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Opern- & Konzertkritik Berlin

~ Klassik-Blog für Konzertberichte und Opernkritiken aus Berlin

Opern- & Konzertkritik Berlin

Archiv des Autors: Schlatz

Kritik Berliner Philharmoniker: Má Vlast Barenboim

24 Samstag Okt 2020

Posted by Schlatz in Daniel Barenboim

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Berliner Philharmoniker

Die Philharmoniker spielen Mein Vaterland, diese Musik-Inkunabel, komponiert aus Mythos, Natur und tschechischer Geschichte.

Daniel Barenboim ist am besten, wo es breit fließt, Stimmungshöhepunkte angepeilt werden. Das Tutti: eine rauschende Pracht, von Barenboim nicht gefordert-fördert, sondern fintenreich hervorgelockt. Das Blech strahlt in dunkler Patina. Die Streicher: präzisionsverliebt, aber ohne jenen buttrigen Klang, der das Naturgefühl aus der Partitur quetscht wie aus einer Tube Senf. Barenboim liebt diese uneingeschränkte Wärme des Melos.

Erwartbar brillant die solistischen Auftritte: die doloroso-Klarinette in Šárka und Flöte und Klarinette als die zwei Moldauquellen (M. Dufour?, W. Fuchs), die sich in ihrer lieblichen Helle als klarer erweisen als tschechischer Schnaps.

Der Höhepunkt vielleicht Z českých luhů a hájů (Von tschechischem Wiesen und Wäldern). Das Fugato tönt als meisterhaft ausgedünnter Streicherklang. Man kennt Má vlast ja doch zu wenig. Seltsam die Posaunen- und Hörner-Stelle im Nymphenreigen, die 15 Jahre später in Bruckners Achter wiederkehrt. Packend der Beginn von Šárka aus Walküre-Gewitter und Schneidigkeit des Don Juan.

Die Nutzlosigkeit der Garderoben

Es ist ein ungewohnter Abend. Nie, wirklich nie hat man die Gelegenheit, sechs sinfonische Dichtungen an einem Abend zu hören, außer bei dem Tschechen Bedřich Smetana.

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Noch mal Mojca Erdmann in „Quartett“

19 Montag Okt 2020

Posted by Schlatz in Luca Francesconi, Mojca Erdmann

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Sonntagabend in der Staatsoper, es läuft die vierte Vorstellung von Quartett. Wie immer über den Seiteneingang Ost rein. Im Großen Saal sitzt viel Noch-Jugend und noch mehr Fast-Noch-Jugend. Luca Francesconis Quartett funktioniert auch beim zweiten Besuch. Eineinhalb Stunden feinstes Mittelschicht-Gezerfe (gute Regie: Barbara Wysocka). Midlife-Crisis, Zukunftsangst, alles sehr gebildet und sehr schnippisch und (nur etwas) verzweifelt. Die Bühne: eine marode Bunkerkugel.

Mojca Erdmann liefert prickelnde Gesangsware. So klingt Singen auf dem Drahtseil. Sie verkörpert die Marquise, aber eine Messerspitze ihrer Vokalkunst ist immer auch Mojca Erdmann. Gut. Thomas Oliemans gibt dem Valmont mehr als einen Spritzer Herzblut. Beide zeigen die Menschen hinter den Bestien. Francesconis Musik? Kann funkeln, vermeidet jene moderne Altklugheit, die schnell läppisch klingt, weiß auch um Schönheit. Barenboim und Staatskapelle arbeiten in dieselbe Richtung.

