Berliner Philharmoniker, Simon Rattle: Bruckner Sinfonie Nr. 9 (mit Finale)

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Wenn ich ehrlich bin, hätte ich heute lieber Ligetis gute, alte Atmosphères und dann eine Sinfonie Prokofjews gehört, aber nicht die fünfte. Ich habe noch nie eine Brucknersinfonie gehört, die ich von vorne der ersten bis zur letzten Note fesselnd gefunden hätte. An den Abend, an dem Thielemann mit den Wienern Philharmonikern hier in Berlin eine übermäßig verbrucknerte Achte aufführte und meine Langeweile sich in dem Maße vermehrte, wie die Gesamtzahl der gespielten Noten die 50 Millionen mit Leichtigkeit überstieg, erinnere ich mich nur ungern. Und vor drei, vier Jahren fand ich bei Barenboims Bruckner die langsamen Sätze ungemein fesselnd, zur Zeit indes finde ich die langsamen Sätze unter Barenboim nicht so gut und die Ecksätze fesselnd. Liegt es an mir, an Barenboim oder an Bruckner?

Dirigiert Simon Rattle Anton Bruckner, hört man immer Musik, und das ist nicht wenig. Es gibt Dirigenten, die dirigieren ausschließlich Bruckner, wenn sie Bruckner dirigieren, aber dafür keinen Takt Musik.

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Barenboim in engem Kontakt mit Netrebko

Es lebe die Kommunikation. Daniel Barenboim muss erneut mit Anna Netrebko telefoniert haben. Dabei scheint herausgekommen zu sein, dass Frau Netrebko im Benefizkonzert in der Berliner Philharmonie Ende des Monats die Briefszene aus Eugen Onegin singen wird. Vor ein paar Wochen war lediglich klar, dass Anna Netrebko irgendwelche Lieder von Strauss und Tschaikowsky singen wird. Welche genau, wird allem Anschein nach aber immer noch diskutiert, da die Staatsopern-Seite in dieser Hinsicht auch weiterhin keine genaueren Ausfkünfte machen kann. Weiterlesen

Kritik Hilary Hahn & Pietari Inkinen: Mozart, Sibelius, Bartók

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Pietari Inkinen, Hilary Hahn: Bartók Divertimento für Streichorchester, Mozart Violinkonzert D-Dur KV 218, Sibelius Sinfonie Nr. 5

Ich kann mich kurz fassen. Vor dem Konzert war ich aus einem Grund, den ich jetzt nicht mehr verstehe, der Ansicht, dass Hilary Hahn womöglich die aufregendste Geigerin der jüngeren Generation sei. Nach dem Konzert bin ich es nicht mehr. Ihr Spiel war, gemessen an den Erwartungen, nach drei Takten eine negative Überraschung, nach zwanzig Takten eine leichte, aber durchdringende Enttäuschung. Weiterlesen

Late Night: Gábor Tarkövi Sequenza X, HK Gruber, Kurt Weill und andere Nettigkeiten

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Das neueste Late-Night-Konzertchen war nicht ganz so aufregend wie das letzte Late-Night-Konzert, aber im Vergleich zum unmittelbar vorangegangenen Philharmoniker-Konzert überaus befriedigend.

Simon Rattle ließ sich entschuldigen. HK Gruber leitete.

Kurt Weills kurze Stückchen hatten stratosphärisches Niveau, was den klaren, scharfen Orchestersatz anging. Gábor Tarkövi spielte eine bombenmäßige Sequenza X. Sein Ton ist zugleich objektiv und subjektiv, Weiterlesen

Tugan Sokhiev, Berliner Philharmoniker: Liszt, Roussel, Rachmaninow, Berio und Boris Berezovsky & Amihai Grosz

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Berliner Philharmoniker Tugan Sokhiev: Roussel Bacchus et Ariane Nr. 1, Liszt Klavierkonzert Nr. 1, Rachmaninow Symphonische Tänze, Berio Sequenza VI. Boris Berezovsky (Klavier) & Amihai Grosz (Bratsche)

In der Pause sehe ich jemanden, den ich kenne. Wir unterhalten uns. Wir tauschen uns über die kommenden Konzerte aus. Metha finde ich gut. Er nicht. Thielemann findet er gut, ich nicht. Nelsons finden wir beide gut. Zu Tugan Sokhiev haben wir noch keine Meinung. Dann reden wir über Berezovsky.

