Staatsopern-Vorschau: Vesselina Kasarova singt, Plácido Domingo singt, Dorothea Röschmann singt, Christine Schäfer auch

Die Enttäuschung für die Saison 2008/2009: Simon Rattle kehrt nach dem K2 seines Debussy-Dirigats nicht wieder als Dirigent an die Staatsoper zurück. Was für einen durchtriebenen Parsifal-Koloss könnte Rattle dem gigantischen Parsifal Barenboims entgegensetzen, was für einen schmerzlich schönen Rosenkavalier würde Rattle dirigieren, was für eine stechende Traviata. Weitere Enttäuschung: Barenboim wird ausgerechnet Aida dirigieren, deren leidenschaftslose Inszenierung die Augen schmerzt. Villazón, Pape, Samuil, Achim Freyer und Barenboim werden Eugen Onegin zelebrieren. Vesselina Kasarova singt in L’Italiana in Algeri. Dorothea Röschmann singt Elsa und Marschallin, Magdalena Kozena Octavian. Peter Ruzicka wird die eigene Uraufführung Hölderlin leiten. Christine Schäfer singt Konstanze. Waltraud Meier singt Leonore und Kundry. Plácido Domingo Parsifal mit dem Luft von sämtlichen Wagner-Planeten fühlenden René Pape als Gurnemanz. Falk Struckmann singt Don Pizarro. Johan Botha Florestan. Angela Denoke singt Salome und Marschallin, Piotr Beczala Riccardo, Catherine Naglestad Amelia. Pavol Breslik, der umwerfende Don Ottavio unter Barenboim, wird hoffentlich ein genauso umwerfender Belmonte. Andris Nelsons‚ Turandot interessiert, Gustavo Dudamels Don Giovanni ebenso, man hofft, dass Asher Fisch Rosenkavalier gut hinbekommt. Philippe Jordan leitet Maskenball. Das Vorspiel zum Maskenball hört man imaginär schon.

Die Saison 2008/2009 in der Berliner Philharmonie

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Es ist Sommer, die Hitze drückt. Ich krame Erinnerungen hervor. Dies war die Saison:

Das beglückendste Konzert: Claudio Abbado Mahler Schubert
Exemplarische Komplexität: Simon Rattle Brahms/Bruckner
Die souveränste Langeweile: Mariss Jansons Bruckner (CGO)
Streicher-Perfektion: Mariss Jansons Poulenc (CGO)
Das schnittigste Tempo: Daniel Harding Bruckner (LSO)
Der Unergründlichste: Maurizio Pollini Chopin
Durchdachte Musikalität in Perfektion: Anne-Sophie Mutter Mendelssohn-Bartholdy
Der Eilende: Lang Lang Mendelssohn-Bartholdy
Die uninteressanteste Langeweile: Trevor Pinnock Mozart

Berliner Philharmoniker – Pierre Boulez: Bartók Musik für Streichinstrumente, Schlagzeug und Celesta Ravel Klavierkonzert D-Dur Boulez Notations (Pierre Laurent Aimard)

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Solène Kermarrecs rotes Cello ist nicht mehr da. Kermarrec spielt auf einem neuen Instrument. Die Phillies erweiterten für die Notations die Kernbesetzung. Zwei Frauen an den Kontrabässen, drei an den Celli waren etwas Besonderes. Eine schwarze Bratschistin habe ich zum ersten Mal in meinem Leben als Konzertgänger gesehen. Das Duo mit dem gewissen Etwas, Mayer/Pahud (Oboe/Flöte), weicht dem Duo Kelly/Blau mit einem Hauch weniger gewissem Extra. Boulez‘ Notations sind äußerst stilisiert, konzentriert und klar disponiert. Ihre Aufführung durch den Komponisten war einer der Höhepunkte der sich in fortgeschrittener Vorsommerphase befindenden Saison. So mussten sich die Zuhörer in den 1920ern gefühlt haben, als Richard Strauss in der alten Philharmonie die Rosenkavalier-Suite dirigierte, ähnlich sparsam, ähnlich unbeweglich, mit ähnlich unaufdringlicher Autorität. Für die Notations wird der Pult verstärkt, um die Partitur, aus mehreren dünnen Folianten bestehend, tragen zu können.

