DSO Sokhiev: Prokofjew Dutilleux Mussorgski

Ein gestaltenreich angelegter Abend mit Tugan Sokhiev und dem DSO.

Prokofjews Leutnant Kische-Suite ist eines jener Stücke, die beim ersten Hören oft den Eindruck von Unerheblichkeit machen. Das Problem sind – besser: scheinen – motivische Dünnsuppigkeit und satztechnischer Simplizismus. Aber Vorsicht! Schon klar, die Suite ist in etwa so wenig symphonisch konzipiert wie Schumanns „Am Kamin“. Prokofjew hielt bei dem Thema der Suite – die zweifelhaften Segnungen des Bürokratismus – offenbar ein Amalgam aus Sowjet-Schneid und motivischer Klarheit für angebrachter als trotzigen Bartókismus. Die Melodik ist nun einmal von so kalkulierter Einfachheit, die auch den unmusikalischsten Komsomolzenstiefel zum Mitwippen veranlasst haben dürfte. Man muss Leutnant Kische hören wie eine Mozartklaviersonate. Kurz und gut, wer die Suite heute Abend nicht umwerfend genial fand, sollte die morgige Wiederholung des Konzerts besuchen. Weiterlesen

Kritik Staatskapelle Berlin Barenboim: Ravel Debussy Sennu Laine Dutilleux Tout un monde lointain

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Staatskapelle Berlin Philharmonie Daniel Barenboim Ravel Debuusy Dutielleux

Barenboim in den Tiefen des Orchesters / Foto: Anton Schlatz

Ein subtiler Debussy-Leckerbissen, ein oller Ravel-Schlager, dazwischen ein filigran abgetöntes Konzert von Dutilleux.

In Ravels Antiken-Schnulze Daphnis et Chloé (wie meist als Suite Nr. 2) ist die Staatskapelle des Tempos voll. Daniel Barenboim steuert die Höhepunkte an wie ein erfahrener Sturmpilot das Auge des Hurricans. Barenboim gönnt sich im Eifer des Gefechts – gegen Schluss – zwei, drei Fußstampfer. Die Gefahr einer alle Nebenstimmen überstrahlenden, schimmernden Monochromie bannt Barenboim durch eine lebhaft expressive Ausdeutung der Orchesterpalette.

Nicht an Eingängigkeit, doch an Schwung der Phantasie ist Debussy Ravel wie eh und je überlegen. Wenn Debussy wie in der Orchesterversion der Images Landschaftseindrücke und Reiseerinnerungen nutzt, um ein Meisterwerk zu schreiben, so findet Debussy zu einer Sprache der Leidenschaft, die Ravel fern ist. An dreidimensionaler Tiefenschärfe und übersinnlicher Strahlkraft der Farben wird Debussy sowieso jedem Hightech-Fernseher der nächsten 2000 Jahre überlegen sein. Klug, wie Debussy ist, lässt er die Schwierigkeiten der Komposition hinter einer folkloristischen Einfachheit verschwinden. Im Konzert in der Philharmonie stellt mich die Staatskapelle Berlin durch die verschwenderische Kraft der Spannungsmarken, durch dichte Staffelung ebenso kleinräumiger wie knackiger Crescendo-Module und last not least durch die glutvollen Bläsersoli zufrieden.

Ich bin wegen Dutilleux‘ Tout un monde lointain gekommen. Das Cellokonzert des Franzosen (Fertigstellung 1970) steht für das traurige Aufblühen kurzer, aber umso intensiverer Kantilenen und für präzise, aber umso heftigere Ausbrüche der Solistin. Solo-Cellistin Sennu Laine meistert den Solopart. Von den Cello-Solisten, die während der bisherigen Saison mit Tout un monde lointain in Berlin zu hören waren, ist die Interpretation Sennu Laines die expressiv-sprachähnlichste, nachdem Truls Mørk mit den Philharmonikern seltsam verhalten spielte und Konstanze von Gutzeit mit dem RSB das Konzert in erregter Strenge ausspielte.

Das DSO spielt das Dutilleux-Konzert ebenfalls diese Woche. Solist wird Gautier Capuçon sein.

Gleichzeitig nebenan im Kammermusiksaal das Hagen-Quartett.

Anna Netrebko Tosca – ein Vissi d’arte für die Met

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Это интересно.

