Claudio Abbado Kritik

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Berliner Philharmoniker CLAUDIO ABBADO ANNE SOFIE VON OTTER JONAS KAUFMANN Mahler Sinfonie Nr. 10 Das Lied von der Erde

Dies war ein grotesk teures Konzert zum Mahlertodestag. Die Philharmoniker sind schuld, wenn ich nur noch bei Aldi einkaufe, um die laufenden Kartenkosten begleichen zu können. Das Lied von der Erde ist kitschig. Mahler war gerne kindisch, hier ist er kitschig.

Nochmals sitzt der RCOler Lucas Macias Navarro an der ersten Oboe, wie auch bei den drei Abbado-Konzerten vom Wochenende. Berückende Soli von Emmanuel Pahud, Andreas Ottensamer (da schaugst) und Stefan Schweigert. Wenn das so weiter geht, werde ich einen Schweigert-Fanclub gründen. Die wenigen Kolossalstellen wirken meditativ gedämpft, typisch Abbado.

Abbado schüttelt dem Blumen bringenden Mädl die Hand, wie es auch Pollini am Tag zuvor tut. Nix is mit Bussi. Claudio Abbado wirkt noch gebrechlicher als im letzten Jahr. Doch auf dem Weg in Künstlerzimmer hüpft er auf einmal die Treppen hinunter.

Jonas Kaufmann: regelmäßige Schluchzer, Kaufmann drückt das Pathos in seine Stimme rein wie der Metzger die Wurst in die Pelle. Betörender, ebenmäßiger, leicht neutral wirkender Klang. Eine bombastische Lohengrinstimme, aber sicherlich noch keine ganz große Stimme bei Mahler.
Anne Sofie von Otter: ihre Stimme wirkt zu Beginn arg ramponiert, sprich ausgebleicht, was sicherlich auch am Kontrast lag, den Jonas Kaufmanns vor Gesundheit strotzender Stimme bot. Im weiteren Verlauf deklamierte Anne Sofie von Otter immer feiner, die eigene Person hinter den Text zurückstellend, und dann doch ein hervorragendes Niveau erreichend, wenn auch nicht unmittelbar seelisch mitreißend.

Manchmal sieht man von Naoko Shimizu das linke Ohr, das etwas absteht. Emmanuel Pahud legt die Hände immer auf die Oberschenkel, Jelka Weber bewegt sich oft im Takt der Musik.

Claudio Abbado Berliner Philharmoniker: Mahler

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Berliner Philharmoniker CLAUDIO ABBADO ANNA PROHASKA MAURIZIO POLLINI Mozart Vorrei spiegarvi, oh Dio Berg Symphonische Stücke aus der Oper Lulu Mozart Klavierkonzert G-Dur KV 453 Mahler Sinfonie Nr. 10

Zweimal Mozart, zwei Mal Neoromantik, wie Glenn Gould gesagt hätte, wenn er einen Blick in das Programmheft geworfen hätte. Bei den Mozartsachen hörte ich leicht beweglichen, ausnuancierten Mozart, dessen Farbwerte umwerfend sensibel aus der Partitur gelöst wurden, ohne dass das weiche, knochenlose Gewebe der beiden Mozartpartituren des Abends zerrisse. Anna Prohaska, ein 1a Blondchen, Oscar und Anne in Rake’s Progress an der Staatsoper, singt. Ihre kostbare Lunge produziert eine schlanke, flexible, besonders ganz oben leicht belegte Sopranstimme, die frei und konzentriert geführt wird und intensiven Ausdrucks und komprimierten Klangs fähig ist. Frau Prohaska hat eine Neigung zu auffälligen Frisuren, eine Tatsache, die besondere Freude bei den Berliner Friseuren auslösen dürfte. Mozarts G-Dur-Konzert Andante: Stefan Schweigert, Emmanuel Pahud und Lucas Macias Navarro spielen wie die Schneekönige. Man vergisst bisweilen Pollini und Abbado, so sehr zieht uns der Holzbläserklang hinan. Stefan Dohr und Sarah Willis assistieren hier nur. Die Streicher laufen unter ferner liefen. Stefan Schweigerts erstaunliches Fagott zählte zu den Spitzenleistungen, zählt es ja eigentlich immer.