Drei Harfen, sechs Hörner, zehn Kontrabässe, die Bratschen sitzen in der Mitte, sieben oder acht Schlagzeuger. Einige Stellen dirigiert Boulez mit pistolenartig ausgestrecktem Doppelfinger. Es handelt sich um das Dirigat eines begnadeten Handwerkers. Boulez‘ rechte Hand ist ein effizienter Klappmechanismus in beständiger Auf-und-Ab-Bewegung. In Pierre Boulez‘ Gesicht herrscht stoischer Neutralismus. Pierre-Laurent Aimard wirkt wie ein nervöser, sehr sympathischer Germanistikprofessor der Sorbonne. Hatte Aimards Kittel keine Knopfleiste? Ich habe keine gesehen. Wie kam er dann durch die enge Halsöffnung? Nach der Überreichung des Blumenstraußes eilt er hinter dem Saalmädel her, das den Strauß überreichte. Aimard spielt als Zugabe Auszüge aus der Klavierfassung der Notations. Das Klavierkonzert besitzt sehr schöne Blech-Holzbläser-Gegensätze und ist fast etwas kurz geraten – bekanntlich das Manko aller sehr guten Stücke. Aimard schlägt sich gut, doch er ist kein ganz Großer. Dazu fehlt es an letzter Klarheit und Eigenart.

Berliner Philharmoniker – Claudio Abbado: Schubert Rosamunde Mahler Orchesterlieder Debussy La Mer (Angelika Kirchschlager)

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Zum Tod von Claudio Abbado.

Es war gar nicht schlecht, am Abend zuvor Beethovens Neunte vor dem Brandenburger Tor, im Beisein einer gut gelaunten Frau Merkel und einer simsenden Frau Künast, gehört zu haben. Von der Beethoven-Sinfonie blieben besonders die Paukenschläge in Erinnerung, die wie Musik nach der Musik klangen. Anne Schwanewilms trug ein rotes Samtkleid, das wirkte, als verbrächte es die größte Zeit seiner Existenz in einem dunklen Kleiderschrank. Jonas Kaufmann trug Krawatte. Waltraud Meier (ich bringe an dieser Stelle ein Hoch auf ihre Staatsopern-Isolde aus) grinste breit, sah blendend aus und trug als einzige auf dem Podium Sonnenbrille. Wahrscheinlich wagte Barenboim nicht, ihr diese zu verbieten. René Pape trug Joppe. Nie erträgt man jene Banausen, die vor dem Alla turca des Finales klatschen, entspannter als an diesem prächtigen Frühsommervorabend.

Und damit zu Claudio Abbado rund 24 Stunden später. Claudio Abbado kommt zu immer wunderlicheren

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Oslo Philharmonic – Jukka-Pekka Saraste: Berlioz Carneval Romain Mendelssohn Violinkonzert Sibelius Sinfonie Nr. 1 (Anne-Sophie Mutter)

Anne Sophie-Mutters elegante Haarskulptur bewegt sich während der schlussendlichen, tiefen Verbeugung keinen Zentimeter. Ihr Spiel scheint noch immer das überzeugendste. Ihr einziger, ewiger Konkurrent Gidon Kremer ist im Oktober zwei Mal in Berlin zu hören. Jukka-Pekka Saraste OK, Orchester OK, die Osloer spielen einen relativ robusten Mendelssohn. Vor Sibelius bin ich rausgegangen.

Berliner Philharmoniker – Gustavo Dudamel: Rachmaninow Toteninsel Strawinsky Violinkonzert Prokofjew Sinfonie Nr. 5 (Victoria Mullova)

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Wie sagte die New York Times zum Violinkonzert Strawinskys im Jahre 1931: „ignoble artifice, vacuity and cynical sophistication…“ Es ist nun einmal eines der schönsten Werke des zwanzigsten Jahrhunderts. Viktoria Mullova spielte versiert und kontrolliert, und etwas zu eifrig. Irgendwie war es langweilig. Ihr Spiel besitzt keine Spannung und wenige Details. Es war die schlechteste Interpretation eines Violinkonzertes seit langem. Dudamels Interpretation des Strawinsky-Konzerts erreichte bei weitem nicht die Vollkommenheit des Agon, den Rattle im Herbst 2006 w polnom cowerschennstwe dirigierte. Rachmaninows Toteninsel erwies sich als uninteressanter als das die Tondichtung inspirierende, zwei Kilometer weiter hängende Gemälde Böcklins. Die Beliebtheit der Toteninsel kann ich nicht verstehen.