Ja, wir haben es kapiert. Anna Netrebko will und wird keine Norma singen. Nicht 2016 in London, und nicht 2017 in New York. Diese Meldung ist erst wenige Tage alt. Jetzt überrascht die New York Times mit der Nachricht, dass Anna Netrebko in der Saison 2017/2018 der Metropolitan Opera die Titelpartie in Tosca singen wolle.

Von Norma zu Tosca ist allerdings ein weiter Weg, und ob Netrebko, deren Gemüt eine gewisse gluckenhafte Schwerfälligkeit bislang jedenfalls nicht fremd war, die cojones für die Rolle der Tosca haben wird, darüber darf spekuliert werden. Moment, war da nicht was? Jawoll! „Jeder will, dass ich Tosca singe. Ich weiß wirklich nicht, warum. Es gibt so viele Toscas auf der Welt. Also nein, ich denke nicht, dass ich Tosca singen werde„, teilte die russische Sopranistin 2008 classicfm.com mit. Ну, какого черта?

Und die Norma an der Metropolitan Opera? Wird Sondra Radwanowski singen. Deswegen entbindet die Wiener Staatsoper Radwanowski von ihrem Vertrag für Herbst 2017. Dieser sah vor, dass Radwanowski an der Wiener Staatsoper Leonora aus dem Troubadour singen würde. Raten Sie, wie der Ersatz für Radwanowski heißt? Anna Netrebko. Außerdem scheint Netrebko die Troubadour-Leonora auch in der Saison 2017/2018 an der Met singen zu wollen. Weiterlesen

Anna Netrebko: Elsa mit Thielemann Semperoper Lohengrin Dresden 2016

Lohengrin Anna Netrebko Dresden Semperoper Probe 2016

Уф, я вполне готова: Die Lohengrin-Proben in Dresden fordert Anna Netrebko einiges ab / Foto: facebook.com/annanetrebko/photos/

Das Projekt Rollendebüt als Norma hat Anna Netrebko jüngst sausen gelassen. Das Projekt Rollendebüt als Elsa scheint hingegen voranzukommen.

Dem Vernehmen nach feilt die Russin den ganzen April hindurch mit diversen „Sprach-Coaches“ an ihrem Deutsch. Die deutsche Sprache sei „eine sehr große Herausforderung“, wie die stets gut informierte Presse weiß. 2010 schockierte Netrebko deutsche Wagnerliebhaber noch mit dem Satz „Ich kann mir keine deutschen Sätze merken“. Das scheint sich geändert zu haben. Weiterlesen

Kritik Nelsons Berliner Philharmonker: Parsifalvorspiel Karfreitagszauber Bruckner 3. Sinfonie

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Die ersten Takte Parsifalvorspiel rufen Karajan-Gefühl hervor (1984, Peter Hoffmann).

Parsifal ist ja Glaubensfrage. Nicht nur wegen des Grals, sondern wegen des Tempos. Aber es gibt neben der Tempofrage (Nelsons ist da vom langsamen Volk, aber Knappertsbuschs Trödeln bleibt unangefochten) auch eine Religionsfrage.

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Anna Netrebko: Norma? Nicht mit mir! – Absage in London und an der New Yorker Met

Da war doch was? Richtig. Die ganze Welt – zumindest jener Teil von ihr, der schöne Stimmen liebt – dachte, Anna Netrebko bereite sich derzeit mit aller anzunehmenden Sorgfalt auf eines der aufsehenerregendsten Rollendebüts ihrer Laufbahn zu. Norma in London (September 2016) und New York (September 2017), da war der Plan. Denkste. Weiterlesen

Kritik Berliner Philharmoniker Tugan Sokhiev: Ravel Klavierkonzert G-Dur Jean-Yves Thibaudet

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Noch-DSO-Chef und Noch-Berliner Tugan Sokhiev gastiert bei den Philharmonikern.

