Barenboim, Bruckner Sinfonie Nr. 8, Staatskapelle Berlin

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Er kann’s halt. Barenboim in Aktion // Foto: Monika Rittershaus / Quelle: staatsoper-berlin.de

Staatskapelle Berlin – Daniel Barenboim: Bruckner Sinfonie Nr. 8 Schönberg Überlebender aus Warschau

Kritik Daniel Barenboim. Er dirigierte Bruckners 8. Sinfonie. Der Beginn ist wie immer, wenn Barenboim die Staatskapelle Berlin dirigiert, etwas unkoordiniert und zentrifugal. Das Tempo ist gleitend und sehr beweglich. Erst der Durchbruch zur Coda ist bei Barenboim allerhöchstes Niveau, sozusagen schwerer sinfonischer, dynamischer Sturm. Der Eindruck ist, dass Barenboim das Allegro moderato im Stil einer Symphonischen Etüde nimmt, etwas improvisatorisch angehaucht sozusagen und sehr emphatisch. Das Des-Dur-Adagio gelang Barenboim überwältigend, die Massen bändigend und befreiend, stellenweise tränentreibend, vor allem wegen des drängend bewegten Blechs, der instinktiven Gestik der bis ins Äußerste lebhaften Holzbläsersoli, wegen des die Bewegungen der Motivstrukturen weitertragenden Atems der Streicher. Das Anschwellen und Abschwellen, der pure Prozess dieser Musik, das Auf- und Absteigen der Figurationen, die Kraft zur Vereinheitlichung über Phrasen und Abschnitte hinweg, die äußerste Konzentration ergaben die Form des Satzes. Wie öfter bei außerordentlichen Konzerten ist die Staatskapelle unter Barenboim von subtilster Sprachfähigkeit. Es gibt wirkungsvolle Generalpausen, die das Vorangegangene abbilden und den Raum für das Folgende schaffen. An reiner Musikalität, an lebhaftem musikalischem Instinkt ist Barenboim als Dirigent womöglich unübertroffen. Auch das Finale war eindrucksvoll. Heftiger Paukenwirbel unter dem ganzen Körpereinsatz des Paukisten, der zum Schlussakkord hinleitet. Barenboim dirigiert, als spiele er mit 40 Fingern Klavier. Die Souveränität Barenboims in der Kunst des rhapsodischen, kunstlosen Phrasierens ist bis in Details der Artikulation bei Solostellen präsent. Vor der Pause Schönbergs Überlebender aus Warschau, gesungen und gesprochen von Hanno Müller-Brachmann.

Jawoll! Daniel Harding & das London Symphony Orchestra in Berlin

Konzertbericht Musikfest Berlin 08. Ein spannendes Konzert. Was bleibt hängen? Die aus schierer Sensibilität nuschelnden Streicher des London Symphony Orchestra bei mehrsträngigen Streicherpassagen. Bei Bruckner das enorm rasche Tempo, was zu einem überraschenden Schwung führte. Sehr gute Trompetenbatterie. Sehr gutes Solohorn im Bruckner-Scherzo mit aberwitzigem Wechsel von Forte zu Piano auf kleinstem Raum. Fassung von 1874. Der Einstieg in den Kopfsatz ist beim LSO so rasch, dass man es zuerst nicht glaubt. Die Quarten- und Quintenzüge der Hörner des Themas gelangen unglaublich rein. Die beeindruckende Raschheit des Orchesters fügt der Interpretation im ersten Satz eine Prise Mendelssohn-Bartholdy, wenn nicht gar einen Haydnschen Schwung, hinzu. Das zweite Thema tänzelt – ja, grüß di Gott.

In der Durchführung wurde ein Durcheinander durchgeführt, das zwar planlos aber überzeugend klang. Wenn die Streicher nur a bissl mehr Temperament hätten. Nuscheln tun sie grandios souverän, im stimmteilenden Verbund (Tremoli, Figurationen, kleine Gesten) waren sie wie gesagt hinreißend. Man konnte nicht anders als grinsen, so gut waren sie. Doch das Streicher-Unisono lässt Temperament vermissen. Flöten, Klarinettten, Oboen sind höflich gesprochen der unauffälligste Teil des London Symphony Orchestra. Weiterlesen

Die Saison tröpfelt

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Die Saison tröpfelt, da bringen die Philharmoniker das neue Programm heraus. Ein bisschen spät zwar, aber da es für viele Berliner zur beliebtesten Sommerlektüre zählt, ist man froh, wenn man das Ding endlich in den Händen hält.