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Neue Musik bei Philharmonikern und Staatskapelle

13 Dienstag Okt 2020

Posted by Schlatz in Claudia Stein, Galina Ustwolskaja, Luca Francesconi, Luciano Berio, Sofia Gubaidulina

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Berliner Philharmoniker, Staatskapelle Berlin

Still und heimlich polieren die hauptstädtischen Philharmoniker ihre Saison-Philosophie auf. Das ist relativ neu im Saison-Kalender der Berliner: Im Februar präsentiert eine „Biennale“ die golden genannten 1920er Jahre (mit Weill- und Hindemith-Schwerpunkt), aktuell bespielt ein „Wochenende Neue Musik“ hochkarätig den Kammermusiksaal. Dazu schicken die Berliner Philharmoniker zwei ihrer wendigen Kammerformationen ins Rennen, am Samstag das Scharoun Ensemble, am Sonntag KlangArt Berlin (21 Uhr). Zuvor (17 Uhr) spielt das altehrwürdig verjüngte Arditti Quartet. Komponistinnen von Betsy Jolas bis Sofia Gubaidulina kommen in drei Konzerten philharmonisch-bewährt hochkompetent zu Wort.

Ich besuche das Spätkonzert von KlangArt Berlin, dessen Trio-Besetzung (M. Heinze Bass, J. Schlichte Schlagzeug, H. Gneitling Klavier) je nach Stück-Erfordernis durch Mitglieder der Philharmoniker erweitert wird. Bis zum Oktett reicht die Ensemblegröße, das zeigt nicht nur die Flexibilität der Neuen Musik, sondern auch deren Zugriffsoptionen auf Hörerfahrung und Klanggewohnheit.

Der Abend dauert gut 60 Minuten, zumindest im Kammer-Bereich scheint dies das Format der Stunde. Von Sofia Gubaidulina (geb. 1931) erklingt Die Pilger (2014). Die Pilger sind Alterswerk wie alles, was Gubaidulina seit der Jahrtausendwende komponiert, und von frappierender Klarheit und Klangsinnlichkeit (kadenzartiger Ausraster des Vibraphons). Zwischen ironischem Theaterdonner (Pauke, Klavier) und Abstiegen, die endlos in die Tiefe führenden Treppen ähneln, spannen sich die Deutungsoptionen. Hut ab!

Dann als Uraufführung und Auftragswerk Ofrendas, komponiert von der Mexikanerin Hilda Paredes. 20 Minuten Musik, deren Zurückhaltung hintergründig und deren Musizierdrang etwas wahllos scheint. Doch dem Pizzicato-Tänzchen von Kontrabass und Konsorten lausche ich dann doch gerne.

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Staatsoper Berlin Premiere: Quartett von Francesconi

04 Sonntag Okt 2020

Posted by Schlatz in Daniel Barenboim, Luca Francesconi, Mojca Erdmann

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Luca Francesconi ist 64, seine Oper Quartett von 2011. Und 2020 schickt die Staatsoper Berlin Quartett als ihre erste Corona-Premiere ins Rennen. Keine 1:30 Stunden dauert das Werk, das Textbuch beruht auf der Adaption von de Laclos‘ Gefährliche Leidenschaften durch Heiner Müller (1981). Das Libretto (gekürzt, aber oft Originaltext Müller) ist gar nicht so schlecht: 13 Szenen, die Marquise Merteuil und der Vicomte Valmont lagen früher oft zusammen in der Kiste, aber das ist lange her, der Ofen ist aus, wenn auch das Begehren noch da.

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Sabine Devieilhe mit Debussy, Fauré, Poulenc, Ravel

01 Donnerstag Okt 2020

Posted by Schlatz in Liederabend, Sabine Devieilhe

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Sabine Devieilhe? Da war doch was. Richtig. Devieilhe sagte im Frühjahr die konzertante Dinorah-Premiere an der DO ab, was den Wert der Vorstellung doch etwas herabsetzte (und dann fehlte auch noch Florian Sempey). Aber das ist Opern-Schnee von gestern. Jetzt ist Madame Devieilhe in Berlin, dieses Mal im Aluminiumblechzelt an der inzwischen autoverkehrberuhigten Herbert-von-Karajan-Straße.

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Radialsystem: Zafraan Ensemble mit „UA Berlin“ und Eva Resch

28 Montag Sept 2020

Posted by Schlatz in Enno Poppe, Eva Resch

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Das Zafraan Ensemble wird 10! Und kombiniert in seiner Jubiläumssaison neue und neueste Musik mit Berliner Kompositionen ab 1910. In sage und schreibe zehn Konzerten. Der Name der Konzertreihe: „UA Berlin“ (=Uraufführung Berlin). Wie das geht? Jeweils ein Jahrzehnt Berliner Musik trifft an ganz verschiedenen Orten auf zeitgenössisches Komponieren.