Gabriel Fauré orchestrierte Pelléas et Mélisande mit einer Mischung aus peinlicher Genauigkeit und Offenheit für Unausgesprochenes. Nicht dass Faurés karges Meisterwerk vor allem aussagekräftig wäre als kräftiger Tritt gegen das Schienbein sämtlicher Wagneristas. Doch das spielt natürlich mit. Weiterlesen

Jonas Kaufmanns Encore & Angela Gheorghius Late Show in Wien

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So viel Wirbel um Jonas Kaufmann. Erst gibt er E lucevan le stelle zwei Mal bei laufender Opernvorstellung zu und entzückt Fans weltweit – oder entrüstet die Opernpuristen. Und dann auch noch der Eklat im dritten Akt um das Nicht-Erscheinen von Angela Gheorghiu nach Kaufmanns Dacapo.

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Kritik Tosca Staatsoper Wien: Jonas Kaufmann, Angela Gheorghiu, Bryn Terfel

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Livestream Ö1.

Wiener Staatsoper, Tosca.

In der Oktober-Serie sangen Anja Harteros, Jorge de León und Marco Vratogna.

Jonas Kaufmann, Schaftstiefel, blauer Frack, roter Kragen, singt den Cavaradossi. Das schluchzergesäumte „Recondita Armonia“ startet mit dem Versuch eines Diminuendo an den ersten beiden Phrasenenden. Es ist etwas gewöhnungsbedürftig, dass Kaufmann Akzente immer wieder wie Jauchzer singt. „L’arte nell‘ suo mistero“ klingt ein bissl bedeutungsschwanger, und

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Kritik Staatskapelle Berlin Heras-Casado: Daniil Trifonow Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 3 & De Falla

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Pablo Heras-Casado Staatskapelle Berlin Manuel De Falla

Pablo Heras-Casado und die Staatskapelle Berlin: rhythmische Knalleffekte / Foto: twitter.com

Pablo Heras-Casado dirigiert, Daniil Trifonow spielt das Klavierkonzert Nr. 3 von Sergei Rachmaninow.

Daniil Trifonow, der manches Mal tief gebeugt über den Tasten kauert, als würde er mit den Zähnen spielen, spielt wie der Teufel. Aber wie ein Teufel, der weiß, was er tut. Rachmaninows wirkungsvolles Konzert gelingt unerwartet spektakulär.

Was theatralisch inszenierte Rubati sein könnten, hat unter Trifonows Händen einen herausfordernd sachlichen Charakter – Rubati ja, aber spielt das noch einer so beherrscht, so klar? Bei alledem ist Trifonow auch noch subtil: Er weiß, was er für Ungeheuerlichkeiten gerade spielt, verzichtet aber darauf, dies groß auszuposaunen, spielt so was fast im Vorübergehen. Donnern? Нет Спасибо. Effekte? Не стоит.

Trifonows Anschlag hat Kraft und Körperlichkeit, Härte und Maß –  Brillanz und Sentiment sind allenfalls Sekundärtugenden, wenn nicht gar unerwünscht. Klarheit gibt es auch da, wo mehr oder weniger unvermutet einer von Rachmaninows köstlichen Nebengedanken aufkreuzt, und Trifonow dann einfach nur spielt, was in den Noten steht. Manchmal klingt sein Spiel dann fast linkisch. Doch die Sicherheit und Konzentration, mit der Trifonow die Gedanken Rachmaninows verfolgt, lässt sein Linkisches auf elektrisierende Art richtig erscheinen.

Ein sehr musikalischer, sehr fähiger Pianist, man kann auch sagen, ein großer Pianist.

Dazu kommt, dass Trifonow und Pablo Heras-Casado keine Schnarchnasen sind. Beide sind frisch und zügig im Tempo, mit Licht und Luft unterm Hintern (Trifonow) und vor der Nase (Heras-Casado).

Die Staatskapelle Berlin ist bei Rachmaninow Nebensache – wenngleich Heras-Casado die Kapelle geschmeidig durch den heiklen Parcours aus Tempoänderungen führt. Bei Manuel de Fallas abwechslungsreichem El sombrero de los tres picos spielt sie die Hauptrolle. Es gibt da rhythmische Knalleffekte, riskante aber lustige Holzbläsersoli und spektakuläre melodische Einfälle, spanische Walkürenritte sozusagen. Mit Hilfe der (spanischen) Sopranistin Ruth Iniesta fangen da auch die Berliner Musiker Feuer.

Daniil Trifonow Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 3 Staatskapelle Berlin Heras-Casado 2016 Berlin Konzerthaus

Daniil Trifonow spielt Rachmaninow Klavierkonzert Nr. 3 / Foto: twitter.com