Neuigkeiten: Rattle & Barenboim, Jansons & Beatrix, Murray Perahia & Lang Lang

Ein Sonderkonzert jagt das nächste. Nicht immer ist der Anlass ein fröhlicher. Simon Rattle dirigiert den 2. Akt Tristan mit der Staatskapelle, Barenboim spielt zuvor Beethovens Drittes Konzert (nicht hingegangen). Anlass: Das Geld kommt der Renovierung der Staatsoper zugute. Herr Rattle, erinnern Sie sich an das Liedl, das da heißt „Je suis Lazuli“? Wann dirigieren Sie das mal wieder? Und Frau Kozena singt das Liedl? Dann kommt der niederländische Hochadel in Form von Frau Beatrix nach Berlin und aus irgendeinem Grund gibt das Concertgebouworkest Amsterdam hierzu ein Festkonzert. Der Lette Mariss Jansons dirigiert deutschen Brahms und deutschen Mendelssohn – klar, es gibt auch so wenige niederländische Musiker oder Komponisten, mir fällt nur Rudi Carrell ein (ich habe eine Karte). Ich bin für vermehrte Besuche des österreichischen Präsidenten Fischer in Berlin und damit zusammenhängende Festkonzerte der Wiener Philharmoniker. Meinetwegen kann Fischer vierteljährlich kommen. Fischer soll mit Merkel Kaffee trinken und anschließend geht’s ins Festkonzert in die Philharmonie. Da können Sie sogar zu Fuß rüberlaufen, es sei denn, sie sind im Kranzler. Dirigieren können Rattle oder Barenboim, die sind sowieso schon hier. Und, um zur unerbittlichen Wirklichkeit zurückzukehren, es gibt noch ein Benefizkonzert für Japan. Erst dirigiert Barenboim die Staatskapelle, anschließend Rattle die Phillies (überlege noch, es gibt nur noch Karten 50 Euro aufwärts).

Ach ja, Murray Perahia war da. Weiterlesen

Kritik: Sokolov mit Schumann und Bach in der Philharmonie Berlin

Zwischenzeitlich war ich bei Sokolov, den, wie etwa Martha Argerich, eine verschwörerische Berühmtheit umgibt. Draußen herrschen eisige Temperaturen, Ostwind, Eis auf dem Landwehrkanal, eine streikende Berliner S-Bahn und so weiter. Sokolov spielt ein Programm mit Bach und Schumann. Ich war nie ein heißer Verfechter von Schumanns Klaviermusik, immer aber von dessen Kammermusik und Sinfonik. Ich würde gerne behaupten, ich wäre wenn schon nicht ein Fan von Sokolovs Bachs, dann aber gewiss einer von dessen Schumann. Is aber nich so. Sokolov ist gut, aber wahrscheinlich nicht sehr gut. Er ist weder ein Genialiker wie Daniel Barenboim, noch ein Fanatiker der Genauigkeit wie Maurizio Pollini, noch so unbestechlich wie Mitsuko Uchida, aber in etwa von so seriöser Langweiligkeit, um nicht zu sagen von so durchdringender Pantoffeligkeit, wie Andras Schiff.

Sokolovs Schumann besteht zu Hundert Prozent aus Rubati; und ich dachte immer, Schumanns Klaviermusik bestünde aus Vierteln, Achteln und Sechzehnteln. Sololov hängt jener Schule an, die die Meinung vertritt, bei Schumann drehe sich alles um das Aufblühen und Zurückdrängen von allerhand Gefühlen. Sokolovs Bach ist die ersten zehn Minuten mächtig beeindruckend, dann verliere ich immer mehr das Interesse, und zuletzt wundere ich mich, warum Bach von einigen – von einigen wenigen, ich gebe es zu – als bedeutender als Schumann gehalten wird. Sokolov gibt sechs Zugaben. Bei jeder unterließ er es, den während des regulären Programmes gewonnen Eindruck zum Besseren zu korrigieren. Die Begeisterungsfähigkeit des Publikums war enorm. Sokolov sieht von Block C aus wie eine Mischung aus Flaubert und Turgenjew, etwas füllig, Typ sensibler, nicht ganz uneitler, aber im Grunde höchst ehrenwerter Künstler.