Los geht’s am Sonntag im Radialsystem, und zwar mit dem Konzert „Die 1910er – Hälse mit Kreuzen“. Das Berlin der 1910er-Jahre wird von den Zwölftönern Schönberg und Eisler vertreten, das „neue“ Berlin von Poppe (geb. 1969) und Wessel (geb. 1991). Geheimer Bezugspunkt der Kompositionen aber ist und bleibt Schönbergs Pierrot lunaire, uraufgeführt 1912 in Berlin.

Dass sich die Neuen nicht vor den Altmeistern verstecken müssen, zeigt Gelöschte Lieder (1999) von Enno Poppe. Poppes Lieder entpuppen sich als schrilles, verschlungenes, aber auch extrem neugieriges Werk, das keine 20 Minuten kurz ist. Farbe ist für Poppe zweitrangig, motivische Mutation alles. Das ist ungeheuer spannend, zumal das Leise genauso erfrischend komponiert ist wie das Laute. Das ganze Stück rotiert sozusagen wie ein Hurrikan um jene chaotische Aus- und Abbruchstelle im Schlussteil. Auf das motivische Mäandern Poppes folgt Palmström (1925) von Hanns Eisler nach Gedichten von Morgenstern, diese Zwölfton-Fingerübungen des phänomenal begabten jungen Eisler, deren hintergründigen Unsinn die Sopranistin Eva Resch subtil und sopran-fein in den dunklen Saal trägt.

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Musikfest: Doppelfinale mit Milica Djordjević, Saunders, Poppe, Rihm

24 Donnerstag Sept 2020

Posted by Schlatz in Christian Gerhaher, Enno Poppe, Jörg Widmann, Milica Djordjević, Rebecca Saunders, Tabea Zimmermann, Tamara Stefanovich

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Musikfest Berlin

Herzschlagfinale beim Musikfest! Zwei Mal Neue Musik, zwei Mal jede Menge Hörgenuss, 9 Stücke, 4 Komponisten, 3 Uraufführungen (ist kein Qualitätskriterium, erhöht aber die Spannung). Am Dienstag bündelt die Karajan-Akademie unter Enno Poppe einen spannenden Abend mit neuer und neuester Musik, am Mittwoch stellen Mitglieder der Berliner Philharmoniker unter Stanley Dodds eine feine Rihm-Hommage auf die Beine.

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Konzerthaus: ensemble unitedberlin spielt S. Beyer, Ullmann, Lachenmann

19 Samstag Sept 2020

Posted by Schlatz in Helmut Lachenmann

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Vom Konzerthaus führen besonders viele Wege in die Wendezeit. Einer dieser Wege ist Bernsteins legendäre Neunte vom 25. 12. des Revolutions- und Zeitenwendejahres 1989. Ein anderer ist das ensemble unitedberlin, 1989 gegründet, deutsch-deutsche Neue Musik gehört zu seiner DNA, und zur zweiten Heimat des Ensembles ist der heimelig düstere Werner-Otto-Saal des Konzerthauses geworden.

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Musikfest Berlin: Das Ensemble Musikfabrik spielt 6 Mal Rebecca Saunders

11 Freitag Sept 2020

Posted by Schlatz in Rebecca Saunders

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Musikfest Berlin

Die zwei Mittwochs-Konzerte mit Musik von Rebecca Saunders im Rahmen des Musikfests 2020 dürften schon zu den Höhepunkten der gerade erst angelaufenen Saison gehören. In der Philharmonie präsentiert das vorzügliche Ensemble Musikfabrik sechs Werke, überspannt in zwei Werkblöcken – Start jeweils 17 und 21 Uhr – 22 Schaffensjahre, macht klar, dass die aus London gebürtige Rihm-Schülerin Musik schreibt, die berührt und überwältigt, Musik, die durchaus in der Lage ist, avantgardistischen Glamour zu verbreiten, ohne je elitäre Insider-Kunst sein zu wollen.

