Die Berliner Philharmoniker mit Charles Mackerras oder: Wir von Rattle traumatisierte Zuhörer

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Berliner Philharmoniker Charles Mackerras Mozart Posthornserenade Schostakowitsch 9. Sinfonie

Schostakowitschs Neunte war einen Tick zu beschwingt, bei Mozart paarte sich technische Perfektion mit leichter Verunsicherung über Sinn und Zweck der Serenade. Ein Konzert, dessen eingehende Kritik wegen innerer Ereignislosigkeit schwer fällt. Nee. So sind wir, wir von Rattle traumatisierte, von Barenboim narkotisierte, von Dudamel elektrisierte Zuhörer.

Anne-Sophie Mutter: Mozart-Sonaten, Berlin-Konzert

Anne-Sophie Mutter spielte Mozarts Violinsonaten verklemmt und paranoid aber äußerst genial. Ihre Attitüde aus Disziplin und haarsträubendem Eigensinn besagt: Die Violinsonaten von Mozart gehören mir, mir, mir. Ihr Prinzip scheint mir zu sein: Höchste Aufmerksamkeit von den Hörern zu erzwingen, Erlösung in Schönheit kategorisch zu verbieten. Deswegen ist sie groß. Die Attitüde Anne-Sophie Mutters ist natürlich eine, die alles Attitüdenhafte aus Mozart auslöscht. Sie macht ungeheuer gute Musik. Mozart erklingt als konstruktiv durchtriebene Gehirngeburt. Die Mozartsonaten erlangen eine unverstellte, komplizierte Kühnheit.

Sie kann sich konzentrieren wie sonst nur Simon Rattle. Anne-Sophie Mutters Kleid hätte Hugo von Hofmannsthals Frau beim Staatsopernbesuch gut gestanden. Der Applaus war zu Beginn freundlich und groopiehaft, zu Ende erschöpft und leicht ratlos. Nach dem Konzert signierte sie. Sie ist älter geworden. Falten im Gesicht. Man sah Fans, die ganze CD-Sammlungen mit Autogrammen beschriften ließen. Anne-Sophie Mutters Partner Lambert Okis ist in meinen Ohren, um es mit der Vorsicht auszudrücken, die sein Spiel kennzeichnet, ein sehr leisetreterischer Pianist.

Kritik Anne-Sophie Mutter Berlin: speziell, aber großartig

Rattle & Philharmoniker: Bruckner Sinfonie Nr. 4, Schumann Sinfonie Nr. 3

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Bruckner Sinfonie Nr. 4, Schumann Sinfonie Nr. 3

Bericht Berliner Philharmoniker. In der ersten Hälfte gab es Robert Schumann Vierte Symphonie, die den gleichen Eindruck wie Beethoven V, 1 machte: abartig tumultuarisch, nicht ganz fassbar, von versessener Eile, mit einem kräftigen Schuss genialer Wirrheit. Simon Rattle live in Reinkultur. In der zweiten Konzerthälfte hörte man die 4. Symphonie Bruckners mit traumhaften, intensiven Stellen in den Binnensätzen, stellenweise grandios im Scherzo, das kaum besser vorzustellen war. Der langsame Satz schien unüberbietbar. Das Scherzo in der lockeren Setzung schon der Anfangstakte, der entzückenden Verdichtung der Horn-Signale, mit einem Nonlegato gespielt, mit einer grandiosen Wärme der melodischen Entwicklung entwickelt, dass es kaum je Besseres gab. Eine derart hinreißend gelockerte Fügung der Orchesterfaktur, eine derart exemplarische Ausgewogenheit von Klang und Struktur hört man selten. Prächtig zergliederte Klangeinheit.
In der kreisenden Intensität des melodischen Fortgangs, in der druchdringenden Phrasierung im zweiten Satz war man schlechthin auf unüberbietbarem Niveau. Wer hörte, wie Christian Thielemann Bruckners 8. versteinerte und Zubin Mehta Mahlers 7. in Aspik legte, nickte mit dem Kopf und brummte Zustimmendes. Im ersten und vierten Satz setzte Simon Rattle auf eine unpathetische Lesart. Kurzum, es waren rattle-typische Ecksätze zu hören. Sich unhierarchisch durchdringender Klang, etwas vorlaute ff, detailreiche Phrasierung, sehr produktive Solostellen, Verwischung der Trennlinien zwischen den thematischen und unthematischen Partien, eine Klangkontinuität, die über die Herrschaft des Taktes hinwegfließt – so in etwa war das. Eine nicht ganz so fein die orchestrale Textur durchleuchtende Interpretation wie von Abbado gewohnt, dafür eine in sozusagen protestantisch willensstarke Durcharbeitung.