Kritik Sokolov: mäßig angetan

Berliner Philharmoniker: Simon Rattle dirigiert Mahler 4. Sinfonie und Strawinsky Apollon

Schlagwörter

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: CHRISTINE SCHÄFER Strawinsky Apollon Musagete Mahler Sinfonie Nr. 4

Es ist schlimm. Man muss einfach hin, wenn Rattle und die Berliner Mahler machen. Auch wenn ich lieber Fußball geschaut hätte, Arsenal gegen Barcelona, mal wieder Lionel Messi zuschauen. Aber man muss, wie gesagt. Das Programm ist eine harte Nuss. Im Apollon Musagete übertrifft Strawinsky sich – und andere natürlich vierfach – an Understatement. Die Person, dessen Lieblingsstück der Apollon Musagete ist, erhebe sich bitte. Jede Wette, dass Strawinsky wenig Spaß beim Komponieren dieses Stücks hatte. Ich hatte nicht allzu viel Spaß beim Hören. Die Philharmoniker spielen quasi von selbst. Rattle gibt eine Prise Salz hinzu, aber nur eine Prise.

Weiterlesen

Simon Rattle: Konzertbericht Berliner Philharmoniker, Mahler 3. Sinfonie

Schlagwörter

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: ANKE HERRMANN NATHALIE STUTZMANN DAMEN DES RUNDFUNKCHORS BERLIN KNABEN DES STAATS- UND DOMCHORES BERLIN Brahms Es tönt ein voller Harfenklang Hugo Wolf Elfenlied Mahler Sinfonie Nr. 3

Und schwupps, schon ist man bei der Dritten. Es ist warm wie im März, obwohl es erst seit kurzem Februar ist. In der Dritten macht Mahler alles das, was er nicht hätte tun dürfen. Er kennt keine Grenzen bei der Überlänge, er ist noch kindischer als in der Zweiten. Aber das Gefühl für Abläufe ist wahrscheinlich untrüglich geworden, so weit ich das beurteilen kann. Die Form pfeift auf die Konvention, das ist das Befreiende. Die Zeit belebt sich von selbst, fast ohne Sonatenhauptsatzform. Die ganz freien Kombinationen von Klängen, die Mahler einsetzt ist, sind atemberaubend. Die Phase, in der ich Radek Baborák nachtrauerte, ist vorbei. Stefan Dohr spielt halt anders. Heute habe ich mit höchster Zufriedenheit Stefan Dohr zugehört. Baborák hatte Eleganz, Stefan Dohr hat Wärme. Beginn mit acht Hörnern.

Im Gegensatz zur Zweiten, bei der Wackler des Blechs häufig waren, lief es in der Dritten wie am Schnürchen. Dann kommt die Soloposaune. Der erste Satz ist fast ein Posaunenkonzert. Die Posaune klingt wie von Ennio Morricone. Dann kommt der Trommelwirbel. Stille, nur der Trommelwirbel, dann die acht Hörner – Reprise? Wieder Posaunensolo, diesmal mit dieser Steine erweichenden hohen Stelle. Mit welcher Sorgfalt zwei Schlagzeuger damit bemüht sind, die Becken lautlos abzulegen.

Weiterlesen

Christian Thielemann, Wiener Philharmoniker in Berlin: Beethoven Sinfonie Nr. 8 & 9

Schlagwörter

Beethoven Sinfonien Nr. 8 & 9

Achte Sinfonie. Allerliebst, frisch, schlawinerhaft und intelligent gespielt. Im Finale nuscheln die Streicher beim Hauptthema. Die Durchführung des ersten Satzes hätte noch mehr Brio vertragen können. Die letzten zwei Takte des ersten Satzes (Themenkopf im pp) drosselt Thielemann mit sehr kräftigem Rubato auf ein Drittel des Grundtempos. Brav, Christian, kriegst ein Zuckerl.

Neunte Sinfonie. Sehr gut. Geniales Prestissimo, wie überhaupt das Finale am besten gelang. Es hatte Saft, Tempo und die Wiener Philharmoniker wurden der Lockerheit der Faktur glänzend gerecht. Annette Dasch bekam ein Buh (das einzige, das während des gesamten Zyklus zu hören war). Und, o Wunder, wieder keine Zugabe.