Es gibt in Prokofjews Sinfonien immer die eine oder andere Stelle, wo es nach bequemem Komponieren riecht. Bei der Fünften betrifft das eigentümlicherweise die ganze Sinfonie. Die Fünfte hat nicht die Leidenschaft der Dritten, nicht die Trauer der Sechsten und den Wagemut des ersten Satzes der Zweiten. Gustavo Dudamel drang nicht ganz durch. Irgendwie war es ärgerlich. Dudamel dirigiert Rachmaninow, als würden ihn aufquellende Magmablasen durchziehen, Strawinsky, als wäre er Petruschka am Marionettendraht, und Prokofjew, als wäre er ein Zappelphilipp auf Hasch. Unablässiges Lächeln auf den Lippen.

Das Orchester schien ein bisserl unbeteiligt. Dudamels fabelhafter Don Giovanni zwei Wochen später an der Staatsoper war im Vergleich dazu ein staunenswerter Qualitätssprung. Die ausladende Gestik Dudamels scheint den Philharmonikern hin und wieder etwas zu viel des Guten zu sein. Sie lassen Dudamel dirigieren und spielen, wie sie es für gut befinden. So der Eindruck. Ich fühle mich an Dan Ettinger erinnert, der an der Staatsoper mit barenboimscher Gestik unbarenboimsche Wirkungen erreicht.

Wer war denn die kulleräugige Cellistin? Na, der Rachmaninow hatte doch was. Schlechtes Konzert, alles in allem.

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Schumann Konzertstück für Orchester und vier Hörner Schumann Klavierkonzert Zimmermann Sinfonie Schumann Sinfonie Nr. 4

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Rattle lässt die vierte Sinfonie Schumanns außerordentlich schnell spielen. Die Philharmoniker spielen die erste Fassung – besonders in den Einleitungen zu den Ecksätzen hört man Unterschiede zur bekannteren zweiten Fassung von 1851. Rattles Lust an der expressiven Betonung setzt im einleitenden „Ziemlich langsam“ den Achtelketten übermächtige Akzente ein. Die Sinfonie wirkt komprimiert, die Exposition wird nicht wiederholt. Darüber hinaus führen die Überlänge der Durchführung und der Verzicht auf eine klassische Reprise zum Eindruck einer fieberhaften Erregung den ganzen Satz hindurch.

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Schumann Das Paradies und die Peri

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Man hatte an diesem Abend ausführlich Gelegenheit, sich über ein Missverständnis zu einigen. An Schumanns Das Paradies und die Peri ist kein Mangel an Kompositionstalent, sondern ein Mangel an Temperament zu beklagen, ein Mangel, der rein musikalisch nicht mehr zu erklären ist. Man ahnt, was Robert Schumann hier wollte: Reinheit, Lyrismus, geläuterte Musik. Komisch: Die Parallele zum Parsifal-Libretto fiel mehrmals auf. Das Programmheft beschreibt die Orchestrierung als „prall gefüllt mit markanten Abschattierungen“ – ein logisches und musikalisches

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Berliner Philharmoniker – Seji Ozawa: Mendelssohn-Bartholdy Klavierkonzert Nr. 1 Bruckner Sinfonie Nr. 1 (Lang Lang)

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Wer den sechsundzwanzigjährigen Lang Lang unter donnerndem Applaus vom Podium gehen sieht, spürt die Last, die das Dasein als junger Star bringt. Unsicher winkt er auf dem Gang ins Künstlerzimmer zwei Mal ins weit über ihm sitzende Publikum der Philharmonie. Unsicher lächelt er. Unsicher steht er neben Ozawa, der den Konzertmeistern der Philharmoniker mit rührendem Eifer dankt; Lang Lang weiß vor Verlegenheit nicht, wohin mit den Händen. Also legt er die Fäuste auf den Hüften ab. Wann hat man das in der Philharmonie schon einmal gesehen?

