Simon Rattle: Holst, Turnage, Matthews, Kaaja Saariaho und die Philharmoniker

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Kaaja Saariaho Brett Dean Matthias Pintscher Mark-Anthony Turnage Colin Matthews. Holst Die Planeten

Kritik Berliner Philharmoniker. Es bestanden eigentlich keine ernsthaften Zweifel an der Integrität der Programmauswahl, falls diese jemals bestanden hatten. Sie waren auch nach dem Konzert nicht ausgeräumt. Simon Rattle zeigt bei Holst die harten Tatsachen: pompöses, akkordisch strahlendes Blech, elastische Streicher, ein Tutti wie ein Knockout. Die Berliner Philharmoniker setzen in fröhlichen Formationen über Takte und Kadenzen. Andere als die harten Tatsachen gibt es wenige bei Holst. Ein kantiger, funkelnder, sich zu den zu klug massierten Höhepunkten saugender Sound. Gut getroffen und zugeschnitten sind die bekannten Themen, die die Planeten Holsts bekannt, aber nur wenig besser machen. Colin Matthews‘ Pluto und Mark Anthony Turnages Stück waren weniger schnittig, förderten indes Orchesterkunde und Instrumentenkenntnis. Kaaja Saariahos Stück machte mit subtilem Piano den Anfang.

Così fan tutte – Dan Ettinger Doris Dörrie (Anna Samuil, Daniela Sindram, Jeremy Ovenden)

Anna Samuil Daniela Sindram Adriane Queiroz Hanno Müller-Brachmann Jeremy Ovenden Roman Trekel

Hörenswert vor allem wegen Anna Samuil als Fior-, Fior- Fior di Diavolo. Anna Samuils schwerer, üppiger, durchschlagender, heftig vibrierender Bernstein-Sopran zauberte vieles. Farbtiefe, Tonkonzentration, Kraft und Vitalität (man riecht quasi den dampfenden Borschtsch) ergaben schlussendlich den Samuil-Ton. Technische Hürden wie Tonsprünge und Koloraturen werden mit eloquenter, wenn auch nicht finessenreicher

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L’Italiana in Algeri – Ottavio Dantone Nigel Lowery (Vesselina Kasarova, Antonino Siragusa)

Nigel Lowery Vesselina Kasarova Antonino Siragusa Adrienne Queiroz Regazzo Schröder Murga Kataja

Vesselina Kasarova ist ein Besuch wert (und womöglich auch eine Messe). Kasarovas schauspielerische Leistung ist mit die beste der letzten Monate. Ihr Auftritt hat etwas Osteuropäisch-Herzliches. Die Gestik hat was Altmeisterliches, sehr genau Studiertes. Sie verbindet beispielhaft Charme und Professionalität. Kasarovas Auftritt ist eine gedankliche und gefühlsmäßige Einheit. Kurzum, Frau Kasarova war eine Augenweide. Exquisit die Linie des vorgeschobenen Kinns, exquisit der Schmelz des slawischen Wangenkontur, exquisit der spöttische Kontrapost, der kokette Augenaufschlag, überhaupt das prächtige Weiterlesen

Staatsopern-Saison 2008/2009: Asher Fisch, Alexander Vitlin und Daniel Barenboim dirigieren überlegen

So geht’s auch:

Das perfekte Duett: Sylvia Schwartz/Magdalena Kozena (Rosenkavalier, 2. Akt)
Die emphatischste Rollenerfüllung: Plácido Domingo (Parsifal)/Magdalena Kozena (Octavian)
Sympathische Perfektion: Vesselina Kasarova (L’Italiana)
Unüberbietbar: Waltraud Meier (Kundry)
Die leichte Enttäuschung: Dorothea Röschmann (Elsa, 3. Akt)
Charakterdarstellung par excellence: Stefania Toczyska (Babulenka)
Lyrisches Mitgerissensein: Rolando Villazón (Lenski)
Der Imposanteste: Matti Salminen (Gurnemanz)
Bester Liederabend: Christine Schäfer
Die Tenor-Überraschung: Misha Didyk (Alexej)
Bestes Dirigat: Barenboim (Tristan & Isolde)
Schlechtestes Dirigat: Julien Salemkour (Macbeth)
Überraschendstes Dirigat: Alexander Vitlin (Der Spieler)/Asher Fisch (Rosenkavalier)

