Berliner Philharmoniker – Ivan Fischer: Haydn Sinfonie Nr. 88 Bartók Brahms Ungarische Tänze Kodaly Tänze aus Galanta

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In Berlin fühlt man sich als Parteigänger der Philharmoniker zuweilen regelrecht umzingelt. Im Süden von den Wiener Philharmonikern (die mit den schlenkernden Geigen), im Westen vom Concertgebouworkest Amsterdam (die mit der stupenden Koordination). Richtig mulmig wird einem jedoch, wenn ein Dirigent aus dem Kernbereich der Wiener Philharmoniker, der k.-und-k.-Region, beginnt, ein k.-und-k.-Programm zu dirigieren. Da zwackt es die Berliner Seele und der Konzertgänger fühlt sich nicht nur auf dem falschen Donaudampfer, sondern glaubt obendrein, dass Eulen nach Spreeathen getragen werden. Der Ungar Ivan Fischer dirigiert Haydn, Bartók, Brahms und Kodaly.
Das erinnert einen dann an jene Momente, wenn der Ochs ausm Rosenkavalier auf der Bühne der Staatsoper wienert und wienert, und man denkt halt doch: Na, ob dös wohl hinhaut? Iván Fischer und sein Programm klangen auf jeden Fall, als käme es frisch aus der Gulaschkanone, und obendrauf sitzt ein Batzen Schlagobers. Im Voraus wurden Wetten abgeschlossen, ob die Philharmoniker mit der eisernen Regel brechen würden, im eignen Haus außer zu Silvester keine Zugaben zu geben, und etwa einen Donauwalzer zugeben würden. Taten Sie aber nicht. Weiterlesen

Mariss Jansons & Concertgebouworkest Amsterdam

Musikfest Berlin 2009 Concertgebouworkest Amsterdam Mariss Jansons Schnittke Ritual für Orchester Haydn Sinfonie Nr. 100 Schostakowitsch Sinfonie Nr. 10

Ausdrücklicher, respektvoller und anhaltender Applaus, während die Musiker das Podium füllen, der sich zu Herzlichkeit steigert, als die Streicher aus den beiden Künstlerzimmern kommen. Man fragt sich warum? Scheints haben die Berliner die Amsterdamer lieb gewonnen. Letztes Jahr war der Willkommensapplaus spärlicher. Da boten das RCO und Jansons eine problematische Dritte von Bruckner. Damals legte Simon Rattle die kalt lodernde Bruckner-Neunte nach. Auch dieses Jahr wurde ich auf höchstem Niveau enttäuscht. Das Programm versprach Großes. Doch Schnittkes Ritual für Orchester hielt nur im ersten Abschnitt hohes Niveau. Und Haydn ist wie Mozart in der Philharmonie stets heikel, da man an Bruckner und Strauss gewohnt ist, und war es auch an diesem windigen, herbstlichen, fünften September. Weiterlesen

London Symphony Orchestra, Valeri Gergiev: Es ist ein hartes Brot

Musikfest Berlin 2009 London Symphony Orchestra Valeri Gergiev Tim Hugh Tistschenko Cellokonzert Nr. 1 Schostakowitsch Sinfonie Nr. 11

Die Streicher von der Themse ersticken nicht gerade an Temperament. Man sollte die Geiger vor dem Konzert Chilischoten essen lassen. Die vielbeschäftigte Bläserin des Englischhorns war gar nicht nach meinem Geschmack. Die Fagottistin fand ich besser, aber nicht gut. Schostakowitschs Elfte ist bis in die Spitzen der ohrenbetäubenden Orchestertutti sowjetisch. Sie ist redselig, geduldig und leidenschaftlich, und damit eine vermutlich gar nicht so umpassende Verkörperung des russischen Nationalcharakters. Valeri Gergiev (ohne Stab) gibt sparsame, exakte Zeichen. Die tropfenden Pizzicati dirigiert Gergiev mit einem elektrischen Zittern der rechten Hand, dessen Höhepunkt das Zeichen für den Einsatz bedeutet. Sehr eindrucksvoll. Die Musiker hängen an unsichtbaren Marionettenfäden an Gergievs Gesten. Dennoch scheint der Orchesterklang im Piano und auch noch im mittleren dynamischen Bereich einen Mangel an Trennschärfe aufzuweisen. Mit hinein spielt die nicht den Berlinern vergleichbare solistische Güte (Trompete, Hörnerchor, Flöte). Natürlich ist dies alles Kritik auf höchstem Niveau. Aber schließlich sind wir in der Philharmonie. Wenn das LSO nächstes Jahr kommt, sage ich: Ick wees, wie die klingen. Nich wie die Philharmoniker. Es ist ein hartes Brot, nach Philharmonikern, nach Concertgebouworkest, nach Chicago Symphony aufzutreten. Doch der Unterschied war deutlich. Nicht ausverkauft.

