Kritik Tosca Staatsoper Wien: Jonas Kaufmann, Angela Gheorghiu, Bryn Terfel

Schlagwörter

Livestream Ö1.

Wiener Staatsoper, Tosca.

In der Oktober-Serie sangen Anja Harteros, Jorge de León und Marco Vratogna.

Jonas Kaufmann, Schaftstiefel, blauer Frack, roter Kragen, singt den Cavaradossi. Das schluchzergesäumte „Recondita Armonia“ startet mit dem Versuch eines Diminuendo an den ersten beiden Phrasenenden. Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, dass Kaufmann Akzente immer wieder wie Jauchzer singt. „L’arte nell‘ suo mistero“ klingt ein bissl bedeutungsschwanger, und

Weiterlesen

Kritik Staatskapelle Berlin Heras-Casado: Daniil Trifonow Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 3 & De Falla

Schlagwörter

Pablo Heras-Casado Staatskapelle Berlin Manuel De Falla

Pablo Heras-Casado und die Staatskapelle Berlin: rhythmische Knalleffekte / Foto: twitter.com

Pablo Heras-Casado dirigiert, Daniil Trifonow spielt das Klavierkonzert Nr. 3 von Sergei Rachmaninow.

Daniil Trifonow, der manches Mal tief gebeugt über den Tasten kauert, als würde er mit den Zähnen spielen, spielt wie der Teufel. Aber wie ein Teufel, der weiß, was er tut. Rachmaninows wirkungsvolles Konzert gelingt unerwartet spektakulär.

Was theatralisch inszenierte Rubati sein könnten, hat unter Trifonows Händen einen herausfordernd sachlichen Charakter – Rubati ja, aber spielt das noch einer so beherrscht, so klar? Bei alledem ist Trifonow auch noch subtil: Er weiß, was er für Ungeheuerlichkeiten gerade spielt, verzichtet aber darauf, dies groß auszuposaunen, spielt so was fast im Vorübergehen. Donnern? Нет Спасибо. Effekte? Не стоит.

Trifonows Anschlag hat Kraft und Körperlichkeit, Härte und Maß –  Brillanz und Sentiment sind allenfalls Sekundärtugenden, wenn nicht gar unerwünscht. Klarheit gibt es auch da, wo mehr oder weniger unvermutet einer von Rachmaninows köstlichen Nebengedanken aufkreuzt, und Trifonow dann einfach nur spielt, was in den Noten steht. Manchmal klingt sein Spiel dann fast linkisch. Doch die Sicherheit und Konzentration, mit der Trifonow die Gedanken Rachmaninows verfolgt, lässt sein Linkisches auf elektrisierende Art richtig erscheinen.

Ein sehr musikalischer, sehr fähiger Pianist, man kann auch sagen, ein großer Pianist.

Dazu kommt, dass Trifonow und Pablo Heras-Casado keine Schnarchnasen sind. Beide sind frisch und zügig im Tempo, mit Licht und Luft unterm Hintern (Trifonow) und vor der Nase (Heras-Casado).

Die Staatskapelle Berlin ist bei Rachmaninow Nebensache – wenngleich Heras-Casado die Kapelle geschmeidig durch den heiklen Parcours aus Tempoänderungen führt. Bei Manuel de Fallas abwechslungsreichem El sombrero de los tres picos spielt sie die Hauptrolle. Es gibt da rhythmische Knalleffekte, riskante aber lustige Holzbläsersoli und spektakuläre melodische Einfälle, spanische Walkürenritte sozusagen. Mit Hilfe der (spanischen) Sopranistin Ruth Iniesta fangen da auch die Berliner Musiker Feuer.

Daniil Trifonow Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 3 Staatskapelle Berlin Heras-Casado 2016 Berlin Konzerthaus

Daniil Trifonow spielt Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 3 / Foto: twitter.com

Kritik Rosenkavalier Deutsche Oper: Michaela Kaune, Daniela Sindram, Siobhan Stagg

Schlagwörter

Der Götz-Friedrich-Rosenkavalier von 1993.

Dieser Rosenkavalier ist leicht und flüssig im Erzählen, er posaunt Hofmannsthals feinsinnige Doppelbödigkeiten („Die Zeit, die ist ein sonderbar‘ Ding“) nicht heraus, ist optisch durchaus eigensinnig (royalblaue Vorhänge, schwarz verspiegelter Faninal-Palais, himmelblaues Beisl-Mobiliar) und substantiell in der Personenführung (Ausnahme: die zappeligen Knallchargen im zweiten Akt).