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Schöne Stimmen: Christian Thielemann mit Strauss, Renée Fleming und Thomas Hampson in der Philharmonie Berlin

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Eine 75-jährige trägt blaue Ballerinas. Ein Sechziger trägt Strawinsky-Bart, knapper Wuchs, direkt über der Lippe beschnitten. Ein Mann vor mir prüft jedes Mal den Hosenschlitz, bevor er sich setzt. Tatsächlich tragen junge Damen Streifen. In der Gala wird behauptet, das wäre diese Saison so. Thomas Hampson sieht blendend wie immer aus. Renée Fleming trägt ein Kleid, das aus vielen Quadratmeter Stoff bestehen muss. Weiterlesen

Brahms, Mariss Jansons, Concertgebouworkest Amsterdam. Janine Jansen und Königin Beatrix inklusive

Das Concertgebouworkest Amsterdam spielte unter Mariss Jansons. Anwesend waren Beatrix, Königin der Niederlande, Teile ihrer Familie, darunter Maxima, die Tochter eines argentinischen Rinderzüchters, sowie ein bedeutender Teil des Hofstaates und hoher holländischer Militärs, die den gesamten Block A des Parketts einnahm. In Block B saßen die Hoheiten samt deutscher Prominenz. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner trug das beste Kleid des Abends – Gratulation. Klaus Wowereit war ohne Begleitung da, Christian Wulff mit Begleitung.

Wulff klatschte zu engagiert – das gab einen schlechten Eindruck. Eine inkorrekte Programmansage übers Mikro (Inkompetenz), die Bitte, sich bei Einzug der Königin zu erheben (Anmaßung), effektvoll bestrahlte Ehrenplätze (Firlefanz), grüne Lichtstrahler im Foyer (ästhetische Inkompetenz) – man konnte einen ungefähren Eindruck davon gewinnen, wie kurios und nervig die ständige Existenz und vor allem Präsenz eines Hofes früher war. Die Atmosphäre war in etwa von der Kühle des Polarmeeres vor Grönland, wahrscheinlich die Folge davon, dass die ersten vierzig Reihen mit Leuten besetzt waren, die Mozart immer mit Donizetti und Strauss immer mit Strauß verwechseln.

Wie angemessen und sympathisch erschien dagegen stets die beiläufige Gegenwart eines aufmerksamen Horst Köhler in der Mittelloge der Staatsoper Untern Linden, der neben einer nicht minder aufmerksamen Gattin der hysterischen Musik von Wagner oder der lyrischen Musik von Tschaikowsky lauschte. Mendelssohns Violinkonzert hörte man von Mariss Jansons als feinsinnige Kammermusik (Janine Jansen etwas hysterisch), Brahms‘ Vierte als schlanke Gör, deren zweiter Satz himmlisch klang und deren vierten gegen Schluss der Schmackes fehlte – Mariss, hättste mal Barenboims Vierter eine Woche zuvor gehört. Schitte, zum Musikfest im Herbst kommt das Concertgebouworkest Amsterdam dieses Mal nicht.

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, Mahler 5. Sinfonie: 1:10 Std. Homo sapiens sapiens sein!

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: RIAS KAMMERCHOR Purcell Funeral Music for Queen Mary Mahler Sinfonie Nr. 5

Kritik. Es gab Zeiten, da hing mir die Fünfte von Mahler zu den Ohren hinaus. Die Fünfte mit Rattle, die Fünfte mit Abbado, die Fünfte mit Walter, die Fünfte mit Szell, unser halber Haushalt besteht aus Fünften. Ich war heute zudem in einem Zustand, in dem ich gerne Mendelssohns Dritte oder Prokofjews Vierte gehört hätte, aber einiges darum gegeben hätte, nicht die Fünfte zu hören. Aber was will man machen. Das Schicksal macht auch vor uns Konzertgehern nicht halt. Purcells Funeral Music war ein Traum. Eine Handvoll Trompeten, eine Handvoll Posaunen, 2 Trommeln und ein Chor.

