Kritik Die Luft hier: scharfgeschliffen Max Renne: Olivia Stahn Martin Gerke Jelena Banković Ivi Karnezi Stelina Apostolopoulou

Die Luft hier: Scharfgeschliffen. Matthias Hermann Max Renne. Hans-Werner Kroesinger. Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater. Festival fuer neues Musiktheater: Infektion! Jelena Bankovic und Martin Gerke / Der Dschinn u.a..

Jelena Bankovic trainiert das Geradeausgucken, Martin Gerke hat irgendwie andere Probleme / Foto: David Baltzer / staatsoper-berlin.de

Das Neue-Musik-Festival Infektion 2016 ist da, und zwar in der Werkstatt der Staatsoper Berlin.

Das Musiktheaterstück mit dem schönen Titel „Die Luft hier: scharfgeschliffen“ kümmert sich um das legitime Thema, dass es politischen Gefangenen meist schlecht ergeht. Komponiert hat das Matthias Hermann. Uraufführung war 1994.

Besucher sollten keinen akustischen Pomp à la Walkürenritt erwarten. Matthias Hermann gestattet uns ein Schlagzeug-Crescendo hier, ein Trompetenstoß dort – schön karg und schaurig minimalistisch eben. Und es wird wenig gesungen. Denn mehr noch als die fünf Sänger scheinen die Texte die Hauptdarsteller. Dumm nur, dass die Briefauszüge der Ulrike Meinhof neben denen Texten Ossip Mandelstamms unerquicklich bieder wirken. Und übrigens, war Meinhof nicht für den Tod vieler Menschen mitverantwortlich? Egal, ist ja nur Musiktheater. Weiterlesen

Kritik Staatskapelle Barenboim: András Schiff Bartók Klavierkonzert 1 Beethoven Eroica Widmann Con brio

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Saisonfinale. Daniel Barenboim und András Schiff schultern den letzten Konzertdoppelpack der Staatskapelle.

Ich habe auch schon gute Kompositionen von Jörg Widmann gehört. Meine Sitznachbarn sind von „Con brio“ begeistert. Wir haben eine kurze Unterhaltung. Ich bleibe dabei. „Con brio“ ist ein belangloser, kleiner, zu vernachlässigender Orchesterscherz, den die Staatskapelle sich unnötigerweise zwischen Die Walküre und Siegfried gönnt.

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Kritik La Juive Premiere Opernfestspiele München Bieito: Aleksandra Kurzak Roberto Alagna Vera-Lotte Böcker John Osborn Ain Anger

Diese Grand Opéra kommt direkt aus dem Orkus der Operngeschichte. Premiere 1835, sodann einer der Blockbuster des 19. Jahrhunderts. Aber bis vor kurzem war La Juive fast vergessen. Fünf Akte lang dreht sich alles um tödliche Rache, ewigen Hass, todgeweihte Liebe, Progromstimmung ohne Ende, man schreibt das Jahr 1414.

Die k.-u.-k.-u.-k.-Oper (Kaiser, Kardinal, Konzil) ist vollgepumpt mit historischer Dignität – und voll historischer Konstruiertheiten: Römischer Rüpel lässt die Söhne eines Juden hinrichten. Der rettet später die neugeborene Tochter des Rüpels aus den Flammen eines Hauses. Jude geht in die Verbannung und zieht das Mädchen als seine eigene Tochter auf. Rüpel wird Kardinal. Im fernen Konstanz lässt der Kardinal-Rüpel den Juden plus  – erst im Moment des Todes erkannter – Tochter hinrichten. So weit, so Librettist Eugène Scribe.

Krude? Von wegen! La Juive trendet. 1999 Wien, 2003 Met, 2008 Zürich und Stuttgart. 2016 Mannheim und Nürnberg. Um nur einige Produktionen zu nennen.

Gut: Um die Story zu kapieren, muss man nicht stundenlang Personen-Diagramme zeichnen. Drei Minuten Inhaltsangabe reichen.

Ich sehe live auf Staatsoper.TV der Bayerischen Staatsoper.