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Alle Neune: die Staatskapelle Berlin mit Beethoven und Barenboim

05 Samstag Sept 2020

Posted by Schlatz in Daniel Barenboim

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Staatskapelle Berlin

Sehen so Oper und Konzert für die nächsten Monate aus? Die Zuhörer sparsam verteilt und meist zu Pärchen gruppiert, dazwischen ziemlich verloren einzelne Musikhörer. Das Parkett schütter wie eine Partitur von Anton Webern. Einlass durch die Seitentür, als ginge es zu einem konspirativen Treffen. Keine Pause, adiós Pausen-Espresso. Man kann von Glück reden, dass die Garderobe besetzt ist. Aber dafür schafft vermutlich kein einziges Virus den Sprung auf den neuen Wirt, und sei es noch so Beethoven-begeistert und noch so eifrig bemüht, mit seinen Saugrüsselchen (Sie wissen schon, diese Spike Proteine S) an eine Zielzelle anzudocken.

Der Beethovenzyklus mit der Staatskapelle? Im Großen Saal der Staatsoper wird er viermal als Doppelpack serviert, chronologisch gruppiert, als Abschluss dann am Sonntag die Open-Air-Neunte auf dem Bebelplatz. Ich höre in drei Konzerten die Sinfonien 3 bis 8, wobei das jeweilige Werkpaar am Abend selbst gegenläufig chronologisch angeordnet erklingt: also erst die 4. dann die 3., erst die 6., dann die 5., entsprechend die 8. vor der 7. Das Gelingen ist in den Sinfonien 7 und 8 am höchsten, so sehr werden sie als leidenschaftlich und differenziert redende, mit hoher symphonischer Spannung erfüllte, unmittelbar neu berührende Meisterwerke dargeboten.

Im Lauf der drei Abende gelingt nicht jeder Satz auf höchstem Niveau. Luft nach oben gibt es in der moll-gewaltigen Fünften. Die 3. beginnt fahrig, die 6. beginnt zu gleichförmig, dem Finale der 4. verweigert Barenboim etwas an Komplexität. Dennoch bliebt die Beethoven-Ernte reich. Die langsamen Sätze dehnen sich in ihren unablässigen Themenverwandlungen zu überreicher Länge (leichte Einschränkung: das zu wenig transparente Allegretto der Siebten).

Die Scherzi (bzw. das Tempo di Menuetto der 8.) sind an allen Abenden Höhepunkte, so selbstverständlich austariert zwischen Vorwärtsdrängen und Unveränderlichkeit des Materials präsentiert die Staatskapelle Berlin sie, auch so klanglich üppig entfaltet wie im schon schumann’sch abgetönten Trio der 8., dem vielleicht schönsten Trio, das Beethoven für Orchester geschrieben hat. Auffällig: Gerade die vermeintlich unscheinbaren Sätze geschehen eindringlich, etwa der strikt themen-dualistisch organisierte 2. Satz der Fünften mit seinen Steigerungen und Entladungen, der 3., wieder in der Fünften, mit dem gorillahaft wild ausgreifenden Trio, das Allegretto der 8. als unerklärlich vieldeutiger Komponier-Coup des fast schon späten Beethoven.

Mittwoch: Sinfonien Nr. 4 und 3

Fesselnd schon der erste Abend. Straff und nuancenreich die Sinfonie Nr. 4, Schumanns griechisch schlanke Maid, von Paul Bekker 1922 als schwärmerisch heitere B-Dur-Phantasie tituliert, wie gesagt mit leichten Abstrichen im Schlusssatz. Die Eroica beginnt fahrig, Themen, Gedanken, Motive ertönen als markige Statements, werden weniger als Einheit gedacht. Wie weitermachen bei Beethoven? Die Durchführung findet zu prima weiträumiger Spannung, die lange Rückkehr zur Reprise in der Vierten, die nicht enden wollende Durchführung der Dritten werden da mit einem Mal unmittelbar erlebbar, toll die in all ihrer Formstrenge frank und frei lodernde Coda der Eroica.