Was sagt uns das Programm für die Saison 2011/12? Es ruft Stirnrunzeln hervor. Es gibt wenig Neues und viel Altes. Mahler Neunte mit Rattle, Lied der Erde mit Rattle, Bruckner Neunte mit Rattle, Mahler-Zweite mit Rattle, Bruckner Achte und Mahler Erste mit Mehta, Bruckner Vierte (Thielemann), Beethoven Fünfte und Dritte, Rachmaninows Symphonische Tänze, Brahms‘ Violinkonzert, von Prokofjew wieder die Fünfte (Luisotti) – das gab es so oder sehr ähnlich in den letzten drei, vier, fünf Jahren schon einmal. Niemand soll behaupten, ich ginge nicht gerne in eine Bruckner-Neunte, aber aufs Ganze gesehen wirkt eine solche Anhäufung von Repertoire-Elefanten so inspirierend wie ein Pensionärs-Viertel in Hamburg-Altona. Zu allem Überfluss dirigiert Jansons Dvoraks – richtig, Dvoraks Neunte. Na dat kann ja wat werden.

Sexy Namen gibt es en masse, wie Jenö Hubay, Poulenc, Heinrich Kaminski, Lachenmann, von Einem, Rihm, Thomas Tallis oder Antonio Lotti beweisen. Aber die gute Fee des Saisonprogramms unterließ es, mit diesen Namen aufregende Schneisen ins Philharmoniker-Programm zu schlagen. Selbst Luciano Berio, der mit vielen wichtigen Stücken vertreten sein wird, muss mit ständig wechselnden Partnern von Debussy bis Mendelssohn vorliebnehmen. Die Pärchen Beethoven-Sibelius, Webern-Beethoven oder Zimmermann- Schumann der vergangenen Jahre hatten mehr programmatische Schlagkraft.

Mal ehrlich, das 1890er Jahrzehnt als inhaltliche Klammer lockt auch kaum einen hinterm Ofen hervor. Wenn es wenigstens das 1970er oder 1690er Jahrzehnt gewesen wäre… Im Mahlerjahr kommt sowieso 30% des Spielplans aus den 1890ern. Was hilft’s? Auch das Saisonheft ist eine ästhetische Banalität, Herr Martin Hofmann, schaunse Mal, was der Jürgen Flimm für die Staatsoper fürn Augenschmaus zusammengeschustert hat. Auf den Schumann mit Rattle und Abbado bereite ich schon jetzt meine Nerven vor. Fauré Requiem (Rattle) interessiert mich nicht, Britisches (Elgar, Walton) ehrlich gesagt auch nicht. Weiterlesen

Kritik Simon Rattle: Mahlers Sechste oder das Orchester am Rand des Nervenzusammenbruchs

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Berg Drei Orchesterstücke Mahler Sinfonie Nr. 6

Die wichtigste Frage lautete: Spielen sie das Andante moderato an zweiter oder dritter Stelle? An zweiter. Es wiegt leichter als der erste Satz. Dieses Andante wird erst im bewegteren letzten Teil richtig interessant. Der erste Satz der Sechsten war eine der großen Leistungen des Orchesters und des Dirigenten. Die Sechste von Mahler zeigt jedes Orchester am Rand des Nervenzusammenbruchs – wenn nicht, wird etwas falsch gemacht. „Das war mir gegen Ende zu schrill“, sagt eine elegante Mittfünfzigerin, die Treppe hinabsteigend und sich zu ihrer Freundin umwendend. Die Wucht der Kontrabässe ist enorm, ich spüre, wie ihr Druck in die Magengrube boxt.

