Kritik Wiener Philharmoniker Berlin: Es gibt solche Orchester, und es gibt solche

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Wiener Philharmoniker Christian Thielemann Beethoven Sämtliche Sinfonien

Die Philharmonie Berlin ist eine Stätte verfeinerter Musikliebe. Die Musik wird hier mit einer unpathetischen Liebe geliebt, die anderswo nicht Liebe, sondern Nörgelei genannt wird. Jetzt sind die Wiener Philharmoniker da, und was man auf den Gängen hört, ist „Die können ja ooch jans jut spielen“. Das Ooch bezieht sich auf die Berliner Philharmoniker, das Jans Jut auf die gar nicht so schlechten Geigen sowie die ganz guten Holzbläser der Wiener. Aber es dauerte nicht lange, da schnappte man im Vorbeigehen den ersten Kommentar auf, der lautete: „Die Berliner sind aber schon a bissl besser.“ Ach ja, wie gut ist es, dass die Wiener gerade jetzt kommen. Just begann eine Flaute im Musikleben der Hauptstadt zu herrschen. Die Berliner Philharmoniker erholen sich noch von den Strapazen einer Konzertreise. Daniel Barenboim und Simon Rattle befinden sich außerhalb der Stadtgrenzen Berlins, und die Berliner Opernhäuser geben dem vorweihnachtlichen Verlangen des Publikums nach Stoffen nach, die zum Herzen sprechen.

Als Musikliebhaber hat man das komplette Abonnement gekauft und sich im Zuge dessen entschlossen, die Weihnachtsgeschenke dieses Jahr eine Nummer kleiner ausfallen zu lassen. So sitze ich an drei bitterkalten Dezemberabenden und einem wärmeren Dezembervormittag im Block G, zähle die Frauen im Orchester, schaue Christian Thielemann beim Dirigieren zu, nehme in der Pause einen Imbiss ein und höre in der Zwischenzeit den Wiener Philharmonikern zu. Es sind übrigens sechs Frauen. Drei bei den ersten Geigen, zwei bei den Bratschen, eine bei den Celli. Weiterlesen

Wiener Philharmoniker in Berlin: weniger Mont Blanc, mehr Wienerwald

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Wiener Philharmoniker Lorin Maazel Beethoven Sinfonie Nr. 6 Debussy La Mer Ravel Daphnis et Chloë

Die Wiener waren da. Die Wiener sind immer gern gesehen, immer gern gehört. Wie jeder weiß, gelten die Wiener Philharmoniker als eines der besten Sinfonieorchester der Welt, und insbesondere den Wienern nicht nur als eines der besten, sondern als das beste. Wenn es eine Anwärterschaft auf das beste Orchester gibt, dürften die Wiener zusammen mit den Berliner Philharmonikern und dem Concertgebouworkest aus Amsterdam das Rennen unter sich ausmachen, zumindest wenn keine Freunde des Gürzenich Orchesters oder der Radiophilharmonie Hannover, die ich immer etwas fanatisch fand, unter den Jury-Mitgliedern sind. Mag sein, dass der individuelle Geschmack entscheidet. Die Amsterdamer spielen am modernsten, die Berliner am packendsten, die Wiener am schönsten.

Hier das Programm:

Beethoven Sinfonie Nr. 6
Debussy La Mer
Ravel Daphnis et Chloë

Dirigier-Perfektionist Lorin Maazel, von dem jüngst Altmeister Michael Gielen in einem Interview sagte, dass er beim Dirigieren grimassiere wie ein Affe (keiner gibt bessere Interviews als Gielen), dirigierte. Und, wenn man ehrlich ist, lag Gielen gar nicht so weit weg von der Wahrheit. Maazel ist ein elegantes, lässig hin und her wiegendes Männchen mit in der Stirn festgewachsenen Stirnrunzeln. Insider erinnern an dieser Stelle gerne daran, dass Maazel alle internationalen Beziehungen zu den Berliner Philharmonikern abbrach, nachdem nicht Maazel,

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Simon Rattle, Berliner Philharmoniker: Mahler Sinfonie Nr. 1

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Rachmaninow Symphonische Tänze Mahler Sinfonie Nr. 1

