Simon Rattle, Daniel Barenboim: Und die Saalmädels gucken missmutiger…

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Brahms Klavierkonzert Nr. 2 Weill Die Sieben Todsünden

Wenn nicht Müdigkeit, die der, wie jeder Berliner weiß, anstrengende Berliner Frühsommer jedes Jahr aufs Neue verursacht, das Urteil trübte, so hielt das Konzert nicht ganz, was es versprach. Wenn die beiden Zauberer des Berliner Musiklebens zusammentreffen, ist der ästhetische Nutzen offensichtlich zwingendermaßen geringer als die geschmeichelte Eitelkeit des Publikums. Und da an diesem Abend die Extravaganz der Garderoben wie zufällig ausblieb und auch die Saalmädels missmutiger blickten als sonst, mag man das prestigeversprechende Doppelkonzert als grundsätzlich gelungen abhaken. Aber vielleicht war alles ganz anders, und der Zuhörer ein Opfer von Abschweifungen und unsinnigen Gedanken, die während eines Konzertes nun einmal auftauchen und die kein Saalmädel der Welt, und gliche ihr Äußeres bis aufs Härchen Anna Netrebko, ganz ausschalten kann. Im Übrigen gehören die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms zu den undurchdringlichsten Kompositionen zwischen der Missa Solemnis und der Turangalila-Sinfonie.

Berliner Philharmoniker, Claudio Abbado: Brahms Sinfonie Nr. 3, extrem guter Weill, sehr guter Bach

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Kritik Berliner Philharmoniker & Konzertbericht. Claudio Abbado dirigierte in der Philharmonie. 2004 gab es Mahlers Sechste, 2005 Mahlers Vierte, im Juni 2006 war Abbado mit Musik von Richard Wagner und Robert Schuhmann zu Gast. Sie erinnern sich? Es waren leise Wesendonck-Lieder (so leise wie nie), etwas zu klassizistisch von Anne Sofie von Otter gesungen, und Robert Schumanns nicht ganz zukunftssicherer Manfred konzertant (vor dem Konzert der wärmste je gehörte Willkommensapplaus, der Manfred teilweise traumhaft schwebend, mit leichtesten Gewichtungen und von ins abgründig Ästhetische Weiterlesen

Berliner Philharmoniker Mariss Jansons: Mahler 1. Sinfonie und ein bissl Strawinsky

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Berliner Philharmoniker Mariss Jansons Strawinsky Petruschka Mahler 1. Sinfonie

Eines der Konzerte, die mit vollkommener Zufriedenheit beginnen, vor der Pause die ersten Zweifel säen, überragend in die zweite Konzerthälfte starten und zum Schluss für Desorientierung sorgen. Jansons ist ein vitaler, kontrollierter Taktschläger, seiner Arbeit kann man zusehen, ohne dass der Zuhörer jemals auch nur einen Zehntel Takt vom Weg abkäme. Petruschka wirkt als überragende Partitur, nicht als überragendes Dirigat: gut durchleuchtet und sicher zusammengefasst. Doch es kommt die Stelle, an der man denkt: etwas zu sportlich, etwas zu zackig. Die Crescendi strahlend, hinreißendes Knattern im ff. Doch man spürt den Ausgang, bevor er kommt, man kennt die dritte Explosion, weil sie der zweiten gleicht. Während es bei der ersten noch Staunen gab.

Bei Mahlers 1. Sinfonie dann Ähnliches. Grandiose Führung des Orchesters. Jansons sorgt für eine geradezu königliche Übersichtlichkeit (in München würde man ‚kaiserliche‘ sagen, obwohl der Kaiser in Berlin, und der König in Bayern war). Doch irgendwann stellte sich die kleine, süße Frage: wozu? Das Finale war blendend im expansiven Klang, doch problematisch im technisch virtuosen Abrollen. Barenboims größer gefühlte Mahler-Neunte war noch im Ohr. Das zu extremer Klarheit geschärfte Klangbild verblüffte und versöhnte. Fazit: beeindruckender klanglicher Positivismus, Mariss Jansons mehr Regisseur als Deuter.
Nächstes Jahr kommt Jansons mit Schostakowitschs 6. Sinfonie und Ravels Valse.

