Staatskapelle Berlin, Bruckner Sinfonie Nr. 7 mit Barenboim. Und Kammerloher singt Schönberg

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Schönbergs Vier Lieder op. 22

Konzertbericht Daniel Barenboim. Schwierige Situation: Simon Rattles Gehirnfuge der Mahler-Neunten von vor zwei Tagen noch im Ohr, hörte man Daniel Barenboim vor seiner Staatskapelle. Auf dem Pult lagen Partituren von Webern, Schönberg, Bruckner. Rattles Schatten der Neunten war spürbar und zerdrückte anfangs die Ohren. Das Finale der Siebten Bruckner schüttelte Barenboim mit einem improvisatorischen Zug aus dem Ärmel, der dem Satz eine Hitzigkeit verlieh, die den höchsten Respekt verdiente.

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Simon Rattle, Berliner Philharmoniker: Das Lied der Erde. Ben Heppner, Thomas Quasthoff

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Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Ben Heppner Thomas Quasthoff Mahler Lied der Erde

Bericht Simon Rattle Berliner Philharmoniker. Nach Rattles koloassaler Mahler 9. hatte es Thomas Adès‘ Tévot schwer, bei mir, beim Publikum und bei den Philharmonikern. Vielleicht begegnet man Tévot, Ergebnis eines Kompositionsauftrages der Berliner Philharmoniker, bei einer für alle Seiten günstigeren Gelegenheit erneut. Gustav Mahlers Das Lied von der Erde sangen Ben Heppner und Thomas Quasthoff. Etwas abgeschwächt galt das von der Neunten Sinfonie bereits Gesagte. Die folgenden Konzerte von Sakari Oramo (Also sprach Zarathustra, Taras Bulba), Nicola Luisotti (Dvořak Requiem), Yuri Temirkanov (Prokofjew Violinkonzert, Schostakowitsch Sinfonie Nr. 7), William Christie (Messias) und Simon Rattle (Borodin & Mussorgsky) interessierten nach Mahlers Sinfonie Nr. 9 nicht so recht.

Simon Rattle: Mahler Sinfonie Nr. 9, Lindberg Seht die Sonne

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Lindberg Seht die Sonne Mahler Sinfonie Nr. 9

Kritik Berliner Philharmoniker & Konzertbericht. Simon Rattle dirigierte drei Mal vor ausverkauftem Haus Mahlers Erzstück. Es war das Beste von Rattle bislang in Berlin Gehörte. Das waren die Leitlinien: ins Extreme gedrehte Genauigkeit. Keine Trennung zwischen thematischer Wichtigkeit und der Ausführung jeder noch so unthematischen Aktion. Üppigste Konzentration. Einebnung der Tradition durch Härte der Haltung und Folgerichtigkeit der Musik. Etwas lyrischer ausgedrückt: Rattle verließ sich nicht auf die Schlagwörter der Mahlerinterpreta- und rezeption („Komm in den totgesagten Park…“). Rattles Mahler klingt aufregend neu, nicht frisch, doch ohrenverdrehend neu. In der warmleuchtenden Philharmonie zogen keine Mahlererinnerungen durch die Luft.

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Bernard Haitink Bruckner Sinfonie Nr. 8. Die Achte mit den Berliner Philharmonikern

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Berliner Philharmoniker Bernard Haitink Bruckner Sinfonie Nr. 8

Kritik Berliner Philharmoniker & Konzertbericht. Thielemanns erstarrte Achte von Bruckner (Wiener Philharmoniker) noch im Ohr, hörte man die Achte von Bruckner, die Bernard Haitink dirigierte. Das Finale der Achten habe ich trotz seiner Länge nie ohne selbstbeschuldigende Anflüge von Langeweile hinter mich gebracht. Wie dem auch sei, Haitink phrasierte. Haitink setzte sich mit sachlicher Aufmerksamkeit für Bruckner ein. Der erste Satz ist von hörenswerter Konsequenz, der Wille zur Übersicht von schlagender Wirkung. Haitink hält die Mitte zwischen Monumentalarchitekturphotografie, wie sie Christian Thielemann bevorzugt, und subjektiver Vergegenwärtigung, wie sie Barenboim vielleicht am 29. 10. bringen wird.

Haitink gehört wie Boulez zu den sparsam und präzise Zeichen gebenden Dirigenten. Hand rauf, Hand runter, gerader Oberkörper, eine maßvolle Drehung zu den Bässen. Er strahlt freundliche Autorität aus. Aber Autorität. Und jetzt zu den Mankos, die für sich genommen klein, als Summe groß waren. Es fehlen Unruhe der Großformen und Spannung in den Details. Gesetzte Worte statt eines hinreißenden Gefühls, wie ein anderer sagte. Unangreifbar in der Haltung, aber… Haltung macht noch keine Musik. Bruckners Klang sollte eine Dimension des Maßlosen in sich tragen. Haitink setzte… Routine ein. Man wurde das Gefühl nicht los, man befände sich in einem wohlaufgeräumten Wohnzimmer. Haitinks Bruckner: Früheres nicht übersteigend. Konzertkritik: wenn man schon etwas sagen soll, dann etwas wie: von der Wirkung ähnlich neutral wie Haitinks Missa Solemnis im Frühjahr 2007.