Lang Lang in der Philharmonie

Der Druck des Publikums, das eine Zugabe erwartet, lastet sichtbar auf Lang Lang. Er gibt keine und scheint nicht glücklich damit. In diesen Momenten mag sich Lang Lang nach der Souveränität Pollinis sehnen, der Zugaben, wenn er denn keine gibt, mit einer zerstreuten Prinzipienfestigkeit nicht gibt, die auf ganzer Linie einnimmt. Lang Lang schmeißt die Linke nach dem Schlussakkord des Finales tatsächlich über die Schulter.

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Berliner Philharmoniker – Sakari Oramo: Zimmermann Photoptosis Schumann Violinkonzert Sinfonie Nr. 2 (Isabelle Faust)

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Bericht Berliner Philharmoniker. Sakari Oramo biegt den Körper schwungvoll durch. Er trägt Brille, hat ein nettes Gesicht und zieht den Dirigierstab wie ein Degen durch die Luft. Das ist zu Oramo zu sagen. Das Orchester nimmt Oramos glückstrahlende Dankesgesten den Musikern gegenüber mit ruhiger Gelassenheit entgegen. Es gab Zimmermanns beißend virtuoses Photoptosis, Schumanns erstaunliches Violinkonzert und die zweite Sinfonie von Schumann. Das Violinkonzert zeigt eine entzückende Einfachheit der Sprache. Das verzweifelte Bemühen um abstrakte Einfachheit lässt an Parsifal denken. Die Verzahnung von Soloinstrument und Orchester ist noch weitreichender als beim Klavierkonzert. Die Satzschlüsse von Satz eins und drei sind von atemberaubender Unspektakularität. Im ‚Langsam‘ hört man, wie ein Orchester Kammermusik macht. Isabelle Faust trägt ein Kleid, das einer Salonbesitzerin im Wilden Westen alle Ehre gemacht hätte. Sakari Oramo befeuert, doch nicht bis in die Ritzen des Klangs. Nicht bis in die Haarspitzen der Orchestergesten. Einiges klang ohne ein Empfinden für zu breite Lautstärke. Für Ausdrucksnuancen bei Schumanns hübscher Zweiter. Konzertmeister Toru Yasunaga. Endlich einmal wieder Emmanuel Pahud an der Soloflöte. Jonathan Kelly Solooboe. Photoptosis gelang Oramo am besten.

Berliner Philharmoniker – Bernard Haitink: Mahler Sinfonie Nr. 7

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Bericht Berliner Philharmoniker. Mahlers Siebte ist ein Schlachtfest, jedoch ein heiteres, und, da Haitink dirigiert, ein sachliches. Im Finale sieht man die Zünfte diverser Meistersinger-Inszenierungen vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Ein ausgedehnterer Sonatenhauptsatz als das Allegro con fuoco dürfte schwerlich zu finden sein. Kräftiges, robustes Posaunensolo zu Beginn des Allegros, dann das energische Hornsolo von Radek Baborák. Der einzige leise Makel in diesem wunderlichsten aller ersten Sätze Mahlers sind diese allzu Beethovensch wirkenden Themenmodulationen in der Durchführung. Die Binnensätze entzücken.

Die Farbmischung der Orchesterstimmen Mahlers unterliegt ständigen, unvorstellbar subtilen Wechseln. Bei weitem nicht ausverkauft. Konzertmeister ist Daniel Stabrawa. Soloflötist ist Andreas Blau. Nabil Shehata (Solobassist) nun schon länger nicht mehr gesehen. Haitink hält sich aufrecht. Der Stab wird sparsam eingesetzt. Die kräftigen, gerundeten Hände und die schweren Augenwülste sieht man bis in die hinteren Reihen. Wenn Haitink sich vorbeugt, erscheint er etwas halslos. Einiges an der Haltung wirkt hin und wieder chevaleresk. Die lichte Haarkrone zittert ab und an. Das gletscherweiße Gleißen des Tutti des Finales setzt den Schluss. Wenn Rattle Haitinks Überblick hätte, wäre Rattle ein Über-Rattle. Doch halt! Bernard Haitinks Überblick ist ein milder Überblick, Ozawas Überblick ist ein kaltblütiger. Den bräuchte Rattle. Eines der guten Dirigate Haitinks.

