Berliner Philharmoniker – Sakari Oramo: Zimmermann Photoptosis Schumann Violinkonzert Sinfonie Nr. 2 (Isabelle Faust)

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Bericht Berliner Philharmoniker. Sakari Oramo biegt den Körper schwungvoll durch. Er trägt Brille, hat ein nettes Gesicht und zieht den Dirigierstab wie ein Degen durch die Luft. Das ist zu Oramo zu sagen. Das Orchester nimmt Oramos glückstrahlende Dankesgesten den Musikern gegenüber mit ruhiger Gelassenheit entgegen. Es gab Zimmermanns beißend virtuoses Photoptosis, Schumanns erstaunliches Violinkonzert und die zweite Sinfonie von Schumann. Das Violinkonzert zeigt eine entzückende Einfachheit der Sprache. Das verzweifelte Bemühen um abstrakte Einfachheit lässt an Parsifal denken. Die Verzahnung von Soloinstrument und Orchester ist noch weitreichender als beim Klavierkonzert. Die Satzschlüsse von Satz eins und drei sind von atemberaubender Unspektakularität. Im ‚Langsam‘ hört man, wie ein Orchester Kammermusik macht. Isabelle Faust trägt ein Kleid, das einer Salonbesitzerin im Wilden Westen alle Ehre gemacht hätte. Sakari Oramo befeuert, doch nicht bis in die Ritzen des Klangs. Nicht bis in die Haarspitzen der Orchestergesten. Einiges klang ohne ein Empfinden für zu breite Lautstärke. Für Ausdrucksnuancen bei Schumanns hübscher Zweiter. Konzertmeister Toru Yasunaga. Endlich einmal wieder Emmanuel Pahud an der Soloflöte. Jonathan Kelly Solooboe. Photoptosis gelang Oramo am besten.

Berliner Philharmoniker – Bernard Haitink: Mahler Sinfonie Nr. 7

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Bericht Berliner Philharmoniker. Mahlers Siebte ist ein Schlachtfest, jedoch ein heiteres, und, da Haitink dirigiert, ein sachliches. Im Finale sieht man die Zünfte diverser Meistersinger-Inszenierungen vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Ein ausgedehnterer Sonatenhauptsatz als das Allegro con fuoco dürfte schwerlich zu finden sein. Kräftiges, robustes Posaunensolo zu Beginn des Allegros, dann das energische Hornsolo von Radek Baborák. Der einzige leise Makel in diesem wunderlichsten aller ersten Sätze Mahlers sind diese allzu Beethovensch wirkenden Themenmodulationen in der Durchführung. Die Binnensätze entzücken.

Die Farbmischung der Orchesterstimmen Mahlers unterliegt ständigen, unvorstellbar subtilen Wechseln. Bei weitem nicht ausverkauft. Konzertmeister ist Daniel Stabrawa. Soloflötist ist Andreas Blau. Nabil Shehata (Solobassist) nun schon länger nicht mehr gesehen. Haitink hält sich aufrecht. Der Stab wird sparsam eingesetzt. Die kräftigen, gerundeten Hände und die schweren Augenwülste sieht man bis in die hinteren Reihen. Wenn Haitink sich vorbeugt, erscheint er etwas halslos. Einiges an der Haltung wirkt hin und wieder chevaleresk. Die lichte Haarkrone zittert ab und an. Das gletscherweiße Gleißen des Tutti des Finales setzt den Schluss. Wenn Rattle Haitinks Überblick hätte, wäre Rattle ein Über-Rattle. Doch halt! Bernard Haitinks Überblick ist ein milder Überblick, Ozawas Überblick ist ein kaltblütiger. Den bräuchte Rattle. Eines der guten Dirigate Haitinks.