Weiterlesen

Die Ägyptische Helena: Ricarda Merbeth, Stefan Vinke, Laura Aikin, Derek Welton

Schlagwörter

Ägyptische Helena Deutsche Oper Berlin Ricarda Merbeth Stefan Vinke Strauss-Wochen 2016

Ägyptische Helena Deutsche Oper Berlin: Ricarda Merbeth & Stefan Vinke / Foto: twitter.com/Hadrovich

Die Ägyptische Helena.

Das Libretto ist ein Hofmannsthal’scher Schmarrn vor dem Herrn, auch wenn es darin erfolgreiche Eheberatung und mythologischen Klimmbimm gibt. Wer sich hier an wen gerade erinnert, wer wen gerade vergisst, wer wen für was hält oder nicht oder was wer gerade trinkt, das weiß man erst nach dem zwanzigsten Besuch. Weiterlesen

Deutsche Oper Elektra: Evelyn Herlitzius

Schlagwörter

Elektra ist komponierte Hysterie. Ein Psychothriller in Noten.

Die Strauss-Wochen an der DOB schalten in den Überholmodus. 5 Mal Strauss hintereinander. Achtung, Achtung. Es besteht die Gefahr von Strauss-Stress.

Die Oper Elektra ist berühmt für ihre durchgeknallte Protagonistin.

Weiterlesen

Anna Netrebko Norma: London & Met

Royal Opera House of London Anna Netrebko Norma Premiere September 2016

OMG! OMG!!! Covent Garden macht Anna Netrebko zu Norma / Foto: roh.org.uk

Anna Netrebko steuert scharf auf Norma zu.

Anna Netrebko wird die Titelrolle in Bellinis Norma zuerst am Royal Opera House of London singen. Den Tenorpart des Pollione wird Joseph Calleja singen. Des Weiteren singen Sonia Ganassi als Adalgisa und Brindley Sherratt als Orveso. Antonio Pappano dirigiert. Regie führt Àlex Ollé von La Fura dels Baus. Lluc Castells wird für die Kostüme verantwortlich sein. Premiere ist der 12. September 2016. Weiterlesen

Zarenbraut Staatsoper Berlin: Tsallagova, Prudenskaya, Černoch, Kotscherga, Rubtsova

Die Zarenbraut von Rimsky-Korsakow. Uraufführung Moskau 1899.

Schillertheater.

Боже мой, как много русских.

Der erste Akt zieht sich etwas. Feiern, Trinken, die eine Geliebte abservieren, für die andere ein Aphrodisiakum besorgen, das kann Zeit in Anspruch nehmen. Im vierten Akt hingegen fliegen die Fetzen. Es wütet der Tod. Das ist kurzweilig. Tschernjakows beziehungsreiche Inszenierung deutet die tragische Handlung des 16. Jahrhunderts als Traum eines durchmedialisierten Russlands der Gegenwart. Die Volte Tschernjakows: Der Folklore-Traum wird zum Alptraum der Gegenwart. Gut. Weiterlesen

Kritik Tristan und Isolde Rattle: Skelton, Westbroek, Sarah Connolly, Stephen Milling, Nagy, Berliner Philharmoniker

Schlagwörter

Tristan. Und Isolde.

Ich habe über Ostern mehr Parsifals als Osterhasen gesehen. Und jetzt auch noch Tristan. Der kommt auch nicht aus der Lustige-Unterhaltung-Branche.

Diese Isolde. Mit den Aphrodisiaka rumgetrickst, den Brautwerber zum Küssen verführt und ins Bett umgelenkt. Ehebruch, ewige Liebe. Wie so etwas ausgeht, davon scheint schon das Mittelalter eine Ahnung zu haben, nicht erst der zu weltanschaulichen Überdrehtheiten neigende Schopenhauer-Wagner-Komplex.

Weiterlesen

Kritik Wien Parsifal 2016

Schlagwörter

Nachklapp zum österlichen Parsifal-Rummel.

Das ist wie Komaglotzen, diese endlosen Stunden, von Angesicht zu Angesicht mit diesem alterslosen Alterswerk. Heute aber nicht live wie zwei Mal in Berlin, sondern per Live-Stream aus der Wiener Staatsoper.

Das Vorspiel, Akt I. Flüssiges Musizieren, man sieht klar bis auf den Grund der Partitur. Die weichen Pianissimo-Zweiunddreißigstel der Streicher sind eine Labsal. Sehr sachliches Glaubensthema. Weiterlesen

Saison 2016/2017 Staatsoper Berlin: Olga Peretyatko, Angela Gheorghiu, Jonas Kaufmann, Anna Nechaeva

Schlagwörter

Neue Saison, neues Glück. Ist es die letzte Saison im Schillertheater? Weiß man das? Weiß der Senator für Stadtentwicklung das?