Rachmaninows Symphonische Tänze gehören zu jenen Stücken der Nicht-Schönberg-Nachfolge, die das Glück hatten, uraufgeführt zu werden, nachdem Adorno das Interesse daran verloren hatte, das musikalische Tagesgeschäft kritisch zu begleiten. So blieb den Symphonischen Tänzen ein Dolchstoß erspart, der zumindest im deutschsprachigen Raum eine fünfzigjährige Quarantäne bedeutet hätte. Dennoch muss man sagen, dass die Tänze gewonnen hätten, wenn Strawinsky vor Drucklegung der Partitur redigierend eingegriffen hätte. Strawinsky hätte gestrafft, geschärft, gelichtet. Was auch gesagt werden muss: Mahlers Erste hätte gewonnen, wenn nicht Rachmaninow zuvor auf dem Programm gestanden hätte, sondern, sagen wir, nochmals Schönberg, wie vor fünf Tagen. Das wäre kohärent gewesen.

Er war ein verkorkster Abend. Es muss an mir gelegen haben, am Programm und natürlich an dem Platz, auf dem ich saß. Ich saß da, wo ich noch nie saß, in Block E rechts. Prompt klangen die Philharmoniker so was von anders als sonst. Ich war so nah dran, ich hätte dem Solobassisten die Haare kraulen können. Außerdem saßen heute (wie schon eine Woche zuvor bei Mahlers Zweiter) die Bratschen links, die Celli in der Mitte. Die Harfe stand heute vor den Bässen. Auch das ist gewöhnungsbedürftig. Emmanuel Pahud war wieder nicht da.

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Simon Rattle und der Mahler-Zyklus der Berliner Philharmoniker: Sinfonie Nr. 2 und Schönberg

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: MAGDALENA KOZENA KATE ROYAL RUNDFUNKCHOR BERLIN Schönberg Überlebender aus Warschau Mahler Sinfonie Nr. 2

Verglichen mit der Zweiten Sinfonie von Mahler ist Strauss‘ Sinfonia Domestica ein schlankes Beserl. Meine Affinität zur zweiten Sinfonie ist gering. Im dritten Satz klingt es hier und da nach Grieg, zwischendurch nach Bruckner. Die Posaunen im letzten Satz klingen nach Parsifal, sind bei Wagner aber zehnmal besser gesetzt. Einige Harmoniewechsel haben etwas Ungeschicktes. Es sind definitiv etwas zu viel Fanfarenmotive in der Zweiten. Der Chor hat was vom Pilgerchor aus Tannhäuser. Aber es ist trotz allem große Musik. Aber es gibt in Mahlers Erster auch Stellen, da versucht man herauszufinden, ob das nun Angela Merkel in der ersten Reihe ist oder nicht. Mahlers Erste hörend, fange ich an zu bedauern, dass Brahms, perfektionistischer Hanseat, der er war, es nicht über sich brachte, eine mitreißende, schwungvolle, vor Unerfahrenheit strotzende Jugendsinfonie zu schreiben, etwa im Stile seines Opus 8 – bis er 35 war, hätte das wohl noch geklappt. Stattdessen wartet Brahms mit der Ersten, bis er über sinfonische Gediegenheit verfügt.

Zu Beginn spielen sie der Überlebende aus Warschau, quasi als nullten Satz der Mahlersinfonie.

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Mariss Jansons‘ Concertgebouw Orchestra

Musikfest Berlin 2010 CONCERTGEBOUWORKEST MARISS JANSONS Igor Strawinsky Symphonies d’instruments à vent Béla Bartók Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Luciano Berio Quatre dédicaces Igor Strawinsky Feuervogel

Irgendwie fängt es später an. Warten vor den Saaltüren, das tut niemand gerne. Ich stehe in einer Traube amerikanischer Senioren. Das ist auch ein hartes Brot. Für den Strawinsky kommen nur die Bläser aufs Podium. Die Folge ist weniger Applaus als letztes Jahr. Strawinskys Bläsersinfonie klingt wie Schachspielen in Musik. Die Musiker spielen gerade so locker als nötig, um der Struktur eine 1a Kohärenz zu geben. Sehr gute Solisten, extrem gute Flötistin. Bartók klingt weltmeisterlich. Berios Quatre dédicaces – laut Programm eine deutsche Erstaufführung – gehen etwas hemdsärmelig mit ihrem Material um, trotz der angenehmen Kürze der Stücke, was aber vielleicht nur auffiel, weil die anderen Stücke des Abends sich allesamt in absoluten Top-Lagen der Musik des 20. Jahrhunderts befinden. Der Feuervogel erklingt in der schmächtigen Version von 1945. Ich ertappe mich bei der Sehnsucht nach Dudamels Feuervogel mit den Philharmonikern im nächsten Frühjahr. Mariss Jansons‚ Vorliebe für gut gelaunten, sachlich angekühlten Impressionismus verhindert Geheimnis und Atem der Feuervogelmusik. Weiterlesen

