Berliner Philharmoniker Petrenko: Mahler 6. Sinfonie

Zu Saisonbeginn gab es die Neunte von Beethoven. Jetzt traut sich Petrenko an die Sechste von Mahler. Auf Utopie und Jubel folgt nun also Schicksal und Menschenweh. Und man kann sagen: Nach einem hochinteressanten Abend in der Philharmonie ist Kirill Petrenko wieder ein Stückchen mehr in Berlin angekommen.

Denn noch läuft die Phase gegenseitigen Beschnupperns. Was macht er? Wie ist er? Wer ist er? Den neuen Chef gibt es ja bislang nur häppchenweise – der Russe und Wahlösterreicher dirigiert gern und oft an der Bayerischen Staatsoper, und das bis 2021. Schwankte das Suk-Beethoven-Programm vor zwei Wochen noch zwischen apart und Routine, so ist die Sinfonie Nr. 6, die es jetzt in der Philharmonie zu hören gibt, jedenfalls alles andere als ein Häppchen. Und Petrenkos Zugriff gehört ganz Petrenko. Das ist gut. Wenn auch noch längst nicht alles rund läuft. 

Denn das Maß an (preußisch?) blankgeschliffenem Drill ist enorm. Vorbei sind die schönen Mahler-Tage, da Rattle den Berlinern eine Art sinnlicher (Wahl-)Freiheit ließ.

Weiterlesen

Ultraschall Berlin 2020 III: Verunelli, Ratkje, Guerrero, Lévy

Schluss. Aus. Vorbei. Ultraschall Berlin 2020 ist Geschichte.

Zuvor gibt es jedoch an den Spielstätten des finalen Ultraschalltags noch jede Menge Neues und Neuestes. Wie fällt das Tagesfazit aus? Zwiespältig. Macht aber nichts. Die zeitgenössische Musiklandschaft mitsamt ihren unterschiedlichen Musikkonzeptionen ist eben unendlich vielfältig.

Ultraschall Abgesang partitur
Ultraschall 2020
Weiterlesen

Ultraschall II: Minguet Quartett, Golem, Mirela Ivičević

Ultraschall Berlin läuft auf Hochtouren. Ultraschall-Etappe Nr. 4 verschlägt es ins Radialsystem V – der Festival-Tag ist vollgepackt mit vier Konzerten. Neue-Musik-Fans können froh sein, bis kurz vor Mitternacht gibt es Festivalprogramm satt an diesem januarsonnigen Berliner Wintertag.

Ultraschall Nemtsov
Vier Notenständer, Minguet Quartett, Sarah Nemtsov
Weiterlesen

Ultraschall Berlin I: Nemtsov, Widmann, Clara Iannotta, Trio Accanto

Ultraschall Berlin zieht an Tag 2 in den Südostteil der Stadt und macht im Heimathafen Neukölln Halt. Das Programm bringt ein Komponistinnenporträt und einen Trio-Abend.

Im heimeligen Stucksaal des Heimathafens präsentiert das JACK Quartet vier Streichquartette der in Berlin lebenden Italienerin Clara Iannotta. Die vier Werke ähneln dank eines ausgeprägten Personalstils einander stark. Sie tönen leise, arbeiten mit präparierten Instrumenten und klingen, als lausche man einer tektonischen Plattenverschiebung. Von allen geht die Faszination des Fremden aus. Beim Hören werden allerdings auch Unterschiede deutlich. Dead wasps in the jam jar (iii) beschreibt rätselhafte Vorgänge, von denen man als Hörer gleichsam nur entfernte Schatten bemerkt. Die für Iannotta konstituierenden, unheimlich körperlichen Reibprozesse schaffen dabei äußerste Ferne und verstörende Gegenwart.

Carla Iannotta Ultraschall Berlin 2020
Clara Iannotta: Die Komponistin stürmt die Bühne

Doch im folgenden A failed Entertainment wirken die Spielfiguren plötzlich plastischer, die Aktionen schärfer gefasst, ist der Klang gläserner, die Faktur lockerer. Die so entstehenden Gebilde scheinen von mikroskopisch ausdifferenzierter Plastizität und Haptik. Das JACK Quartet agiert vorbildlich konzentriert.

Weiterlesen

Staatskapelle: Pinchas Zukerman mit Elgar

Schlagwörter

Über 70 ist der Geiger Pinchas Zukerman.