Die Viersätzigkeit der Sechsten wirkt stets als Klassizismus. Die vielsätzigeren Sinfonien Nr. 2 und 3 vom Herbst wirkten organischer. Im ersten Satz der Sinfonie Nr. 6 erklingen die Kuhglocken von außerhalb, im zweiten und vierten aus dem Orchester. Sind die Kühe vom Andante an unter uns? Das Finale macht mich immer noch perplex, am anstrengendsten sind jene Partien, wo auf Teufel komm raus durchgeführt wird. Der Holzhammer wird interessanterweise im Laufe des Abends von zwei unterschiedlichen Musikern gespielt. Ich mag den Holzhammer besonders, wenn man auch beifügen muss, das seine Bedeutung in jeder Konzerteinführung übertrieben wird. Der Hammer ist das einzige Instrument, das ich halbwegs beherrschen würde, ohne schon vor der eigentlichen Tonproduktion durch groteske Unkenntnis des Instruments aufzufallen.

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Claudio Abbado Kritik

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Berliner Philharmoniker CLAUDIO ABBADO ANNE SOFIE VON OTTER JONAS KAUFMANN Mahler Sinfonie Nr. 10 Das Lied von der Erde

Dies war ein grotesk teures Konzert zum Mahlertodestag. Die Philharmoniker sind schuld, wenn ich nur noch bei Aldi einkaufe, um die laufenden Kartenkosten begleichen zu können. Das Lied von der Erde ist kitschig. Mahler war gerne kindisch, hier ist er kitschig.

Nochmals sitzt der RCOler Lucas Macias Navarro an der ersten Oboe, wie auch bei den drei Abbado-Konzerten vom Wochenende. Berückende Soli von Emmanuel Pahud, Andreas Ottensamer (da schaugst) und Stefan Schweigert. Wenn das so weiter geht, werde ich einen Schweigert-Fanclub gründen. Die wenigen Kolossalstellen wirken meditativ gedämpft, typisch Abbado.

Abbado schüttelt dem Blumen bringenden Mädl die Hand, wie es auch Pollini am Tag zuvor tut. Nix is mit Bussi. Claudio Abbado wirkt noch gebrechlicher als im letzten Jahr. Doch auf dem Weg in Künstlerzimmer hüpft er auf einmal die Treppen hinunter.

Jonas Kaufmann: regelmäßige Schluchzer, Kaufmann drückt das Pathos in seine Stimme rein wie der Metzger die Wurst in die Pelle. Betörender, ebenmäßiger, leicht neutral wirkender Klang. Eine bombastische Lohengrinstimme, aber sicherlich noch keine ganz große Stimme bei Mahler.
Anne Sofie von Otter: ihre Stimme wirkt zu Beginn arg ramponiert, sprich ausgebleicht, was sicherlich auch am Kontrast lag, den Jonas Kaufmanns vor Gesundheit strotzender Stimme bot. Im weiteren Verlauf deklamierte Anne Sofie von Otter immer feiner, die eigene Person hinter den Text zurückstellend, und dann doch ein hervorragendes Niveau erreichend, wenn auch nicht unmittelbar seelisch mitreißend.

Manchmal sieht man von Naoko Shimizu das linke Ohr, das etwas absteht. Emmanuel Pahud legt die Hände immer auf die Oberschenkel, Jelka Weber bewegt sich oft im Takt der Musik.

Claudio Abbado Berliner Philharmoniker: Mahler

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Berliner Philharmoniker CLAUDIO ABBADO ANNA PROHASKA MAURIZIO POLLINI Mozart Vorrei spiegarvi, oh Dio Berg Symphonische Stücke aus der Oper Lulu Mozart Klavierkonzert G-Dur KV 453 Mahler Sinfonie Nr. 10