Optisch ist Christian Thielemann ein komplizierter Fall. Thielemann gibt das Tempo vor, das andere schaukeln die Philharmoniker nach Hause. Thielemann ist sozusagen die Uferböschung, die Wiener Philharmoniker sind der Fluss. Bei Thielemanns Dirigierstil mischen sich Lässigkeit und kalkulierte Ungebobeltheit. Manchmal sieht Thielemann aus wie ein Gorilla (rustikale Stellen). Manchmal grinst er wie ein Fünfjähriger, der zugibt, dass die geklauten Bonbons gut geschmeckt haben (schöne Solostellen). Manchmal sieht er aus, als rühre er Beton an (pathetische Stellen). Kaum ist der Satz aus, lässt Thielemann die Arme niedersausen, wischt sich in einem Affentempo den Schweiß von der Stirn und bedankt sich lächelnd beim Orchester, und das alles in 1,5 Sekunden. Die ersten Sätze nimmt Thielemann in mäßigem Tempo, ebenso die zweiten Sätze. Die Scherzi sind plötzlich deutlich flotter. Finali sind tempomäßig in etwa so, wie man sie gewohnt ist. Na, Rattle ist bei den letzten Sätzen schon schneller. Die pathetischen Sinfonien spielen die Wiener Philharmoniker mit 2 x 16 Geigen, die leichteren (Achte, Vierte, Erste, Zweite) mit 2 x 14, die Sechste mit 2 x 15. Die volle Streicherbesetzung ist 16,16,12,10,8.

Weiterlesen

Thielemann Beethovenzyklus und die Wiener in Berlin: Beethoven Sinfonien Nr. 1, 2 & 3

Schlagwörter

Beethoven Sinfonien Nr. 1,2 & 3

Erste Sinfonie. Es kam schließlich die Zeit, da hörte man innerhalb von 18 Stunden fünf Beethovensinfonien. Das ist selbst für ausgebuffte Konzertgeher kein Pappenstiel. Es ist draußen nicht mehr minus 15, sondern nur noch minus sieben Grad. Die Erste wurde ihrem Ruf als widerspenstigste der Beethovensinfonien gerecht. Man weiß nicht, was man von der Ersten halten soll. Die Erste ist wie der blasse Verwandte, der auf der Familienfeier immer am anderen Ende vom Tisch sitzt. Kurzum: Schön gespielt von den Wienern, jedoch, herrje, ohne damit irgendeine Aussage oder auch nur eine Tendenz zu einer Aussage zu verknüpfen. Simon Rattle gelang die Erste 2008 auch nicht so richtig.

Zweite Sinfonie. Stellenweise traumhaftes Orchesterspiel. Auch Thielemann legt einen Zacken zu. Das flutscht. Wenn ich Österreicher wär, würde ich meinem Erstaunen mit dem Satz Ausdruck geben: Do schaust wie a Uhu noch’m Woidbrand. Im Finale ist die Spannung nach der Hälfte dann auf einmal wieder weg. Vielleicht ist ein Finale in Wien was anderes als ein Finale in Berlin. Während man in Berlin vom ersten Takt an die Schlusskadenz fest im Blick hat, mag man’s in Wien womöglich a bissl g’schlenzter, legt zwischendurch eine Vesperpause ein und zischt einen Heurigen. 40 Minuten Pause.

Dritte Sinfonie. Thielemann fängt während des Publikumsgemurmels an, wie auch bei der Fünften. Das hat was. Die Dritte ist fast überall traumhaft schön. Die Durchführung hat etwas allerdings was von Gewurschtel. Während das zweite Thema des ersten Satzes anfängt, zieht Bratenduft vom Südfoyer (Bewirtung für geladene Gäste in der Pause) in den Saal. Wieder keine Zugabe. Ja mei. So was Saudeppertes aber auch. Heute war die letzte Chance auf eine Zugabe. Was wäre gegen einen kleinen Walzer, eine kleine Polka einzuwenden gewesen? Morgen nach der Neunten spielen sie nie und nimmer eine Zugabe.

Beethovenzyklus Christian Thielemann & Wiener Philharmoniker in Berlin: Beethoven Sinfonien Nr. 6 & 7

Schlagwörter

Beethoven Sinfonien Nr. 6 & 7

Sechste Sinfonie. Zum Abbusseln schön, neben der Achten die gelungenste Wiedergabe. Beethovens Sechste habe ich dieses Jahr zum zweiten Mal von den Wienern hier in Berlin gehört, was gewiss zum allerersten Mal in der Musikgeschichte möglich war. Die Sechste der Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel (Frühjahr 2010) war eher eine Anleitung zum Gähnen. Thielemanns Sechste ist jetzt eine nicht ganz kleine Wohltat. Thielemann und die Wiener phrasieren wie die Schneekönige. Die Pause ist heuer so was von kurz, es reicht kaum zum gemütlichen Pinkeln. Die Plätze erreicht man dann nur, indem man an beiseite gebogenen Knien entlangschrammt.