Wenn Zukerman Unter den Linden das Violinkonzert des Briten Edward Elgar spielt, dann ist der Unterschied zur jüngeren Geigengeneration schon mit dem Einsetzen des so elgarisch weitläufigen, freundlich gelösten Themas in der Solostimme mit Händen und Ohren greifbar. Zukermans Klang ist voll. Dunkel singend, insistierend und elegisch zugleich der Ton. Gelassen tönt das Portamento. Zukerman klingt plötzlich wie von einem anderen Stern. Weit weg ist da die mathematische Klarheit der Damen Hahn und Fischer, das gewollt Rabiate bei Kopatschinskaja oder das Auktoriale bei Zimmermann.  Weiterlesen

Spectrum Concerts: Panufnik Bartók Elgar Hartmann

Die Spectrum Concerts widmen ihren ersten Auftritt im neuen Jahrzehnt Werken von den Repertoirerändern. Das Konzert ist mit vier Neben- und Hauptwerken, mit Früh- und Spätwerken von Großen und ganz Großen bestückt, schlägt einen Radius von der Protomoderne des Engländers Elgar bis zur klugen Spätmoderne des Polen Panufnik.

Bildschirmfoto 2020-01-06 um 09.21.24.png

Eine gediegenere Werkauswahl scheint kaum möglich. 22 Musiker ist das Spectrum-Ensemble heute Abend stark – junge Talente sind in Vielzahl dabei.

Weiterlesen

Prokofjew: Die Verlobung im Kloster

Die Staatsoper startet mit Prokofjews Lustspiel-Rarität Die Verlobung im Kloster ins nagelneue Jahrzehnt. Handlung und Personal (Entstehung 1940, Uraufführung 1946) schlachten genüsslich die Stereotypen der komischen Oper aus. Ein starrsinniger Vater will seine Tochter zu einer Verbindung mit einem reichen Fischhändler zwingen (dem nicht mit Minderwertigkeitskomplexen geschlagenen Mendoza), doch die patente Tochter ergattert mittels turbulenten Verwechslungen ihren mittellosen, aber wohlgestalteten Geliebten. Die besondere Volte besteht darin, dass die Amme (wunderbar matronenreif: Violeta Urmana) sich zu guter Letzt den ausgebooteten Fischhändler angelt.

Bildschirmfoto 2020-01-03 um 08.46.04.png

Weiterlesen

Staatskapelle: Elīna Garanča mit Elgars Sea Pictures

Elīna Garanča singt im 3. Abonnementkonzert die Sea Pictures von Elgar (1899). Beides, Lieder und Interpretation, überzeugen.

Beim ersten, Sea Slumber-Song, und zweiten, In Haven (Capri), scheint die Singstimme nach innen gewandt. Das Schlaflied ist eine bestrickende Fantasie, das Capri-Lied stellt die Treue der Geliebten dem unbeständigen Meer gegenüber. Die zurückhaltende Instrumentation erhöht nur den Reiz. Elīna Garanča interpretiert mit ebensolcher Zurückhaltung und ist darin ganz die große Interpretin. Nuancen und Farben passieren en passant. Weiterlesen

Komische Oper: Traviata

Mit der kühlen La Traviata an der Komischen Oper hat Berlin nun wieder drei Traviatas, eine an der Bismarckstraße, eine Unter den Linden, und seit letzten Sonntag eine an der Behrensstraße, was Verdi-Fans nicht nur in Berlin freuen dürfte.

La Traviata Komische Oper Berlin Iko Freese

Am schönsten an der Neuproduktion an der Komischen Oper von Nicola Raab sind die Bilder, Bilder, die überzeugend von Vergnügungsgier, von Vereinsamung und vom verlöschenden Leben erzählen. Nichts Neues allerdings bei den Kostümen: Die stammen inzwischen Regie-Usus-üblich aus der Entstehungszeit des Werks. Nur Germont Vater (Günter Papendell als Gevatter Tod) trägt modernes Schwarz, und auch der Chor darf im heutigen Anzug ran. Plötzlich stürzt Herbstlaub rostrot vom Himmel. Schön anzuschauen ist das.

Weiterlesen

Kritik Tristan und Isolde Deutsche Oper Berlin

Ist der Deutschen Oper bewusst, dass ein Vorstellungsbeginn von 16 Uhr 1.800 Berliner Familien das nachmittägliche Plätzchenessen unmöglich macht?

Das Haus an der Bismarckstraße zahlt es bei der Wiederaufnahme von Tristan und Isolde den Besuchern allerdings heim, zwar nicht in Form von Vanillekipferln, aber – immerhin – in feinen Gesangskipferln. In der Inszenierung von Graham Vick, die aus Wagners Liebessehnsuchtswerk eine Wohnzimmeroper ohne Trost und Illusion macht. Öd das Bungalow-Heim, in dem ein Sarg und tropfnasse Terrassentüren dominieren (Bühne: Paul Brown).

Weiterlesen