Kritik Bayreuth Tannhäuser: Thielemann, Torsten Kerl, Camilla Nylund, Michelle Breedt, Günther Groissböck

Livesendung des Bayerischen Rundfunks aus Bayreuth, 16 Uhr, Samstag. Immer noch höllisch heiß hier in Berlin. Tannhäuser volle Dresdner Fassung.

Ouvertüre: Thielemann stellt uns den Venusberg tänzelnd vor, so als wäre Frau Venus eine Balletmaus. Das Orchester: nervös-bewegt, überraschend wenig massiv, leichtsinnig-sinnlich. Man kann auch sagen: festlich-aufgeregt, grad so, wie sich die Gäste im Festspielhaus fühlen dürften, falls sie nicht 1. weiblich, 2. gelangweilte Partnerin eines Wagnerianers und somit 3. aus heroischem Pflichtbewusstsein erschienen sind. Weiterlesen

Kritik Fliegender Holländer Bayreuth: Thielemann, Samuel Youn, Adrianne Pieczonka, Franz-Josef Selig

Die Besprechung des 2013er-Holländers gibt es hier.

Diese Hitze. Gott sei Dank sitze ich im Hinterhof, Nordseite. Kreuzberg. Naja, in Franken ist es 4°C kühler. In Berlin herrscht das philharmonische Sommerloch. Danke an den Bayerischen Rundfunk für die Direktleitung aus Bayreuth.

Ouvertüre: Thielemann dirigiert straff, hemdsärmlig-draufgängerisch, flott, Thielemanns Tempo gewährleistet Spannung und Übersicht. Thielemann macht kurzen und guten Prozess mit heftigen Orchesterschlägen. Kritik: Es fehlen Wärme und das Feeling für die Rundung des Klangs, die mehr wären als Vollklang und Imposanz. Imponierendes Tutti. Weiterlesen

Anna Netrebko: Elsa in Dresden unter Christian Thielemann

Im Rahmen eines Interviews des Zeitmagazins, der Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT (das ist jenes Flaggschiff des deutschen Kulturjournalismus, das pro Jahr ungefähr eine Konzertberichterstattung abdruckt), plauderte Anna Netrebko ganz nett mit Moritz von Uslar. Interviewzeit: 45 Minuten. Netrebkos Outfit: ein bezauberndes Kleid von Dior. Neben der Beantwortung von allerlei unwichtigen Fragen („Putin oder Medwedjew?“ – „Putin“) sprach Frau Netrebko über zukünftige Rollendebüts. Weiterlesen

Sopran Maria Bengtsson singt

Sopran Maria Bengtsson plauscht mit Bariton Don Giovanni // Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Maria Bengtsson scheint interessiert an Don Giovanni // Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Noch mal kurz zur Donna Anna von Maria Bengtsson im Don Giovanni an der Staatsoper Berlin. Ich hab das letzten Samstag schon geschrieben, dann war ich in der Uckermark, jetzt schick gemacht und veröffentlicht. Wie gesagt, das Bedauern der Absage von Anna-Ich-hab-sowas-von-keine-Lust-in-Berlin-diesen-bekloppten-Don-Giovanni-zu-singen-Netrebko verwandelte sich rasch in Zufriedenheit über das Erscheinen von Netrebko-Ersatz Maria Bengtsson. Weiterlesen

Wolfgang Rihm Dionysos Berlin: Georg Nigl Mojca Erdmann Matthias Klink Ingo Metzmacher

Rihms Dionysos ist wie gemacht für Sie, wenn Sie Stauss‘ Elektra lieben oder die Blumenmädchenszene im Parsifal schon immer für einen der reizendsten Einfälle Wagners hielten. „Anfang Rheingold, Ende Tannhäuser“, sagt auf der Toilette ein Bekannter mit Blick auf die Handlung. Die Szenenabfolge: Meer, Gebirge, Bordell, Turin. Warum um Himmels willen muss es eine Nietzsche-Oper sein? Weiterlesen

Rücktritt? Hört Barenboim auf? Verlässt er Berlin? Ist er nicht mehr an der Staatsoper?

Lieben Staatsopernbesucher improvisierte Reden von der Bühne herab über alles? Jaaaaa. Besonders nach Vorstellungsende und besonders wenn sie von Barenboim kommen. Die Rede zum  – 50.? – Berliner Bühnenjubiläum von Domingo nach dem Boccanegra war sehr rührend. Aber heute Abend.. Erst mal durchatmen. Schön der Reihe nach.