Kritik Mariss Jansons: sehr gut

Die Berliner Philharmoniker mit Ion Marin und Frau Argerich: Oder Martha Argerichs Ruhm

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Berliner Philharmoniker Ion Marin Martha Argerich Weill Sinfonie Nr. 2 Ravel Klavierkonzert Prokofjew Romeo und Julia

Konzertbericht Berliner Philharmoniker. Man ging hin, um Martha Argerich zu hören und Ion Marin zu überhören. Kurt Weills Zweite Sinfonie mag ohne Marin ein achtbare Sache zu sein, mit Marin war sie eine große Länge. Weder der Rhythmus rettete Weills Sinfonie, noch die unartikulierte Thematik, noch Marin. Der Dirigent drang zu den Philharmonikern nicht recht durch und schien damit einverstanden.
Ravels Klavierkonzert erhielt den Vorzug vor den angekündigten von Schostakowitsch und Prokofjew. Da der Konzertgänger nichts so sehr fürchtet wie eine Absage von Frau Argerich, wäre er auch zufrieden gewesen, wenn Frau Argerich statt die Klavierkonzerte von Schostakowitsch und Prokofjew zu spielen über die argentinische Nationalhymne improvisiert hätte. Martha Argerich vereint in ihrem Spiel Herzlichkeit und lyrische Sensibilität. Es kommt zu sarkastischer Heiterkeit. Ihr Anschlag ist einer der besten überhaupt, verbände man mit ihm nur nicht immer die Vorstellung einer welkenden Rose. Die klangliche Hingabe Martha Argerichs an den Geist der Noten ist ohne Zweifel außerordentlich. Doch ich wünschte, Martha Argerich würde ihren Ravel an den Hörnern packen anstatt ihm die Glatze zu streicheln. Die Interpretation rechtfertigte nicht ihren fast verschwörerischen Ruhm. Marin war hier, gegen seinen Willen kann man fast sagen, besser, da das Stück besser war.
Die lange zweite Konzerthälfte zog sich in Form der Romeo-und-Julia-Suite von Prokofjew hin, eines Stücks, das wenig Charme von der Ballettbühne in den Konzertsaal hinüberrettete und vier Mal so lang wie nötig war. Tschaikowsky handelt das Thema immerhin in zwanzig Minuten zur vollen Zufriedenheit des Publikums ab.

Kritik Martha Argerich: naja, entweder war es nicht so ohrenverdrehend oder ich hatte meine Ohren tatsächlich verdreht

Barenboims Mahler-Zyklus: Die 9. Mahler-Sinfonie mit der Staatskapelle

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Festtage 2007 Mahler-Zyklus Barenboim/Boulez
Staatskapelle Berlin – Daniel Barenboim: Mahler 9. Sinfonie

Konzertkritik Daniel Barenboim. Überall ist dieses warme Licht, das Parkett ist rammelvoll, die Stehplätze sind mehrfach besetzt. Acht Uhr, das Staatsopernorchester lässt sich Zeit. Dann kommt das Orchester, Applaus, dann kommt der Konzertmeister, Applaus, dann kommt Barenboim, dicker Applaus. Dann geht’s los, Stille. Mahler Neunte.
Sehr schön alles. Das Andante ist gut, der Ländler ist Weltklasse. Die Rondo-Burleske vielleicht das Beste, was es diese Saison bislang in der

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Die Wiener Philharmoniker in Berlin: Was es zu Christian Thielemanns Bruckner zu sagen gibt

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Konzertbericht Christian Thielemann. Die Wiener Philharmoniker waren da. Es war erstaunlich langweilig. Es gibt Stunden, da kommt es einem vor, als spielten die Wiener Philharmoniker ab und an einen Tick Wärme-versessener als die Berliner. Nun sind die Wiener hier, und es gab den einen oder anderen Grund zu äußerst gepflegter Langeweile. Christian Thielemann dirigierte, und man könnte behaupten, es habe an ihm gelegen.

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Semyon Bychkovs Abstecher nach Berlin: Berliner Philharmoniker mit Schönberg und Schostakowitsch

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Schönberg Erwartung Schostakowitsch 10. Sinfonie

Konzertbericht Berliner Philharmoniker. Hier passierte wenig Bewegendes. Semyon Bychkov sprang für Kirill Petrenko, den Chefdirigenten der Komischen Oper Berlin, ein. Die Sinfonie Nr. 10 lief ohne Pannen durch alle Sätze, was gewiss eine Leistung des Dirigenten ist, aber kein Grund zur Begeisterung. Am beeindruckendsten schien mir die Lautstärke des Orchesters, also in etwa das Bändigen aller solistischen Kräfte in einem ratternden Crescendo, in dem alles in die Wagschale geworfen wird, um die Zuhörer mit einem gigantischen Fortissimo zu überraschen. Dieses ff war sowohl perkussiv kompakt als auch rhythmisch wirkungsvoll gegliedert und fähig, einen vom schier endlosen Potenzial der Berliner Philharmoniker zu überzeugen. Angela Denokes Sopran schimmert stets so kühl, dass man sich einen Schnupfen hätte holen können, sobald man seine Nase in ihre Richtung gestreckt hätte.

