Mann, diese Berliner Philharmoniker! Rattle Sibelius, Mitsuko Uchida Beethoven

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Kurtág Grabstein für Stephan Sibelius Sinfonie Nr. 4 Beethoven Klavierkonzert Nr. 5 (Mitsuko Uchida)

Am Freitag spielten die Wiener Philharmoniker. Maazel dirigierte. Ich mochte schon Christian Thielemanns Bruckner 8. nicht, die die Wiener vor drei Jahren in der Philharmonie spielten. Und jetzt Beethoven 6. unter dem Maazel. Klanglich sind die Wiener ein Phänomen, aber Maazel ist ein grimassierendes Kuriosum, dessen Musikverständnis die Langeweile auf die Spitze treibt. Diese Sechste klang wie das Foyer des Hotel Adlon aussieht.

Absagen treffen mich mit Härte. Ozawa ist krank, er wird seine Konzerte im Juni nicht leiten können. Plácido Domingo ist krank. Er wird den Simone Boccanegra im März nicht singen. Mit einem Prost auf Rattles fantastische Gesundheit komme ich zum heutigen Konzert.

Kurtág scheint hier begabt, doch nicht außerordentlich. Gegen die Bewegtheit und mitreißende Präzision der Ligeti-Stücke macht Kurtág keinen Stich. Außer dem jeweils achtfach besetzten Blech und Schlagzeug nur Kammerbesetzung: 3 Celli, 3 Bratschen, 1 Bass, 3 Holzbläser, 1 Gitarre (ich hoffe, das stimmt so). Drei aufeinander folgende, vom Blech getragene, scharf abgetrennte Tutti-Blöcke von schreiender Lautstärke bilden das Zentrum. Zu Beginn und gegen Schluss viel Leisheit, die von den Philharmonikern glänzend rübergebracht wurde. Simon Rattle verbot dem Publikum quasi das Husten. Kurtágs Grabstein für Stephan war das, was man ein interessantes Stück nennt.

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Sibelius-Zyklus Simon Rattle

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Mitsuko Uchida Barbara Hannigan Ligeti Athmospères Beethoven Klavierkonzert Nr. 1 Ligeti Mysteries of the Macabre Sibelius Sinfonie Nr. 1

Im Berlin, das in Schnee und Eis versinkt, weisen Pfützen in LKW-Größe an jeder Straßenecke auf den nahenden Frühling hin. Die Philharmoniker tun ihr Bestes, um den Winter zu vertreiben, indem sie kecke Erstlingswerke von Beethoven und Sibelius, dem zeitweise meistgehassten Musiker Europas, spielen.

Das Orchester ist bester Laune. Rattle beginnt sofort nach dem Konzertschluss auf das Lebhafteste mit Uchida zu reden. Dabei sieht Uchida einmal so freudig überrascht aus, als hätte Rattle ihr gerade vorgeschlagen, AUSNAHMSWEISE und NUR DIESES EINE MAL bei Sibelius mitspielen zu dürfen – weil sie es sei. Albrecht Mayer, Emmanuel Pahud, Wenzel Fuchs, Stefan Schweigert, das waren die ersten Solisten der Bläser. Daishin Kashimoto Konzertmeister (musste ich nachschlagen), Stabrawa neben ihm. McDonald ragt an den Bässen auf. Pahud sieht dem Nachbarn Mayer aus nächster Nähe beim Solo zu. Nickt dann ausdrucksvoll. Nickt auch nach Einsätzen anderer. Schweigert guckt einmal zum zweiten Fagottisten, Pahud dreht sich um, guckt auch hin. Hat er was falsch gemacht? So was hört man nicht. Bei Beethoven Leichtigkeit und magere Sehnenhaftigkeit, bei Ligeti höchste Reaktionsfähigkeit des Orchesters. Ligetis Mysteries of the Macabre ist große, herrlich vitale Musik. Rattle nutzt die Kraft und Fantasie dieser Musik, um aus sich herauszugehen, und hat sein Coming-Out als fuchtelnder Orchesterleiter, der Orchester und Publikum zur Schnecke macht (‚What the hell are you playing there?‘, ‚Don’t smile at me‘). Weiterlesen

Kritik: Pollini beim Weltraumspaziergang

Maurizio Pollini Schumann Konzert ohne Orchester Schumann Fantasie Chopin Nocturnes Chopin Sonate b-moll