Plácido Domingo, Rolando Villazón, Magdalena Kozena, Vesselina Kasarova, Christine Schäfer: die Saison 2008/2009 der Staatsoper Berlin

Die Premieren gelangen. Achim Freyers ästhetisch paranoider Eugen Onegin, Stefan Herheims hartnäckiger Lohengrin, Michael Thalheimers exemplarisch klare Entführung sind zeitgemäßes Musiktheater. Sasha Waltz‘ Dido und Aeneas ist nach wie vor ein Juwel. Weder Freyers noch Herheims Inszenierungen werden Barenboim gefallen haben, doch was soll’s, solange Barenboim dirigiert, wie er dirigiert. Die Reibungen, die durch das Ineinander von Barenboims expansiver Kraft und der – mal virtuosen (Herheim), mal imperativen (Freyers) – Freiheit gelungenen Regietheaters entstehen, waren faszinierendes Charakteristikum dieser Spielzeit. Musikalisch gelangen die drei hypnotischen Tristans sowie die zwei Parsifals von Weiterlesen

Die bestmögliche Entführung aus dem Serail: Staatsoper Berlin, Christine Schäfer, Pavol Breslik, Anna Prohaska

Christine Schäfer Pavol Breslik Anna Prohaska Stephan Rügamer Maurizio Muraro Florian Hoffmann

Die Entführung aus dem Serail scheint die erste moderne Oper zu sein: Menschen, nicht Götter, Handlung, nicht Schema, Gefühl, nicht Affekt. Abgesehen von Hinweisen auf die Zauberflöte sind in der Entführung schon Spuren des Freischütz und der Meistersinger vorhanden. Pavol Breslik ist vielleicht der führende Mozarttenor dieser Jahre. Christine Schäfer ist vielleicht die beste Constanze dieser Jahre. Anna Prohaska sicherlich eine der besten jüngeren deutschen Stimmen. Maurizio Muraro (Osmin) ist sängerisches Schwergewicht. Mit Michael Thalheimer (Regie) und Sven Lehmann (Bassa Selim) lieh das Deutsche Theater an der Schumannstraße gleich zwei Schwergewichte nach Unter den Linden aus. Die Inszenierung ist schlackenlos und gewissenhaft, üppig in der Kargheit ihrer Bilder und messerscharf in der Aussage über die handelnden Personen. Wie Mussbach zeigt Thalheimer bei Mozart die misslungene Liebe. Die Leere der Bühne blickt den Zuschauer wie ein trostloses Auge an. Sehr gut. Ohne Pause. Jordan fehlerfrei und mit tadellosem Niveau.

Kritik Entführung Staatsoper: ein Vergnüngen von vorne bis hinten und von oben bis unten und nie besser gesehen und gehört

Der Maskenball mit Catherine Naglestad und Petr Beczala

Christine Naglestad Piotr Beczala Alfredo Daza Sylvia Schwartz/ Anna Prohaska

Spritzige Routine, nicht mehr. Die Verschwörer wandeln im Schlafanzug. Oscar (Sylvia Schwartz/Anna Prohaska) rollt ein Teufelsschwänzchen aus einem eigens dafür vorgesehenen Hosentäschchen. Ort der Handlung ist ein Kasino, Rundtische und eine Theke dienen als Mobiliar. Mehr Fahrt nimmt dieser Maskenball nicht auf. Alfredo Daza (Renato): nobler, deklamatorisch warmer Vortrag eines basso cantante. Für die Arie im dritten Akt fehlt oben herum die vokale Energie – Daza ist voll und ganz bei Donizett-, Rossin- und Bellini zu Hause. Die Rollenidentifikation – das andauernde Tremolo der Rechten – bewegt sich im dritten Akt am Rande des Statthaften. Petr Beczala besitzt eine helle, vollkommen intakte und mühelos geführte Tenorstimme, die über scheinbar endlose Kraftreserven verfügt. Einige Schluchzer. In Mezzoforte-Passagen des dritten Akts von betörender Schönheit und Stimmführung. Wäre die Stimme wärmer, Beczala wäre auf Augenhöhe mit Villazón. Catherine Naglestad: Glorioser Tonschwall der schweren Stimme. Höchste und leise Töne mit deutlichem Schleier. Ihr Merkmal sind die souverän-intimen Höhepunkte. Schönes Piano. Ziergesang ist ihr ein Graus, und durch die gebundenen Abphrasierungen von „Morrò, ma prima in grazia“ schlittert sie wie eine beleibte Dame auf Glatteis. Das war im dritten Akt ein Augenschmaus: Auf dem Klappsesselchen neben Riccardo erinnert Catherine Naglestad im schulterfreien Schwarzen an eine schmelzende Eistüte. Unvergleichlich besser stand ihr das transparente Schleier-Top zur legeren Freizeithose im zweiten Akt; das Dekolleté hierbei war imposant.