Der letzte Don Giovanni dieser Saison. Schlussapplaus. Barenboim signalisiert: Ich sag noch was. Stille. Dann Barenboims modulierende, leicht näselnde Stimme mit dem typischen, melodischen und behutsamen Auf und Ab. Aha, 20 Jahre leitet er die Staatskapelle also jetzt. Dann: „mein letztes Konzert mit der Staatskapelle“. Für eine halbe Sekunde erleidet der Operngeher in mir den klinischen Tod. Stille im Opernhaus. In mir ballt sich irgendwo etwas in Stecknadelkopfgröße zusammen: Splitter von Barenboim-Sternstunden, Parsifal und Tristan. Sterbende erleben so was. Wildfremde Leute wispern sich zu: „Hat er jetzt gesagt, dass er geht?“ Im Foyer ein Thema: Rücktritt? Hört Barenboim auf? Verlässt er Berlin? Ist er nicht mehr an der Staatsoper? Wo ist Flimm?

Rücktritt, o Gott. Herr Barenboim. Wissen Sie, was Sie mit gewissen Sätzen anrichten? Verehrter Herr Barenboim. Sie wollen einfach nur sagen, dass dies ihr letztes Konzert mit der Staatskapelle IN DIESER SAISON ist? Dann einfach diese 3 Wörter auch noch mit in den Satz packen. Dauert etwas länger, erspart uns armen Eumeln aber Herzstillstände, Nervenzusammenbrüche, Telefonate um kurz vor Mitternacht bei Leuten, die mehr wissen könnten, schlechte Träume und ähnliche Unannehmlichkeiten. Der Giovanni heute Abend war übrigens gewohnt hübsches Niveau.

Bericht Anne-Sophie Mutter: Brahms Violinkonzert

Ich freue mich auf zwei Dinge, wenn ich zu einem Konzert von Anne-Sophie Mutter gehe. Erstens: welches Kleid trägt sie? Zweitens: bleibt die Frisur auch während der Verbeugung am Platz? Zu erstens: Sie trägt schwarz, unten mit Blumen drauf, bekannte Form: eng oben, eng Mitte, eng halb unten, weit ganz unten. Zu zweitens: Die Frisur bewegt sich keinen Zentimeter.

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Anna Netrebko Iolanta Berlin: Da schaugst!

Wer hätte es gedacht? Anna-Mann-ey-ick-hab-so-was-von-keine-Lust-auf-den-Berliner-Don-Giovanni-Netrebko tritt völlig überraschend in diesem Jahr noch einmal in Berlin auf. Anna Netrebko singt den Tschaikowski-Eineinhalbstünder Iolanta in der Philharmonie Berlin. Art der Aufführung: konzertant. Zeitpunkt: Mitte November. Orchester: Slowenische Nationalphilharmonie. Mitsänger: weiß noch niemand. Dirigent: weiß auch noch niemand. Nur die Kartenpreise stehen schon fest: 109 bis 229 Euro. Ich werde nicht hingehen. Konzertbesuchern stelle ich nach eingehender Rechtschreibprüfung die Veröffentlichung eines knappen Konzertberichtes (max. 150 Wörter, wenn es gut geschrieben ist 250 Wörter) auf dieser Plattform in Aussicht.

Kritik Staatsoper Berlin Don Giovanni: Maria Bengtsson Dorothea Röschmann Anna Prohaska

Da sitzen sie: Anna Prohaska, Dorothea Röschmann, Maria Bengtsson // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Drei Mozart-Mädels an der Bushaltestelle: Anna Prohaska, Dorothea Röschmann, Maria Bengtsson // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Das war der Don Giovanni, der aus lauter unteren Hälften von Fichten bestand. Außerdem war das der Don Giovanni, in dem Anna Netrebko nicht sang, getreu der Tatsache, dass manche Aufführungen berühmter sind, weil jemand nicht singt. Die Vorteile der Inszenierung (Claus Guth): 1. Man sieht mal echte Bäume auf der Bühne. 2. Auftretende kündigen sich an, indem ihre schwankende Gestalt zuvor zwischen den Stämmen auftaucht – wie im echten Wald. Das hat was. 3. Es ist lustig. Die Nachteile: wenn die „statua gentillissima“ des „uom di sasso“ wie eine klapperdürre frühgermanische Voodoopuppe aussieht, fällt selbst hartgesottenen Regietheater-Fans wie mir die Aufrechterhaltung der theatralischen Illusion schwer. Der Aufreger des Abends: war das ein Live-Wolf oder ein Theater-Wolf in der Friedhofsszene im 2. Akt?

Die Mädels hatten heute Abend die kostbareren Lungen als die Herren. Röschmann riss hin, Bengtsson ersang sich vollständigen Respekt, Prohaska vollständige Bewunderung. Weiterlesen

Kritik Berliner Philharmoniker Mariss Jansons: Dvorak 9. Sinfonie, Martinu Violinkonzert Zimmermann

Ich bin noch ganz fertig vom Barenboimkonzert am Dienstag. Und jetzt kommt Jansons mit der Dvořák-9. Ich bin ja immer für möglichst viel Ligeti, Zimmermann oder was ähnliches im Philharmonikerkonzert, aber heute ist das Programm auch gut – dem Berliner Wetter angemessen: sonnig, mit Ferienvorgeschmack.