Pollini eilt schnurstracks zum Flügel. Etwas steif vorgebeugt, den Kopf vorgestreckt, die Arme hängen affenartig herab. Kein Blick zur Seite, ein nervöser Gentleman mit Stil. Einmal beginnt er ein Stück, als er noch nicht richtig sitzt. Im Niedersetzten haut er in die Tasten. Es gibt ihn nicht, den Augenblick, in dem Maurizio Pollini im Applaus stillsteht. Entweder er steht links am Flügel, die Rechte auf dem Instrument, und dreht sich einmal um die Achse, kleine, knappe, scheue Verbeugungen ausführend, oder er steht rechts am Flügel, die Linke auf dem Instrument, und verbeugt sich rundum. Vor dem Eingang Richtung Potsdamer Platz steht der kleine italienische Kasten-LKW, der Pollinis Flügel bringt. Ist der Innenraum beheizt? Ich zittere vor jedem Konzert, das Pollini gibt. Spielt er so abstrakt, dass ich auf einmal merke, wie ich nicht mehr folgen kann? Reißt der Kontakt und ich bin dann der Astronaut, dessen Schnur beim Weltraumspaziergang riss. Oder ist es etwa Pollini, der Weltraumspaziergänge macht? Es war beim Konzert ohne Orchester so. Lauterstes Klavierspiel – doch meinem Gehirn nicht zugänglich.

Liszts h-moll-Sonate verschwand vom Programm. Weiterlesen

Berliner Philharmoniker, Frank Peter Zimmermann und Bernard Haitink: Oberarm im Einsatz, millimetergenaues Hüpfen

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Berliner Philharmoniker Bernard Haitink Frank Peter Zimmermann Kurtág Stele Brahms Violinkonzert Bartók Konzert für Orchester

Haitink, wie er leibt und lebt: rosiges Gesicht, ein lichter weißer Haarkranz. Tränensäcke. Wie stets mit Fliege und im Frack, in dem das Einstecktuch sitzt (Rattle wechselt zwischen Frack und Kittel). Er stützt sich beim Abgang auf das Geländer, geht etwas schief, doch mit freundlicher Grandezza, die die eigene Größe heiter nimmt und sich für die Langsamkeit lächelnd zu entschuldigen scheint. Die stabhaltende Rechte geht in einer Art krakeliger Handschrift auf und nieder, mit kurvigen Schwüngen nach links und rechts. Doch die Stabspitze bewegt sich präzise, sie hüpft millimetergenau auf, nur aus Handgelenk und Ellbogen bewegt. Die großen Hände wirken stets etwas unbeholfen, wenn sie ruhen. Selten kommt der Oberarm zum Einsatz. Die Linke liegt manches Mal unbewegt an der Seite. Bernard Haitink scheint immer auf eine innere Partitur zu hören, auf den Widerhall unzähliger vergangener, doch im Konzert wieder gegenwärtiger Dirigate. Er strahlt eine kindliche Zufriedenheit aus, als würde er ein zutiefst befriedigendes Spiel spielen. Weiterlesen

Bernard Haitink und Radu Lupu mit Brahms im Berliner Winter

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Berliner Philharmoniker Bernard Haitink Radu Lupu Brahms Sinfonie Nr. 3 Brahms Klavierkonzert Nr. 1

Das Vorweihnachtsprogramm der Philharmoniker war mir zu besinnlich: Bach und Vokalmusik von Brahms. Das Silvesterkonzert mit Ballettmusik von Tschaikowsky und Lang Lang (5 Minuten im Fernsehen zugesehen) zu – mmmhhh – leidenschaftslos. Ich habe Rossini und Mozart in der Staatsoper bevorzugt. Haitinks Brahms ist langweilig, nein, nicht langweilig. Sorgfältig, aber nicht unendlich sorgfältig, vollständig, aber nicht erschöpfend, bewegt, aber nicht hitzig. Haitink macht keine Fehler, er riskiert auch keine. Rattles panisch genaue Kontrolle der Artikulation ist gewiss auch so eine Sache, doch sie führt zu eindeutigen, unumstößlichen Ergebnissen. Bei Haitink weiß man nie so richtig, ob das, was ich höre, 100%ig so gewollt ist oder nur billigend in Kauf genommen wird. Und dann auch noch die unproblematische Dritte. Meine Reihenfolge der Brahmssinfonien ist 4,2,1,3. Bei Beethoven steht am oberen Ende der Skala 9 und 2, am unteren Ende 4 und 6 (wenn Rattle dirigiert 3 und 9 oben und 1 und 2 unten). Einmal jauchzte das Orchester, im letzten Satz des Konzerts. Weiterlesen