Bernard Haitinks Missa Solemnis mit den Berlinern Philharmonikern

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Haitinks Konzert im Januar (Brahms‘ Zweite, Hindemiths Symphonische Metamorphosen) verpasst, also in die Missa Solemnis gegangen. Nagano dirigierte die Missa Solemnis im Juni 2006 direkter, intensiver, massiver (damals mit Anne Schwanewilms, Marie-Nicole Lemieux, Klaus Florian Vogt, Günther Groissböck. Bei Bernard Haitink waren die Sätze nacheinander aufgereiht. Nagano brachte scheinbar die Missa Solemnis auf einmal, übereinander geschichtet, ineinander verkeilt, die Enden an die Anfänge steckend. Die Crescendi wirkten abgründig, die Piani stürmisch. Doch hier nur von Nagano zu reden, da mir zu Haitink wenig einfällt, scheint auch nicht sinnvoll. Also: Haitink schnupperte nur an Beethoven. Nagano – zum letzten Mal -, Nagano also schweißte Beethoven zusammen.

Gielen, Staatskapelle Berlin, Bruckner 5. Sinfonie: Michael Gielen serviert Thielemann ganz locker ab

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STAATSKAPELLE BERLIN MICHAEL GIELEN CHRISTINE SCHÄFER Reimann Finite Infinity Bruckner Sinfonie Nr. 5

Konzertbericht. Gielen serviert Thielemann in Sachen Bruckner ganz locker ab. Die Achte unter Christian Thielemann mit den Wiener Philharmonikern war von vorne bis hinten eine zähe Sache.  Michael Gielen ist 80, hoffentlich wird er 150. Gielen dirigierte die Fünfte Symphonie Anton Bruckners, deren Mittelsätze Gielen dramatisch und konstruktiv im Sinne einer höchsten Richtigkeit dirigierte. Der langsame Satz gelang zum Heulen schön, langgezogen, auf- und abschwingend, haltlos in seiner exakten, einer unglaublichen Musikalität geschuldeten Haltung. Die Ecksätze hatten nicht ganz die Höhe, die Abläufe kamen heuer mit der Staatskapelle Berlin nicht so souverän wie bei den von den Philharmonikern gebotenen Bruckner-Symphonien. Doch das Finale lebte vom Nachzittern der Mittelsätze. Der Tanzsatz lebte in allen Fasern und kam zäh-elastisch bis in die kleinste Auf- und Abwärtsbewegung rüber. Die Begegnung mit Aribert Reimanns Finite Infinity war eine Wohltat nach den einen leichten Nachgeschmack des Überflüssigen hin und wieder nicht vermeidenden zeitgenössischen Sachen, die Simon Rattle gerne in seine Programme aufnimmt. Christine Schäfer sang… aufopferungsvoll, hochkarätig.

Alfred Brendel abends nach dem Rotwein

Konzertbericht. Alfred Brendel spielt jedes Jahr Mozart, Schubert, Beethoven, Haydn. 2007 spielte Alfred Brendel Haydn (na ja, nicht schlecht), Beethoven (trocken, etwas klimpernd, intellektuell verspielt, etüdenhaft), Schubert (so retrospektiv, wie abends nach dem Rotwein), Mozart (rasselnd, schwebend, dramatisch, genial gepfeilt). Brendel sitzt mit wackelndem Kopf am Flügel, als gebückter Greis hoppelt und schlurft er über das Podium. Es ist ein Wunder, dass man das Schleifen der Lackschuhe nicht hört. Seine Konzerte sind auf eine gewisse Art ein Spiegel seines schlotternden Greisentums. Sie sind sprunghaft in der Qualität, und erstaunlich in den Enttäuschungen (Beethoven) als auch in den Überraschungen (Mozart).

