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Livestream Ö1.

Wiener Staatsoper, Tosca.

In der Oktober-Serie sangen Anja Harteros, Jorge de León und Marco Vratogna.

Jonas Kaufmann, Schaftstiefel, blauer Frack, roter Kragen, singt den Cavaradossi. Das schluchzergesäumte „Recondita Armonia“ startet mit dem Versuch eines Diminuendo an den ersten beiden Phrasenenden. Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, dass Kaufmann Akzente immer wieder wie Jauchzer singt. „L’arte nell‘ suo mistero“ klingt ein bissl bedeutungsschwanger, und

„e te, beltade ignota“ staatstragend volltönend. Kaufmann schleift die Töne von oben an – oder von unten, letzteres besonders in „ma-a nel ritrar“ (vom d auf’s f), aber irgendwie macht das ja jeder. Es klingt nur mal wie vokales Gewichtheben, eine Disziplin, in der Kaufmann nicht ohne Chancen wäre.

E lucevan le stelle wird mit leiser Stimme begonnen, „e un passo“ mit genauer Emotion gesungen, „entrava ella“ dann in echt kaufmann’sch heroischer Manier. „Fra le braccia“ dann klingt leicht gequetscht. „O dolci baci“ beginnt Kaufmann kleinteilig und leise, bringt aber den Ton schmerzlicher Erinnerung bezwingend heraus. Den ersten Schluchzer höre ich bei „forme“, den zweiten bei „disciogliea“. Auch „veli“ hat schmerzlichen, abgedunkelten Ton. Dann die erste Vollstimme Kaufmanns bei „svanì per sempre“. Das zweite „e muoio disperato“ nimmt Kaufmann leiser. Nachdem der Tenor in der vorausgegangenen Vorstellung die Arie nach minutenlangem Beifall wiederholte, braucht man keine hellseherischen Gaben um vorauszusagen, dass sich das Publikum auch heuer nicht lumpen lassen will.

Und er wiederholt. Die zweite „Version“ klingt bedachter und sorgfältiger, sie berührt stärker. Beim Dacapo spielt die Klarinette das Vorspiel weich wie ein Katzenfell. Dieses Mal agiert Kaufmann überlegter in der dynamischen Entfaltung der Anfangszeilen, „e un passo“ wird dynamisch schön abgedimmt. Überhaupt besitzen die ersten vier Zeilen nun eine beachtliche liedhafte Intimität. Auch der heroische Ton von „entrava ella“ weicht einem weicheren Gestus. „O dolci baci“ singt Kaufmann jetzt als (scheinbar) endlose Piano-Schleife. Die ersten beiden Schluchzer sitzen wieder an den gleichen Stellen. Das erste Anspringen der Vollstimme gibt’s nun bei „le belle forme“. Schön die zurückgenommene Stimme bei „scioglieva“. Das traurige „E muoio“ formt Kaufmann noch klarer und bewusster. Auch die letzte Steigerung zur Fermate aufs ‚a‘ hinauf wirkt geschlossener. Die Fermate selber („amato„) hält Kaufmann hörbar länger als beim ersten Mal.

Man mag das Wiederholen „showboaty“ und „tasteless“ finden. Doch heute Abend ist Kaufmanns Version Nr. 2 so überaus befriedigend, dass ich das Dacapo gerne höre, wenn man andererseits auch zugeben muss, dass Version Nr. 1 keine fünf Minuten Applaus rechtfertigten. Angela Gheorghiu fand dies offensichtlich auch, denn sie erschien beim anschließendem Fortissimo zu Kaufmanns „Ah, franchigia a Floria Tosca“ einfach nicht auf der Bühne. Kaufmann also: „Ahhh… Non abbiam‘ il soprano… Noch ein Versuch?… Sie sehen mich genauso überrascht wie ich Sie.“ Jaja, Gheorghiu ist schon eine heiße Katze.

Das Publikum zeigt Takt und lässt nach Kaufmanns zweitem E lucevan ohne Klatschen weiterspielen.

Angela Gheorghiu ist ein Satansbraten, und zwar einer, in dessen Kehle mehr als ein Braten passt. Ihr Singen ist lebhaft, es vermittelt Gefühl und Ausdruck, und es genügt den dramatischen Erfordernissen. Das Vibrato macht sich hin und wieder (aber selten) selbständig vom gesungenen Wort. Ihre Piani sind ein Gedicht.

„Vissi d’arte“: Eine Geste voller Leben und Drama ist schon das erste „vissi d’arte“. Hübsch das temperamentvolle Eilen bei „sempre con fé“ und geradezu wundervoll die Expansion auf „diedi fiori“, das ‚es‘ auf der Silbe „die“ scheint mir der schönste Klang des Abends zu sein. Die Einheit der Phrasierung ist zwar durch Gheorghius Temperament hin und wieder gefährdet, aber schlussendlich stets durch ihre Musikalität gesichert. Dem ‚b‘ auf „signor„, der höchsten Note der Arie, fehlt als einziger Note die Rundheit, zudem muss Angela Gheorghiu kurz zuvor die Linie abbrechen lassen und Luft holen – aber live ist live. Der expressive Gestus durchdringt Klang und Wortdeutung, ohne sich ungebührlich in den Vordergrund zu schieben. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann das, dass Gheorghius Piani in den Schlussphrasen prägnanter und plastischer wären.

Bryn Terfel tut alles in seinen (vokalen) Mitteln stehende, um als Verkörperung der Bosheit und des Sadismus durchzugehen. Dieses  gelingt ihm.

Ryan Speedo Green singt einen vorbildlich erschöpften Angelotti, Staatsopern-Urgestein Alfred Šramek singt als Mesner ein gebührend bigottes Angelus. Benedikt Kobel singt Spoletta, Marcus Pelz den Sciarrone. Il Hong ist der Schließer

Jesús Lóbos-Cobos dirigiert eine detailreiche Tosca, die Tempo hat, wo es drauf ankommt.

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Kurier: Triumph für Kaufmann und Terfel
Der Standard: Tosca, Gefühlsschlacht, edel besetzt
Die Presse: Trio infernal für Tosca