Rundum glücklich machte der Oscar Anna Prohaskas bzw. Sylvia Schwartz‘ mit jeweils exquisiten Sopranspitzen. Prohaska hat die klarere, Schwartz die wärmere Stimme. Eine denkwürdige Interpretation von Philippe Jordan steht noch aus. Diese war rundum gelungen, doch bewundernswert nur in den seltsam weichen, elegant und leicht-schwer vorgetragenen Streicherfiguren des elegischen Motivs der Vorspiele zum ersten und dritten Akt. Vitlins Prokofiev-Dirigat Der Spieler war deutlich trockener und erregender, Asher Fischs Rosenkavalier hörbar griffiger und expansiver. Jordan kontrollierte, formte, schärfte, aber er trieb nicht an.

Christine Schäfer singt

Liederabend. Christine Schäfer springt für Thomas Hampson ein – daher längst nicht ausverkauft. Äh, nicht weil Hampson nicht singt und Schäfer singt, sondern weil Karten für Hampson zurückgegeben wurden und Christine Schäfer kurzfristig einsprang. Ich sitze in der Staatsoper. Strauss perfekt, Purcell fast, Crumb ebenso fast. Der beste Liederabend in diesem Jahr, deutlich interessanter als die von Quasthoff, Isokoski oder Heppner, dessen Italo-Liederabend mit abschließendem „Winterstürme…“ wie ein fideles, aber zugegebenermaßen unvergessliches Privatissimum vor Familie und Freunden wirkte. Christine Schäfer: Sprachliche Artikulation und außerordentliche Musikalität verschmolzen. Den Liederabend zwei Tage darauf mit Edita Gruberova wie erwartet aufgrund des in tölpelhafter Manier auf 18 Uhr gelegten Konzertbeginns verpasst. Haben Sie jemals erfolgreich einen Liederabend besucht, der um 18 Uhr begann?

Verdis Macbeth: Sylvie Valaire, Christof Fischesser, Wladimir Stoyanov

Wladimir Stoyanov Sylvie Valayre Christof Fischesser Stephan Rügamer

Kaum mit Ernst anzuhörendes Spiel des an mehreren Pulten zweitrangig besetzten Orchesters. Warum bin ich nicht zu Hause geblieben und habe Fußball geschaut? Julien Salemkour machte aus dem Verfügbaren zudem nicht das Beste. Die Besetzung war gut, doch nicht sehr gut. Stoyanovs Macbeth beeindruckte mit tiefschwarzer, das Pathos ohne schnurstracks und ohne Umwege beschwörender Baritonstimme. Sylvie Valayre meisterte das kräftezehrende „La Luce langue“ vorbildlich und bekam nicht den Applaus, den sie verdient hätte. Die Klatschlust des Publikums ist unter der Woche schwächer als am Wochenende. Valayres Spitzentöne blieben in Erinnerung. Sie flackerten in fantastischen Farben, die an Stahl und Messing erinnerten.

Gustavo Dudamel dirigiert Don Giovanni an der Staatsoper Berlin

Aga Mikolaj Anna Samuil Sylvia Schwartz Andrea Concetti Hanno Müller-Brachmann Tomislav Muzek Arttu Kataja

Mussbachs Don Giovanni hielt, was die Premiere, vor gut einem Jahr, versprach. Die ständig sich verschiebenden Bühnenmauern öffnen den Raum über das Reale hinaus. Die szenische Kargheit fördert die Aufmerksamkeit des Zuschauers. So ist Raum für die die rührende Impulsivität Aga Mikolajs, für das Pathos Anna Samuils, für die darstellerische Süße Sylvia Schwartz‘. Zerlinas Versöhnungskavatine („Vedrai, carino“, Sylvia Schwartz) schließt mit dem Schmerz des Misslingens der Liebe. Für den Abgang Giovannis („A cenar teco“) findet Mussbach nur Wolken von Bühnennebel. Die Besetzung: René Pape war weg, Pavol Breslik war weg, Annette Dasch war weg. Wahrscheinlich trank Andrea Concetti in der Champagnerarie beim abschließenden „bevi“ mehr Luft, als dass er Noten sang, Weiterlesen