Berliner Philharmoniker – Zubin Mehta: Carter Three Illusions Beethoven Klavierkonzert Nr. 4 Strauss Sinfonia Domestica (Murray Perahia)

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Bericht Berliner Philharmoniker. Die Sinfonia Domestica war die seit langem eindrucksvollste Leistung Zubin Mehtas, die mir bekannt geworden ist. Die Sinfonia Domestica ist besser als ihr Ruf. Man sollte davon abrücken, in Programmheften detailliert darzustellen, welche Familienszenen im einzelnen Richard Strauss bei den verschiedenen Stellen im Kopf hatte. Das macht die Domestica gewöhnlicher als sie ist. Gewöhnlich sind nur die Themen. Doch ihre Fortentwicklung ist großartig, und als Orchesterstück ist das ganze prächtig. Wenn Strauss es nicht lassen kann, seine Frau mit musikalischen Mitteln in einer Sinfonie schildern, sollte man ihm das Vergnügen lassen, solange dies ihm die Gelegenheit gibt, derartig rauschende Streicherkantilenen zu schreiben.

Die Sinfonia Domestica ist ein exzellentes Stück L’art pour l’art, das nur um der Orchestereffekte geschrieben wurde, und absolutere Musik als Salomes Schleiertanz. Dass die Inspirationsquelle für diese Sinfonie im großbrürgerlichen Ambiente von Charlottenburg zu suchen ist und nicht in der Bibel oder bei Hofmannsthal, scheint bei der Domstica wie ein Schwall frischer Luft gewirkt zu haben. Bewundernswürdige Lockerheit des dirigierenden Mehta. Kaum bewegter, gerade gehaltener Körper inmitten stürmischen Orchestergeschehens neben schwungvollen Körperdrehungen. Sachliche Grandezza. Beethovens Klavierkonzert unter Zubin Mehta und mit Murray Perahia vor der Pause klang zahm. Pollinis Schumannkonzert vom Montag sowie Simon Rattles und Daniel Barenboims Beethovendarbietungen vom Vorjahr lagen noch im Ohr.

Mehta lässt es fließen. Man vermisst bei Mehta eine deutlichere Staffelung der Akzente, eine bewusstere Phrasierung, eine kräftigere Individualisierung – kurz Leidenschaft. Unter gewissen Blickwinkeln gleicht der alternde Mehta immer mehr dem nicht mehr ganz jungen Bernstein: die Haartolle, die Nase, die buschigen Brauen, das silberne Haar. Carters Three Illusions waren hübsch, die erste nicht miteingerechnet. Es ist Musik, an der kein Gramm Fett zu viel ist. Murray Perahia ist ein Grandseigneur. Seine von Schwere nicht freien Gesichtszüge, der edle Seitenscheitel, die zurückhaltende Mimik, die einem melancholischen Professor aus Oxford gut anstehen würde, tragen zur kultivierten Erscheinung bei. Der Reiz von Murray Perahias Spiel gründet auf einem vollen (baritonalen), dunkel leuchtenden (mahagoni-getönten) Anschlag. Skalen klingen perfekt ausgewogen, Triller flüssig und vollmundig. Perahias Spiel wirkt wie ein vergoldeter, auf Hochglanz polierter Schreibtisch eines englischen Herrenhauses. Daniel Stabrawa ist erster Konzertmeister. Andreas Blau ist Soloflötist.

Staatskapelle Berlin/Daniel Barenboim: Schumann Klavierkonzert Maurizio Pollini

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Neues Jahr, neues Glück. Langsam aber sicher beginnt man, Elliot Carter zu mögen. Das Allegro Scorrevole ist ein konzentriertes Stück Musik, das sich selbstbewusst einem spezifischen Klang und dessen überraschenden Abläufen zuwendet. Maurizio Pollini eilt mit vorgebeugtem Oberkörper an den Flügel. Bei den ersten Takten des ersten Satzes denkt man: das könnte auch jeder andere Pianist der Welt sein. Doch als der von Barenboim insistierend dirigierte erste Satz in Gang kommt, übertrifft Pollinis Spiel alles in den letzten Monaten (eigentlich seit Pollinis Klavierabend im letzten Mai) in Berlin Gehörte an Konsequenz und Logik.