Kritik Daniel Harding, London Symphony Orchestra, Tabea Zimmermann: Berio Folksongs & Sinfonia

LONDON SYMPHONY ORCHESTRA DANIEL TABEA ZIMMERMANN HARDING BERIO FOLK SONGS BERIO SINFONIA BERLIOZ HAROLD EN ITALIE

Neue Saison, neues Glück. Im August gehe ich grundsätzlich nicht ins Konzert (Saisoneröffnungskonzert mit Bruder Beethoven und Meister Mahler, 28. 8. 2010) und so startet die Saison 2010/2011 mit dem Concertgebouworkest Amsterdam und dem London Symphony Orchestra. Deshalb kurz etwas über das London Symphony Orchestra.

Das London Symphony Orchestra. Eröffnungskonzert des Musikfests. Vor zwei Jahren dirigierte Harding mit dem LSO eine rasante, alles in allem äußerst lustige Bruckner Vierte, letztes Jahr hinterließ Gergiew einen schwachen Eindruck mit dem LSO (Schostakowitsch 11). Die Vorfreude auf Daniel Harding war also genau so groß wie die Erleichterung darüber, das die Londoner nicht mit Gergiew kamen.

Wo bleibt die englische Effizienz? Mann! Beispiel 1: Zuerst kommen die Orchestermusiker, die auf der linken Seite des Podiums sitzen. Applaus. Dann kommen die, die auf der rechten Seite des Podiums sitzen. Noch mal Applaus, aber schon deutlich zögerlicher. Dann kommt der Rest. Kein Applaus. Dauer des Ganzen: über drei Minuten. Beispiel 2: Zwischen den Folk Songs und der Sinfonia baut ein einziger Brite die ganze Bestuhlung um. Eine junge Britin (adrett, aber kühl, kein Flirt mit dem Publikum) half anfangs, verschwand aber irgendwie ziemlich schnell. Ein Brite und 100 Stühle! Und dann auch noch im Zickzack ohne jede Koordination und nicht systematisch von links nach rechts oder von vorne nach hinten. Mann! Als überorganisierter Deutscher leidet man beim Zuschauen. Ein Wunder, wie die in London mit so viel Unorganisiertheit immer aufs Neue diese bewunderungswürdigen Zeremonien mit den Royals hinbekommen. Weiterlesen

Was die Berliner Philharmoniker in der Philharmonie so trieben

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SAISON 2009 / 2010 PHILHARMONIE BERLIN

Es ist Hochsommer, der Landwehrkanal stinkt, es sind Ferien und der kleine Pavillon der Türken im Nachbarhof ist verwaist. Gerade lese ich, dass Annette Dasch die Elsa in Bayreuth singt. Die war doch schon als Donna Elvira an der Staatsoper schlechter als die Donna Anna von Anna Samuil. Tja, Bayreuth…

Saisons haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie irgendwann zu Ende gehen. So auch die  Saison 2009/10. Was bleibt? Ich lasse die Akteure noch einmal Revue passieren. Zuerst jedoch die Stücke. Die interessantesten waren Schostakowitschs wilde Vierte und Sibelius‘ erschütternde Vierte sowie vielleicht Sibelius‘ Sechste (alles Simon Rattle). Schostakowitschs Zwölfte (Dudamel) und Dreizehnte (Staatskapelle, Barenboim) fand ich, na, fand ich zu episch. Das zweite Violinkonzert von Schostakowitsch (Barenboim, Kremer, Staatskapelle) ist ein Stück, das Schostakowitschs erstem (Bychkov, Guy Braunstein) um eine Nasenlänge voraus ist. Der reine Brahmsabend (Haitink/Lupu) wäre nicht nötig gewesen – sowohl Klavierkonzert als auch Vierte gabs von Rattle herzlicher und eindringlicher. Ligetis Athmospères und seine Mysteries of the Macabre (Hannigan) waren Höhepunkte und hielten sowohl konzeptionell als auch substantiell, was der Name Ligeti versprach. Rattle kombinierte Ligeti mit Sibelius, Kurtag und Beethoven. Auf den leidenschaftlichen Sibelius-Zyklus der Berliner Philharmoniker freute ich mich mit rätselhafter Schadenfreude. Schlussendlich befreite der Zyklus den Finnen aus Adornos giftiger Obhut und den Zuhörer aus mancher Unwissenheit (alles Simon Rattle). Beethoven (Klavierkonzerte, Rattle, Uchida) wirkt stets wieder seltsam unvertraut. Weiterlesen

