Das Klavierkonzert Nr. 2 von Brahms im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.
Der englische Pianist Stephen Hough ersetzt den US-Amerikaner Yefim Bronfman, das ist ungefähr so, als wäre Artemis 2 nicht vor Kalifornien, sondern in der Themse irgendwo zwischen Oxford und Reading gelandet. Wie spielt Hough das B-Dur-Konzert? Hellstimmig und pointierend. Man merkt, woher der Brahms-Wind weht. Hough ist am Flügel ein unerbittlicher, enorm intelligenter Kommentator, dazu spritzen metallisch die Triller-Exzesse (1. Satz, in Expo und Reprise jeweils vor dem Schluss-Tutti). Der Pianist Hough ist ein Klangeinbettungsverweigerer. Was sehr oft an der Grenze zum Trockenen ist. Konventionell spätromantischer Klang? Never ever. Er spielt bei Weitem nicht fehlerfrei, darf man als kurzfristiger Einspringer aber.
Von Wladimir Jurowski kommt dunkel gerundeter, weiträumiger Brahms – und stets reich an Untertönen. Ich bin Stephen Hough immer noch dankbar für die Einspielungen der Konzerte von Sauer und Scharwenka (mit CBSO).
Tollkühn kombiniert das RSB Brahms von ca. 1880 mit dem ersten Aufzug von Wagners Die Walküre von ca. 1855. Gabs in Berlin schon mal zwei Hauptwerke beider in einem Konzert?
Die Stimme von Irene Roberts öffnet sich brillant in der Höhe, Roberts singt die Sieglinde mit sorgfältiger Wärme. Schön, mit welchem Gespür sie mit dem RSB mitgeht. Und auch mimisch, nämlich Handlungs-illustrierend, mitmacht. Der geächtete Wälsenspross ist Joachim Bäckström, der agiert angenehm hell und wortverständlich. Man hört zweierlei: sehr schlankes Heldenpathos, und coole, fast nervöse Smartness. Die schöne Stimme tönt (derzeit) doch hauptsächlich lyrisch, ist vermutlich nicht gemacht, um 20 Siegmunds pro Saison zu singen. Beide singen ohne letzte Nuancen der Textvergegenwärtigung. Souverän strahlt Mika Kares die dunkle Würde des betrogenen Bösewichts aus: Ich weiß ein wildes Geschlecht.

Jurowski dirigert sorgfältig. Aber für mich zu langsam. Denn in einer konzertanten Aufführung ist es einfach sauschwer, die Spannung in den reinen, mit Siegmund-, Sieglinde-, Geschwisterliebe– und Liebesmotiv gespickten Orchesterpassagen oder im endlosen Friedmund darf ich nicht heißen-Monolog zu halten.
Hörenswert der Podcast von Katharina Neuschaefer, ich höre das dann nach dem Konzert.