Zweimal Mozart, zwei Mal Neoromantik, wie Glenn Gould gesagt hätte, wenn er einen Blick in das Programmheft geworfen hätte. Bei den Mozartsachen hörte ich leicht beweglichen, ausnuancierten Mozart, dessen Farbwerte umwerfend sensibel aus der Partitur gelöst wurden, ohne dass das weiche, knochenlose Gewebe der beiden Mozartpartituren des Abends zerrisse. Anna Prohaska, ein 1a Blondchen, Oscar und Anne in Rake’s Progress an der Staatsoper, singt. Ihre kostbare Lunge produziert eine schlanke, flexible, besonders ganz oben leicht belegte Sopranstimme, die frei und konzentriert geführt wird und intensiven Ausdrucks und komprimierten Klangs fähig ist. Frau Prohaska hat eine Neigung zu auffälligen Frisuren, eine Tatsache, die besondere Freude bei den Berliner Friseuren auslösen dürfte. Mozarts G-Dur-Konzert Andante: Stefan Schweigert, Emmanuel Pahud und Lucas Macias Navarro spielen wie die Schneekönige. Man vergisst bisweilen Pollini und Abbado, so sehr zieht uns der Holzbläserklang hinan. Stefan Dohr und Sarah Willis assistieren hier nur. Die Streicher laufen unter ferner liefen. Stefan Schweigerts erstaunliches Fagott zählte zu den Spitzenleistungen, zählt es ja eigentlich immer.

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Schöne Stimmen: Christian Thielemann mit Strauss, Renée Fleming und Thomas Hampson in der Philharmonie Berlin

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Eine 75-jährige trägt blaue Ballerinas. Ein Sechziger trägt Strawinsky-Bart, knapper Wuchs, direkt über der Lippe beschnitten. Ein Mann vor mir prüft jedes Mal den Hosenschlitz, bevor er sich setzt. Tatsächlich tragen junge Damen Streifen. In der Gala wird behauptet, das wäre diese Saison so. Thomas Hampson sieht blendend wie immer aus. Renée Fleming trägt ein Kleid, das aus vielen Quadratmeter Stoff bestehen muss. Weiterlesen

Brahms, Mariss Jansons, Concertgebouworkest Amsterdam. Janine Jansen und Königin Beatrix inklusive

Das Concertgebouworkest Amsterdam spielte unter Mariss Jansons. Anwesend waren Beatrix, Königin der Niederlande, Teile ihrer Familie, darunter Maxima, die Tochter eines argentinischen Rinderzüchters, sowie ein bedeutender Teil des Hofstaates und hoher holländischer Militärs, die den gesamten Block A des Parketts einnahm. In Block B saßen die Hoheiten samt deutscher Prominenz. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner trug das beste Kleid des Abends – Gratulation. Klaus Wowereit war ohne Begleitung da, Christian Wulff mit Begleitung.

Wulff klatschte zu engagiert – das gab einen schlechten Eindruck. Eine inkorrekte Programmansage übers Mikro (Inkompetenz), die Bitte, sich bei Einzug der Königin zu erheben (Anmaßung), effektvoll bestrahlte Ehrenplätze (Firlefanz), grüne Lichtstrahler im Foyer (ästhetische Inkompetenz) – man konnte einen ungefähren Eindruck davon gewinnen, wie kurios und nervig die ständige Existenz und vor allem Präsenz eines Hofes früher war. Die Atmosphäre war in etwa von der Kühle des Polarmeeres vor Grönland, wahrscheinlich die Folge davon, dass die ersten vierzig Reihen mit Leuten besetzt waren, die Mozart immer mit Donizetti und Strauss immer mit Strauß verwechseln.

Wie angemessen und sympathisch erschien dagegen stets die beiläufige Gegenwart eines aufmerksamen Horst Köhler in der Mittelloge der Staatsoper Untern Linden, der neben einer nicht minder aufmerksamen Gattin der hysterischen Musik von Wagner oder der lyrischen Musik von Tschaikowsky lauschte. Mendelssohns Violinkonzert hörte man von Mariss Jansons als feinsinnige Kammermusik (Janine Jansen etwas hysterisch), Brahms‘ Vierte als schlanke Gör, deren zweiter Satz himmlisch klang und deren vierten gegen Schluss der Schmackes fehlte – Mariss, hättste mal Barenboims Vierter eine Woche zuvor gehört. Schitte, zum Musikfest im Herbst kommt das Concertgebouworkest Amsterdam dieses Mal nicht.

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, Mahler 5. Sinfonie: 1:10 Std. Homo sapiens sapiens sein!