Berliner Philharmoniker – Ivan Fischer: Haydn Sinfonie Nr. 88 Bartók Brahms Ungarische Tänze Kodaly Tänze aus Galanta

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In Berlin fühlt man sich als Parteigänger der Philharmoniker zuweilen regelrecht umzingelt. Im Süden von den Wiener Philharmonikern (die mit den schlenkernden Geigen), im Westen vom Concertgebouworkest Amsterdam (die mit der stupenden Koordination). Richtig mulmig wird einem jedoch, wenn ein Dirigent aus dem Kernbereich der Wiener Philharmoniker, der k.-und-k.-Region, beginnt, ein k.-und-k.-Programm zu dirigieren. Da zwackt es die Berliner Seele und der Konzertgänger fühlt sich nicht nur auf dem falschen Donaudampfer, sondern glaubt obendrein, dass Eulen nach Spreeathen getragen werden. Der Ungar Ivan Fischer dirigiert Haydn, Bartók, Brahms und Kodaly.
Das erinnert einen dann an jene Momente, wenn der Ochs ausm Rosenkavalier auf der Bühne der Staatsoper wienert und wienert, und man denkt halt doch: Na, ob dös wohl hinhaut? Iván Fischer und sein Programm klangen auf jeden Fall, als käme es frisch aus der Gulaschkanone, und obendrauf sitzt ein Batzen Schlagobers. Im Voraus wurden Wetten abgeschlossen, ob die Philharmoniker mit der eisernen Regel brechen würden, im eignen Haus außer zu Silvester keine Zugaben zu geben, und etwa einen Donauwalzer zugeben würden. Taten Sie aber nicht. Weiterlesen

Mariss Jansons & Concertgebouworkest Amsterdam

Musikfest Berlin 2009 Concertgebouworkest Amsterdam Mariss Jansons Schnittke Ritual für Orchester Haydn Sinfonie Nr. 100 Schostakowitsch Sinfonie Nr. 10

Ausdrücklicher, respektvoller und anhaltender Applaus, während die Musiker das Podium füllen, der sich zu Herzlichkeit steigert, als die Streicher aus den beiden Künstlerzimmern kommen. Man fragt sich warum? Scheints haben die Berliner die Amsterdamer lieb gewonnen. Letztes Jahr war der Willkommensapplaus spärlicher. Da boten das RCO und Jansons eine problematische Dritte von Bruckner. Damals legte Simon Rattle die kalt lodernde Bruckner-Neunte nach. Auch dieses Jahr wurde ich auf höchstem Niveau enttäuscht. Das Programm versprach Großes. Doch Schnittkes Ritual für Orchester hielt nur im ersten Abschnitt hohes Niveau. Und Haydn ist wie Mozart in der Philharmonie stets heikel, da man an Bruckner und Strauss gewohnt ist, und war es auch an diesem windigen, herbstlichen, fünften September. Weiterlesen

London Symphony Orchestra, Valeri Gergiev: Es ist ein hartes Brot

Musikfest Berlin 2009 London Symphony Orchestra Valeri Gergiev Tim Hugh Tistschenko Cellokonzert Nr. 1 Schostakowitsch Sinfonie Nr. 11

Die Streicher von der Themse ersticken nicht gerade an Temperament. Man sollte die Geiger vor dem Konzert Chilischoten essen lassen. Die vielbeschäftigte Bläserin des Englischhorns war gar nicht nach meinem Geschmack. Die Fagottistin fand ich besser, aber nicht gut. Schostakowitschs Elfte ist bis in die Spitzen der ohrenbetäubenden Orchestertutti sowjetisch. Sie ist redselig, geduldig und leidenschaftlich, und damit eine vermutlich gar nicht so umpassende Verkörperung des russischen Nationalcharakters. Valeri Gergiev (ohne Stab) gibt sparsame, exakte Zeichen. Die tropfenden Pizzicati dirigiert Gergiev mit einem elektrischen Zittern der rechten Hand, dessen Höhepunkt das Zeichen für den Einsatz bedeutet. Sehr eindrucksvoll. Die Musiker hängen an unsichtbaren Marionettenfäden an Gergievs Gesten. Dennoch scheint der Orchesterklang im Piano und auch noch im mittleren dynamischen Bereich einen Mangel an Trennschärfe aufzuweisen. Mit hinein spielt die nicht den Berlinern vergleichbare solistische Güte (Trompete, Hörnerchor, Flöte). Natürlich ist dies alles Kritik auf höchstem Niveau. Aber schließlich sind wir in der Philharmonie. Wenn das LSO nächstes Jahr kommt, sage ich: Ick wees, wie die klingen. Nich wie die Philharmoniker. Es ist ein hartes Brot, nach Philharmonikern, nach Concertgebouworkest, nach Chicago Symphony aufzutreten. Doch der Unterschied war deutlich. Nicht ausverkauft.

