Orchesterlieder von Richard Strauss mit Kleiter und Krimmel. Die Staatskapelle Berlin spielt. Die Strausslieder mischen Bekanntes und weniger Bekanntes.

Aus dem hinreichend bekannten op. 27 kommen die Nummern 1 und 4, beide singt Julia Kleiter. Ruhe meine Seele ist von bekenntnishafter Kraft (Henckell, Nicht ein Lüftchen), hat große dynamische Gegensätze. Wenn in Strophe drei Herz und Hirn in Not sind, so ist es Kleiters Sopran gerade nicht. Morgen ist hingegen eine „lichte Glücksvision“ (Mackay, Und morgen wird). Moment. Singt Kleiter Morgen nicht als Zwiegespräch? Und nicht wie Fleming mit einem komplizenhaften Lächeln in der Stimme. Sondern als leises, konzentriertes Zwiegespräch mit dem Zuhörer im Saal. Irre. Die Stimme ist in Nr. 1 ein, zwei Momente lang zu leicht.

Die Vier Gesänge op. 33 sind originäre Orchesterlieder, sie sind nicht häufig zu hören, die Hälfte der neueren Aufnahmen leitet Thielemann. Kleiter singt das glutvoll aufrauschende Verführung (Mackay, Der Tag, der schwüle). Dessen Pomp soll Thielemanns Eilschritt unterlaufen. Was gut klappt, da singt Kleiter ganz auf den Punkt, ohne eine Spur von unguter Schwelgerei, mit jener Blitzgescheitheit, die man von ihrer Fürstin im Rosenkavalier noch im Ohr hat. Die Staatskapelle ist hier gut. Konstantin Krimmel singt Pilgers Morgenlied. Das ist von ariosem Wogen erfüllt und trotz des Titels ein Liebeshymnus (Goethe, Morgennebel, Lila, hüllen). Hymnus hingegen ist ein Gesang an die Muse (Dass du mein Auge wecktest). Krimmel macht das schlank, schön-timbriert, Schmalz-frei, lyrisch erfüllt und klingt durch und durch modern.

Zuvor ein Gesang enthusiastischer Kraft, Nächtlicher Gang (Die Fahnen flattern im Mitternachtssturm, aus op. 44). Krimmel singt das. Die Muttertändelei (op. 43/2) danach gibt wieder Julia Kleiter. Das Stück ist keck sich verplauderndes Mutterglück. Kleiter führt das Lied, das Renée Fleming fast auf den Tag genau vor vier Jahren als Zugabe sang, bis zum Übermut der letzten Strophe. Blitzblank die Artikulation. Will Thielemann hier andauernd schneller als die Sängerin? Waldseligkeit aus op. 49 rundet den Eichendorff-Ton in das Gedenken an die Geliebte (Dehmel, Der Wald beginnt zu rauschen). Kleiters geheimnisvolle Klarheit gibt hier beides, Intimität des Naturgefühls und Aufrichtigkeit des Herzens. Für mich, für den Flemings Strauss dann doch immer zu viel Sauce in der freilich außerordentlichen Stimme war, nah an der Perfektion.

Die Zugaben: Ich trage meine Minne (Krimmel) und Traum durch die Dämmerung (Kleiter). Beide Stimmen, besonders Krimmel, haben mitunter Probleme, bei vollem Orchester den Saal bis in den oberen Rang zu füllen. Christian Thielemann und die Staatskapelle: besser geht nicht. Man braucht da auch nicht die Philharmoniker.

Beethovens Sinfonie Nr. 6.

Die ersten zwei Sätze sind zäh. Der Kuckuck wird zu sehr herausgestellt. Ich finde es langweilig. Der Tanzsatz ist plötzlich wuchtig. Paul Bekker hörte im Scherzo 1922 zuerst die herbeilaufenden „Dorfschönen“, im Trio dann die herbeieilende Dorfkapelle – erst Oboe, dann Fagott („mit behäbigem Phlegma“, na typisch), dann Klarinetten, dann Horn -, dann das Walzertanzvergnügen. Das Finale ist absolut herrlich. Der Plan von Thielemann: Satz 1 und 2 langsam, dann schneller und das Finale noch schneller. Das Solohorn mit unheimlich schönen, doch immer in den Gesamtklang gebetteten Stellen.

Etwas unstet auch die Egmont-Ouvertüre.

Doch ganz witzig die Korrespondenzen zwischen Beethovens Tonmalerei und der von Strauss. Hier Kuckuck und Nachtigall, die Tropfen am Beginn und die genialen Schauergüsse am Ende des Gewitters, bei Strauss das Klingeln der Taler in Muttertändelei, das Rauschen des Waldes, das crazy Klappern der Skelette in Nächtlicher Gang.

Paul Bekker tadelt Beethoven bei der Sechsten übrigens: „Sein [Beethovens] Naturverlangen war mehr Erholungsbedürfnis als Drang nach neuen Gestaltungsproblemen.“ Soweit der bekannteste Musikautor der Weimarer Republik. Das Beethovenbuch von Bekker, das ich habe, Auflage 1922, war übrigens ab 1926 Teil der Bibliothek des Zoologen Gerhard Heberer, in den 30ern Mitglied des Rasse- und Siedlungshauptamts der SS. Deutsche Geschichte.