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: RIAS KAMMERCHOR Purcell Funeral Music for Queen Mary Mahler Sinfonie Nr. 5

Kritik. Es gab Zeiten, da hing mir die Fünfte von Mahler zu den Ohren hinaus. Die Fünfte mit Rattle, die Fünfte mit Abbado, die Fünfte mit Walter, die Fünfte mit Szell, unser halber Haushalt besteht aus Fünften. Ich war heute zudem in einem Zustand, in dem ich gerne Mendelssohns Dritte oder Prokofjews Vierte gehört hätte, aber einiges darum gegeben hätte, nicht die Fünfte zu hören. Aber was will man machen. Das Schicksal macht auch vor uns Konzertgehern nicht halt. Purcells Funeral Music war ein Traum. Eine Handvoll Trompeten, eine Handvoll Posaunen, 2 Trommeln und ein Chor.

Die Trompetenstellen (Tarkövi et alii) jagen einem pausenlos Schauer über den Rücken. Von wegen Schauer, von denen kann beim sicherlich ehrenwerten RIAS Kammerchor nicht die Rede sein. Ich versuchte ohne Unterlass herauszufinden, ob die Soprane oder die Altstimmen oder doch die Tenöre am wenigsten Pepp besaßen, aber der Purcell war zu Ende, bevor ich zu einem Entschluss gekommen war. Vielleicht hätte man ein pausenloses Konzert wagen sollen, um Purcells Strenge anschaulicher an Mahlers Üppigkeit zu binden. Der dritte Satz der Fünften war das Zentrum, der erste wahrte den Charakter stockenden Beginnens, der vierte war eine ärgerliche Unterbrechung. Man müsste das Adagietto, das weit davon entfernt ist, Mahlers meist missverstandener Satz zu sein, doppelt oder dreimal so schnell spielen, um die symphonische Spannung zu wahren.

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Staatskapelle Berlin: Brahms‘ Vierte mit Barenboim und andere Nebensächlichkeiten

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Barenboim dirigiert eine wunderschöne Vierte von Brahms mit dem besten Final-Schlussakkord, den ich seit langem hörte. Rattle liebt ja eher das Ausfließen lassen oder besser gesagt das Festhalten oder flehentliche Beschwören der Intensität im letzten Akkord. Der Ligeti der Staatskapelle gefiel ausnehmend. War es dieses Konzert, als Barenboim kurz, nachdem der letzte Takt verklungen war und der Applaus losdonnerte, heftig mit Konzertmeister Wolf-Dieter Batzdorf zu schimpfen begann, der seinerseits kaum zu einer Entgegnung kam? Auch während des zweiten Applauses redeten beide heftig miteinander, inzwischen schien es sich nur noch um eine erregte Diskussion zu handeln. Beim dritten Applaus standen Barenboim und Batzdorf diskutierend Arm in Arm nebeneinander, aber scheinbar schon freundschaftlich. Ich erinnere mich an einen Lohengrin, als Barenboim im Orchestergraben die armen Blechbläser so was von zusammenstauchte, die Kerle standen da wie begossene Pudel. Und war es nicht in diesem Konzert, als die Geigerin der Staatskapelle, die Barenboim die Blumen überreichte, einen Notenständer mitriss, als sie wieder auf ihren Platz zurückkehrte, der dann gegen einen Kontrabass fiel? Ich gestehe, es sind diese Dinge, die Konzerte unvergesslich machen.

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Simon Rattle, Berliner Philharmoniker, Salome: Da schnuppert der Strauss schon nach Schönberg

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: EMILY MAGEE STIG ANDERSEN HANNA SCHWARZ PAVOL BRESLIK IAIN PATERSON RINAT SHAHAM etc. Strauss Salomé