Siebte Sinfonie. Der zweite Satz hat eindrucksvolle Stellen leisen Beginnens, wie überhaupt Thielemann großartige, prozessuale Pianissimi hinbekommt. Das eigentümliche Pathos dieses Allegrettos schmiert Thielemann dem Publikum aber etwas zu dick aufs Brot, auch wirkt der Satz als Ganzes etwas zerfahren. Das Manko dieser Siebten ist, dass im Fortissimo stets etwas Gebändigtes mitklingt. Dem letzten Satz fehlen elementare Energie, Entfesselung und einiges an Fantasie. Das Allegro con brio ist eine Enttäuschung wie das Finale der Fünften. Im letzten Satz gefielen mit die phänomenalen Kontrabässe besonders. Sie hatten überall ihre Finger mit drin. Rattle (Berliner) und Dudamel (Staatskapelle Berlin) waren bei der Siebten intensiver. Keine Zugabe.

Der Berliner Beethovenzyklus: Thielemann und die Wiener Philharmoniker in Berlin I – Konzertkritik

Schlagwörter

Wiener Philharmoniker Christian Thielemann Beethoven Sinfonien Nr. 4 & 5

Vierte Sinfonie. Da spielen sie, die berühmten Wiener Philharmoniker. Sehr langsamer erster Satz. Die sinfonische Spannung ging mit dem Beginn des zweiten Themas des ersten Satzes flöten. Von diesem Zeitpunkt an beschäftigte ich mich nur noch mit den Besonderheiten des Orchesters und nicht mehr mit denen Beethovens. Die Kadenzen haben so viel Pepp wie die von Mozart Anno 1779, und überhaupt hat das Ganze wenig Struktur. Es gibt kein Wozu, kein Wohin, kein Weshalb. Der zweite Satz ist auch langsam, aber mit äußerster Sorgfalt für Phrasierung und Klangnuance hingelegt. Thielemanns Vierte klingt reichlich von oben herab. Mit dem ersten Satz hatte Rattle mit den Berlinern auch ein bisschen Probleme, aber Finale und Scherzo haute er grandios hin. Es gab ordentlichen Applaus für die Vierte, aber nicht mehr. Ich war einigermaßen enttäuscht. In der Pause: Bretzel und Absacker, um die Enttäuschung runterzuspülen und Mut für die Fünfte anzutrinken.

Fünfte Sinfonie. Die Wiener Philharmoniker spielen stellenweise schön. Auch hier war der zweite Satz der wertvollste. Die Fünfte von Rattle mit den Berlinern war bedeutend eindrucksvoller. Bei den Wienern schienen die Tempomodifikationen, die Christian Thielemann im ersten Satz anordnet, sehr gewöhnungsbedürftig. Während die Solooboe in der Reprise des Allegro con brio ihren Einsatz hat, knarrt ein Stuhl der Philharmoniker. Das Finale wirkt unglaubwürdig. Dass Uhrenhersteller Rolex die Tournee der Wiener Philharmoniker sponsort, merkt man schon daran, dass die Musiker pünktlich um 20 Uhr und null Sekunden auf das Podium strömen. Zugabe: eine herrliche Egmont-Ouvertüre.

Kritik Wiener Philharmoniker Berlin: ist noch Luft nach oben

Kritik Wiener Philharmoniker Berlin: Es gibt solche Orchester, und es gibt solche