Wer wie Hanssen im Tagesspiegel historisch informierte Durchhörbarkeit einfordert, plädiert nörgelnd dafür, dass die Staatskapelle besser nach Academy of St Martin in the Fields klänge als nach Staatskapelle. Man kann das schon so vertreten, aber ob das viel Sinn ergibt, steht in den Sternen. Der spezifische Klang, das warmtönige Timbre, aus dem sich die Holzbläser und Hörner differenziert tönend herausschälen, zählen vermutlich eher zu den Qualitätsmerkmalen der Staatskapelle.

Zu eindringlicher Anschaulichkeit – und zwar mit den einfachsten Mitteln der Welt: mit Konzentration, Genauigkeit, Hingabe -, findet das hintergründige Adagio des B-Dur-Werks. Dessen Ende, die 1/32 der Streicher über den langgezogenen Horn- und Holzbläserfiguren (aus dem Nachsatz des 2. Themas) löst die symphonische Spannung des Satzes geheimnisvoll, ohne sie ganz aufzuheben. Kommt man hier etwa dem, was musikalische Zeit bedeutet, nahe?

Eher als Einleitung, als Vorbereitung klingt der Beginn des Trauermarschs, jene zweimalige Abfolge von Thema und Gegenthema und anschließendem (drittem) Maggiore-Thema. Doch da ist ja noch jene Umschalt-Stelle vor dem Fugato mit ihrem Höhepunkt im ff mit nachfolgendem Erlöschen, dem neuerlichen Wechsel ins Moll und dem fahlen Neu-Ansetzen. Das ist symphonische Musik, packend präsentiert, packend umgesetzt. Das gilt auch für das folgende Fugato. Und dann die Überraschung. Der reprisenartige Einsatz des Themas gerät wieder etwas zügig, und plötzlich passt das Tempo genau. Da wird man Zeuge davon, wie das Orchester über das Fugato hinweg zurückgreift, zurück bis zum Satzbeginn, und doch ist jedem Hörer klar, dass nichts ist wie vorher.

Wie enden bei Beethovn? Das einzigartige Prometheus-Finale der Eroica, ein einziger, großer Satz-Salat von überbordendem melodischem Reichtum, glückt gerade, weil die Musiker den Sinn und das Ohr für die Momente des Innehaltens vor dem Presto-Sturm der Coda haben.

Tempo? Was für’n Tempo?

Tempomäßig spielt die Staatskapelle den Beethovenzyklus ein, zwei Nuancen langsamer als heutzutage üblich. Das Gesangliche wird breiter. Blech- und Holzbläser können ihre Farbe entfalten. Der emotionale Ertrag wird reicher, das Finale der 7. verständlicher. Das intensive, einleitende Adagio der 4. – jede Note behauptet ihr eigenes Gewicht – erinnert an Barenboims überraschend langsamen Fidelio aus dem Schillertheater. Das Finale der Sinfonie Nr. 4 ist tatsächlich einmal ein Allegro non troppo, kein verkapptes Presto, andererseits auch nicht ganz das gemütliche Allegretto, welches Richard Strauss empfiehlt. Die Tempodehnungen in der gesamten 5. machen fast schmunzeln, doch sie gehören dazu, werden ja auch meist – oft nachträglich – von der Architektur gerechtfertigt. In der Achten wiederum beginnt das Allegretto scherzando Metronom-haft zügig beschleunigt.

Donnerstag: Sinfonie Nr. 6 und 5

Schwer tue ich mir mit dem gewiss heiklen, fast Moll-freien ersten Satz der 6. Sinfonie, der allzu unprofiliert dahinfließt. Ganz anders der zweite Satz, die Szene am Bach, dessen Länge Barenboim mit nie versiegender Wärme des Melos und selbstverständlichem Nuancenreichtum füllt. Erstaunlich, dass der krasseste Realismus, die berühmten Vogelrufe und das Gewitter, zugleich besonders intensive Momente von Beethovens Kunst sind. Von souveräner Kaltblütigkeit die Trompeten im Gewitter, ruhig erfüllt und meisterhaft ausgebreitet wird das Allegretto-Finale der Sechsten musiziert, und zwar mit untrüglichem Gefühl für Architektur im Großen und fürs Detail im Kleinen.