Berezovskys Einstieg ins Liszt-Konzert fand ich grässlich. Als Berezovsky das erste Mal ganz rechts auf den Tasten angekommen war, schien mir dieses Klavierkonzert schon hoffnungslos havariert. Weiterlesen

Anne-Sophie Mutter: Brahms. Anna Netrebko: Strauss. Plácido Domingo ist immer noch nicht krank

Plácido Domingo

"Ey Leute, wat jipptet?" Plácido Domingo als Simone Boccanegra // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Waren Sie in Barenboims Gerontius mit den Berlinern am Wochenende? Ich nicht. Romantische Oratorien üben auf mich eine abschreckende Wirkung aus, und zwar genau seit dem Zeitpunkt, als ich mich bei Rattles Das Paradies und die Peri vor 3 Jahren unerträglich langweilte. Weiterlesen

Die Berliner Philharmoniker werden (vermutlich) immer reicher und ich werde (mit Sicherheit) immer ärmer

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Neulich an der Philharmonie-Kasse. Eine Frau steht vor mir. „Wat? 40 Euro? Dit is dit günstigste? Puuh, dit is aber jans schön teuer.“ Den letzten Satz hat die Dame schon etwas leiser gesprochen. Das Ende des Satzes habe ich kaum noch gehört, denn von Geld spricht man nicht gerne laut, es sei denn man hat zu viel davon. Gute Frau, Sie haben grundsätzlich Recht, dachte ich auf jeden Fall. Weiterlesen

Das Berliner Silvesterkonzert 2011: Kissin, Simon Rattle, Berliner Philharmoniker, Grieg und andere Kleinigkeiten

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Ach, diese Neujahrstage in Berlin. Das Gehör ist halb taub, Brötchen gibt’s nur beim türkischen Bäcker, der stets gut gekleidete Herr, der gegenüber im Dritten wohnt, steht mittags um halb zwei in langer Unterhose auf dem Balkon und schüttelt die Bettdecke aus. Es regnet, es ist grau zum Verzweifeln, aber das ist in Berlin selbstverständlich.

Alles in allem also ein gelungener Start ins neue Jahr, das bestimmt viel besser wird als das vergangene, wenn auch das vergangene nicht wirklich besser war als das vorvergangene. Aber in Berlin ist man von Natur aus optimistisch, wobei man den Berliner Optimismus in den meisten anderen Landesteilen mit sicherem Urteil als tief verwurzelten Fatalismus mit einer gehörigen Portion Lust am Hässlichen entlarven würde. Aber ich will nicht um den heißen Brei herumreden. Das 2011er-Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker.

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Berliner Philharmoniker, Nicola Luisotti: Poulenc, Prokofjew, Berio und Leah Crocetto & Emmanuel Pahud

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Wie jeder anständige Berliner war ich in den vergangenen Tagen mit dem Besuch möglichst vieler Weihnachtsmärkte sowie mit dem Trinken von möglichst viel Glühwein beschäftigt. Das ist jetzt vorbei. Heute ging ich zu den Philharmonikern, teils aus Interesse, teils um gegen das Weihnachtsfest gewappnet zu sein. Weiterlesen

Berliner Philharmoniker Late Night: Ligeti Avenures, Berio Sequenza VIII, Unsuk Chin und Andreas Buschatz

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Die zweite Late Night hatte mehr Pepp als die erste. Das lag am Programm. Heute war György Ligeti zwei Mal im Programm vertreten, was neben der Mitwirkung der versierten Musiker sowie der von Boss Simon Rattle einen Besuch zu einer sehr empfehlenswerten Sache machte. Beim zweiten Late-Night-Abend musste man auf die reizende Frau Kozena verzichten, aber niemand bezweifelte, dass auch die Damen Sarah Sun, Truike van der Poel und Herr Anzorena Guillermo unterhalten konnten.