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Kritik Berliner Philharmoniker Nézet-Séguin: Lisa Batiashvili Bartók Schostakowitsch Sinfonie Nr. 13

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Bevor die Berliner Philharmoniker im philharmonischen Sommerloch verschwinden, haben sie noch zwei Aufgaben zu verrichten. Einer, dem letzten Konzertdoppelpack der Saison, entledigen sie sich heute Abend. Weiterlesen

Rattle Betsy Jolas Percy Grainger In a nutshell Debussy Varèse: Kritik Berliner Philharmoniker

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Berliner Philharmoniker Simon Rattle Debussy Varèse Betsy Jolas Emanuel Ax Percy Grainger

Berliner Philharmoniker Simon Rattle Debussy Varèse Betsy Jolas Emanuel Ax Percy Grainger / Foto: twitter.com

Die Herren tragen heute Fliege.

Herr Rattle, folgen Sie dieser Logik. Wenn Brexit = ja, dann Sie = deutscher Pass. Wie soll das gehen ab 2018 ? Sie LSO-Boss, aber gleichzeitig im Häuschen Nähe Grunewald wohnen bleiben? Wollen Sie, dass Berliner Grenzer, Weiterlesen

Kritik RSB Janowski: Tschaikowsky Violinkonzert Frank Peter Zimmermann Rachmaninow Sinfonie Nr. 2

Liebe Klassik-Fans. Machen Sie es nicht so wie ich. Jahrelang habe ich Rachmaninow, Tschaikowsky, Skrijabin, Prokofjew gemieden. Sie wissen schon, diese spätromantische bis pseudomoderne russische Musik. BPO, RSB, DSO spielen Rachmaninow? Nee danke, ich höre RBB, Fricsay, Webern. Weiterlesen

Kritik Konzerthausorchester Berlin: Dimitri Kitajenko Mussorgski Bilder einer Ausstellung Prokofjew Sinfonie Nr. 7

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Das Konzerthausorchester Berlin spielt unter Dimitri Kitajenko Werke von Milhaud, Prokofjew und Mussorgski. Die programmatische Linie des Konzertabends lässt sich grob mit den Worten „russischer Hackfleischtopf plus französisches Kleingemüse“ umreißen.

Ich bin wegen Kitajenko und Prokofjew hier.

Dimitri Kitajenko Konzerthausorchester Berlin Prokofjew Sinfonie 7 Mussorgski Bilder einer Ausstellung Milhaud Creation du Monde
Dimitri Kitajenko leitet das Konzerthausorchester Berlin / Foto: Schlatz

Herr Kitajenko ist ein freundlicher, weißhaariger Herr. Kitajenko trägt weiße Welle mit Seitenscheitel. Dieser Typ Frisur ist westlich der Wolga selten. Kitajenkos Rechte schlägt den Takt. Seine Linke gibt in aller Ruhe die nötigen Einsätze. Freundlich überwacht der Russe die Aktionen des Konzerthausorchesters.

Prokofjews Sinfonie Nr. 7, Spätwerk und Schwanengesang zugleich, verunsichert durch Sowjet-Serenität. Aber nur leicht. Die 7. füttert den Zuhörer nicht NUR mit Bildern fröhlich ausschreitender Komsomolzen. Prokofjews Melos funktioniert subtiler. Die Themen mixen melancholischen Klang mit transparenter Linie und subtexteln miteinander um die Wette. Es gibt weiterhin kleine, aber tückische Manipulationen des motivischen Grundmaterials. Der alternde Prokofjew ist und bleibt ein Fuchs. Kitajenko sorgt für die ruhige Ausbreitung in die Horizontale. Das macht seine Klasse aus. Kitajenko macht erlebbar, wie präzise die Formen in der „Siebten“ gefasst sind. Und sonst? Das Tempo ist relaxt. Kitajenko dirigiert „leidenschaftlich und unsentimental“.