Kopf- und Finalsatz der Fünften gehen komplett in die Hose. Ich denke, Barenboims Pathos steht sich selbst im Weg. Der Klang bleibt pauschal, irgendwie farblos, kaum differenziert, sozusagen Takt für Takt einen auf dicke Hose gemacht. Im Finale schwimmt der Oberbau auf dem Unterbau. Manches scheint unverhohlen furtwänglerisch: so die deutlich getrennten Achtel des Schicksalsmotivs in den ersten Takten. Anderes nicht, Barenboim erreicht nicht das ekstatische Tempo für die Coda des Finales. Aus anderen Beethoven-Welten dann das reich bewegte 3/8-Andante der Fünften. Es straft diejenigen Lügen, die es für unbedeutend halten. Thomas Guggeis liest in der Loge Partitur mit.

Freitag: Sinfonien Nr. 8 und 7

Aber die 7. und die 8. Die Staatskapelle gibt den ganzen Beethoven, natürlich barenboimisch schattiert, und das Ergebnis ist unverwechselbar: Die beiden Werke klingen Dur-prall, voller Steigerungen und loderndem Feuer. Dirigent und Orchester legen sie großzügig, im Inneren und Äußeren pulsierend, in den Saal. Beide „sitzen“ perfekt, glänzen von ungebändigter Energie, fesseln in beinah jedem Moment, zuerst die Nr. 8 mit ihrer F-Dur-Verhaltenheit und den strahlenden F-Trompeten, dann die Nr. 7 mit ihrem A-Dur-Flug. Barenboim hält hier überzeugend das Gleichgewicht zwischen symphonischer Form und subjektivem Inhalt. So frei und doch sich dem Ganzen einordnend hört man die Pauke in einer der berühmtesten Final-Codas selten.

Im Allgemeinen wird die Exposition nur bei den kürzeren Kopfsätzen wiederholt, also bei den Sinfonien Nr. 5. und 8. Ich habe gebetet, dass die Exposition im Finale der 5. wiederholt würde. Aber ich wurde nicht erhört.

Kritik Staatsoper Berlin: Carmen Rachvelishvili Fabiano Karg Gallo

12 Donnerstag Mär 2020

Posted by Schlatz in Anita Rachvelishvili, Carmen, Christiane Karg, Daniel Barenboim, Georges Bizet, Lucio Gallo, Michael Fabiano

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Nun, da das Berliner Opern-Universum aufgehört hat sich zu drehen, die Stimmen verstummt sind, die Instrumente schweigen und die Häuser versuchen, mit Livestreams und Nebenbühnenaktivitäten etwas vom alten Glanz in die hässliche, neue Virus-Welt hinüberzuretten, hier also noch ein Bericht aus Unter den Linden, als die (Opern-)Welt noch halbwegs in Ordnung schien.

Musikalisch ist diese Carmen hörenswert. Anita Rachvelishvili als vokal und szenisch üppige Titelheldin, Michael Fabiano als schüchternscheuer José, Lucio Gallo als selbstironisch souveräner Escamillo, Christiane Karg als makellose Micaëla und Barenboim als feuriger Impuls- und Input-Geber erfüllen die Erwartungen. Der Applaus ist groß. 

Man hätte kaum für möglich gehalten, dass diese Carmen wiederkehrt. Martin Kušej besorgte 2004 die Inszenierung, die auf Flamencokleid und Zigarette konsequent verzichtet. Ich hörte sie 2006 im noch unrenoviert muffelnden Haus, auf der Bühne standen der mit offenem Visier singende Villazón und eine knackigen Mezzo-Charme versprühende Domaschenko.