Wenn mich nicht alles täuscht, waren Ligetis Aventures neben Mahlers Achter und Neunter vom Herbst das beste, was in dieser Saison bislang in den philharmonischen Konzerten zu hören war. Wenn jemand anderer Meinung ist, bitte aufstehen und die ersten zehn Takte aus Jonathan Harveys Weltethos pfeifen. Sarah Maria Sun (Sopran), Truike van der Poel (Mezzo) und der stämmige Guillermo Anzorena (Bariton) absolvierten ihre Parts mit bewunderungswürdigem künstlerischem Einsatz. Der unfehlbare Andreas Blau (Flöte) konnte sich dabei ein gelegentliches Grinsen nicht verkneifen. Weiterlesen

Donald Runnicles und die Berliner Philharmoniker spielen Elgar & Strauss

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Berliner Philharmoniker Strauss Don Quixote Elgar Sinfonie Nr. 1

Es ist so weit. Überall bereiten sich Weihnachtsmänner auf ihren Auftritt vor, auch in Berlin. Viele sind schon im Verborgenen aktiv. Die Philharmoniker sind sowohl im Verborgenen als auch öffentlich aktiv. Das ist der Vorteil, den die Philharmoniker gegenüber den Weihnachtsmännern Jahr für Jahr in der Vorweihnachtszeit ausspielen.

Donald Runnicles dirigiert an diesem windigen Dezemberabend in der Philharmonie. Er dirigiert äußerst solide, etwas laut, nicht übermäßig subtil und dennoch mit sehr schönen, mitunter prachtvollen Steigerungswirkungen und guter Übersicht. Weiterlesen

Elisabeth Leonskaja Kritik: Schubert

Elisabeth Leonskaja, eine allürenfreie, unspektakulär gekleidete Klavierspielerin im besten Alter, spielte im Konzerthaus. Der Schubert-Abend reiht sich wie zufällig in eine kleinere Zahl von Schubert-Aktivitäten ein. Uchida spielt Schubert im Februar, Barenboim spielt mehrmals in dieser Saison Schubert. Frau Leonskaja sieht aus, als würde sie lieber Tee als Kaffee trinken und außerdem liebend gerne mit gedämpfter Stimme über Dichter und Philosophen plaudern.

Ihr Spiel auf dem Steinway klingt natürlich und Schubert angemessen.  Die wenigen Ausbrüche bei Schubert kommen hollernd, etwas maßlos und deswegen womöglich richtig. Ihr Spiel ist am überzeugendsten, wenn Viertel auf Viertel folgt, Achtel auf Achtel, und sonst kaum was passiert. Die Kopfsätze könnte man umsichtiger, architektonischer konstruieren, aber das ist nicht nur eine Qualitäts-, sondern auch eine Stilfrage. Langsame und Tanz-Sätze gelingen über die Maßen, auch für die Schlusssätze hat Leonskaja eine milde Souveränität. Das Schleppende, das manches Mal sehr umfassende Rubato mag je nach Geschmack und Sozialisation der Zuhörer unterschiedlich wirken. Einige wenige Vergreifer an nicht ganz so komplizierten Stellen. Der spezifische Klang, den die Finger aus dem Steinway holen, ist schon ein Besuch wert und garantierte unter anderem die Qualität des Abends. Auf dem rückwärtigen Balkon lässt ein Zuhörer seinen Kopf wie das Pendel eines Hypnotiseurs hin- und her und hoch- und runterschwanken. Leute, die gerne weniger zahlen und dennoch auf besseren Sitzen Platz nehmen, konnten heute aufgrund einiger nicht verkaufter Plätze ohne viel Mühe „upgraden“.

Frau Leonskaja ist eine Vertreterin eines schmucklosen Stils. Ein Teil der Faszination ihres Schuberts bezieht sich auf die Objektivität des Spiels. Mit am besten fand ich das Andante sostenuto der B-Dur-Sonate und vielleicht den Eingangsatz der c-Moll-Sonate.

Maurizio Pollini: Liszt, Chopin und die Kunst der Transzendenz

Maurzio Pollini Chopin Fantasie  f-Moll op. 49, Nocturnes op. 62, Polonaise-Fantasie As-Dur op. 61 Liszt Nuages gris, Unstern! Sinistre, disastro, La lugubre gondola, R.W. – Venezia, h-Moll-Sonate

Die Philharmoniker sind in Asien. Pollinis Klaviertransporter stand schon Sonntag vor der Philharmonie. Seit Wochen scheint die Sonne. Seit heute ist es in der Leipziger Straße und auch anderswo affenkalt. Es gibt Déjà-vus. Maurizio Pollini, den man zur Zeit fast alle paar in Berlin Wochen hört, schüttelt dem Blumenmädchen wie immer mit italienischer Herzlichkeit und Höflichkeit die Hand. Weiterlesen