Kritik Chicago Symphony Orchestra & Bernard Haitink in Berlin

Musikfest Berlin Chicago Symphony Orchestra Bernard Haitink Mozart Sinfonie Nr. 41 Schostakowitsch Sinfonie Nr. 15

Das CSO zum ersten Mal live gehört. Viele Musiker sitzen schon, als sich die Philharmonie füllt. So, so, das sind also Soltis und Barenboims Knaben. Die dicke Geigerin ist eine der wenigen Adipösen in Spitzenorchestern – Musiker am tiefen Blech einmal ausgenommen (unschlagbar ist in dieser Hinsicht der Tubist der Staatskapelle). Bei den Wiener Philharmonikern gibt es am Kontrabass einen, und bei den zweiten Geigen haben sie auch einen Fülligen sitzen. Das Chicago Symphony Orchestra hört sich schlichtweg großartig an. Das Schimmern der Geigen: mmmhh. Die Interpretation wirkt selbstverständlich, handwerklich erstklassig, mit Verantwortung für Linie und Detail, mit einem Wort, im besten Sinne konservativ. Sie besaß etwas zu viel Sinn für die Längen der Jupitersinfonie, und ohne Zweifel hätte das polyphon verdichtete Finale mehr Sonatengeist vertragen. Straffheit fehlte, und während der Durchführung kam der Punkt, da ich mir eingestand, dass dieses Finale sterbenslangweilig war. Perfekte orchestrale Gymnastik. Die Binnensätze dagegen besaßen eine keineswegs unstatthafte Ahnung von Schumann, ein Fließen und Sichtreibenlassen, eine zurückhaltende Feier des Melodischen, die auch jenseits des satten Orchesterklangs entzückte. Weiterlesen

Simon Rattle: Alban Berg, Paul Dessau, Schostakowitsch: Sinfonie Nr. 4

Musikfest Berlin Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Angela Denoke Lars Vogt Berg Lulu Adagio Dessau Les Voix Schostakowitsch Sinfonie Nr. 4

Musik der Dreißiger Jahre. Alban Berg sensationell gut. Eine der besten Sachen, die ich bislang in der Philharmonie gehört habe. Die Musik von Berg hat höchsten Wert. Paul Dessaus Lex Voix ist gute Moderne. Schostakowitschs Vierte ist nicht seine Beste, aber vielleicht seine interessanteste. Es war eine Wohltat, die Philharmoniker unter Rattle zu hören. Wenzel Fuchs, Emmanuel Pahud, Albrecht Mayer, der Soloposaunist sind allesamt gut aus der Sommerpause gekommen.

Berliner Philharmoniker & Gustavo Dudamel: Schostakowitsch Sinfonie Nr. 12

Musikfest Berlin Berliner Philharmoniker GUSTAVO DUDAMEL Gubaidulina Glorious Percussion Schostakowitsch Sinfonie Nr. 12

Gustavo Dudamel, Berlin – so richtig hat es noch nicht gezündet. Gubaidulinas Stück für Orchester und umfangreiches Schlagzeug war hörenswert, solange die Philharmoniker mitspielten. Das Stück heißt Glorious Percussion, das Schlagzeugensemble ebenso. Ach, Gubaidulina, den Passagen solistischen oder kollektiven Schlagzeugeinsatzes mangelt es an Ausgegorenheit. Das individuelle Können der fünf Perkussionisten lag meinem Eindruck nach erheblich unter dem der entsprechenden Philharmoniker. Es war gut, als die Pause erreicht war. In der Pause besah ich mir englische Cordjacken, japanische Kimonos und die Büste Furtwänglers. Apropos Chefdirigenten. Schostakowitschs Zwölfte haben weder Karajan, noch Abbado, noch Rattle hier jemals mit den Berlinern dirigiert. Man bekommt nach der Pause eine Vorstellung davon, warum. Das Finale repräsentiert den voll ausgebildeten Sowjetstil in Reinkultur. Am Ende überwiegt das Gefühl, der Revolution von 1917 in voller Länge beigewohnt zu haben. Ein derartiges Maß an unironischer Pompösität zeugt entweder von schlechtem Geschmack oder guten Nerven, und da Schostkowitsch beides nicht hatte, mag man über die Gründe für diesen außergewönlichen Fall sinfonischen Totalitarismus weiterrätseln. Weiterlesen

Janine Jansen animiert Daniel Harding – oder war es anders herum?