Die Trompetenstellen (Tarkövi et alii) jagen einem pausenlos Schauer über den Rücken. Von wegen Schauer, von denen kann beim sicherlich ehrenwerten RIAS Kammerchor nicht die Rede sein. Ich versuchte ohne Unterlass herauszufinden, ob die Soprane oder die Altstimmen oder doch die Tenöre am wenigsten Pepp besaßen, aber der Purcell war zu Ende, bevor ich zu einem Entschluss gekommen war. Vielleicht hätte man ein pausenloses Konzert wagen sollen, um Purcells Strenge anschaulicher an Mahlers Üppigkeit zu binden. Der dritte Satz der Fünften war das Zentrum, der erste wahrte den Charakter stockenden Beginnens, der vierte war eine ärgerliche Unterbrechung. Man müsste das Adagietto, das weit davon entfernt ist, Mahlers meist missverstandener Satz zu sein, doppelt oder dreimal so schnell spielen, um die symphonische Spannung zu wahren.

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Staatskapelle Berlin: Brahms‘ Vierte mit Barenboim und andere Nebensächlichkeiten

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Barenboim dirigiert eine wunderschöne Vierte von Brahms mit dem besten Final-Schlussakkord, den ich seit langem hörte. Rattle liebt ja eher das Ausfließen lassen oder besser gesagt das Festhalten oder flehentliche Beschwören der Intensität im letzten Akkord. Der Ligeti der Staatskapelle gefiel ausnehmend. War es dieses Konzert, als Barenboim kurz, nachdem der letzte Takt verklungen war und der Applaus losdonnerte, heftig mit Konzertmeister Wolf-Dieter Batzdorf zu schimpfen begann, der seinerseits kaum zu einer Entgegnung kam? Auch während des zweiten Applauses redeten beide heftig miteinander, inzwischen schien es sich nur noch um eine erregte Diskussion zu handeln. Beim dritten Applaus standen Barenboim und Batzdorf diskutierend Arm in Arm nebeneinander, aber scheinbar schon freundschaftlich. Ich erinnere mich an einen Lohengrin, als Barenboim im Orchestergraben die armen Blechbläser so was von zusammenstauchte, die Kerle standen da wie begossene Pudel. Und war es nicht in diesem Konzert, als die Geigerin der Staatskapelle, die Barenboim die Blumen überreichte, einen Notenständer mitriss, als sie wieder auf ihren Platz zurückkehrte, der dann gegen einen Kontrabass fiel? Ich gestehe, es sind diese Dinge, die Konzerte unvergesslich machen.

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Simon Rattle, Berliner Philharmoniker, Salome: Da schnuppert der Strauss schon nach Schönberg

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: EMILY MAGEE STIG ANDERSEN HANNA SCHWARZ PAVOL BRESLIK IAIN PATERSON RINAT SHAHAM etc. Strauss Salomé

Die Uhr auf dem Potsdamer Platz steht schon seit Monaten auf 1 Uhr 12 Minuten. Ist das Berliner Kunst oder ist das Berliner Gleichgültigkeit? Könnten die Philharmoniker nicht eine Patenschaft für diese Uhr übernehmen? Und damit zum heutigen Konzert. Konzertant aufgeführten Opern verhalte ich mich in der Regel so, wie der Berliner Senat sich der Uhr auf dem Potsdamer Platz gegenüber verhält. Aber Salomé, Strauss‘ Zweistünder, geht schon in Ordnung. Es ist immer das gleiche. Eine konzertante Oper mit den Berliner Philharmonikern unter Rattle zu hören hat immer was von Partiturlesen – frei nach dem Motto: Rattle steckt Salomé in die Kernspinto und guckt, was in ihrem Kopf drin ist. So auch heute. Ich habe Sachen in dieser Salomé gehört, von denen ich bislang nicht den Hauch einer Ahnung hatte, ja, ich habe sogar Instrumente gehört, die ich nie in einer Salomé vermutet hatte. Die Philharmoniker spielen infernalische Forte Fortissimos und bezaubernde Schlagzeugeinsätze. Rattles Salomé schnuppert schon nach Schönberg. Man bekommt es dick aufs Brot geschmiert, dass Salomé zu den raren Beispielen jener äußersten ästhetischen Empfindlichkeit zählt, die um 1900 state of the art war. Beim 1911er Rosenkavalier herrschen dann schon wieder Verdickung, Zähigkeit, Nutella. Um den Eindruck abschließend zusammenzufassen, sage ich, dass diese Salomé zu hören in etwa so ist, wie ein Bild von Van Gogh mit dem Mikroskop zu betrachten.

