren hören kann. Die Blechbläser (mit der unspektakulären, nicht an den Außenlinien exakten, chorischen Genauigkeit, die man so selten von den Berliner Philharmonikern hört) formen Stufen und Aufstiege, dass man es nicht glauben kann.

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Wie singt Klaus-Florian Vogt?????? (Lohengrin)

Festtage 2009 Lohengrin Daniel Barenboim Stefan Herheim Dorothea Röschmann Klaus-Florian Vogt Kwangchoul Youn Gerd Grochowski Michaela Schuster Bruck

Nach dem ersten Akt denke ich: seltsam. Nach dem zweiten: hat was. Nach dem dritten: substantiell. Stefan Herheims Lohengrin schenkt Berlin ein tief- wie hochschürfendes Marionettentheater. Herheim macht die stilistischen Faux-pas des Librettos erträglich. Das Beste aber ist, dass dieser Lohengrin einen höllischen Spaß macht. Im Premierenpublikum schien die Zustimmung die wütende Abneigung zu überwiegen. Einige Buhrufer liefen, unter krebsroter Gesichtsfarbe, zu Hochform auf. Es gab prächtige Details zu bewundern. An erster Stelle der überkandidelte Firlefanz des Helm Lohengrins, den zwei Büschel aus Schwanenfedern schmückten. Bevor ich Herheims Inszenierung sah, meinte ich, so etwas gebe es nur auf Stichen aus der Mitte des vorvorigen Jahrhunderts.

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Tristan und Isolde, Staatsoper Berlin: Waltraud Meier, Ian Storey, René Pape, Michelle DeYoung

TRISTAN UND ISOLDE Daniel Barenboim Harry Kupfer Waltraud Meier René Pape Ian Storey Michelle DeYoung Roman Trekel Reiner Goldberg Florian Hoffmann

Das erste Mal bei der Saisoneröffnung. Nach dem indiskutablen Tristan von Pinchas Steinberg an der DOB im Juni fühlte ich mich von Barenboim wieder ernst genommen. Die Geigen des Vorspiels sind die erste groß musizierte Musik seit Boulez/Philharmoniker, die ich nach dem Sommer höre. Im Tristan hat jeder seine Ermüdungsphasen. Für mich warens heuer Mitte und Ende des zweiten Aktes. Aber im Tristan bekommt jeder seine zweite Chance. Man sitzt und hört die Staatskapelle Wagner spielen, schlägt die Beine übereinander und denkt: alle Achtung, gar nicht schlecht, die Musik.

Der rote Samt der Galeriebrüstung stinkt noch wahrnehmbarer als letzte Saison. Liegt es an der Augusthitze? Ist es der Schweiß von Sasibeamten? Die Toiletten laufen häufiger als gewohnt über. Die Musik ist von einer Geschlossenheit und Weite, die den Atem nimmt.

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Die Saison 2009/2010: acht Mal Domingo, ein Mal Netrebko

Das Wichtigste: Waltraud Meier singt im Herbst und im Frühjahr vier Mal Isolde, was dem Reichtum ästhetischer Erfahrung eines Lebensjahrzehnts in, sagen wir, Tübingen oder Göttingen gleichkommt. Simon Rattle, der treueste der Treuen, dirigiert im April die Chabrier-Premiere. Barenboim dirigiert Tristan, Lohengrin, Simon Boccanegra und Eugen Onegin. Ach Gott, ich sehe gerade, den letzten Lohengrin am 15. 11. leitet Salemkour. Ich arme Wurst. Magdalena Kozena sehen wir ebenfalls bei Chabrier wieder. Hoffentlich macht nicht eine dritte Niederkunft ihr Erscheinen zunichte. Plácido Domingo kommt zusammen mit Anja Harteros acht Mal für Simon Boccanegra an die Staatsoper. Für die Regie ist ein F. Tiezzi zuständig. Man ahnt was Üppiges, Nichtssagendes. Ich mache ein Jahr Pause von Philipp Jordan (Rosenkavalier, Salome, Entführung). Ich lasse ihn sich entwickeln. Anna Samuil wagt sich an Elsa.Von Vitlin sieht man keinen Frackzipfel. Mmmhhhh. Ah doch, La Traviata und Bohème macht Vitlin. Hmmh,Traviata und Bohéme sind nicht gerade meine Favoriten an der Staatsoper. Vielleicht macht Vitlin in der übernächsten Saison was Russisches, Schostakowitsch am besten, wosmogno eto? An Dudamel hat man sich gewöhnt. Es war nie langweilig mit ihm, er machte mir eine Menge Spaß, doch 2009/2010 dirigiert er weder Oper noch Orchesterkonzert. Zubin Mehta macht Fledermaus mit Christine Schäfer als Adele. Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll.

Mit bekannten Namen gespickte Festtage zu Ostern, wenn die Berliner Philharmoniker in Salzburg fensterln gehen: Plácido Domingo (Verdi), Maurizio Pollini (Chopin), Pierre Boulez, Christine Schäfer, Rolando Villazón, Peter Seiffert, René Pape, Anna Netrebko, Waltraud Meier. Die Mischung aus mittlerem Verdi, viel Russischem mit Villazón, Netrebko und Anna Samuil, mittlerem Wagner, Französischem (Pollini) und Boulez-Geburtstag (Berg, Schönberg, Boulez) hat entschieden was.

Die Saison röchelt, die Sonne brennt, Rattle swingt. Und Wynton Marsalis war auch dabei

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle/Wynton Marsalis Strawinsky Petruschka Marsalis Swing Symphony

Die Saison röchelt, sie hat ein Alter erreicht, in dem alles möglich ist. Die Sonne brennt, die Philharmonie glüht. Der Schweiß hängt in den Socken, das Hemd klebt an der Lehne.

Petruschka in der 1947er-Fassung wirkt genau wie von 1947. Der expressionistische Jugendstil der Vorkriegsfassung wirkt wie mit Webernschem Glas überzogen. Daher die Schärfe und Kontur dieser Aufführung. Wenn ich mich recht erinnere, ist Rattles hartschattiger, hochkonzentrierter Petruschka dem Mariss Jansons‘ von – na wann war das wohl? – 2007 vorzuziehen. Dieser legte mehr Wert auf raffinierte Folklore und raffinierten Impressionismus, jener – der Rattles – wirkte integraler, verschlossener wie auch ergiebiger im Detail. Weiterlesen