Barenboims Berliner Parsifal mit Plácido Domingo und Waltraud Meier

Daniel Barenboim Bernd Eichinger Matti Salminen Waltraud Meier Christof Fischesser Hanno Müller-Brachmann Plácido Domingo

Es ist nicht leicht, Prokofiews Fünfte mit den Berliner Philharmonikern unter Gustavo Dudamel zu hören, und 18 Stunden später Barenboims Parsifal. Ich trage es mit Fassung und lese auf dem Besetzungszettel, dass René Pape ausfällt. Matti Salminen springt ein. Nun gut. Bernd Eichingers Inszenierung ist nach wie vor aufgrund ihrer bleiernen Gedankenlosigkeit ein Ärgernis. Insbesondere während der tölpelhaften Filmsequenzen empfiehlt sich über ganze Partiturseiten hinweg das geschlossene Auge. Bernd Eichinger mag mittelmäßige Filme drehen können. Für mittelmäßige Inszenierungen reicht das nicht. Die Schwarzmarktpreise erreichten Weiterlesen

Der Rosenkavalier an der Staatsoper mit Magdalena Kozena, Angela Denoke, Sylvia Schwartz und Asher Fisch

Magdalena Kozena Angela Denoke Sylvia Schwartz Rose O’Neill

Ein zufriedenstellender Opernabend. Das Rollendebüt Magdalena Kozenas zog viele Neugierige an. Asher Fisch dirigierte erfreulich lebhaft. Mit unbändigem Schwung, vorwärts treibend, doch ohne verwischte Akzente, gerade mit so viel Robustheit wie lebhafter Nuancierung, gelang das Vorspiel zum ersten Akt (Hörner, Streicher), ebenso das kurze zum zweiten Akt. Sehr schöne Solo-Klarinette im ersten Vorspiel. Schöne Hörner. Die Klasse Fischs war nicht nach den zwei Takten, doch nach den ersten Weiterlesen

Vesselina Kasarova in L’Italiana in Algeri. Dazu Antonino Siragusa & Ottavio Dantone

Rossini ist zu Weihnachten besonders empfehlenswert. Die Kürze einer Rossinioper macht die Länge der Liste der alljährlichen weihnachtlichen Verpflichtungen erträglich. Dies ist also die letzte von vier Italianas in Algeri mit Vesselina Kasarova in dieser Saison. Ein hübsches Klarinettensolo entzückte in der Ouvertüre. Vesselina Kasarova bekam nach Ai caprici ein Wagnertuben-schweres Buh entgegengebrüllt (etwa aus der Richtung des ersten Ranges rechts vorne). Weiterlesen

Così fan tutte – Julien Salemkour Doris Dörrie (Anna Samuil, Katharina Kammerloher, Jeremy Ovenden)

Anna Samuil Katharina Kammerloher Adrienne Queiroz Hanno Müller-Brachmann Jeremy Ovenden

Der glatzköpfige Julien Salemkour dirigierte wendig, farbreich, animierend (weite Armbewegungen beim Abphrasieren, Zweifel sind angebracht, ob sie wirklich etwas bewirken). Spaß machten besonders die Tempovariationen und die Bläser. Ich muss sagen, dass ich, inspiriert vom Brahms-Zyklus der Philharmoniker unter Rattle, jeden Schlenzer von Klarinette oder Bratschen begeistert aufnehme, und sei das Orchester noch so mittelmäßig unterwegs. Dieser Zustand hielt übrigens ca. sechs Wochen an. Von daher machte es mir nichts aus, dass Salemkour manchmal so laut dirigierte, als wollte er den Weihnachtsmarkt vorm Operncafé mitbeschallen. Die Gliederung der Ensembleszenen hätte kaltblütige Übersicht vertragen. Doch unter Julien Salemkour war es hübsch, der Staatskapelle zuzuhören. Es gab keinen Leerlauf, wie man so schön sagt. Wenn’s doch alle so wie Salemkour machen würden. Anna Samuil: orgelhafter Sopran.