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Neuigkeiten: Rattle & Barenboim, Jansons & Beatrix, Murray Perahia & Lang Lang

Ein Sonderkonzert jagt das nächste. Nicht immer ist der Anlass ein fröhlicher. Simon Rattle dirigiert den 2. Akt Tristan mit der Staatskapelle, Barenboim spielt zuvor Beethovens Drittes Konzert (nicht hingegangen). Anlass: Das Geld kommt der Renovierung der Staatsoper zugute. Herr Rattle, erinnern Sie sich an das Liedl, das da heißt „Je suis Lazuli“? Wann dirigieren Sie das mal wieder? Und Frau Kozena singt das Liedl? Dann kommt der niederländische Hochadel in Form von Frau Beatrix nach Berlin und aus irgendeinem Grund gibt das Concertgebouworkest Amsterdam hierzu ein Festkonzert. Der Lette Mariss Jansons dirigiert deutschen Brahms und deutschen Mendelssohn – klar, es gibt auch so wenige niederländische Musiker oder Komponisten, mir fällt nur Rudi Carrell ein (ich habe eine Karte). Ich bin für vermehrte Besuche des österreichischen Präsidenten Fischer in Berlin und damit zusammenhängende Festkonzerte der Wiener Philharmoniker. Meinetwegen kann Fischer vierteljährlich kommen. Fischer soll mit Merkel Kaffee trinken und anschließend geht’s ins Festkonzert in die Philharmonie. Da können Sie sogar zu Fuß rüberlaufen, es sei denn, sie sind im Kranzler. Dirigieren können Rattle oder Barenboim, die sind sowieso schon hier. Und, um zur unerbittlichen Wirklichkeit zurückzukehren, es gibt noch ein Benefizkonzert für Japan. Erst dirigiert Barenboim die Staatskapelle, anschließend Rattle die Phillies (überlege noch, es gibt nur noch Karten 50 Euro aufwärts).

Ach ja, Murray Perahia war da. Weiterlesen

Kritik: Sokolov mit Schumann und Bach in der Philharmonie Berlin

Zwischenzeitlich war ich bei Sokolov, den, wie etwa Martha Argerich, eine verschwörerische Berühmtheit umgibt. Draußen herrschen eisige Temperaturen, Ostwind, Eis auf dem Landwehrkanal, eine streikende Berliner S-Bahn und so weiter. Sokolov spielt ein Programm mit Bach und Schumann. Ich war nie ein heißer Verfechter von Schumanns Klaviermusik, immer aber von dessen Kammermusik und Sinfonik. Ich würde gerne behaupten, ich wäre wenn schon nicht ein Fan von Sokolovs Bachs, dann aber gewiss einer von dessen Schumann. Is aber nich so. Sokolov ist gut, aber wahrscheinlich nicht sehr gut. Er ist weder ein Genialiker wie Daniel Barenboim, noch ein Fanatiker der Genauigkeit wie Maurizio Pollini, noch so unbestechlich wie Mitsuko Uchida, aber in etwa von so seriöser Langweiligkeit, um nicht zu sagen von so durchdringender Pantoffeligkeit, wie Andras Schiff.

Sokolovs Schumann besteht zu Hundert Prozent aus Rubati; und ich dachte immer, Schumanns Klaviermusik bestünde aus Vierteln, Achteln und Sechzehnteln. Sololov hängt jener Schule an, die die Meinung vertritt, bei Schumann drehe sich alles um das Aufblühen und Zurückdrängen von allerhand Gefühlen. Sokolovs Bach ist die ersten zehn Minuten mächtig beeindruckend, dann verliere ich immer mehr das Interesse, und zuletzt wundere ich mich, warum Bach von einigen – von einigen wenigen, ich gebe es zu – als bedeutender als Schumann gehalten wird. Sokolov gibt sechs Zugaben. Bei jeder unterließ er es, den während des regulären Programmes gewonnen Eindruck zum Besseren zu korrigieren. Die Begeisterungsfähigkeit des Publikums war enorm. Sokolov sieht von Block C aus wie eine Mischung aus Flaubert und Turgenjew, etwas füllig, Typ sensibler, nicht ganz uneitler, aber im Grunde höchst ehrenwerter Künstler.