Rattle dirigiert Haydn, die Berliner Philharmoniker spielen Haydn und dennoch Rätsel über Rätsel

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Haydn Sinfonien Nr. 91 & 92, Sinfonia Concertante

Konzertbericht. Rattles Haydn-Zyklus umfasste sechs Sinfonien und die Schöpfung. Das besuchte Konzert lief so vor sich hin. Es gab einige schöne Stellen. Doch kein Entzücken. Man weiß nie genau, ob es an Haydn liegt, an Robert Schumann, an unglücklichen Verknüpfungen zwischen Realität und Musik, oder an Rattle. Simon Rattle dirigiert sehr genau, und durchaus nicht geheimnislos. Die spektakulären Stellen sind ohne Zweifel die kurzen Phasen überfallsartiger thematischer Verdichtung und mehrfacher Linienführung in den Ecksätzen. Doch Rattle macht mehr. Er dirigiert ernste Musik, deren makellose Konstruktion man an vielen Stellen mit einem Zungeschnalzen zur Kenntnis nimmt. Rattle gibt Einsätze mit einem offenem Lächeln, nachdem er mit geschlossenen Augen und seltsamen Grimassen Moll-Passagen spielen ließ. Trotzdem unbefriedigend, warum weiß ich auch nicht. Die beiden Konzerte kamen kurz danach auf CD raus, und von der Scheibe gefiel mir Rattles Haydn vom ersten Takt an. Rätsel über Rätsel.

Silvesterkonzert Berlin: Mitsuko Uchida, Camilla Nylund, Laura Aikin, Stella Doufexis

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Mozart liegt Simon Rattle vielleicht nicht, vielleicht liegt Simon Rattle auch Mozart nicht. Im Silvesterkonzert 2006 gab es Mozarts d-moll-Klavierkonzert, ein Werk grenzenloser kompositorischer Kühnheiten. Der Mittelsatz öde, auch der Rest gelingt so a weng dösig, es herrscht eine Art BMW-3er-Reihe-Gefühl. Zu allgemein, weder linear, noch geballt, weder abgründig schön, noch prekär verkühlt. Zwei Stellen (in Exposition und Durchführung) waren jedoch auf überwältigende Weise mit Dramatik und Polyphonie angefüllt – 10 Sekunden Musi vom anderen Stern. Mitsuko Uchida am Klavier tat es Rattle nach, nur dass sie die 10 Sekunden auch noch weggelassen hat. Uchida kann keine zwei Akzente hintereinander setzen, das schafft sie einfach nicht. Alles fließt, und nie kommt sie zu Potte.
Dann das Terzett und Finale aus dem Rosenkavalier (Camilla Nylund, Laura Aikin, Magdalena Kozena). Ich war nie für Opernauszüge auf Konzertpodien. Entweder die ganze Oper konzertant oder nichts. Nylund, Aikin und, halt! nicht Kozena sang, sondern Stella Doufexis, sangen mit der gebotenen Frische. Ein Rosenkavalierfinale im Konzertsaal ist und bleibt dekadent. Dann schon lieber die Fledermausouvertüre und direkt danach die Diebische Elster.

Gidon Kremers Berliner Konzert: Technik, Gefühl und eine kaltschnäuzige Anne-Sophie Mutter

Heute Kremer und Argerich, am folgenden Tag das Emerson String Quartet im Kammermusiksaal. Gidon Kremer war das Gegenbeispiel zu Anne-Sophie Mutter. Kremer, immer noch ein hagerer, schlaksiger Geiger mit schütterem Haar und Pullover, neigt zu grotesken Körperbewegungen, zu Wippen und Schräglegen des Oberkörpers, zu Ausfallschritten, zu Sprüngen, wo Anne-Sophie Mutter sich in heftiger Konzentation nur auf einem Raum bewegt, der mit zwei, drei Handspannen ausgemessen werden kann. Es war ein umwerfender Abend. Am Flügel Martha Argerich, die solo Schumann spielte, für meinen Geschmack zu verschlafen, zu mütterlich, zu kaminhaft. Er hat mehr Töne als Anne-Sophie Mutter. Er zeigt seine Souveränität. Was er an kaltem oder monumentalem Ausdruck hat, fließt in einen Vortrag ein, der alles hat: eminente Technik, hinreißendes Gefühl, schneidende Virtuosität, äußerste Musikalität. Anne-Sophie Mutter lässt die Hörer ab und an außen vor. Sie verfügt über kaltschnäuzige Souveränität, Kremer über werbende Souveränität, wenn auch über eine ähnlich einsame.

Vengerov

Maxim Vengerovs Violinspiel ist nicht überwältigend, doch durch und durch exzellent, wenn man den Unterschied versteht. Vengerov katapultiert nicht in die Stratosphäre, in der seit je dünn atmen ist, wie Anne-Sophie Mutter dies tut, sondern hält den Hörer in den robusteren Bereichen der Musik. Die Stücke von Schostakowitsch waren schlechthin perfekt. Satter, körperlicher, leicht baritonaler, beweglicher Ton. Bereitschaft zum Äußersten. Die Philharmonie war nur gut zur Hälfte gefüllt. Deshalb nach der Pause in der ersten Reihe gesessen.