Der aufregend fokussierte Klang, die überragende Klarheit des Spiels, die Zugkraft und der Logik des Passagenwerks, die dynamische (und seelische) Dämpfung der Phrasenhöhepunkte, die plötzliche Kraft der Abphrasierungen überzeugten vollkommen. Die stechende Leuchtkraft des Anschlags in der Kette von Spitzentönen in der Kadenz des ersten Satzes erscheint in nie gehörter Komprimierung und über das Hörbare hinaus nadelartig geschärft. Es gibt mehrere Stellen, an denen Ungeheuerliches geschieht, oftmals im ersten Satz, in den Zierfiguren des Intermezzos, in den stürmischen Mollteilen des Finales. Das Mitsingen ist dezent und gar nichts gegen Alfred Brendels Stöhnen. Das zweite Thema im ersten Satz beginnt Pollini eine Sekunde, bevor er es anfängt zu spielen, zu singen. Nach dem Konzert dankt Pollini dem Orchester mit rechtwinkelig erhobenem Arm in einer Mischung aus Grüßen und Zuwinken.

Während des Applauses, bei einem seiner unzähligen Gänge vom Künstlerzimmer zurück aufs Podium, glaubt er einmal Barenboim hinter sich, schaut auf Höhe des Konzertmeisters nach hinten, bemerkt, dass er alleine unterwegs und Barenboim im Künstlerzimmer geblieben ist, hält inne, will kehrt machen und kann nur aufgrund einer einladenden aber bestimmten Geste des Konzertmeisters Wolf-Dieter Batzdorf vom Umdrehen zurückgehalten werden. In der Philharmonie spielte er keine Zugabe. Die pianistische Technik Pollinis gebiert die Wunder der Beherrschung des Stoffs. Ein derartiger Grad an Objektivität erreicht kein anderer Pianist zur Zeit. Schade. In einer halben Stunde ist alles vorbei. Von Ravel ein ander Mal. Die Staatskapelle wirkte im Vergleich zur Perfektion Pollinis unsauber und ungenau sowie pauschal im Ausdruck.

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Brahms Klavierkonzert Nr. 1 Sinfonie Nr. 2

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Bericht Simon Rattle Berliner Philharmoniker. Man steckt recht tief im Jahr 2008, und es scheint, als seien die Philharmoniker Simon Rattle und Rattle sei die Philharmoniker. Man weiß nicht, ob man in die Philharmonie geht, um Rattle mit den Philharmonikern zu hören oder die Philharmoniker unter Rattle. Oder: um Brahms‘ Dritte zu hören, die man unter Abbado vor 16 Monaten hörte, oder um Rattle zu hören, der sich in den Kopf gesetzt hat, Brahms zu dirigieren (niemand würde das von ihm erwarten).

In der Pause hört man so was wie: „Mit Brahms kann der Rattle nichts anfangen“ (gesprochen im schwäbischen Akzent). Guy Braunstein ist bei der zweiten Sinfonie und beim Klavierkonzert erster Konzertmeister. Die Gestaltung der Linien ist auf dem höchsten Niveau. Geburt, Erstarken, Hypertrophie der Linie, ihr Abebben in Leisheit, führen zu ziemlich lohnenswerten Eindrücken. Rattles Leisheit in den Binnensätzen ist grandios wie die Abbados, doch weniger literarisch konzipiert als vielmehr direkter aus der Partitur hervorgehend. Es gibt derzeit keinen Dirigenten, der vehementer zum Hören zwingt.