Kritik Sokolov: mäßig angetan

Berliner Philharmoniker: Simon Rattle dirigiert Mahler 4. Sinfonie und Strawinsky Apollon

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: CHRISTINE SCHÄFER Strawinsky Apollon Musagete Mahler Sinfonie Nr. 4

Es ist schlimm. Man muss einfach hin, wenn Rattle und die Berliner Mahler machen. Auch wenn ich lieber Fußball geschaut hätte, Arsenal gegen Barcelona, mal wieder Lionel Messi zuschauen. Aber man muss, wie gesagt. Das Programm ist eine harte Nuss. Im Apollon Musagete übertrifft Strawinsky sich – und andere natürlich vierfach – an Understatement. Die Person, dessen Lieblingsstück der Apollon Musagete ist, erhebe sich bitte. Jede Wette, dass Strawinsky wenig Spaß beim Komponieren dieses Stücks hatte. Ich hatte nicht allzu viel Spaß beim Hören. Die Philharmoniker spielen quasi von selbst. Rattle gibt eine Prise Salz hinzu, aber nur eine Prise.

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Simon Rattle: Konzertbericht Berliner Philharmoniker, Mahler 3. Sinfonie

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: ANKE HERRMANN NATHALIE STUTZMANN DAMEN DES RUNDFUNKCHORS BERLIN KNABEN DES STAATS- UND DOMCHORES BERLIN Brahms Es tönt ein voller Harfenklang Hugo Wolf Elfenlied Mahler Sinfonie Nr. 3

Und schwupps, schon ist man bei der Dritten. Es ist warm wie im März, obwohl es erst seit kurzem Februar ist. In der Dritten macht Mahler alles das, was er nicht hätte tun dürfen. Er kennt keine Grenzen bei der Überlänge, er ist noch kindischer als in der Zweiten. Aber das Gefühl für Abläufe ist wahrscheinlich untrüglich geworden, so weit ich das beurteilen kann. Die Form pfeift auf die Konvention, das ist das Befreiende. Die Zeit belebt sich von selbst, fast ohne Sonatenhauptsatzform. Die ganz freien Kombinationen von Klängen, die Mahler einsetzt ist, sind atemberaubend. Die Phase, in der ich Radek Baborák nachtrauerte, ist vorbei. Stefan Dohr spielt halt anders. Heute habe ich mit höchster Zufriedenheit Stefan Dohr zugehört. Baborák hatte Eleganz, Stefan Dohr hat Wärme. Beginn mit acht Hörnern.

Im Gegensatz zur Zweiten, bei der Wackler des Blechs häufig waren, lief es in der Dritten wie am Schnürchen. Dann kommt die Soloposaune. Der erste Satz ist fast ein Posaunenkonzert. Die Posaune klingt wie von Ennio Morricone. Dann kommt der Trommelwirbel. Stille, nur der Trommelwirbel, dann die acht Hörner – Reprise? Wieder Posaunensolo, diesmal mit dieser Steine erweichenden hohen Stelle. Mit welcher Sorgfalt zwei Schlagzeuger damit bemüht sind, die Becken lautlos abzulegen.

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Christian Thielemann, Wiener Philharmoniker in Berlin: Beethoven Sinfonie Nr. 8 & 9

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Beethoven Sinfonien Nr. 8 & 9

Achte Sinfonie. Allerliebst, frisch, schlawinerhaft und intelligent gespielt. Im Finale nuscheln die Streicher beim Hauptthema. Die Durchführung des ersten Satzes hätte noch mehr Brio vertragen können. Die letzten zwei Takte des ersten Satzes (Themenkopf im pp) drosselt Thielemann mit sehr kräftigem Rubato auf ein Drittel des Grundtempos. Brav, Christian, kriegst ein Zuckerl.