Berliner Philharmoniker – Zubin Mehta: Carter Three Illusions Beethoven Klavierkonzert Nr. 4 Strauss Sinfonia Domestica (Murray Perahia)

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Bericht Berliner Philharmoniker. Die Sinfonia Domestica war die seit langem eindrucksvollste Leistung Zubin Mehtas, die mir bekannt geworden ist. Die Sinfonia Domestica ist besser als ihr Ruf. Man sollte davon abrücken, in Programmheften detailliert darzustellen, welche Familienszenen im einzelnen Richard Strauss bei den verschiedenen Stellen im Kopf hatte. Das macht die Domestica gewöhnlicher als sie ist. Gewöhnlich sind nur die Themen. Doch ihre Fortentwicklung ist großartig, und als Orchesterstück ist das ganze prächtig. Wenn Strauss es nicht lassen kann, seine Frau mit musikalischen Mitteln in einer Sinfonie schildern, sollte man ihm das Vergnügen lassen, solange dies ihm die Gelegenheit gibt, derartig rauschende Streicherkantilenen zu schreiben.

Die Sinfonia Domestica ist ein exzellentes Stück L’art pour l’art, das nur um der Orchestereffekte geschrieben wurde, und absolutere Musik als Salomes Schleiertanz. Dass die Inspirationsquelle für diese Sinfonie im großbrürgerlichen Ambiente von Charlottenburg zu suchen ist und nicht in der Bibel oder bei Hofmannsthal, scheint bei der Domstica wie ein Schwall frischer Luft gewirkt zu haben. Bewundernswürdige Lockerheit des dirigierenden Mehta. Kaum bewegter, gerade gehaltener Körper inmitten stürmischen Orchestergeschehens neben schwungvollen Körperdrehungen. Sachliche Grandezza. Beethovens Klavierkonzert unter Zubin Mehta und mit Murray Perahia vor der Pause klang zahm. Pollinis Schumannkonzert vom Montag sowie Simon Rattles und Daniel Barenboims Beethovendarbietungen vom Vorjahr lagen noch im Ohr.

Mehta lässt es fließen. Man vermisst bei Mehta eine deutlichere Staffelung der Akzente, eine bewusstere Phrasierung, eine kräftigere Individualisierung – kurz Leidenschaft. Unter gewissen Blickwinkeln gleicht der alternde Mehta immer mehr dem nicht mehr ganz jungen Bernstein: die Haartolle, die Nase, die buschigen Brauen, das silberne Haar. Carters Three Illusions waren hübsch, die erste nicht miteingerechnet. Es ist Musik, an der kein Gramm Fett zu viel ist. Murray Perahia ist ein Grandseigneur. Seine von Schwere nicht freien Gesichtszüge, der edle Seitenscheitel, die zurückhaltende Mimik, die einem melancholischen Professor aus Oxford gut anstehen würde, tragen zur kultivierten Erscheinung bei. Der Reiz von Murray Perahias Spiel gründet auf einem vollen (baritonalen), dunkel leuchtenden (mahagoni-getönten) Anschlag. Skalen klingen perfekt ausgewogen, Triller flüssig und vollmundig. Perahias Spiel wirkt wie ein vergoldeter, auf Hochglanz polierter Schreibtisch eines englischen Herrenhauses. Daniel Stabrawa ist erster Konzertmeister. Andreas Blau ist Soloflötist.

Staatskapelle Berlin/Daniel Barenboim: Schumann Klavierkonzert Maurizio Pollini

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Neues Jahr, neues Glück. Langsam aber sicher beginnt man, Elliot Carter zu mögen. Das Allegro Scorrevole ist ein konzentriertes Stück Musik, das sich selbstbewusst einem spezifischen Klang und dessen überraschenden Abläufen zuwendet. Maurizio Pollini eilt mit vorgebeugtem Oberkörper an den Flügel. Bei den ersten Takten des ersten Satzes denkt man: das könnte auch jeder andere Pianist der Welt sein. Doch als der von Barenboim insistierend dirigierte erste Satz in Gang kommt, übertrifft Pollinis Spiel alles in den letzten Monaten (eigentlich seit Pollinis Klavierabend im letzten Mai) in Berlin Gehörte an Konsequenz und Logik.