Lars Vogt ist einer der Pianisten, die nicht dazu hinreißen, sich inmitten des Finalsatzes zu erheben, um lautstark zu klatschen, an denen jedoch selbst ein konzentriertes Gehör kaum einen noch so kleinen Makel, etwa Unkonzentriertheiten der Linienführung oder verbummelte Akzente, entdecken mag. Der Anschlag Vogts ist etwas körperlich und weniger schwebend, eher kühl, kontrolliert, und mit einem sehr präzisen Klangkern versehen. Vogt spielt ein herbes Brahmskonzert mit einem Schuss Kühle und einem Spritzer Hemdsärmligkeit. Einen Mangel, wenn schon keinen Makel, in Vogts Spiel gab es womöglich doch: die nicht zündenden, eher polternden ff-Stellen. Doch mögen die Philharmoniker hier ihrerseits recht laut gewesen sein. Brahms‘ erstes Klavierkonzert überfordert (wie Beethovens Neunte) den Hörer ständig. Der erste Satz der zweiten Sinfonie macht unter Rattle als einziger des Brahms-Zyklus‘ den Eindruck eines rasch genommenen Tempos.

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Haydn Sinfonie Nr. 92 Mozart Klavierkonzert KV 492 Brahms Sinfonie Nr. 1 (Alfred Brendel)

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Kleiner Brahms-Zyklus im Berliner Herbst. Kritik: Alfred Brendel hüpft die wenigen Stufen zum Podium hinauf. Er setzt sich nach kurzer Verbeugung rasch. Der erste Ton Brendels nach der Orchesterexposition klingt klar, deutlich und frisch, und auch das folgende, den Ruf Brendels als einer der besten Mozartinterpreten bestätigende Spiel spannt sich zwischen den Polen Frische der Phrasierung und Vergeistigung des Anschlags. Die Gewohnheit, den letzten Ton einer Phrase deutlich abzusetzen und deutlich leiser zu spielen, stellt man an diesem Abend nicht in Frage und hört aus den unerschöpflichen Abwandlungen, in denen diese Eigenart sich manifestiert, mit Sympathie und Genuss. Das Brummen, Kauen und Schmatzen schien stärker als beim Klavierabend im Mai. Wohlgesonnene werden dies Mitsingen nennen.

Am Donnerstag verzichtet Alfred Brendel auf eine Zugabe, am Freitag spielt er Schubert. Der Mozart der Berliner Philharmoniker ist mitreißend, subtil, glühend, hypersensibel und linear, hinreißend, verschlungen. Brendels Mozart fand ich schon immer am besten, seinen Beethoven oft unbefriedigend, seinen Haydn zu maniriert. Die Bläser agieren im langsamen Satz wie ein Orchester im Orchester – solistisch intensiv und voller Zentrifugalkräfte im Stimmverbund. Rattle: Prallheit der Formulierung, Dichte, Energie, der Kampf um jede Regung. Haydns Sinfonie bestach durch die Energie der Durchführungspassagen. Es ist Feuer und Pfeffer in diesem Haydn. Der letzte Satz explodiert. Der Anschein, dass die Berliner Philharmoniker von selber spielten, ist selten größer gewesen, und Rattles Fähigkeit, ein Orchester zu Intensität zu zwingen, selten unmerklicher. Es ist herrlich. Das unfassbare Etwas von Haydns Genie entsteht an diesem Abend vielleicht aus dem Zusammenspiel zwischen der Präzision der Akzente und einer ins kleinste Detail reichenden rhythmischen Lebendigkeit. Man weiß es nicht genau.

Der bärtige Johannes Brahms machte nach Brendels klarem, intelligentem, zugleich verspielt und nüchtern klingendem Mozart anfangs eine ungeschickte Figur. Wie viel behäbiger und pompöser war Brahms‘ Zeitalter. Introduktion und Exposition des ersten Satzes klingen rhythmisch simpel und melodisch muffig, das Pathos pauschal, die symphonische Kraft aufgesetzt. Liegt es an Brahms oder an Rattle? Keine Ahnung. Erst die Coda reißt mit. Das Poco Allegretto scheint der Mittelpunkt. Der Satz ist gespickt mit traumhaften Bläsereinsätzen und durchsetzt mit fabelhaften Dynamik- und Tempowechseln. Emmanuel Pahud und Jelka Weber (Flöten) hält es kaum auf den Stühlen. Die orchestrale Griffigkeit des Finales, die in die Themenabspaltungen eingespeiste Energie, das gelungene Zusammenschmelzen der Stimmgruppen machen das Finale zu großer Musik. Für die Anekdote: Rattle war beim Friseur.