Schlagwörter

Wiener Philharmoniker Christian Thielemann Beethoven Sämtliche Sinfonien

Die Philharmonie Berlin ist eine Stätte verfeinerter Musikliebe. Die Musik wird hier mit einer unpathetischen Liebe geliebt, die anderswo nicht Liebe, sondern Nörgelei genannt wird. Jetzt sind die Wiener Philharmoniker da, und was man auf den Gängen hört, ist „Die können ja ooch jans jut spielen“. Das Ooch bezieht sich auf die Berliner Philharmoniker, das Jans Jut auf die gar nicht so schlechten Geigen sowie die ganz guten Holzbläser der Wiener. Aber es dauerte nicht lange, da schnappte man im Vorbeigehen den ersten Kommentar auf, der lautete: „Die Berliner sind aber schon a bissl besser.“ Ach ja, wie gut ist es, dass die Wiener gerade jetzt kommen. Just begann eine Flaute im Musikleben der Hauptstadt zu herrschen. Die Berliner Philharmoniker erholen sich noch von den Strapazen einer Konzertreise. Daniel Barenboim und Simon Rattle befinden sich außerhalb der Stadtgrenzen Berlins, und die Berliner Opernhäuser geben dem vorweihnachtlichen Verlangen des Publikums nach Stoffen nach, die zum Herzen sprechen.

Als Musikliebhaber hat man das komplette Abonnement gekauft und sich im Zuge dessen entschlossen, die Weihnachtsgeschenke dieses Jahr eine Nummer kleiner ausfallen zu lassen. So sitze ich an drei bitterkalten Dezemberabenden und einem wärmeren Dezembervormittag im Block G, zähle die Frauen im Orchester, schaue Christian Thielemann beim Dirigieren zu, nehme in der Pause einen Imbiss ein und höre in der Zwischenzeit den Wiener Philharmonikern zu. Es sind übrigens sechs Frauen. Drei bei den ersten Geigen, zwei bei den Bratschen, eine bei den Celli. Weiterlesen

Wiener Philharmoniker in Berlin: weniger Mont Blanc, mehr Wienerwald

Schlagwörter

Wiener Philharmoniker Lorin Maazel Beethoven Sinfonie Nr. 6 Debussy La Mer Ravel Daphnis et Chloë

Die Wiener waren da. Die Wiener sind immer gern gesehen, immer gern gehört. Wie jeder weiß, gelten die Wiener Philharmoniker als eines der besten Sinfonieorchester der Welt, und insbesondere den Wienern nicht nur als eines der besten, sondern als das beste. Wenn es eine Anwärterschaft auf das beste Orchester gibt, dürften die Wiener zusammen mit den Berliner Philharmonikern und dem Concertgebouworkest aus Amsterdam das Rennen unter sich ausmachen, zumindest wenn keine Freunde des Gürzenich Orchesters oder der Radiophilharmonie Hannover, die ich immer etwas fanatisch fand, unter den Jury-Mitgliedern sind. Mag sein, dass der individuelle Geschmack entscheidet. Die Amsterdamer spielen am modernsten, die Berliner am packendsten, die Wiener am schönsten.

Hier das Programm:

Beethoven Sinfonie Nr. 6
Debussy La Mer
Ravel Daphnis et Chloë

Dirigier-Perfektionist Lorin Maazel, von dem jüngst Altmeister Michael Gielen in einem Interview sagte, dass er beim Dirigieren grimassiere wie ein Affe (keiner gibt bessere Interviews als Gielen), dirigierte. Und, wenn man ehrlich ist, lag Gielen gar nicht so weit weg von der Wahrheit. Maazel ist ein elegantes, lässig hin und her wiegendes Männchen mit in der Stirn festgewachsenen Stirnrunzeln. Insider erinnern an dieser Stelle gerne daran, dass Maazel alle internationalen Beziehungen zu den Berliner Philharmonikern abbrach, nachdem nicht Maazel,

Weiterlesen

Simon Rattle, Berliner Philharmoniker: Mahler Sinfonie Nr. 1

Schlagwörter

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Rachmaninow Symphonische Tänze Mahler Sinfonie Nr. 1

Rachmaninows Symphonische Tänze gehören zu jenen Stücken der Nicht-Schönberg-Nachfolge, die das Glück hatten, uraufgeführt zu werden, nachdem Adorno das Interesse daran verloren hatte, das musikalische Tagesgeschäft kritisch zu begleiten. So blieb den Symphonischen Tänzen ein Dolchstoß erspart, der zumindest im deutschsprachigen Raum eine fünfzigjährige Quarantäne bedeutet hätte. Dennoch muss man sagen, dass die Tänze gewonnen hätten, wenn Strawinsky vor Drucklegung der Partitur redigierend eingegriffen hätte. Strawinsky hätte gestrafft, geschärft, gelichtet. Was auch gesagt werden muss: Mahlers Erste hätte gewonnen, wenn nicht Rachmaninow zuvor auf dem Programm gestanden hätte, sondern, sagen wir, nochmals Schönberg, wie vor fünf Tagen. Das wäre kohärent gewesen.