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Berliner Philharmoniker Daniel Harding Janine Jansen Bartók Divertimento Britten Violinkonzert Strauss Tod und Verklärung

Kaum ist der Berliner Herbst so grau und nass, wie man sich den Londoner immer vorstellt, ist Daniel Harding aus London zurück. Er eilt blond, schlaksig, im Frack aufs Podium. Man kann sich vorstellen, wie er voller Ungeduld hinter der Tür des Musikerzimmers auf das Ende des Stimmens wartet. An die Ecksätze seiner Brucknervierten mit dem London Symphony Orchestra am vorletzten Musikfest zu denken, bereitet immer noch echte Freude. Zügigkeit, Tempo, Beschleunigung, Straffheit! Der Eindruck damals war: ein ebenso hemdsärmeliger wie sicherer Orchesterführer – eine aufregende Kombination.

Harding nimmt gerne beide Hände zur Hilfe. Es sieht aus, als rolle er beständig ein Fass vor sich her. Es handelt sich um ein durchgängig stabloses Dirigat. Ein herrliches Programm, wie so viele in dieser Saison. Bartók, Britten, Strauss.

Das Kleid Janine Jansens sah nach dem Sofastoff eines englischen Landhauses aus, das Leibchen darüber nach dem Bezug des Kissens, das auf dem Sofa liegt. Janine Jansen flatterte wie ein verliebter Schmetterling durch Brittens Violinkonzert. Sie ist musikalisch bis in die hübsche Nasenspitze respektive den Brustansatz. Musik, das ist bei ihr etwas Freischwebendes, getragen von Emphase und verwirklicht mit viel Charme. Sehr beeindruckend war der heftige Ausfallschritt. Weiterlesen

Semyon Bychkov: wellige Linie nach links unten

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Berliner Philharmoniker Semyon Bychkov Strawinsky Symphonies d’instruments à vent Schönberg Verklärte Nacht Schostakowitsch Violinkonzert Nr. 1 (Guy Braunstein)

Oi, oi, oi. Wer ist denn heute Konzertmeister? Ein Hospitant? Der neue Toru Yasunaga? Den schlanken Geiger am ersten Pult habe ich nie zuvor gesehen. Nach der Verklärten Nacht setzt er sich nach dem dritten Applaus wieder. Sein Pultnachbar fasst ihn am Arm. Der Hospitant schnellt in die Höhe und merkt, dass „man“ runter vom Podium will. Ja, bei welchen Heiden weiltest du zu wissen nicht, dass bei den Philharmonikern nach drei Mal Applaus Schluss ist, es sei denn, es gab Bruckner 7 bis 9? Auch sonst seltsame Besetzung. Ein zweiter Violinist, eingeklemmt zwischen Holz und Kontrabass, sieht aus wie Rimbaud zu seiner besten Zeit. Auch noch nie gesehen. Wie neulich bei Gustavo Dudamel wieder eine Frau am Kontrabass – ein untrügliches, wenn auch betrühliches Zeichen dafür, dass nicht der erste Anzug spielt. Solène Kermarrec, für gewöhnlich mutterseelenallein unter Cellisten, wird von zwei Cellistinnen flankiert, eine davon sogar in der ersten Reihe. Man reibt sich die Augen. Ich murmle etwas und schlage die Beine übereinander. Der Blick geht zu Emmanuel Pahud. Puuhh – wenigstens das Einstecktuch ist an Ort und Stelle. Tarkövi? Das ist doch nicht Tarkövi an der Trompete? Und wo ist eigentlich Radek Baborák und wer ist eigentlich der – pssst, es geht los. Ich bekenne, ich höre alles zum ersten Mal. Passiert nicht oft, aber hin und wieder doch. Semyon Bychkov. Älter ist er geworden. Verklärte Nacht dirigiert er ohne Taktstock. Weiterlesen