2020 konterkariert (und konzentriert) die in staubigem Weißgrau strahlende Bühne (Jens Kilian) immer noch Bizets Feuer.

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Und noch mehr Meyerbeer: Premiere Dinorah an der Deutschen Oper

05 Donnerstag Mär 2020

Posted by Schlatz in Enrique Mazzola, Giacomo Meyerbeer, Karis Tucker, Nicole Haslett, Sabine Devieilhe

≈ 20 Kommentare

Ist das Ganze nun stille Einfalt ohne edle Größe? Oder doch eine ziemlich sublime, hochromantische Angelegenheit? Die dann freilich mit einem filigranen Schuss Ironie daherkommt.

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Auf jeden Fall komplettiert die Deutsche Oper Berlin mit der opéra comique-leichten Dinorah ihre sensationellen Meyerbeer-Wochen – und begibt sich damit auf leichtere, aber nicht weniger faszinierende Opern-Pfade.

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Deutsche Oper Berlin: Meyerbeer, Meyerbeer

03 Dienstag Mär 2020

Posted by Schlatz in Anton Rositskiy, Clémentine Margaine, Elena Tsallagova, Enrique Mazzola, Giacomo Meyerbeer, Gregory Kunde, Liv Redpath, Olesya Golovneva

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Da ist es, das große Berliner Meyerbeer-Wochenende. Die Deutsche Oper zeigt innerhalb von 24 Stunden beide Polit-Epen Meyerbeers: den Propheten und die Hugenotten. Da heißt es nicht lange fackeln. Augen zu und durch.

Am Samstag also Le Prophète, das sprödere, pessimistischere, politischere, auch klangfarblich düster gefärbte Werk, das überraschend um eine tragische Mutter-Sohn-Erzählung gravitiert, zudem orchestrale Opulenz hinter historischer Plausibilität versteckt. Und dann am Sonntag jene Hugenotten, die mit einem gepflegtem Gelage beginnen und in Blutvergießen und Massaker endigen.

Wenn Olivier Py in Le Prohpète also die Geschichte um den Wiedertäuferkönig Jean in sattes Industrialisierungs-Grau bettet, so funktioniert dies gut, wenn man von einigen Regietheater-Macken absieht (hohe Waffendichte auf der Bühne, Hang zu dekorativer Brutalität). Besonders die virtuos gehandhabte Drehbühne

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Kritik Deutsche Oper: Le Prophète

24 Montag Feb 2020

Posted by Schlatz in Clémentine Margaine, Derek Welton, Elena Tsallagova, Enrique Mazzola, Gregory Kunde, Jacquelyn Stucker

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An der Deutschen Oper wird derzeit das dreiteilige Drama „Meyerbeer“ aufgeführt. Nach dem ersten Akt Die Hugenotten hebt sich nun der Vorhang zu Akt 2 mit Namen Der Prophet. Anfang März folgt mit Dinorah der dritte und letzte Akt.

Le Prophète ist eine Oper ohne positiven Held und ohne Liebe, genauer gesagt eine grand opéra mit fünf Akten, viel Chor und noch mehr historischem Background. Rabenschwarzer Pessimismus durchtränkt Libretto (Eugène Scribe, Émile Deschamps) und Musik (komponiert 1839-1849), wenn die Dynamik des historischen Augenblicks den Wiedertäufer-Rebell Jean ins Verderben reißt. Die Uraufführung fand 1849 unter Anwesenheit von Verdi, Chopin und Berlioz im revolutionären Paris statt. Weiterlesen →

Kritik Mehta Staatskapelle Berlin: Martha Argerich

22 Samstag Feb 2020

Posted by Schlatz in Martha Argerich, Zubin Mehta

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Staatskapelle Berlin

Es ist erstaunlich, wie weit an diesem Abend in der Staatsoper die Erinnerungen zurückreichen. Als die heute 78-jährige Martha Argerich ihre erste Platte aufnimmt, 1960, hatte für Horowitz der zweite Teil seiner öffentlichen Karriere noch gar nicht begonnen, Weiterlesen →

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