Das Berliner Silvesterkonzert 2011: Kissin, Simon Rattle, Berliner Philharmoniker, Grieg und andere Kleinigkeiten

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Ach, diese Neujahrstage in Berlin. Das Gehör ist halb taub, Brötchen gibt’s nur beim türkischen Bäcker, der stets gut gekleidete Herr, der gegenüber im Dritten wohnt, steht mittags um halb zwei in langer Unterhose auf dem Balkon und schüttelt die Bettdecke aus. Es regnet, es ist grau zum Verzweifeln, aber das ist in Berlin selbstverständlich.

Alles in allem also ein gelungener Start ins neue Jahr, das bestimmt viel besser wird als das vergangene, wenn auch das vergangene nicht wirklich besser war als das vorvergangene. Aber in Berlin ist man von Natur aus optimistisch, wobei man den Berliner Optimismus in den meisten anderen Landesteilen mit sicherem Urteil als tief verwurzelten Fatalismus mit einer gehörigen Portion Lust am Hässlichen entlarven würde. Aber ich will nicht um den heißen Brei herumreden. Das 2011er-Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker.

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Berliner Philharmoniker, Nicola Luisotti: Poulenc, Prokofjew, Berio und Leah Crocetto & Emmanuel Pahud

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Wie jeder anständige Berliner war ich in den vergangenen Tagen mit dem Besuch möglichst vieler Weihnachtsmärkte sowie mit dem Trinken von möglichst viel Glühwein beschäftigt. Das ist jetzt vorbei. Heute ging ich zu den Philharmonikern, teils aus Interesse, teils um gegen das Weihnachtsfest gewappnet zu sein. Weiterlesen

Berliner Philharmoniker Late Night: Ligeti Avenures, Berio Sequenza VIII, Unsuk Chin und Andreas Buschatz

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Die zweite Late Night hatte mehr Pepp als die erste. Das lag am Programm. Heute war György Ligeti zwei Mal im Programm vertreten, was neben der Mitwirkung der versierten Musiker sowie der von Boss Simon Rattle einen Besuch zu einer sehr empfehlenswerten Sache machte. Beim zweiten Late-Night-Abend musste man auf die reizende Frau Kozena verzichten, aber niemand bezweifelte, dass auch die Damen Sarah Sun, Truike van der Poel und Herr Anzorena Guillermo unterhalten konnten.

Wenn mich nicht alles täuscht, waren Ligetis Aventures neben Mahlers Achter und Neunter vom Herbst das beste, was in dieser Saison bislang in den philharmonischen Konzerten zu hören war. Wenn jemand anderer Meinung ist, bitte aufstehen und die ersten zehn Takte aus Jonathan Harveys Weltethos pfeifen. Sarah Maria Sun (Sopran), Truike van der Poel (Mezzo) und der stämmige Guillermo Anzorena (Bariton) absolvierten ihre Parts mit bewunderungswürdigem künstlerischem Einsatz. Der unfehlbare Andreas Blau (Flöte) konnte sich dabei ein gelegentliches Grinsen nicht verkneifen. Weiterlesen

Donald Runnicles und die Berliner Philharmoniker spielen Elgar & Strauss

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Berliner Philharmoniker Strauss Don Quixote Elgar Sinfonie Nr. 1

Es ist so weit. Überall bereiten sich Weihnachtsmänner auf ihren Auftritt vor, auch in Berlin. Viele sind schon im Verborgenen aktiv. Die Philharmoniker sind sowohl im Verborgenen als auch öffentlich aktiv. Das ist der Vorteil, den die Philharmoniker gegenüber den Weihnachtsmännern Jahr für Jahr in der Vorweihnachtszeit ausspielen.

Donald Runnicles dirigiert an diesem windigen Dezemberabend in der Philharmonie. Er dirigiert äußerst solide, etwas laut, nicht übermäßig subtil und dennoch mit sehr schönen, mitunter prachtvollen Steigerungswirkungen und guter Übersicht. Weiterlesen

Elisabeth Leonskaja Kritik: Schubert

Elisabeth Leonskaja, eine allürenfreie, unspektakulär gekleidete Klavierspielerin im besten Alter, spielte im Konzerthaus. Der Schubert-Abend reiht sich wie zufällig in eine kleinere Zahl von Schubert-Aktivitäten ein. Uchida spielt Schubert im Februar, Barenboim spielt mehrmals in dieser Saison Schubert. Frau Leonskaja sieht aus, als würde sie lieber Tee als Kaffee trinken und außerdem liebend gerne mit gedämpfter Stimme über Dichter und Philosophen plaudern.