Rolando Villazón Berlin: Staatsoper, ade – Onegin mit Artur Rucinski, Maria Gortsevskaya, Margarita Nekrasova, René Pape

Eugen Onegin Daniel Barenboim Achim Freyer Anna Samuil Artur Rucinski Rolando Villazón Maria Gortsevskaya Margarita Nekrasova Stephan Rügamer

Rolando Villazón singt wieder – auf russisch // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Die letzte Vorstellung in der alten Staatsoper der DDR. In der renovierten Staatsoper wird der Schweiß Tausender DDR-Bürger, Abertausender Stasi-Spitzel und Erich Honeckers verschwunden sein. Die Arien Rolando Villazóns werden endgültig verhallt sein, ebenso wie die Magie von Barenboims Parsifal. Der Rücktritt Horst Köhlers traf mich ebenso. Nie wieder wird Horst Köhler samt bezaubernder Frau in der Mittelloge sitzen und bescheiden, mit aufmerksamem Gesicht Wagner hören. Was uns statt dessen blüht, kündigte ein Blick in die Mittelloge während dieses Eugen Onegin an, die mit einem schwitzenden Wirtschaftsminister Brüderle und einer für Berliner Verhältnisse schon skandalös unsexy wirkenden Gattin besetzt war.

Na gut, immerhin war der Regierende Bürgermeister Wowereit da, der allerdings lieber mit der geistreichen und schicken Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, die eine Reihe hinter ihm saß, plauderte, als mit Brüderle. Bei Joschka Fischer mutmaße ich immer, dass er lieber Pink Floyd hört als das Staatsopernorchester, doch vielleicht ist seine Gattin unerwarteterweise eine umfassend gebildete Muse ersten Ranges. Fischer hat sich als a.D.-Politiker auch irgendwo in den Seitenrang hin verdrückt. Nach dieser Saison kann ich drei Jahre lang keinen Tristan und fünf Jahre lang keinen Eugen Onegin hören.

Die Musik. Die Festtage scheinen schon weit weg. In der ersten Vorstellung der Festtage war Rolando Villazón ein in homöpathischen Dosen und mit äußerster Vorsicht singender Schatten seiner selbst. Barenboim dirigierte mit nie gehörter gespenstischer Leisheit. In der zweiten Vorstellung gelang Rolando Villazón die alte Sicherheit in der Duellszene zurück. Es ging ein Aufatmen durch das gesamte Publikum.

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Simon Rattle dirigiert an der Staatsoper: L’Etoile mit Magdalena Kozena, Stella Doufexis, Jean-Paul Fouchécourt, Juanita Lascarro

L’Etoile Simon Rattle Dale Duesing Magdalena Kozena Stella Doufexis Jean-Paul Fouchécourt Juanita Lascarro
Der Komponist ist übrigens Emmanuel Chabrier. Eine heitere Oper, eine Oper mit kurzweiliger Handlung, eine Oper, die nach zwei Stunden durch ist und schon deshalb einen angenehmen Eindruck macht. Simon Rattle hält sie für eines der ‚masterpieces‘ des neunzehnten Jahrhunderts (das war das Interview, in dem er mitteilte, Barenboim sei einer der ‚greatest musicians of the planet‘ und übrigens esse er oft mit Barenboim zusammen). Es ist die erste Premiere, die Rattle an der Staatsoper leitet. Es gab Gerüchte, dass Rattle einen Ring an der Deutschen Oper in Charlottenburg dirigiert, aber das waren offensichtlich uninformierte Spatzen, die das von den Dächern pfiffen. Stattdessen wird Simon Rattle wohl Janaceks Totenhaus Unter den Linden rausbringen. Was ist L’Etoile? Eine hübsche Oper. Eine Klamotte. Es gibt Ohrwürmer en masse. Eine Oper, die auch Snobisten aufgrund des munteren Melodieklaus und des daraus folgenden heiteren Rätselratens mit gutem Gewissen hören können. Einer der Höhepunkte ist unzweifelhaft das Auftauchen von Themen aus Tristan und Isolde. Ein Schauer des Vergnügens läuft über meinen Rücken, als ein Thema (3. Akt, ‚Kurwenal, hei ha ha ha…‘) auf einmal sequenziert wird. Der Herr neben mir im Rang, der aussieht wie ein furchterregender Wagnerianer, grunzt bei jedem neuerlichen Themeneintritt entzückt. L’Etoile ist eine erquickende Dusche aus zauberhaften Melodien, rhythmischer Raffinesse und viel Blödsinn. Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, Opern, die durch diese Eigenschaften glänzen, sind rar. Weiterlesen