Die Premieren bringen u.a. einen neuen Fidelio von Harry Kupfer, Barenboim dirigiert. Evelyn Herlitzius singt Elektra (Regie: Patrice Chéreau, Leitung: Barenboim). Die Neuproduktion der Festtage 2017 heißt Die Frau ohne Schatten, die Leitung hat Zubin Mehta (Solisten: Botha, Nylund, Koch, Theorin). Die weiteren Premieren: Berlioz‘ Damnation de Faust mit Simon Rattle, Bizets Perlenfischer, inszeniert von Wim Wenders, es singt u.a. Olga Peretyatko, sowie Wolfgang Rihms Oper Jakob Lenz. Jürgen Flimm inszeniert zudem Puccinis Manon Lescaut – ohne Anna Netrebko, dafür mit Anna Nechaeva und Riccardo Massi.

Weiterlesen

Kritik Staatskapelle Berlin Festtage Barenboim: Yo-Yo Ma Dvorak Cellokonzert, Elgar 2

Schlagwörter

Festtage Berlin 2016 Yo-Yo Ma Staatskapelle Berlin Barenboim Dvorak Cellokonzert
Leicht zurückgelehnter Oberkörper, entspannte Armhaltung, wild konzentrierter Ausdruck: Yo-Yo Ma spielt eine Zugabe von Adnan Saygun / Foto: twitter.com/StaatsoperBLN

Zweites Festtage-Konzert der Staatskapelle Berlin.

Elgar. Elgar steckt mir danach in den Knochen wie ein Château Mouton-Rothschild.

Was macht Elgar aus?

Elgars Sinfonie Nr. 2: Impetuos gespannte Höhepunkte. Introvertierter Meistersinger-Pomp. Die Symphonie als Choral. Man kann dummbeknackt fragen: so what? Doch alles, was Elgar macht, scheint durch den formalen und inhaltlichen Reichtum seiner Musik gerechtfertigt.

Weiterlesen

Kritik Parsifal Staatsoper Festtage Barenboim: Andreas Schager, René Pape, Wolfgang Koch, Waltraud Meier

Schlagwörter

Staatsoper Berlin Parsifal Barenboim Tcherniakov Pape Meier Wolfgang Koch

Parsifal Andreas Schager vor Ritter-Polygon / Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

HIER BERICHT PARSIFAL FESTTAGE 2017 LESEN!

Der Berliner Tscherniakow-Parsifal. Festtage 2016.

Sehr schön.

Tscherniakow macht Parsifal fit. Tscherniakow zeigt Wagners Spätwerk als Backpacker-Drama. Die Gralsritter fristen ihr Dasein als eine Kreuzung aus bösen Hinterwäldlern und abgedrehten Vollbart-Hipstern. Es riecht nach militanten Altgläubigen-Milieus. Nach Sexsekte. Nach Assi-Zivilisationen à la Reichsbürger. Weiterlesen

Kritik Staatskapelle Berlin Barenboim: Jonas Kaufmann Lieder eines fahrenden Gesellen, Elgar 1

Schlagwörter

Jonas Kaufmann Mahler Lieder eines fahrenden Gesellen Festtage 2016 Berlin Daniel Barenboim

Philharmonie Berlin Festtage: Staatskapelle steht, Jonas Kaufmann freut sich, Daniel Barenboim klatscht / Foto: twitter.com/StaatsoperBLN

Festtage 2016 der Staatsoper Berlin.

Lieder eines fahrenden Gesellen, Jonas Kaufmann.

Die Lieder sind Volkslied und Kunstlied zugleich.

Am besten gelingt gleich „Wenn mein Schatz Hochzeit macht“. Das Lied ist charakterisiert durch seine expressiv gedehnte Langsamkeit. Hervorragend ist Kaufmanns deklamatorische Sorgfalt. Im Vibrieren der Stimme verdichtet sich Textsinn. Natürlich kann man das mehr auf Linie getrimmt singen. Aber wie Kaufmann eine Zeile wie „Hab‘ ich meinen traurigen Tag“ durch Akzente, Dynamikstufungen, Timbrewechsel und Agogik erst vielfach bereichert, um sie dann mit Hilfe der Klangkontinuität seiner Stimme und Phrasierung zu einer Einheit zusammenzufassen und so schlussendlich übervoll mit Bedeutung anzufüllen, das ist aller Sängerehren wert. Gleiches gilt für die Zeile „Alles Singen ist nun aus“. Noch extremer (noch besser) ist die Zeile „Denk ich an mein Leide!“, mit dem nachgeschobenen „ch“, mit dem zeitlupigen Auf- und Ab auf der vorletzten Silbe. Natürlich kann einem das Rallentando-Zerfasern manieriert vorkommen. Auch das Crescendo der letzten Zeile „An mein Leide!“ kann zu viel des Guten sein. Aber welch eindrucksvolle Liedkunst ist das. Wie geht das unter die Haut. Weiterlesen