Kritik Chicago Symphony Orchestra & Bernard Haitink in Berlin

Musikfest Berlin Chicago Symphony Orchestra Bernard Haitink Mozart Sinfonie Nr. 41 Schostakowitsch Sinfonie Nr. 15

Das CSO zum ersten Mal live gehört. Viele Musiker sitzen schon, als sich die Philharmonie füllt. So, so, das sind also Soltis und Barenboims Knaben. Die dicke Geigerin ist eine der wenigen Adipösen in Spitzenorchestern – Musiker am tiefen Blech einmal ausgenommen (unschlagbar ist in dieser Hinsicht der Tubist der Staatskapelle). Bei den Wiener Philharmonikern gibt es am Kontrabass einen, und bei den zweiten Geigen haben sie auch einen Fülligen sitzen. Das Chicago Symphony Orchestra hört sich schlichtweg großartig an. Das Schimmern der Geigen: mmmhh. Die Interpretation wirkt selbstverständlich, handwerklich erstklassig, mit Verantwortung für Linie und Detail, mit einem Wort, im besten Sinne konservativ. Sie besaß etwas zu viel Sinn für die Längen der Jupitersinfonie, und ohne Zweifel hätte das polyphon verdichtete Finale mehr Sonatengeist vertragen. Straffheit fehlte, und während der Durchführung kam der Punkt, da ich mir eingestand, dass dieses Finale sterbenslangweilig war. Perfekte orchestrale Gymnastik. Die Binnensätze dagegen besaßen eine keineswegs unstatthafte Ahnung von Schumann, ein Fließen und Sichtreibenlassen, eine zurückhaltende Feier des Melodischen, die auch jenseits des satten Orchesterklangs entzückte. Weiterlesen

Simon Rattle: Alban Berg, Paul Dessau, Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 4

Musikfest Berlin Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Angela Denoke Lars Vogt Berg Lulu Adagio Dessau Les Voix Schostakowitsch Sinfonie Nr. 4

Musik der Dreißiger Jahre. Alban Berg sensationell gut. Eine der besten Sachen, die ich bislang in der Philharmonie gehört habe. Die Musik von Berg hat höchsten Wert. Paul Dessaus Lex Voix ist gute Moderne. Schostakowitschs Vierte ist nicht seine Beste, aber vielleicht seine interessanteste. Es war eine Wohltat, die Philharmoniker unter Rattle zu hören. Wenzel Fuchs, Emmanuel Pahud, Albrecht Mayer, der Soloposaunist sind allesamt gut aus der Sommerpause gekommen.

Berliner Philharmoniker & Gustavo Dudamel: Schostakowitsch Sinfonie Nr. 12

Musikfest Berlin Berliner Philharmoniker GUSTAVO DUDAMEL Gubaidulina Glorious Percussion Schostakowitsch Sinfonie Nr. 12

Gustavo Dudamel, Berlin – so richtig hat es noch nicht gezündet. Gubaidulinas Stück für Orchester und umfangreiches Schlagzeug war hörenswert, solange die Philharmoniker mitspielten. Das Stück heißt Glorious Percussion, das Schlagzeugensemble ebenso. Ach, Gubaidulina, den Passagen solistischen oder kollektiven Schlagzeugeinsatzes mangelt es an Ausgegorenheit. Das individuelle Können der fünf Perkussionisten lag meinem Eindruck nach erheblich unter dem der entsprechenden Philharmoniker. Es war gut, als die Pause erreicht war. In der Pause besah ich mir englische Cordjacken, japanische Kimonos und die Büste Furtwänglers. Apropos Chefdirigenten. Schostakowitschs Zwölfte haben weder Karajan, noch Abbado, noch Rattle hier jemals mit den Berlinern dirigiert. Man bekommt nach der Pause eine Vorstellung davon, warum. Das Finale repräsentiert den voll ausgebildeten Sowjetstil in Reinkultur. Am Ende überwiegt das Gefühl, der Revolution von 1917 in voller Länge beigewohnt zu haben. Ein derartiges Maß an unironischer Pompösität zeugt entweder von schlechtem Geschmack oder guten Nerven, und da Schostkowitsch beides nicht hatte, mag man über die Gründe für diesen außergewönlichen Fall sinfonischen Totalitarismus weiterrätseln. Weiterlesen

Janine Jansen animiert Daniel Harding – oder war es anders herum?