Tristan und Isolde, Waltraud Meier, Peter Seiffert, René Pape, Ekaterina Gubanova, Roman Trekel, Reiner Goldberg

TRISTAN UND ISOLDE Daniel Barenboim Harry Kupfer Waltraud Meier René Pape Peter Seiffert Ekatarina Gubanova Roman Trekel Reiner Goldberg Arttu Kataja Florian Hofmann

Sozusagen die Generalprobe für die beiden Festtagsvorstellungen zu einem Drittel der Festtagspreise. Das Vorspiel mit einigen Fehlern und vielen Ungenauigkeiten. Ein schrecklicher Hornschnitzer im ersten Akt. Klarinette, Flöten, Englischhorn toll. Ebenfalls die Streicher (seufz). Nach dem ersten Akt klatscht Barenboim dem Orchester zu. Offensichtich war er da wieder zufrieden.

Waltraud Meier ist angeschlagen, lässt sich entschuldigen, lag kurz vorher noch im Bett. Ein Raunen der Angst ging durch den Saal, als der Herr der Staatsoper mit der Ankündigung vor Beginn auf der Bühne erschien. Die ganzen drei Akte in Bezug auf Meier daher ein Wechselbad der Gefühle: unwillkürliches Lauschen auf Stimmschwächen, prophylaktisches Etwas-ungenauer-Hinhören, kurze Schauer bei Unsauberkeiten, wenn sie denn kommen. Das war wie Gehen auf dünnem Eis. Waltraud Meiers Stimme trug bei den großen Entfaltungen. Einiges war vorsichtiger gesungen, weniger intensiv phrasiert, mehr auf Korrektheit als auf Interpretation bedacht, weniges im p- und pp-Bereich gelang offen hörbar nicht in gewohnter Weise. So bei ‚Mild und leise‘, wo die Stimme während der ersten Silbe lange nicht ansprang und das dann so klang, wie wenn ein Zwölfzylinder-Motor eines Maserati Probleme beim Starten hat. Dies alles steigerte die Hochachtung vor der Leistung von Opernsängern (insbesondere der von W. M.) womöglich noch. Heute sang Waltraud Meier ‚Das Schwer, ich ließ es sinken‘ statt ‚…fallen‘. Seiffert revanchierte sich mit ‚Starb ich nun ihr‘ anstatt ‚Stürb ich…‘, was indes viele Tenöre so machen, denen der deutsche Konjunktiv II wohl generell nicht ganz geheuer ist.

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Staatsoper Berlin: Nozze di Figaro mit Julien Salemkour, Anna Samuil, Hanno Müller-Brachmann, Arttu Kartaja, Sylvia Schwartz

Il Nozze di Figaro Julien Salemkour Thomas Langhoff Anna Samuil Hanno Müller-Brachmann Arttu Kartaja Sylvia Schwartz

Waltraud Meier sagt ihr Konzert ab. James Levine sagt sein Konzert ab. Er hat Rückenprobleme. Nichts ists mit dem Benefizkonzert der Staatskapelle. Also setzt die Staatsoper einen Figaro auf den Spielplan, der nur ein Drittel des Üblichen kostet. Fast ausverkauft.