Die Uhr auf dem Potsdamer Platz steht schon seit Monaten auf 1 Uhr 12 Minuten. Ist das Berliner Kunst oder ist das Berliner Gleichgültigkeit? Könnten die Philharmoniker nicht eine Patenschaft für diese Uhr übernehmen? Und damit zum heutigen Konzert. Konzertant aufgeführten Opern verhalte ich mich in der Regel so, wie der Berliner Senat sich der Uhr auf dem Potsdamer Platz gegenüber verhält. Aber Salomé, Strauss‘ Zweistünder, geht schon in Ordnung. Es ist immer das gleiche. Eine konzertante Oper mit den Berliner Philharmonikern unter Rattle zu hören hat immer was von Partiturlesen – frei nach dem Motto: Rattle steckt Salomé in die Kernspinto und guckt, was in ihrem Kopf drin ist. So auch heute. Ich habe Sachen in dieser Salomé gehört, von denen ich bislang nicht den Hauch einer Ahnung hatte, ja, ich habe sogar Instrumente gehört, die ich nie in einer Salomé vermutet hatte. Die Philharmoniker spielen infernalische Forte Fortissimos und bezaubernde Schlagzeugeinsätze. Rattles Salomé schnuppert schon nach Schönberg. Man bekommt es dick aufs Brot geschmiert, dass Salomé zu den raren Beispielen jener äußersten ästhetischen Empfindlichkeit zählt, die um 1900 state of the art war. Beim 1911er Rosenkavalier herrschen dann schon wieder Verdickung, Zähigkeit, Nutella. Um den Eindruck abschließend zusammenzufassen, sage ich, dass diese Salomé zu hören in etwa so ist, wie ein Bild von Van Gogh mit dem Mikroskop zu betrachten.

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Neuigkeiten: Rattle & Barenboim, Jansons & Beatrix, Murray Perahia & Lang Lang

Ein Sonderkonzert jagt das nächste. Nicht immer ist der Anlass ein fröhlicher. Simon Rattle dirigiert den 2. Akt Tristan mit der Staatskapelle, Barenboim spielt zuvor Beethovens Drittes Konzert (nicht hingegangen). Anlass: Das Geld kommt der Renovierung der Staatsoper zugute. Herr Rattle, erinnern Sie sich an das Liedl, das da heißt „Je suis Lazuli“? Wann dirigieren Sie das mal wieder? Und Frau Kozena singt das Liedl? Dann kommt der niederländische Hochadel in Form von Frau Beatrix nach Berlin und aus irgendeinem Grund gibt das Concertgebouworkest Amsterdam hierzu ein Festkonzert. Der Lette Mariss Jansons dirigiert deutschen Brahms und deutschen Mendelssohn – klar, es gibt auch so wenige niederländische Musiker oder Komponisten, mir fällt nur Rudi Carrell ein (ich habe eine Karte). Ich bin für vermehrte Besuche des österreichischen Präsidenten Fischer in Berlin und damit zusammenhängende Festkonzerte der Wiener Philharmoniker. Meinetwegen kann Fischer vierteljährlich kommen. Fischer soll mit Merkel Kaffee trinken und anschließend geht’s ins Festkonzert in die Philharmonie. Da können Sie sogar zu Fuß rüberlaufen, es sei denn, sie sind im Kranzler. Dirigieren können Rattle oder Barenboim, die sind sowieso schon hier. Und, um zur unerbittlichen Wirklichkeit zurückzukehren, es gibt noch ein Benefizkonzert für Japan. Erst dirigiert Barenboim die Staatskapelle, anschließend Rattle die Phillies (überlege noch, es gibt nur noch Karten 50 Euro aufwärts).

Ach ja, Murray Perahia war da. Weiterlesen

Kritik: Sokolov mit Schumann und Bach in der Philharmonie Berlin

Zwischenzeitlich war ich bei Sokolov, den, wie etwa Martha Argerich, eine verschwörerische Berühmtheit umgibt. Draußen herrschen eisige Temperaturen, Ostwind, Eis auf dem Landwehrkanal, eine streikende Berliner S-Bahn und so weiter. Sokolov spielt ein Programm mit Bach und Schumann. Ich war nie ein heißer Verfechter von Schumanns Klaviermusik, immer aber von dessen Kammermusik und Sinfonik. Ich würde gerne behaupten, ich wäre wenn schon nicht ein Fan von Sokolovs Bachs, dann aber gewiss einer von dessen Schumann. Is aber nich so. Sokolov ist gut, aber wahrscheinlich nicht sehr gut. Er ist weder ein Genialiker wie Daniel Barenboim, noch ein Fanatiker der Genauigkeit wie Maurizio Pollini, noch so unbestechlich wie Mitsuko Uchida, aber in etwa von so seriöser Langweiligkeit, um nicht zu sagen von so durchdringender Pantoffeligkeit, wie Andras Schiff.