Neunte Sinfonie. Sehr gut. Geniales Prestissimo, wie überhaupt das Finale am besten gelang. Es hatte Saft, Tempo und die Wiener Philharmoniker wurden der Lockerheit der Faktur glänzend gerecht. Annette Dasch bekam ein Buh (das einzige, das während des gesamten Zyklus zu hören war). Und, o Wunder, wieder keine Zugabe.

Optisch ist Christian Thielemann ein komplizierter Fall. Thielemann gibt das Tempo vor, das andere schaukeln die Philharmoniker nach Hause. Thielemann ist sozusagen die Uferböschung, die Wiener Philharmoniker sind der Fluss. Bei Thielemanns Dirigierstil mischen sich Lässigkeit und kalkulierte Ungebobeltheit. Manchmal sieht Thielemann aus wie ein Gorilla (rustikale Stellen). Manchmal grinst er wie ein Fünfjähriger, der zugibt, dass die geklauten Bonbons gut geschmeckt haben (schöne Solostellen). Manchmal sieht er aus, als rühre er Beton an (pathetische Stellen). Kaum ist der Satz aus, lässt Thielemann die Arme niedersausen, wischt sich in einem Affentempo den Schweiß von der Stirn und bedankt sich lächelnd beim Orchester, und das alles in 1,5 Sekunden. Die ersten Sätze nimmt Thielemann in mäßigem Tempo, ebenso die zweiten Sätze. Die Scherzi sind plötzlich deutlich flotter. Finali sind tempomäßig in etwa so, wie man sie gewohnt ist. Na, Rattle ist bei den letzten Sätzen schon schneller. Die pathetischen Sinfonien spielen die Wiener Philharmoniker mit 2 x 16 Geigen, die leichteren (Achte, Vierte, Erste, Zweite) mit 2 x 14, die Sechste mit 2 x 15. Die volle Streicherbesetzung ist 16,16,12,10,8.

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Thielemann Beethovenzyklus und die Wiener in Berlin: Beethoven Sinfonien Nr. 1, 2 & 3

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Beethoven Sinfonien Nr. 1,2 & 3

Erste Sinfonie. Es kam schließlich die Zeit, da hörte man innerhalb von 18 Stunden fünf Beethovensinfonien. Das ist selbst für ausgebuffte Konzertgeher kein Pappenstiel. Es ist draußen nicht mehr minus 15, sondern nur noch minus sieben Grad. Die Erste wurde ihrem Ruf als widerspenstigste der Beethovensinfonien gerecht. Man weiß nicht, was man von der Ersten halten soll. Die Erste ist wie der blasse Verwandte, der auf der Familienfeier immer am anderen Ende vom Tisch sitzt. Kurzum: Schön gespielt von den Wienern, jedoch, herrje, ohne damit irgendeine Aussage oder auch nur eine Tendenz zu einer Aussage zu verknüpfen. Simon Rattle gelang die Erste 2008 auch nicht so richtig.

Zweite Sinfonie. Stellenweise traumhaftes Orchesterspiel. Auch Thielemann legt einen Zacken zu. Das flutscht. Wenn ich Österreicher wär, würde ich meinem Erstaunen mit dem Satz Ausdruck geben: Do schaust wie a Uhu noch’m Woidbrand. Im Finale ist die Spannung nach der Hälfte dann auf einmal wieder weg. Vielleicht ist ein Finale in Wien was anderes als ein Finale in Berlin. Während man in Berlin vom ersten Takt an die Schlusskadenz fest im Blick hat, mag man’s in Wien womöglich a bissl g’schlenzter, legt zwischendurch eine Vesperpause ein und zischt einen Heurigen. 40 Minuten Pause.

Dritte Sinfonie. Thielemann fängt während des Publikumsgemurmels an, wie auch bei der Fünften. Das hat was. Die Dritte ist fast überall traumhaft schön. Die Durchführung hat etwas allerdings was von Gewurschtel. Während das zweite Thema des ersten Satzes anfängt, zieht Bratenduft vom Südfoyer (Bewirtung für geladene Gäste in der Pause) in den Saal. Wieder keine Zugabe. Ja mei. So was Saudeppertes aber auch. Heute war die letzte Chance auf eine Zugabe. Was wäre gegen einen kleinen Walzer, eine kleine Polka einzuwenden gewesen? Morgen nach der Neunten spielen sie nie und nimmer eine Zugabe.