Der aufregend fokussierte Klang, die überragende Klarheit des Spiels, die Zugkraft und der Logik des Passagenwerks, die dynamische (und seelische) Dämpfung der Phrasenhöhepunkte, die plötzliche Kraft der Abphrasierungen überzeugten vollkommen. Die stechende Leuchtkraft des Anschlags in der Kette von Spitzentönen in der Kadenz des ersten Satzes erscheint in nie gehörter Komprimierung und über das Hörbare hinaus nadelartig geschärft. Es gibt mehrere Stellen, an denen Ungeheuerliches geschieht, oftmals im ersten Satz, in den Zierfiguren des Intermezzos, in den stürmischen Mollteilen des Finales. Das Mitsingen ist dezent und gar nichts gegen Alfred Brendels Stöhnen. Das zweite Thema im ersten Satz beginnt Pollini eine Sekunde, bevor er es anfängt zu spielen, zu singen. Nach dem Konzert dankt Pollini dem Orchester mit rechtwinkelig erhobenem Arm in einer Mischung aus Grüßen und Zuwinken.

Während des Applauses, bei einem seiner unzähligen Gänge vom Künstlerzimmer zurück aufs Podium, glaubt er einmal Barenboim hinter sich, schaut auf Höhe des Konzertmeisters nach hinten, bemerkt, dass er alleine unterwegs und Barenboim im Künstlerzimmer geblieben ist, hält inne, will kehrt machen und kann nur aufgrund einer einladenden aber bestimmten Geste des Konzertmeisters Wolf-Dieter Batzdorf vom Umdrehen zurückgehalten werden. In der Philharmonie spielte er keine Zugabe. Die pianistische Technik Pollinis gebiert die Wunder der Beherrschung des Stoffs. Ein derartiger Grad an Objektivität erreicht kein anderer Pianist zur Zeit. Schade. In einer halben Stunde ist alles vorbei. Von Ravel ein ander Mal. Die Staatskapelle wirkte im Vergleich zur Perfektion Pollinis unsauber und ungenau sowie pauschal im Ausdruck.

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Brahms Klavierkonzert Nr. 1 Sinfonie Nr. 2

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Bericht Simon Rattle Berliner Philharmoniker. Man steckt recht tief im Jahr 2008, und es scheint, als seien die Philharmoniker Simon Rattle und Rattle sei die Philharmoniker. Man weiß nicht, ob man in die Philharmonie geht, um Rattle mit den Philharmonikern zu hören oder die Philharmoniker unter Rattle. Oder: um Brahms‘ Dritte zu hören, die man unter Abbado vor 16 Monaten hörte, oder um Rattle zu hören, der sich in den Kopf gesetzt hat, Brahms zu dirigieren (niemand würde das von ihm erwarten).

In der Pause hört man so was wie: „Mit Brahms kann der Rattle nichts anfangen“ (gesprochen im schwäbischen Akzent). Guy Braunstein ist bei der zweiten Sinfonie und beim Klavierkonzert erster Konzertmeister. Die Gestaltung der Linien ist auf dem höchsten Niveau. Geburt, Erstarken, Hypertrophie der Linie, ihr Abebben in Leisheit, führen zu ziemlich lohnenswerten Eindrücken. Rattles Leisheit in den Binnensätzen ist grandios wie die Abbados, doch weniger literarisch konzipiert als vielmehr direkter aus der Partitur hervorgehend. Es gibt derzeit keinen Dirigenten, der vehementer zum Hören zwingt.