Kritik Simon Rattle Bruckner, Schumann: hohe Höhen und tiefe Tiefen in einem Konzert

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker mit Beethoven Sinfonie Nr. 5 & Strawinsky Agon

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Berliner Philharmoniker Simon Rattle: Berlioz Roméo et Juliette Beethoven Sinfonie Nr. 5 Strawinsky Agon

Mächtigen Schwung vom Podium gab es im September 2006 bei Beethoven Symphonie Nr. 5 letzter Satz. Das Finale schwingt Simon Rattle wie eine Keule. Man hört leider zehn Dvořak-Symphonien im Jahr und nur eine Beethoven-Symphonie. Beethoven ist bei Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern schnell, schmutzig, wirr, massiv. Es ist Nachbrenner-Musik, ein Beethoven mit geballter Kraft, aber logisch und sinnvoll (das ist wichtig: logische Kraft). Eine skeptische Kritik kann hier kein Haar, aber einen ganzen Haarschopf in der Suppe finden. Oder ein Haar für einen ganzen Schopf halten. Rattle liegt nicht der stringente Weg von A nach B. Wahrscheinlich ist, dass er ihn nicht im besonderen Maße interessiert. Rattle macht aus der Sonatensatzlogik ein halsbrecherisches Wagnis, postanalytisch und von verwischter Klarheit.

Der Eindruck war von etwas Unvergleichlichem. Im ersten Satz der Fünften Symphonie war nicht mehr ganz logische Kraft, ein Tick Unverdautes war dabei Der zweite Satz klang wie Pflichtübung, Gallia est omnis divisa… Die langsamen Beethoven-Sätze (und Mozart-Sätze) scheinen schwieriger als Bartók und Schostakowitsch. Das Finale schoss heiß, unkoordiniert, das Orientierungsbedürfnis der Hörer verhöhnend daher. So viel Musik auf einen Haufen habe ich noch nie gehört. Wieder der Eindruck: sehr schnell vorbeigegangen, das Ganze. Aber explosiv in der Wirkung. Etwas, mit dem man nicht fertig wird. Das Beste war Strawinskys Agon. Simon Rattle dirigierte aberwitzig unverschmutzt im Klang, absolut trocken, Rattle der Souveränste der Souveränen (kleines Tristan-Zitat). Agon hat er zart und atemberaubend und gedankenverdrehend schön gemacht.

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker: Rheingold

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AKTUELL: RATTLE DIRIGIERT RHEINGOLD AN DER DEUTSCHEN OPER

Richard Wagners Rheingold: Das Orchester schien souverän, dafür jedoch nicht engagiert, oder besser gesagt, verstrickt, oder noch besser, verfallen genug, um einen großen Abend zu gewährleisten. Es soll ja Leute geben, die hören gerne Opern konzertang. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich den Philharmonikern, Simon Rattle oder Richard Wagner zuhören sollte. Die Stimmen der Sänger hingen irgendwo zwischen Akustiksegeln und Blech. Dieses Rheingold hatte einen leichten Stallgeruch, nämlich den von Pflichtübung. Warum macht Rattle nicht zu jedem Saisonschluss einen ganzen Parsifal konzertant – wenn konzertant schon sein muss? Die Leute würden ihm die Bude einrennen. Oder meinetwegen Verdi? Man denke sich Fliegender Holländer oder Otello von Rattle. Ende der Saison 2007/2008 gibt es einen Akt Siegfried. EINEN Akt? Was soll ich mit einem Akt anfangen? Willard W. White Wotan, Lilli Paasikivi Fricka, Detlef Roth Donner, Robert Gambill Loge, Dale Duesing Alberich, Burkhard Ulrich Mime.