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Berliner Philharmoniker Daniel Harding Janine Jansen Bartók Divertimento Britten Violinkonzert Strauss Tod und Verklärung

Kaum ist der Berliner Herbst so grau und nass, wie man sich den Londoner immer vorstellt, ist Daniel Harding aus London zurück. Er eilt blond, schlaksig, im Frack aufs Podium. Man kann sich vorstellen, wie er voller Ungeduld hinter der Tür des Musikerzimmers auf das Ende des Stimmens wartet. An die Ecksätze seiner Brucknervierten mit dem London Symphony Orchestra am vorletzten Musikfest zu denken, bereitet immer noch echte Freude. Zügigkeit, Tempo, Beschleunigung, Straffheit! Der Eindruck damals war: ein ebenso hemdsärmeliger wie sicherer Orchesterführer – eine aufregende Kombination.

Harding nimmt gerne beide Hände zur Hilfe. Es sieht aus, als rolle er beständig ein Fass vor sich her. Es handelt sich um ein durchgängig stabloses Dirigat. Ein herrliches Programm, wie so viele in dieser Saison. Bartók, Britten, Strauss.

Das Kleid Janine Jansens sah nach dem Sofastoff eines englischen Landhauses aus, das Leibchen darüber nach dem Bezug des Kissens, das auf dem Sofa liegt. Janine Jansen flatterte wie ein verliebter Schmetterling durch Brittens Violinkonzert. Sie ist musikalisch bis in die hübsche Nasenspitze respektive den Brustansatz. Musik, das ist bei ihr etwas Freischwebendes, getragen von Emphase und verwirklicht mit viel Charme. Sehr beeindruckend war der heftige Ausfallschritt. Weiterlesen

Semyon Bychkov: wellige Linie nach links unten

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Berliner Philharmoniker Semyon Bychkov Strawinsky Symphonies d’instruments à vent Schönberg Verklärte Nacht Schostakowitsch Violinkonzert Nr. 1 (Guy Braunstein)

Oi, oi, oi. Wer ist denn heute Konzertmeister? Ein Hospitant? Der neue Toru Yasunaga? Den schlanken Geiger am ersten Pult habe ich nie zuvor gesehen. Nach der Verklärten Nacht setzt er sich nach dem dritten Applaus wieder. Sein Pultnachbar fasst ihn am Arm. Der Hospitant schnellt in die Höhe und merkt, dass „man“ runter vom Podium will. Ja, bei welchen Heiden weiltest du zu wissen nicht, dass bei den Philharmonikern nach drei Mal Applaus Schluss ist, es sei denn, es gab Bruckner 7 bis 9? Auch sonst seltsame Besetzung. Ein zweiter Violinist, eingeklemmt zwischen Holz und Kontrabass, sieht aus wie Rimbaud zu seiner besten Zeit. Auch noch nie gesehen. Wie neulich bei Gustavo Dudamel wieder eine Frau am Kontrabass – ein untrügliches, wenn auch betrühliches Zeichen dafür, dass nicht der erste Anzug spielt. Solène Kermarrec, für gewöhnlich mutterseelenallein unter Cellisten, wird von zwei Cellistinnen flankiert, eine davon sogar in der ersten Reihe. Man reibt sich die Augen. Ich murmle etwas und schlage die Beine übereinander. Der Blick geht zu Emmanuel Pahud. Puuhh – wenigstens das Einstecktuch ist an Ort und Stelle. Tarkövi? Das ist doch nicht Tarkövi an der Trompete? Und wo ist eigentlich Radek Baborák und wer ist eigentlich der – pssst, es geht los. Ich bekenne, ich höre alles zum ersten Mal. Passiert nicht oft, aber hin und wieder doch. Semyon Bychkov. Älter ist er geworden. Verklärte Nacht dirigiert er ohne Taktstock. Weiterlesen

Gidon Kremer: Schostakowitsch Violinkonzert Nr. 2

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Staatskapelle Berlin Daniel Barenboim Gidon Kremer Schostakowitsch Violinkonzert Nr. 2 Schostakowitsch Sinfonie Nr. 13