Von Kitajenkos weiträumig disponierendem Dirigat profitieren auch Mussorgskis düsterdunkle Bilder einer Ausstellung, deren Lapidarstil stets aufs Neue beeindruckt. Ravels Orchestrierung der ursprünglichen Klavierfassung ist auch martialische Aufpäppelung und virtuose Verpackung, aber eben immer auch mehr. Sie macht den Rang der „Bilder“ auf dem Orchesterpodium klar.

Zu Beginn stimmt das Konzerthausorchester Berlin mit Milhauds Suite La Creation du Monde auf den Abend ein.

Kritik Geburtstagskonzert Martha Argerich: Beethoven Klavierkonzerte Nr. 1 & 2 Staatskapelle Berlin

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Das Geburtstagskonzert. Martha Argerich und die Staatskapelle.

Spontaner Eindruck: Die Staatskapelle ist sehr gut gelaunt. Und Martha Argerich merkt man das Alter an. Behend vom Podium eilen, das sind tempi passati.

Martha Argerich Staatskapelle Berlin Daniel Barenboim Beethoven Klavierkonzerte 1 & 2 Philharmonie Berlin
Applaus für ein Geburtstagskind: Martha Argerich in der Philharmonie Berlin / Foto: Schlatz

Das immer noch störrische Haar lässt sie frei und grau fließen. Sie spielt die Klavierkonzerte Nr. 1 und 2. Beide hat Argerich öfters mit der Staatskapelle gespielt. Die Konzerte Nr. 3, 4 oder 5 wären auch schön gewesen.

Ich rede im Folgenden hauptsächlich über das Klavierkonzert Nr. 1, op. 15. Nr. 2 habe ich aufgrund von Sonntagsnachmittagsmüdigkeit nur halbwegs wach verfolgen können.

Drei Dinge fallen zunächst auf an Argerichs Spiel: Lässigkeit, Freiheit, Temperament.

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Kritik Late Night: Debussy Betsy Jolas de Falla Máté Szűcs

Ein Late-Night-Konzert mit dem unschlagbaren Debussy, der französischen Komponistin Betsy Jolas und Altmeister de Falla.

Debussy ist nie verkehrt. Debussys Sonate für Flöte, Viola und Harfe ist eines jener Stücke, bei dem Einfachheit und Vollkommenheit eine so enge Verbindung eingehen wie derzeit nur noch Yusif Eyvazov und Anna Netrebko. Die Sonate wiegt eine Mahlersinfonie auf. Mathieu Dufour, Ignacy Miecznikowski (an der Bratsche, war er das?), Marie-Pierre Langlamet spielen.

Der großartige Bratscher Máté Szűcs spielt Betsy Jolas‘ Épisode sixième für Viola solo so nuancensüchtig wie präszisionsversessen. Nebenbei gelingt ihm auch noch erfolgreich die Zündung der nervösen Substanz des Werks. Jolas, Jahrgang 1926, war Schülerin Milhauds und Messiaens. Und da kommt auch schon Simon Rattle mit einem Notenblatt in der Hand. Er eilt zum Klavier. Szűcs und Rattle spielen Betsy Jolas Ruht wohl, das seinen Klang nun entspannter in der Horizontale ausbreitet. Simon Rattle führt die noch taufrisch wirkende Komponistin eigenhändig aus den schummerigen Tiefen von Block A vor das Podium.

Zuletzt Manuel de Fallas Zwanzigerjahre-Opus El retablo de maese Pedro. Das Stück ist von diskreter Buntheit, und überklar ausgeleuchtet durch solistische Aktionen. Besonders schön ist dann die Violine Laurentius Dincas. Hier singt der Tenor Florian Hoffmann, morgen in Berlin wieder in Martinus Juliette zu hören, den Part des Maese Pedro. Parallel macht sich Sylvia Schwartz‘ Sopran durch silbrige Höhensicherheit bemerkbar. Und Josep-Miquel Ramón liefert einen sanft kantablen Don Quixote ab. Simon Rattle dirigiert. Die Musiker spielen kongenial.

Schönes Konzertchen. An programmtechnischer Knackigkeit sind die Late Nights den regulären Konzerten der Philharmoniker noch stets die eine oder andere Nasenlänge voraus.