Kritik Simon Rattle Berliner Philharmoniker: Geht so

DSO und Kent Nagano: Beethoven Missa Solemnis

Eine brennende, sehr genaue, die Härte des Architektonischen betonende, doch nicht übertreibende Interpretation von Kent Nagano, dessen letztes Konzert als Chefdirigent des Deutschen Sinfonie Orchesters dies war. Leider wechselt Nagano an die Bayerische Staatsoper nach München. Wieso hat sich die Deutsche Oper Berlin Nagano nicht geangelt? Es war strukturelles Feuer, eine wohltätige Trockenheit, aber auch Bereitschaft zum Aushalten der Kontraste in dieser Wiedergabe. Es war fordernd für Zuhörende und Orchester. Bei der Missa Solemnis geht es für erstere ums Über-, nicht ums Verstehen. Der Herr an der Pauke leistete Übermenschliches. Anne Schwanewilms sang den Sopranpart.

Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado: Schumann Manfred & Anne Sofie von Otter

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Berliner Philharmoniker Wagner Wesendonck-Lieder Schumann Manfred

Abbado dirigierte nach den zwei Mahlersinfonien der Jahre 2004 und 2005 Schumanns Manfred. Schumanns wen? fragte nach ersten Mutmaßungen der gesamte Block A, in dem bekanntermaßen die ausgewiesenen Liebhaber der Frühlingssinfonie sitzen. „Ach nee, also…“, sagte der Herr, der neben mir nach dem Konzert auf an der Garderobe auf seinen Mantel wartete. Genau so war es. Doch das Problem hieß nicht eigentlich Manfred, sondern Melodram. Die Stellen bewunderungswürdiger, feiner Musik wiegen die Unzulänglichkeit des Konzeptes nicht auf. Abbado dirigierte die Philharmoniker rückhaltlos in leisester Versenkung. Bruno Ganz rezitierte im Ton eines Staatsdichters. Zwischendurch blitzten Partien auf, die atemberaubend leicht und überschwänglich klar klangen. In diesem Manfred ist keine Spur von schlechtem Geschmack, wie Debussy einmal an anderer Stelle monierte – und das schadet ihm eher als dass es ihm nützt. Der Versuch einer halbwegs szenischen Aufführung ging baden. Das Misslingen des Abends auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Mitte des 19. Jahrhunderts umständlicher als heute dachte und fühlte, trifft nicht den Kern der Sache. Anne Sofie von Otter sang Wagner.

Alfred Brendel in der Berliner Philharmonie mit Mozart, Haydn, Schubert

Alfred Brendel ist ein alter Mann. Er schlurft aufs Podium. Während des Spiels zittern Hände und Kopf. Vornübergebeugter Gang. Brendel spielt zwei Sonaten von Haydn, die G-Dur-Sonate von Schubert und die c-Moll-Fantasie sowie das Rondo a-Moll von Mozart. Der Höhepunkt war Franz Schuberts G-Dur-Sonate D894. Ruhig, lebendig in sich, von reicher Länge, sich selbst die Gesetze gebend. Bewusst einfache Artikulation, und doch reich im Ton. Der Mozart (Fantasie c-Moll, Rondo a-Moll) klang ziemlich unruhig, heftig und launisch und etwas wackelig: kleine Päuschen, rasch aufsteigende Aufschwünge, plötzliches Schweigen, donnerndes Moll. Die beiden Haydnsonaten (D-Dur, Nr. 42 und C-Dur, Nr. 50) liefen rasch ab. Manchmal zu rasch. Es war ein wunderbar leichtsitzender Haydn, flüssig, gedämpft perkussiv, verhangen heiter. Etwas zu intim etwas zu privat.

Kritik Alfred Brendel: einiges war sehr gut, anderes nicht

Simon Rattle: Holst, Turnage, Matthews, Kaaja Saariaho und die Philharmoniker

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Kaaja Saariaho Brett Dean Matthias Pintscher Mark-Anthony Turnage Colin Matthews. Holst Die Planeten

Kritik Berliner Philharmoniker. Es bestanden eigentlich keine ernsthaften Zweifel an der Integrität der Programmauswahl, falls diese jemals bestanden hatten. Sie waren auch nach dem Konzert nicht ausgeräumt. Simon Rattle zeigt bei Holst die harten Tatsachen: pompöses, akkordisch strahlendes Blech, elastische Streicher, ein Tutti wie ein Knockout. Die Berliner Philharmoniker setzen in fröhlichen Formationen über Takte und Kadenzen. Andere als die harten Tatsachen gibt es wenige bei Holst. Ein kantiger, funkelnder, sich zu den zu klug massierten Höhepunkten saugender Sound. Gut getroffen und zugeschnitten sind die bekannten Themen, die die Planeten Holsts bekannt, aber nur wenig besser machen. Colin Matthews‘ Pluto und Mark Anthony Turnages Stück waren weniger schnittig, förderten indes Orchesterkunde und Instrumentenkenntnis. Kaaja Saariahos Stück machte mit subtilem Piano den Anfang.