Lars Vogt ist einer der Pianisten, die nicht dazu hinreißen, sich inmitten des Finalsatzes zu erheben, um lautstark zu klatschen, an denen jedoch selbst ein konzentriertes Gehör kaum einen noch so kleinen Makel, etwa Unkonzentriertheiten der Linienführung oder verbummelte Akzente, entdecken mag. Der Anschlag Vogts ist etwas körperlich und weniger schwebend, eher kühl, kontrolliert, und mit einem sehr präzisen Klangkern versehen. Vogt spielt ein herbes Brahmskonzert mit einem Schuss Kühle und einem Spritzer Hemdsärmligkeit. Einen Mangel, wenn schon keinen Makel, in Vogts Spiel gab es womöglich doch: die nicht zündenden, eher polternden ff-Stellen. Doch mögen die Philharmoniker hier ihrerseits recht laut gewesen sein. Brahms‘ erstes Klavierkonzert überfordert (wie Beethovens Neunte) den Hörer ständig. Der erste Satz der zweiten Sinfonie macht unter Rattle als einziger des Brahms-Zyklus‘ den Eindruck eines rasch genommenen Tempos.

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Haydn Sinfonie Nr. 92 Mozart Klavierkonzert KV 492 Brahms Sinfonie Nr. 1 (Alfred Brendel)

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Kleiner Brahms-Zyklus im Berliner Herbst. Kritik: Alfred Brendel hüpft die wenigen Stufen zum Podium hinauf. Er setzt sich nach kurzer Verbeugung rasch. Der erste Ton Brendels nach der Orchesterexposition klingt klar, deutlich und frisch, und auch das folgende, den Ruf Brendels als einer der besten Mozartinterpreten bestätigende Spiel spannt sich zwischen den Polen Frische der Phrasierung und Vergeistigung des Anschlags. Die Gewohnheit, den letzten Ton einer Phrase deutlich abzusetzen und deutlich leiser zu spielen, stellt man an diesem Abend nicht in Frage und hört aus den unerschöpflichen Abwandlungen, in denen diese Eigenart sich manifestiert, mit Sympathie und Genuss. Das Brummen, Kauen und Schmatzen schien stärker als beim Klavierabend im Mai. Wohlgesonnene werden dies Mitsingen nennen.

Am Donnerstag verzichtet Alfred Brendel auf eine Zugabe, am Freitag spielt er Schubert. Der Mozart der Berliner Philharmoniker ist mitreißend, subtil, glühend, hypersensibel und linear, hinreißend, verschlungen. Brendels Mozart fand ich schon immer am besten, seinen Beethoven oft unbefriedigend, seinen Haydn zu maniriert. Die Bläser agieren im langsamen Satz wie ein Orchester im Orchester – solistisch intensiv und voller Zentrifugalkräfte im Stimmverbund. Rattle: Prallheit der Formulierung, Dichte, Energie, der Kampf um jede Regung. Haydns Sinfonie bestach durch die Energie der Durchführungspassagen. Es ist Feuer und Pfeffer in diesem Haydn. Der letzte Satz explodiert. Der Anschein, dass die Berliner Philharmoniker von selber spielten, ist selten größer gewesen, und Rattles Fähigkeit, ein Orchester zu Intensität zu zwingen, selten unmerklicher. Es ist herrlich. Das unfassbare Etwas von Haydns Genie entsteht an diesem Abend vielleicht aus dem Zusammenspiel zwischen der Präzision der Akzente und einer ins kleinste Detail reichenden rhythmischen Lebendigkeit. Man weiß es nicht genau.

Der bärtige Johannes Brahms machte nach Brendels klarem, intelligentem, zugleich verspielt und nüchtern klingendem Mozart anfangs eine ungeschickte Figur. Wie viel behäbiger und pompöser war Brahms‘ Zeitalter. Introduktion und Exposition des ersten Satzes klingen rhythmisch simpel und melodisch muffig, das Pathos pauschal, die symphonische Kraft aufgesetzt. Liegt es an Brahms oder an Rattle? Keine Ahnung. Erst die Coda reißt mit. Das Poco Allegretto scheint der Mittelpunkt. Der Satz ist gespickt mit traumhaften Bläsereinsätzen und durchsetzt mit fabelhaften Dynamik- und Tempowechseln. Emmanuel Pahud und Jelka Weber (Flöten) hält es kaum auf den Stühlen. Die orchestrale Griffigkeit des Finales, die in die Themenabspaltungen eingespeiste Energie, das gelungene Zusammenschmelzen der Stimmgruppen machen das Finale zu großer Musik. Für die Anekdote: Rattle war beim Friseur.