Sokolovs Schumann besteht zu Hundert Prozent aus Rubati; und ich dachte immer, Schumanns Klaviermusik bestünde aus Vierteln, Achteln und Sechzehnteln. Sololov hängt jener Schule an, die die Meinung vertritt, bei Schumann drehe sich alles um das Aufblühen und Zurückdrängen von allerhand Gefühlen. Sokolovs Bach ist die ersten zehn Minuten mächtig beeindruckend, dann verliere ich immer mehr das Interesse, und zuletzt wundere ich mich, warum Bach von einigen – von einigen wenigen, ich gebe es zu – als bedeutender als Schumann gehalten wird. Sokolov gibt sechs Zugaben. Bei jeder unterließ er es, den während des regulären Programmes gewonnen Eindruck zum Besseren zu korrigieren. Die Begeisterungsfähigkeit des Publikums war enorm. Sokolov sieht von Block C aus wie eine Mischung aus Flaubert und Turgenjew, etwas füllig, Typ sensibler, nicht ganz uneitler, aber im Grunde höchst ehrenwerter Künstler.

Kritik Sokolov: mäßig angetan

Berliner Philharmoniker: Simon Rattle dirigiert Mahler 4. Sinfonie und Strawinsky Apollon

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: CHRISTINE SCHÄFER Strawinsky Apollon Musagete Mahler Sinfonie Nr. 4

Es ist schlimm. Man muss einfach hin, wenn Rattle und die Berliner Mahler machen. Auch wenn ich lieber Fußball geschaut hätte, Arsenal gegen Barcelona, mal wieder Lionel Messi zuschauen. Aber man muss, wie gesagt. Das Programm ist eine harte Nuss. Im Apollon Musagete übertrifft Strawinsky sich – und andere natürlich vierfach – an Understatement. Die Person, dessen Lieblingsstück der Apollon Musagete ist, erhebe sich bitte. Jede Wette, dass Strawinsky wenig Spaß beim Komponieren dieses Stücks hatte. Ich hatte nicht allzu viel Spaß beim Hören. Die Philharmoniker spielen quasi von selbst. Rattle gibt eine Prise Salz hinzu, aber nur eine Prise.

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Simon Rattle: Konzertbericht Berliner Philharmoniker, Mahler 3. Sinfonie

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: ANKE HERRMANN NATHALIE STUTZMANN DAMEN DES RUNDFUNKCHORS BERLIN KNABEN DES STAATS- UND DOMCHORES BERLIN Brahms Es tönt ein voller Harfenklang Hugo Wolf Elfenlied Mahler Sinfonie Nr. 3

Und schwupps, schon ist man bei der Dritten. Es ist warm wie im März, obwohl es erst seit kurzem Februar ist. In der Dritten macht Mahler alles das, was er nicht hätte tun dürfen. Er kennt keine Grenzen bei der Überlänge, er ist noch kindischer als in der Zweiten. Aber das Gefühl für Abläufe ist wahrscheinlich untrüglich geworden, so weit ich das beurteilen kann. Die Form pfeift auf die Konvention, das ist das Befreiende. Die Zeit belebt sich von selbst, fast ohne Sonatenhauptsatzform. Die ganz freien Kombinationen von Klängen, die Mahler einsetzt ist, sind atemberaubend. Die Phase, in der ich Radek Baborák nachtrauerte, ist vorbei. Stefan Dohr spielt halt anders. Heute habe ich mit höchster Zufriedenheit Stefan Dohr zugehört. Baborák hatte Eleganz, Stefan Dohr hat Wärme. Beginn mit acht Hörnern.

Im Gegensatz zur Zweiten, bei der Wackler des Blechs häufig waren, lief es in der Dritten wie am Schnürchen. Dann kommt die Soloposaune. Der erste Satz ist fast ein Posaunenkonzert. Die Posaune klingt wie von Ennio Morricone. Dann kommt der Trommelwirbel. Stille, nur der Trommelwirbel, dann die acht Hörner – Reprise? Wieder Posaunensolo, diesmal mit dieser Steine erweichenden hohen Stelle. Mit welcher Sorgfalt zwei Schlagzeuger damit bemüht sind, die Becken lautlos abzulegen.

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