Er war ein verkorkster Abend. Es muss an mir gelegen haben, am Programm und natürlich an dem Platz, auf dem ich saß. Ich saß da, wo ich noch nie saß, in Block E rechts. Prompt klangen die Philharmoniker so was von anders als sonst. Ich war so nah dran, ich hätte dem Solobassisten die Haare kraulen können. Außerdem saßen heute (wie schon eine Woche zuvor bei Mahlers Zweiter) die Bratschen links, die Celli in der Mitte. Die Harfe stand heute vor den Bässen. Auch das ist gewöhnungsbedürftig. Emmanuel Pahud war wieder nicht da.

Weiterlesen

Simon Rattle und der Mahler-Zyklus der Berliner Philharmoniker: Sinfonie Nr. 2 und Schönberg

Schlagwörter

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: MAGDALENA KOZENA KATE ROYAL RUNDFUNKCHOR BERLIN Schönberg Überlebender aus Warschau Mahler Sinfonie Nr. 2

Verglichen mit der Zweiten Sinfonie von Mahler ist Strauss‘ Sinfonia Domestica ein schlankes Beserl. Meine Affinität zur zweiten Sinfonie ist gering. Im dritten Satz klingt es hier und da nach Grieg, zwischendurch nach Bruckner. Die Posaunen im letzten Satz klingen nach Parsifal, sind bei Wagner aber zehnmal besser gesetzt. Einige Harmoniewechsel haben etwas Ungeschicktes. Es sind definitiv etwas zu viel Fanfarenmotive in der Zweiten. Der Chor hat was vom Pilgerchor aus Tannhäuser. Aber es ist trotz allem große Musik. Aber es gibt in Mahlers Erster auch Stellen, da versucht man herauszufinden, ob das nun Angela Merkel in der ersten Reihe ist oder nicht. Mahlers Erste hörend, fange ich an zu bedauern, dass Brahms, perfektionistischer Hanseat, der er war, es nicht über sich brachte, eine mitreißende, schwungvolle, vor Unerfahrenheit strotzende Jugendsinfonie zu schreiben, etwa im Stile seines Opus 8 – bis er 35 war, hätte das wohl noch geklappt. Stattdessen wartet Brahms mit der Ersten, bis er über sinfonische Gediegenheit verfügt.

Zu Beginn spielen sie der Überlebende aus Warschau, quasi als nullten Satz der Mahlersinfonie.

Weiterlesen

Mariss Jansons‘ Concertgebouw Orchestra

Musikfest Berlin 2010 CONCERTGEBOUWORKEST MARISS JANSONS Igor Strawinsky Symphonies d’instruments à vent Béla Bartók Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Luciano Berio Quatre dédicaces Igor Strawinsky Feuervogel

Irgendwie fängt es später an. Warten vor den Saaltüren, das tut niemand gerne. Ich stehe in einer Traube amerikanischer Senioren. Das ist auch ein hartes Brot. Für den Strawinsky kommen nur die Bläser aufs Podium. Die Folge ist weniger Applaus als letztes Jahr. Strawinskys Bläsersinfonie klingt wie Schachspielen in Musik. Die Musiker spielen gerade so locker als nötig, um der Struktur eine 1a Kohärenz zu geben. Sehr gute Solisten, extrem gute Flötistin. Bartók klingt weltmeisterlich. Berios Quatre dédicaces – laut Programm eine deutsche Erstaufführung – gehen etwas hemdsärmelig mit ihrem Material um, trotz der angenehmen Kürze der Stücke, was aber vielleicht nur auffiel, weil die anderen Stücke des Abends sich allesamt in absoluten Top-Lagen der Musik des 20. Jahrhunderts befinden. Der Feuervogel erklingt in der schmächtigen Version von 1945. Ich ertappe mich bei der Sehnsucht nach Dudamels Feuervogel mit den Philharmonikern im nächsten Frühjahr. Mariss Jansons‚ Vorliebe für gut gelaunten, sachlich angekühlten Impressionismus verhindert Geheimnis und Atem der Feuervogelmusik. Weiterlesen