Arttu Kartaja: hager, gibt dem Grafen eine schöne Spontaneität, sehr achtbar, sehr sorgfältig, schlanke, leichte, trockene, helle Baritonstimme. Nach dem misslungenen Heerrufer der letzten Festtage hat er eine sehr positive Entwicklung hingelegt.
Sylvia Schwartz: leichte, in der Höhe kostbare Stimme.
Anna Samuil: aus dem Bett ‚auferstanden‘, wie der Herr von der Staatsoper vor Beginn der Vorstellung erklärt, will sagen auferstanden aus den Ruinen einer Erkältung. Vorsichtiger Beginn.
Hanno Müller-Brachmann setzt in ‚Non più andrai‘ zu früh an, oder Salemkour ist zu langsam. Dann vergisst er im dritten Akt eine Rezitativzeile. Die Worte der Souffleuse hallen durch die Staatsoper.
Der Cherubino von Rachel Frenkel anstatt dem von Katharina Kammerloher war eine Enttäuschung. Weiterlesen

Il Turco in Italia an der Staatsoper: Alexandrina Pendatchanska Colin Lee Andrea Concetti

Il Turco in Italia Riccardo Frizza David Alden Alexandrina Pendatchanska Colin Lee Andrea Concetti Giovanni Furlanetto Katharina Kammerloher Alfredo Daza

Es ist eisig kalt, und in der Staatsoper dringt die Kälte durch alte Fensterrahmen an manche vermeintlich geschützte Ecke. Selbst im Zuschauerraum, wo man in wärmeren Monaten gerne mehr ablegen möchte, als schicklich ist, herrschen nicht viel mehr als temperierte Temperaturen. Was guckt man sich an? Im Berlin der Vorweihnachtszeit, das von Simon Rattle und Daniel Barenboim gemieden wird wie derzeit nur die Deutsche Oper von Christian Thielemann, ist man auf den anständig besetzten Turco in Italia angewiesen, wenn man nicht an der Deutschen Oper für das dreifache Geld einen ähnlich anständigen Barbiere sehen will. Der Turco unter den Linden weckt weniger den Türken in uns wie ein Besuch am Kottbusser Tor. Die Staatskapelle spielt zur Vorweihnachtszeit mit jener liebenswürdigen Ungenauigkeit, deren Charme über die mittelmäßigen Geigen und Bläser hinwegtröstet. Macht Konzertmeister Batzdorf Urlaub? Hilft er bei den Phiharmonikern aus? Verbringt er seine freien Abende im Berghain? Die Leitung liegt beim anständigen Frizza, einem halbwegs jungen Mann aus Italien, bei dem man sich nicht sicher ist, ob er mit mehr Proben mehr aus Rossinis Musik gemacht hätte.

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Simon Boccanegra: Plácido Domingo erkältet, Anja Hateros nicht. Kwangchoul Youn brilliert

Simon Boccanegra Daniel Barenboim Federico Tiezzi Plácido Domingo Kwangchoul Youn Anja Harteros Fabio Satori Hanno Müller-Brachmann Alexandr Vinogradov

Plácido Domingo Simon Boccanegra Verdi Berlin Oper
Plácido Domingo: „Ey, haste ma ne Sekunde“.  Kwangchoul Youn: „Mann, muss der mir immer direkt ins Ohr singen?“ // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Domingo lässt sich in der Pause wegen einer Erkältung entschuldigen, die er sich aller Wahrscheinlichkeit am Montag vorm Brandenburger Tor holte, als er aus Anlass des zwanzigsten Jahrestages des 9. Novembers 1989 in strömendem Regen im Beisein von Merkel, Sarkozy und dem großen Komiker Berlusconi „Berliner Luft“ schmetterte. Diese Entschuldigung sollte sich als sehr gerechtfertigt herausstellen. Das Ende des dritten Aktes absolvierte Domingo im brüchigen Falsett. Lust und Luxus der Aufführung waren dahin. Eine Kritik erübrigt sich. Eine mit Kopfstimme genommene Phrasierung im ersten Akt erwies sich rüchblickend als Vorbote seiner Stimmschwächung. Dennoch war der erste Akt glorreich.

Auch nach wiederholtem Ansehen serviert Tiezzis schöhnheitliche Inszenierung viel Theaternippes. Es fehlt der Stachel frischer Verdi- und Menschenkenntnis. Erstaunliche Ungeschicklichkeiten: Sänger kommen ein Buch lesend auf die Bühne und bemerken aufblickend eine andere Person – ein Stilmittel des 19. Jahrhunderts. Nie hatte ich mehr das Gefühl, auf den Gängen einem Ostberliner Bildungsbürgertum zu begegnen. Jacketts, Hosen und Kleider, die schon vor fünfundzwanzig Jahren in Kleiderschränken in Prenzlauer Berg und Pankow hingen und jetzt mit Witz und Anstand auf Domingo hinuntersehen. Die zwei fülligen Damen, die in den ersten drei Vorstellungen jedes Mal in der Mitte der ersten Reihe saßen, suchte ich vergeblich.