Ihr Spiel auf dem Steinway klingt natürlich und Schubert angemessen.  Die wenigen Ausbrüche bei Schubert kommen hollernd, etwas maßlos und deswegen womöglich richtig. Ihr Spiel ist am überzeugendsten, wenn Viertel auf Viertel folgt, Achtel auf Achtel, und sonst kaum was passiert. Die Kopfsätze könnte man umsichtiger, architektonischer konstruieren, aber das ist nicht nur eine Qualitäts-, sondern auch eine Stilfrage. Langsame und Tanz-Sätze gelingen über die Maßen, auch für die Schlusssätze hat Leonskaja eine milde Souveränität. Das Schleppende, das manches Mal sehr umfassende Rubato mag je nach Geschmack und Sozialisation der Zuhörer unterschiedlich wirken. Einige wenige Vergreifer an nicht ganz so komplizierten Stellen. Der spezifische Klang, den die Finger aus dem Steinway holen, ist schon ein Besuch wert und garantierte unter anderem die Qualität des Abends. Auf dem rückwärtigen Balkon lässt ein Zuhörer seinen Kopf wie das Pendel eines Hypnotiseurs hin- und her und hoch- und runterschwanken. Leute, die gerne weniger zahlen und dennoch auf besseren Sitzen Platz nehmen, konnten heute aufgrund einiger nicht verkaufter Plätze ohne viel Mühe „upgraden“.

Frau Leonskaja ist eine Vertreterin eines schmucklosen Stils. Ein Teil der Faszination ihres Schuberts bezieht sich auf die Objektivität des Spiels. Mit am besten fand ich das Andante sostenuto der B-Dur-Sonate und vielleicht den Eingangsatz der c-Moll-Sonate.

Maurizio Pollini: Liszt, Chopin und die Kunst der Transzendenz

Maurzio Pollini Chopin Fantasie  f-Moll op. 49, Nocturnes op. 62, Polonaise-Fantasie As-Dur op. 61 Liszt Nuages gris, Unstern! Sinistre, disastro, La lugubre gondola, R.W. – Venezia, h-Moll-Sonate

Die Philharmoniker sind in Asien. Pollinis Klaviertransporter stand schon Sonntag vor der Philharmonie. Seit Wochen scheint die Sonne. Seit heute ist es in der Leipziger Straße und auch anderswo affenkalt. Es gibt Déjà-vus. Maurizio Pollini, den man zur Zeit fast alle paar in Berlin Wochen hört, schüttelt dem Blumenmädchen wie immer mit italienischer Herzlichkeit und Höflichkeit die Hand. Weiterlesen

Herbst, Abendrot, Mahler 9., Berliner Philharmoniker

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Der Berliner Herbst ist so, wie man es erwartet. „Ich fahre heim auf reichem Kahne/Das Ziel erwacht im Abendrot…“ heißt es hierzu. Ich fahre heim, auf dem Landwehrkanal tuckert ein Kahn, am Himmel ist Abendrot, und das Ziel ist eindeutig die Neunte von Mahler, die am Wochenende gespielt wird. So weit, so gut. Doch warum haben die Berliner Philharmoniker kein Einsehen? Warum ist die Neunte, deren letzter Satz

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Berliner Philharmoniker Late Night: Olaf Ott posaunt Berio

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Magdalena Kozena, Olaf Ott, Simon Rattle, Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Dieses Konzert bestätigte die Wahrheit von gleich mehreren Sprichwörtern. Erstens: In der Kürze liegt die Würze. Zweitens: Klein aber fein. Und drittens: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Einmal bei Rattle in der ersten Reihe sitzen, dachte ich nämlich noch um Viertel nach 10. Aber nix wars, Block A war rappelvoll, als ich um fünf vor halb elf nach einem erfrischenden Bier reinkomme.

Also, das Programm war wie gesagt eine Verheißung, die Zeit des Konzertbeginns ähnelte der im SO36 in der Heinrichstraße. Simon Rattle, der eine halbe Stunde zuvor noch im grauen Pulli zuhörte, wie Harnoncourt aus Beethoven einen wütenden Schlagzeuger machte (kein Wunder, dass Rattle begeistert applaudierte), trägt schwarzes Hemd. Auch interessant: Rattle war einen Kopf kleiner war als Frau Kozena, die auf aufregenden Silettos stand, während Rattle in normalen Schuhen steckte. Seit diesem Abend weiß ich, dass Julia Gartemann (aufregendes Spiel bei Berio) Schuhe von Manolo Blahnik trägt.

Das Programm: De Falla, Dallapiccola, 2x Berio.

Von Dallapiccola gab es die sehr gute Piccola musica notturna. De Falla war nicht gut. Die Folk Songs Berios offenbaren ihre hübsche Instrumentation in der Fassung für 7 Instrumente noch bereitwilliger als in der Orchesterfassung. Magdalena Kozena sang das lyrische, zweite Liedl am besten. Für einige andere bleibt Elina Garanca (unter Jansons 2007 oder 2008) die Referenz. Olaf Ott leistete an der Posaune Übermenschliches in Berios tiefmenschlicher Sequenza V. Die Harfe von Marie-Pierre Langlamet thronte mit der Erhabenheit eines Prunkmöbels aus dem vorvorigen Jahrhundert in der Mitte des Podiums.