Berliner Philharmoniker – David Zinman: Elgar Violinkonzert Bartók Konzert für Orchester (Gil Shaham)

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Bericht Berliner Philharmoniker. Ordentlicher Dirigent, guter Solist, hübsche Werke. Das Konzert war aufschlussreich, befriedigend und genussreich. Es war vor allem aufschlussreich, da man den Philharmonikern bei der Arbeit zuhören und -sehen konnte. Edward Elgar, der auf dem abgebildeten Foto des Programmhefts wie ein Flugpionier aus englischem Uradel aussieht, schrieb sein Violinkonzert im besten Alter, also mit Anfang 50. Elgars Violinkonzert h-moll wäre ein Wunder an Abstufungen, bestünde es mehr als aus Schattierungen und Stufen. Zu der Leistung der Interpreten ist zu sagen: Alles ist immer um ein Quäntchen am Hervorragend vorbei und der Abend weder in hohem Maße befriedigend noch ein grenzenloser Genuss. David Zinman dirigiert werkdienlich souverän. Gil Shaham füllt den Violinpart bewundernswert genau aus, ohne geradezu aufregend zu sein. Bela Bartóks Konzert für Orchester wurde zum Schillern gebracht, doch man hätte sich mehr Überschuss an Präzision oder Leidenschaft gewünscht.

Staatskapelle Berlin – Daniel Barenboim: Schönberg Lieder op. 8 Bruckner Sinfonie Nr. 4 (Deborah Polaski)

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Vom zweiten Saisonkonzert der Staatskapelle gibt es Nebensächlichkeiten zu berichten. Schönbergs Lieder op. 8 fallen durch eine Richtungslosigkeit auf, die Anton Webern schon bei seinem Opus 1, wie im Frühjahr von Simon Rattle vorzüglich dargeboten gehört, vermied. Es gefiel dennoch die Sorgfalt und Sicherheit der Orchesterbehandlung Arnold Schönbergs. Schönberg gestaltet Anheben und Abebben der Lieder mit einer Perfektion, als ginge es um die ganze Musikgeschichte. Deborah Polaski trägt ein Kleid, an dem Gustav Klimt Gefallen gefunden hätte. In Philharmonie wie Konzerthaus werden die Konzerte der Staatskapelle von wohltuend wenigen Nicht-Berlinern besucht. Daniel Barenboim leitet die Sinfonie Nr. 4 Anton Bruckners ohne Partitur. Barenboim ist der einzige Dirigent, der sich bei laufender Musik am Hinterkopf oder im Gehörgang kratzt. Die Achte ein paar Wochen zuvor klang irgendwie besser. Die Berliner Spatzen pfeifen es von den Dächern der Staatsoper: Es steht in allernächster Nähe – schätzungsweise 2009/10 – ein Bruckner-Zyklus unter Barenboim an. Die Staatskapelle kostet den Applaus vor ihren Pulten stehend bis an die Grenze des Möglichen aus.

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Schreker Kammersinfonie Bruckner Sinfonie Nr. 9