Gidon Kremer: Er ist der einzige, der neben Anne-Sophie Mutter ungetrübte Freude bereitet. Schostakowitschs zweites Violinkonzert ist ein heißes Stückchen, und wohl genauso interessant wie Bergs Konzert. An Gidon Kremer nimmt die prätentionslose Erscheinung und der selbstverständliche Ton seines Spiels ein, gerade weil die unbezweifelbare, allerhöchste Klasse beinahe jede Sekunde hörbar ist. Kremer geht in die Knie, dann gibt es den typischen, immer etwas introvertiert wirkenden Ausfallschritt. Fortwährend wirkt er, als stünde er im eigenen Wohnzimmer. Schwarze Hose, schwarze Pollunderweste, weißes Hemd. Weiterlesen

Daniel Harding; London Symphony Orchestra: Bruckner 4. Sinfonie und Boulez & Messiaen

Musikfest Berlin 2008 London Symphony Orchestra Daniel Harding Boulez Messiaen Bruckner Sinfonie Nr. 4

Zwei Tage nach dem Concertgebouworkest aus Amsterdam kam das London Symphony Orchestra unter Daniel Harding in die Berliner Philharmonie. Daniel Harding ist jung, blond, schlaksig und pflegt einen ähnlich energischen Dirigierstil wie Gustavo Dudamel. Das London Symphony Orchestra bestätigte seinen Ruf, nicht das weltbeste Orchester, aber eines der fast weltbesten zu sein. Daniel Harding dirigierte Werke von Boulez, Messiaen und von Anton Bruckner, von letzterem die 4. Sinfonie. Man kennt Bruckner: es ist lang, und hört nicht auf. Harding meinte es besonders ernst mit der Länge und wählte die Version der 4. Sinfonie von 1874, die nun wirklich sehr lang ist und auch durch das enorme Tempo, das Daniel Harding vorlegte, nicht kürzer wurde. Aber es gab ja noch die Streicher. Die Streicher waren so packend und sensibel bei der Sache, dass man anfing zu glauben, die vielgeschmähte stiff upper lip käme doch eher aus Berlin als aus England. Wie Dudamel vor einem Jahr mit Beethoven hatte Harding mit Bruckner arge Probleme, was den langsamen Satz anging, den Harding mit einer fast London-haft zu nennender Hastigkeit zuerst außer Puste brachte, dann zu heftigem Japsen nötigte und somit zu guter Letzt den Garaus machte. Der Solohornist spielte im Scherzo phänomenal. Überhaupt das Spiel der Blechbläser: gepflegt, kontrolliert, wie englischer Rasen, dazu aber noch mit einer hübsch durchtriebenen Kultiviertheit. Die Streicher hätten mehr Temperament vertragen können.

Das Concertgebouworkest Amsterdam mit Mariss Jansons in Berlin

Kritik/Bericht Musikfest Berlin 2008 Concertgebouworkest Amsterdam Mariss Jansons Messiaen Hymne au Saint Sacrement Poulenc Konzert für Orgel und Orchester Bruckner Sinfonie Nr. 3

Musikfest in Berlin? Skeptiker wenden ein, dass es in Berlin so viel Musik gibt, dass jeder Monat Musikfest ist. Doch Musik hin, Fest her, wer hin und wieder ins Konzert geht, wenn er gerade nichts besseres zu tun hat, dem kommt ein Musikfest, offiziell „musikfest berlin“, auch nicht ungelegen. Die unerwartete, aber typische Kühle des Berliner Spätsommers machen es sowieso zu einer guten Sache, die Abende in der Berliner Philharmonie zu verbringen. Wie jedes Festival, das auf sich hält, bezieht sich auch das Musikfest Berlin einen thematischen Mittelpunkt. 2008 wirft die Festivalleitung von den Berliner Festspielen in Person des mir sonst unbekannten Festivalleiters Winrich Hopp Anton Bruckner, Karl-Heinz Stockhausen und Olivier Messiaen in den Ring. Die Eröffnung des Musikfestes fällt 2008 wie 2007 Mariss Jansons und dem Concertgebouworkest Amsterdam zu.

Jede Stadt freut sich, wenn ein Orchester wie das Koninklijk Concertgebouworkest kommt. Das Orchester, von dem unlängst gemunkelt wurde, es wäre das beste Orchester der Welt, was besonders in Berlin mit Skepsis, wenn man ehrlich ist aber auch mit äußerst respektvollen Interesse aufgenommen wurde, spielte die 3. Sinfonie von Anton Bruckner. Man kann sagen, dass diese Sinfonie von Bruckner keine runde Sache war, sondern als Ganzes hölzern und unflexibel klang, ohne die Qualitäten des Orchesters unter den Tisch fallen zu lassen.