Aber, Hand aufs Herz, als Mensch von durchschnittlichem Konzentrationsvermögen war ich um halb elf nicht mehr in bestem Zustand, insbesondere, da Harnoncourt zuvor zwei Stunden lang die Leistungsfähigkeit meiner Trommelfelle und Nerven mit Beethoven getestet hatte. Kurz, ich war müde, und ich glaube, der eine oder andere Zuhörer ebenfalls, denn zwei Stunden früher hätte Magdalena Kozenas Darbietung den Saal womöglich zu Bravostürmen hingerissen. Einige saßen sogar HINTER dem Podium, ein Ort, den ich bei Konzerten mit Solistenbeteiligung meide wie sonst nur Konzerte mit 100% Barockmusik. Falls die Phillies hofften, kaugummikauende Dreizehnjährige in ihr Haus zu locken, so erfüllte sich diese Hoffnung noch nicht zur Gänze.

Berliner Philharmoniker, Nikolaus Harnoncourt: Beethoven Messe C-Dur (Werner Güra, Julia Kleiter) & Sinfonie Nr. 5

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Julia Kleiter (Sopran), Elisabeth von Magnus (Mezzosopran), Werner Güra (Tenor), Florian Boesch (Bass), Rundfunkchor Berlin (Einstudierung Simon Halsey), Berliner Philharmoniker

Ich war nicht in der 7. Bruckner, dirigiert von Barenboim, aufgeführt im Rahmen eines Festkonzerts zum zehnjährigen Bestehen des jüdischen Museums. Nur Barenboim kommt auf die Idee, zu diesem Anlass eine Brucknersinfonie spielen zu lassen. Das ist so, wie bei einem Brahms-Gedenkkonzert mit dem Meistersingervorspiel beginnen und mit dem Walkürenritt schließen – was ja keine schlechte Idee wäre. Und damit zum heutigen Konzert. Ausverkauft. Ich höre Nikolaus Harnoncourt zum ersten Mal. Simon Rattle sitzt im grauen Pulli hinten im Block A. Rattle unterhält sich gestikulierend mit Frau Kozena, sobald die Musik aus ist. 

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Kein Weltethos, kein Rattle, kein Küng – aber Jesus und Mohammed in Berlin

Nein, ich war nicht in Jonathan Harveys Weltethos, dirigiert von Simon Rattle, gespielt von den Berliner Philharmonikern, weder am Donnerstag noch am Samstag. Ich war in der Mittelmark. War auch schön.

Warum macht der Rattle auch dieses Weltethos-Dings da? Kompositionen, die so oder so ähnlich heißen, werden grundsätzlich nichts. Das ging Peter Ruzicka mit seiner Oper Hölderlin (Staatsoper) genauso. Komponierter Totalanspruch ist nie gut, außer man ist Beethoven, aber wer ist das schon? Schon Peter Ruzicka hätte sein Werk besser „Hölderlin frisch verliebt“ oder „Hölderlin in Bad Homburg“ genannt. Da hätte Jonathan Harvey von lernen können und sein Werk statt „Weltethos“ lieber „Verflixt!“, Untertitel: „Jesus und Mohammed in Berlin“ oder „Hans Küng“, Untertitel: „… oder der Theologenkrieg in Tübingen“ nennen können. Wenn man schon was machen wollte, das niemand kennt, dann hätte man doch ein Konzert mit dem Titel „Die am seltesten gehörten Ligeti-Stücke aller Zeiten“ oder „Was man von Hindemith nie hören wollte – wir spielen es trotzdem“ machen können.

Kritik Weltethos: k.A.

Jonas Kaufmann Kritik – Konzert Berlin: Barenboim, Liszt

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Liszt Der 13. Psalm/Listz Faust-Sinfonie
Sachte, sachte.

Zuerst geht es um Liszt. Das Ereignis war der Liszt. Barenboim kümmert sich seit zwei Jahren um Liszt. Zwei Mal beide Lisztkonzerte in Frühjahr, mehrmals Klavier solo (noch in der alten Staatsoper), heuer im Herbst einige der Orchesterwerke mit der Staatskapelle. Die Philharmoniker halten sich Liszt-mäßig zurück. Die Staatskapelle schlappt auf die Bühne. Weiterlesen

Kritik Juraj Valcuha, Berliner Philharmoniker, Nikolaj Znaider, Tschaikowsky

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Was für ein komisches Konzert. Komisch war es wegen Jurai Valcuha und wegen Tschaikowsky.

Juraj Valcuha? Es war interessant, Valcuha zuzuschauen. Manchmal kringelte man sich vor Kichern – in Gedanken natürlich. Valcuhas Dirigierstil war DAS Pausengespräch. Sein Stil hat was von Anno 1890, schätze ich.

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