Konzertbericht Musikfest Berlin 08. Die mondsüchtige Kammersinfonie Schrekers wurde leider nicht von den Philharmonikern, sondern von den Stipendiaten der Orchesterakademie gespielt, wodurch nicht der Wert des Stückes, doch die Subtilität der Interpretation reduziert wurde. Die Neunte von Bruckner ist mit der Ersten seine kühnste. Die Lockerheit des Beginns, das defensiv wirkende Tempo kennt man von Rattles Interpretation der Vierten. Man muss sich erst hinein finden. Die schneidenden Tutti der Codas scheinen unter Rattles Stabführung ganz Musik des 20. Jahrhunderts zu sein. Deren klangliche Dichte war bis zur höchsten Intensität getrieben. Man erwartet die schlussendlichen Quinten mit nervenaufreibender Hochspannung. Die massiv aufgestockten Blechbläser, acht Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, eine Kontrabasstuba, führten zu einem etwas unbeweglicheren Blechbläserchor als gewohnt. Zwei oder drei Artikulationsreibungen der Blechbläser gab es. Gott gibt’s, Gott nimmt’s. Das vom Schlagzeuger mit der unerbitterlichen Logik des „1 + 1 = 3“ kaltblütig exekutierte Paukencrescendo zu Ende der beiden schnellen Sätze kann auch Wochen später noch wohliges Rückenrieseln verursachen. Von Rattle kommt eine hüllenlose, streng das Material freilegende, zu abnormer Konzentrationskraft ausgreifende Aufführung. Die Qualität der Interpretation stand deutlich über der Hardings oder Jansons‚.

Berliner Philharmoniker – Trevor Pinnock, Maria Joao Pires: Mozart Sinfonien Nr. 24 und 40 Mozart Klavierkonzert Nr. 9

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Kritik Berliner Philharmoniker. Die Berliner Philharmoniker verdienten sich an diesem Abend die Krone der Langeweile. Man blickt im Saal umher und fragt sich, woran das liegen möge. Der Blick bleibt an Trevor Pinnock hängen. Nach acht Takten ist es ein nicht sehr aufregendes Konzert, nach acht Minuten steht fest, dass der ganze Abend ein zäher sein wird. In der Pause konsultierte man das Programmheft der Philharmonie, um mittels eines Besuchs der zweiten Hälfte eines Konzertes im Kammermusiksaal Pinnocks Darbietung der großen g-Moll-Sinfonie zu umgehen, doch die Intendantin, Frau Rosenberg, hatte ein solches Verhalten während der Programmplanung offensichtlich nicht vorgesehen. Der Kammermusiksaal wurde nicht bespielt, und so sieht man Pinnock, einen durch und durch freundlichen Mann, auch noch Mozarts Sinfonie Nr. 40 dirigieren. Pinnocks Linke befindet sich stets exakt auf der Höhe der Rechten – eine Dirigiertechnik, die in dieser Ausschließlichkeit außer von Thielemann (bei gewissen Steigerungen Bruckners) von keinen mir bekannten Orchesterleiter angewandt wird.

Eine asymmetrische Armhaltung bevorzugt Pinnock nur, wenn er die Partitur umblättert. Zudem scheint es, dass seine geduckte Haltung und die Weigerung, weiträumige Armbewegungen auszuführen, auf sein Musikverständnis abfärbt. Was der Zuhörer zu hören bekam, rechtfertigt voll und ganz eine gesunde Unzufriedenheit. Diesem Mozart fehlte das Salz in der Suppe ebens wie ein ernst gemeintes Piano. Die Trockenheit der Interpretation war von einer solchen Durchschlagskraft, wie sie sonst nur dem Beginn einer Beethoven-Reprise. Das Finale von KV 550 ist ein unverdaulicher Brocken. Wäre ich Mozart, ich würde Pinnock verbieten, meine Werke aufzuführen. Selten kam die Schönheit der Musik schlechter zur Geltung. Doch nun zum erfreulichen Teil des Konzertes. Maria Joao Pires führte bei Mozarts Klavierkonzert KV 271 einen klaren Anschlag und eine geglückte Mischung aus Genauigkeit und Poesie ins Feld. Ihr Spiel lebt von einem wohltuend plastischen Ton., der Farbreichtum ist sehr hörenswert (Schiff und Brendel vermögen hier weit weniger), die ganze Disposition des Spiels frei und schön und dennoch kontrolliert, die Tiefenschärfe der Skalen enorm. Rubati nimmt Pires fast sachlich vor und integriert diese geradezu unauffällig. Dabei scheint der Ausdruck stolz zurückgenommen, wenn auch nicht missachtet. Wenn ich mich nicht täusche, gab es zwei Buhs für Pinnock.