Così fan tutte – Dan Ettinger Doris Dörrie (Anna Samuil, Daniela Sindram, Jeremy Ovenden)

Anna Samuil Daniela Sindram Adriane Queiroz Hanno Müller-Brachmann Jeremy Ovenden Roman Trekel

Hörenswert vor allem wegen Anna Samuil als Fior-, Fior- Fior di Diavolo. Anna Samuils schwerer, üppiger, durchschlagender, heftig vibrierender Bernstein-Sopran zauberte vieles. Farbtiefe, Tonkonzentration, Kraft und Vitalität (man riecht quasi den dampfenden Borschtsch) ergaben schlussendlich den Samuil-Ton. Technische Hürden wie Tonsprünge und Koloraturen werden mit eloquenter, wenn auch nicht finessenreicher

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L’Italiana in Algeri – Ottavio Dantone Nigel Lowery (Vesselina Kasarova, Antonino Siragusa)

Nigel Lowery Vesselina Kasarova Antonino Siragusa Adrienne Queiroz Regazzo Schröder Murga Kataja

Vesselina Kasarova ist ein Besuch wert (und womöglich auch eine Messe). Kasarovas schauspielerische Leistung ist mit die beste der letzten Monate. Ihr Auftritt hat etwas Osteuropäisch-Herzliches. Die Gestik hat was Altmeisterliches, sehr genau Studiertes. Sie verbindet beispielhaft Charme und Professionalität. Kasarovas Auftritt ist eine gedankliche und gefühlsmäßige Einheit. Kurzum, Frau Kasarova war eine Augenweide. Exquisit die Linie des vorgeschobenen Kinns, exquisit der Schmelz des slawischen Wangenkontur, exquisit der spöttische Kontrapost, der kokette Augenaufschlag, überhaupt das prächtige Weiterlesen

Staatsopern-Saison 2008/2009: Asher Fisch, Alexander Vitlin und Daniel Barenboim dirigieren überlegen

So geht’s auch:

Das perfekte Duett: Sylvia Schwartz/Magdalena Kozena (Rosenkavalier, 2. Akt)
Die emphatischste Rollenerfüllung: Plácido Domingo (Parsifal)/Magdalena Kozena (Octavian)
Sympathische Perfektion: Vesselina Kasarova (L’Italiana)
Unüberbietbar: Waltraud Meier (Kundry)
Die leichte Enttäuschung: Dorothea Röschmann (Elsa, 3. Akt)
Charakterdarstellung par excellence: Stefania Toczyska (Babulenka)
Lyrisches Mitgerissensein: Rolando Villazón (Lenski)
Der Imposanteste: Matti Salminen (Gurnemanz)
Bester Liederabend: Christine Schäfer
Die Tenor-Überraschung: Misha Didyk (Alexej)
Bestes Dirigat: Barenboim (Tristan & Isolde)
Schlechtestes Dirigat: Julien Salemkour (Macbeth)
Überraschendstes Dirigat: Alexander Vitlin (Der Spieler)/Asher Fisch (Rosenkavalier)

Plácido Domingo, Rolando Villazón, Magdalena Kozena, Vesselina Kasarova, Christine Schäfer: die Saison 2008/2009 der Staatsoper Berlin

Die Premieren gelangen. Achim Freyers ästhetisch paranoider Eugen Onegin, Stefan Herheims hartnäckiger Lohengrin, Michael Thalheimers exemplarisch klare Entführung sind zeitgemäßes Musiktheater. Sasha Waltz‘ Dido und Aeneas ist nach wie vor ein Juwel. Weder Freyers noch Herheims Inszenierungen werden Barenboim gefallen haben, doch was soll’s, solange Barenboim dirigiert, wie er dirigiert. Die Reibungen, die durch das Ineinander von Barenboims expansiver Kraft und der – mal virtuosen (Herheim), mal imperativen (Freyers) – Freiheit gelungenen Regietheaters entstehen, waren faszinierendes Charakteristikum dieser Spielzeit. Musikalisch gelangen die drei hypnotischen Tristans sowie die zwei Parsifals von Weiterlesen

Die bestmögliche Entführung aus dem Serail: Staatsoper Berlin, Christine Schäfer, Pavol Breslik, Anna Prohaska