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Philharmonie Berlin Saison 2007/2008: Rattle im Mahler-Olymp

Und weil es so schön war und das Lesen langer Sätze im Sommer so schwer ist, hier die Kurzform.

Maßstab: Rattle Mahler Sinfonie Nr. 9, Pollini Chopin, Brendel Schubert, Barenboim Beethoven Klavierkonzert Nr. 1, Leonore 3, .
Sehr gut: Anne-Sophie Mutter Beethoven Violinkonzert, Barenboim Bruckner Sinfonie Nr. 7, Rattle Beethoven Sinfonien Nr. 3, 6 & 7, Jansons Ravel La Valse, Kissin Mozart.
Gut: Mehta Messiaen Turangalila, Jansons Schostakowitsch Sinfonie Nr. 6.
Mittelmaß: Bernard Haitink Bruckner Sinfonie Nr. 8, Brendel Haydn.
Langweile: Seiji Ozawa Tschaikowsky Sinfonie Nr. 6, Blomstedt Bruckner Sinfonie Nr. 5, Kremerata Baltica Prokofjew Symphonie classique, Brendel Beethoven.

Das beste Konzert: Simon Rattle Mahler Neunte
Das souveränste Konzert: Mariss Jansons Schostakowitsch Sechste & Ravel La Valse
Die seriöseste Langeweile: Seiji Ozawa Tschaikowsky
Die kunstvollste Langeweile: Seiji Ozawa Beethoven
Das mitreißendste Konzert: Daniel Barenboim Leonore Nr. 3
Die leichte Enttäuschung: Alfred Brendel Beethoven
Der Unergründlichste: Maurizio Pollini Chopin
Die diktatorischste Interpretin: Anne-Sophie Mutter
Das nicht eingelöste Versprechen: Bernard Haitink

Berliner Philharmoniker: Mariss Jansons macht Schostakowitsch, Elina Garanca singt Folk Songs

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Berliner Philharmoniker Mariss Jansons Elina Garanca Schostakowitsch Sinfonie Nr. 6 Ravel La Valse Luciano Berio Folk Songs

Konzertkritik. Mariss Jansons dirigierte eine zügige, vorzüglich knallende, sehr konzentrierte, in der Artikulation sehr genaue sechste Sinfonie von Schostakowitsch. Jansons‘ Dirigierstil zielt auf die fassliche Darstellung, die Interpretation entzündet sich an den Fakten, weniger am verborgenen Potenzial einer Partitur. Man spürt es am harten Glanz des Blechs, das Holz piepst sarkastisch und volkstümlich, die Streicher peitschen durch Sequenzsteigerungen. Die hellsichtige Geradlinigkeit der Interpretation bestach, man vermisst eine Prise Abgründigkeit. Solides Tempo, sehr gute dynamische Stufungen, sensationelle weiträumige Steigerungen. Bei Jansons ist eine viel auktorialere Souveränität des Dirigierens als bei Rattle. Dafür stört etwas zu viel Klangpositivismus, etwas zu viel Beflissenheit, wenn man will. Das alles galt auch für La Valse von Ravel. Elina Garanca sang die hübschen Folks Songs von Berio, die aus Carmen zu stammen schienen, aber gut klangen. Elina Garanca, letztes Jahr Sesto an der Staatsoper Berlin, verfügt über eine schöne, tragende, leicht kühle Höhe. Wenn sie etwas älter ist, dürfte die psychologische Kraft der Stimme noch zulegen.

Wir wussten es schon immer: die Berliner Schweißer

Die Berliner Schweißer sind das kulturfeindlichste Element der Berliner Bevölkerung. Ihre Anwesenheit in der Nähe kultureller Gebäude kann katastrofale Folgen haben, einen Brand verursachen und selbst einen Claudio Abbado und einen Maurizio Pollini dazu bringen, in die akustisch ebenso katastrophale Waldbühne auszuweichen, auf deren Besuch leichten Herzens, was den Spielort, doch schweren Herzens, was Akteure und Programm angeht, verzichtet wurde. Drei Abende wurden zu einem zusammengeschmolzen, drei vierte Klavierkonzerte zu einem, drei Beethoven zu einem, und am Ende war einem klar, dass der Wegfall dieser drei Konzerte auch noch Jahre später eine klaffende Wunde hinterlassen wird.