Martinu: Seit ich mal eine Martinů-Sinfonie verpasst habe,

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Kritik Staatskapelle Berlin Barenboim: Bruckner 6. Sinfonie, Mozart KV 466

Typisches Konzert mit Barenboim. Bruckner und noch was. Eine Abendwolke im Osten über dem Gendarmenmarkt. Rilke nannte so was „Abend… stille die Fernen.“ Und jetzt von der stillen Prager Neoromantik zur vorlauten österreichischen Spätromantik.

Jottseidank, die Bruckner-Sechste gibt es nur in einer Fassung. Kein Stress mit Varianten. Daniel Barenboim dirigiert wie Lord Nelson die britische Flotte bei Trafalgar: konzentriert und souverän, in genauer Kenntnis der Umstände, mit voller Kraft vorrückend. Die Streicher schmolzen 

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Kritik Berliner Philharmoniker Missa Solemnis: Herbert Blomstedt Ruth Ziesak

Heute abend als Absacker nach zwei anstrengenden (kleine Übertreibung am Rande) Wochen mit Rattle-Walküren und Domingo-Boccanegras: Missa Solemnis.

Ich gehe nicht gern in die unsinnliche Missa Solemnis. Wenn ich gehe, dann unter dem Motto „Muss es sein? Es muss sein!“. Heute musste es sein. Wehmütig denke ich an den Herbst zurück: Im Vergleich zur Missa Solemnis war die von Harnoncourt dirigierte C-Dur-Messe ein flotter Feger. Wahrscheinlich geht man in die Missa Solemnis, um Abbitte zu leisten für Vergnügen an Strauss, Chabrier, Puccini (seufz).

Herbert Blomstedt. Er entlässt Beethoven in die Schwebe. Weiterlesen

Kritik Staatsoper Berlin Simon Boccanegra: Plácido Domingo, Anja Harteros, Fabio Sartori, Kwangchul Youn

Anja Harteros Staatsoper Berlin
Sopranstatue: Anja Harteros // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Hier Besprechung „Simon Boccanegra“ 2025 lesen!

Boccanegra in der Staatsoper. Nachmittags unter der wärmenden Sonne des (noch kalten) Müggelsees, abends unter der wärmenden Sonne Verdis – was will man mehr?

Anja Harteros: Ach, wie sie dasteht. Wie sie sich bewegt. Eine Bühnenstatue wie Nina Hoss. Ein Gemälde wie von Feuerbach. Sie hat das Lächeln in der Stimme, aber nicht immer das Gefühl in der Stimme. „Come in quest’ora bruna“ hat Frau Harteros ganz gut, aber ein bissl belegt gesungen, besser, das heißt sehr gut, ist Harteros dann so gut wie überall sonst. Ihre makellosen Gesangslinien sind ein Ereignis. Sehr charakteristische, klangstarke, fokussierte, perfekt auf dem Atem

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Ach nööööööö. Staatsoper Berlin erst 2015 fertig.

Au wei, Staatsoper: Betrieb vor 2015 is nich // Foto: Christian von Steffelin / staatsoper-berlin.de

Au wei, Staatsoper: Betrieb vor 2015 is nich // Foto: Christian von Steffelin / staatsoper-berlin.de

Da haben wir den Salat. Die Staatsoper unter den Linden soll erst im April 2015 fertig werden, so Senatsbaudirektorin Regula Lüscher. Schuld an der Verzögerung sind weder ein neuerliche Babypause von Anna Netrebko noch ein Sabbatical von Jürgen Flimm, Weiterlesen

Anna Netrebko Absage München: Anna sagt Пока Пока, Мюнхен

Anna Netrebko sagt „Tschüssi, München“. A.N. singt ihre restlichen Vorstellungen in I Capuleti e i Montecchi an der Staatsoper München nicht mehr. Am 23. & 26. Mai springt Eri Nakamura für Netrebko ein und singt Giulietta. Die russische Sängerin mit dem üppigen Samtsopran ist krank, sagt bayerische.staatsoper.de. Netrebko sang am Samstag noch in I Capuleti e i Montecchi zusammen mit Vesselina Kasarova. Sie hörte sich gesund an, sie sah gesund aus. Und nun das: krank! Die Bayrische Staatsopernkasse erstattet gnädigerweise die Hälfte des Kartenpreises, allerdings nachträglich. Als Berliner sagt man da: Tja, Leutchen, so kanns jehn. Und übrigens, Kopf hoch: 2 mickrige Münchener Netrebko-Absagen sind ja nun mal rein gar nichts gegen 5 Berliner Netrebko-Absagen.