Christine Schäfer Pavol Breslik Anna Prohaska Stephan Rügamer Maurizio Muraro Florian Hoffmann

Die Entführung aus dem Serail scheint die erste moderne Oper zu sein: Menschen, nicht Götter, Handlung, nicht Schema, Gefühl, nicht Affekt. Abgesehen von Hinweisen auf die Zauberflöte sind in der Entführung schon Spuren des Freischütz und der Meistersinger vorhanden. Pavol Breslik ist vielleicht der führende Mozarttenor dieser Jahre. Christine Schäfer ist vielleicht die beste Constanze dieser Jahre. Anna Prohaska sicherlich eine der besten jüngeren deutschen Stimmen. Maurizio Muraro (Osmin) ist sängerisches Schwergewicht. Mit Michael Thalheimer (Regie) und Sven Lehmann (Bassa Selim) lieh das Deutsche Theater an der Schumannstraße gleich zwei Schwergewichte nach Unter den Linden aus. Die Inszenierung ist schlackenlos und gewissenhaft, üppig in der Kargheit ihrer Bilder und messerscharf in der Aussage über die handelnden Personen. Wie Mussbach zeigt Thalheimer bei Mozart die misslungene Liebe. Die Leere der Bühne blickt den Zuschauer wie ein trostloses Auge an. Sehr gut. Ohne Pause. Jordan fehlerfrei und mit tadellosem Niveau.

Kritik Entführung Staatsoper: ein Vergnüngen von vorne bis hinten und von oben bis unten und nie besser gesehen und gehört

Der Maskenball mit Catherine Naglestad und Petr Beczala

Christine Naglestad Piotr Beczala Alfredo Daza Sylvia Schwartz/ Anna Prohaska

Spritzige Routine, nicht mehr. Die Verschwörer wandeln im Schlafanzug. Oscar (Sylvia Schwartz/Anna Prohaska) rollt ein Teufelsschwänzchen aus einem eigens dafür vorgesehenen Hosentäschchen. Ort der Handlung ist ein Kasino, Rundtische und eine Theke dienen als Mobiliar. Mehr Fahrt nimmt dieser Maskenball nicht auf. Alfredo Daza (Renato): nobler, deklamatorisch warmer Vortrag eines basso cantante. Für die Arie im dritten Akt fehlt oben herum die vokale Energie – Daza ist voll und ganz bei Donizett-, Rossin- und Bellini zu Hause. Die Rollenidentifikation – das andauernde Tremolo der Rechten – bewegt sich im dritten Akt am Rande des Statthaften. Petr Beczala besitzt eine helle, vollkommen intakte und mühelos geführte Tenorstimme, die über scheinbar endlose Kraftreserven verfügt. Einige Schluchzer. In Mezzoforte-Passagen des dritten Akts von betörender Schönheit und Stimmführung. Wäre die Stimme wärmer, Beczala wäre auf Augenhöhe mit Villazón. Catherine Naglestad: Glorioser Tonschwall der schweren Stimme. Höchste und leise Töne mit deutlichem Schleier. Ihr Merkmal sind die souverän-intimen Höhepunkte. Schönes Piano. Ziergesang ist ihr ein Graus, und durch die gebundenen Abphrasierungen von „Morrò, ma prima in grazia“ schlittert sie wie eine beleibte Dame auf Glatteis. Das war im dritten Akt ein Augenschmaus: Auf dem Klappsesselchen neben Riccardo erinnert Catherine Naglestad im schulterfreien Schwarzen an eine schmelzende Eistüte. Unvergleichlich besser stand ihr das transparente Schleier-Top zur legeren Freizeithose im zweiten Akt; das Dekolleté hierbei war imposant.

Rundum glücklich machte der Oscar Anna Prohaskas bzw. Sylvia Schwartz‘ mit jeweils exquisiten Sopranspitzen. Prohaska hat die klarere, Schwartz die wärmere Stimme. Eine denkwürdige Interpretation von Philippe Jordan steht noch aus. Diese war rundum gelungen, doch bewundernswert nur in den seltsam weichen, elegant und leicht-schwer vorgetragenen Streicherfiguren des elegischen Motivs der Vorspiele zum ersten und dritten Akt. Vitlins Prokofiev-Dirigat Der Spieler war deutlich trockener und erregender, Asher Fischs Rosenkavalier hörbar griffiger und expansiver. Jordan kontrollierte, formte, schärfte, aber er trieb nicht an.