Beethovenzyklus Christian Thielemann & Wiener Philharmoniker in Berlin: Beethoven Sinfonien Nr. 6 & 7

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Beethoven Sinfonien Nr. 6 & 7

Sechste Sinfonie. Zum Abbusseln schön, neben der Achten die gelungenste Wiedergabe. Beethovens Sechste habe ich dieses Jahr zum zweiten Mal von den Wienern hier in Berlin gehört, was gewiss zum allerersten Mal in der Musikgeschichte möglich war. Die Sechste der Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel (Frühjahr 2010) war eher eine Anleitung zum Gähnen. Thielemanns Sechste ist jetzt eine nicht ganz kleine Wohltat. Thielemann und die Wiener phrasieren wie die Schneekönige. Die Pause ist heuer so was von kurz, es reicht kaum zum gemütlichen Pinkeln. Die Plätze erreicht man dann nur, indem man an beiseite gebogenen Knien entlangschrammt.

Siebte Sinfonie. Der zweite Satz hat eindrucksvolle Stellen leisen Beginnens, wie überhaupt Thielemann großartige, prozessuale Pianissimi hinbekommt. Das eigentümliche Pathos dieses Allegrettos schmiert Thielemann dem Publikum aber etwas zu dick aufs Brot, auch wirkt der Satz als Ganzes etwas zerfahren. Das Manko dieser Siebten ist, dass im Fortissimo stets etwas Gebändigtes mitklingt. Dem letzten Satz fehlen elementare Energie, Entfesselung und einiges an Fantasie. Das Allegro con brio ist eine Enttäuschung wie das Finale der Fünften. Im letzten Satz gefielen mit die phänomenalen Kontrabässe besonders. Sie hatten überall ihre Finger mit drin. Rattle (Berliner) und Dudamel (Staatskapelle Berlin) waren bei der Siebten intensiver. Keine Zugabe.

Der Berliner Beethovenzyklus: Thielemann und die Wiener Philharmoniker in Berlin I – Konzertkritik

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Wiener Philharmoniker Christian Thielemann Beethoven Sinfonien Nr. 4 & 5

Vierte Sinfonie. Da spielen sie, die berühmten Wiener Philharmoniker. Sehr langsamer erster Satz. Die sinfonische Spannung ging mit dem Beginn des zweiten Themas des ersten Satzes flöten. Von diesem Zeitpunkt an beschäftigte ich mich nur noch mit den Besonderheiten des Orchesters und nicht mehr mit denen Beethovens. Die Kadenzen haben so viel Pepp wie die von Mozart Anno 1779, und überhaupt hat das Ganze wenig Struktur. Es gibt kein Wozu, kein Wohin, kein Weshalb. Der zweite Satz ist auch langsam, aber mit äußerster Sorgfalt für Phrasierung und Klangnuance hingelegt. Thielemanns Vierte klingt reichlich von oben herab. Mit dem ersten Satz hatte Rattle mit den Berlinern auch ein bisschen Probleme, aber Finale und Scherzo haute er grandios hin. Es gab ordentlichen Applaus für die Vierte, aber nicht mehr. Ich war einigermaßen enttäuscht. In der Pause: Bretzel und Absacker, um die Enttäuschung runterzuspülen und Mut für die Fünfte anzutrinken.

Fünfte Sinfonie. Die Wiener Philharmoniker spielen stellenweise schön. Auch hier war der zweite Satz der wertvollste. Die Fünfte von Rattle mit den Berlinern war bedeutend eindrucksvoller. Bei den Wienern schienen die Tempomodifikationen, die Christian Thielemann im ersten Satz anordnet, sehr gewöhnungsbedürftig. Während die Solooboe in der Reprise des Allegro con brio ihren Einsatz hat, knarrt ein Stuhl der Philharmoniker. Das Finale wirkt unglaubwürdig. Dass Uhrenhersteller Rolex die Tournee der Wiener Philharmoniker sponsort, merkt man schon daran, dass die Musiker pünktlich um 20 Uhr und null Sekunden auf das Podium strömen. Zugabe: eine herrliche Egmont-Ouvertüre.

Kritik Wiener Philharmoniker Berlin: ist noch Luft nach oben