Kritik Bernard Haitink: geht besser

Staatsopern-Saison 2007/2008

Opernkritik Berlin Staatsoper / Das Beste: Barenboim dirigiert drei souveräne Meistersingervorstellungen, bei denen sich Sänger und Orchester die Hände reichen. Simon Rattle dirigiert vier Mal eine auf die Spitze getriebene Pelléas et Mélisande. Parsifal fehlt, dafür bringen die Pfingsttage 2008 einen tragischen Tristan mit (fast) allen Zutaten. Dann die Lied-Vorträge mit Barenboim am Flügel: das Doppelkonzert Kozena und Röschmann, dann Quasthoff und Christine Schäfers Schubert-Interpretation. Barenboims, Papes, Anna Samuils, Mussbachs Don Giovanni. Dann folgen mit schon beinahe resignativem Abstand die temporeiche La Bohème, von Dudamel mit Schmiss und Herzblut und der ein oder anderen Unsensibilität dirigiert, mit einem stimmlich superbem, aber idiomatisch nicht ganz erstklassigen Jonas Kaufmann und der sphinxhaft verschlossenen Alexia Voulgaridou. Henzes Phaedra kann man in der Saison 2008/2009 genauer durchhören als dies bei der Uraufführung einmalig möglich war. Hübsch: Donizetti und Rossini. Schlimm: La Traviata.

Dorothea Röschmanns Eva, René Papes Pogner und Don Giovanni, Hanno Müller-Brachmanns Kothner, Pavol Bresliks Don Ottavio waren die herausragenden Stimmen und Rollen der abgelaufenen Spielzeit. Nur um Millimeter weniger gut gelangen Anna Samuils Donna Anna und Christine Schäfers Donna Fiorilla (Turco). Matti Salminen (Marke) sang erschütternd traumwandlerisch, doch etwas zu rollentypisch. Leichte Enttäuschungen kamen von Jonas Kaufmann (Rodolfo) und der nicht zu gewohnt durchtriebener Viskosität der Figurenneuerschaffung fähigen Waltraud Meier (Isolde). Man verzeiht ihrs. Die Premieren gelangen ganz hübsch: Von Sasha Waltz‘ pathetisch komprimierter Medea über Henzes intellektuellem Spiegelkabinett Phaedra bis zu Mussbachs geheimnisvoll kühlem Don Giovanni kann Gutes berichtet werden. David Aldens gagreicher und gegen Ende liebloser Turco in Italia war Durchschnitt. Maskenball, Telemanns Sokrates, Prokofjews Spieler und Händels Belshazzar schaue ich mir nächstes Jahr an. Manches Mal kollidiert der Spielplan der Philharmonie mit dem der Staatsoper und zwingt zu schmerzhaften Entscheidungen. Die von Barenboim betreuten Repertoirestücke Tristan und Isolde sowie Meistersinger und Rattles phänomenaler Pelléas überstrahlten das andere. Über alle aktuelle Besprechung hinaus:

Die rätselhafteste Stimme: Alexia Voulgaridou (Mimi)
Der üppigste Wohllaut: Dorothea Röschmann (Eva)
Der diffizilste Wohllaut: René Pape (Pogner)
Die kleine Überraschung: Michaela Schuster (Brangäne)
Die kleine Enttäuschung: Jonas Kaufmann (Rodolfo)
Die perfekteste Stimme: Pavol Breslik (Don Ottavio)
Der Unglücksrabe: Elzbieta Szmytka (Violetta)
Die Beseelteste: Magdalena Kozena (Mélisande)
Der Italienischste: Leonardo Capalbo (Nemorino)
Der Imposanteste: Matti Salminen (König Marke)
Die große Überraschung: Anna Samuil (Donna Anna)
Bestes Dirigat: Simon Rattle (Pelléas et Mélisande)/Daniel Barenboim (Meistersinger)
Schlechtestes Dirigat: Dan Ettinger (La Traviata)

Fehlt ein Dank an das Niveau des Ensembles, an die umwerfende Katharina Kammerloher, den jede Inszenierung mit Blut durchpumpenden Alfredo Daza, den zisternenschwarzen Alexander Vinogradov, den prachtvollen Roman Trekel, an die Feuer fangende Anna Samuil? Er fehlt.

Il Turco in Italia oder der Türke in Berlin

Constantinos Carydis David Alden Christine Schäfer Renato Girolmai Osborn Alexandr Vinogradov Katharina Kammerloher

Premiere Il Turco in Italia. So unglücklich die Staatsoper oft mit ihren Verdi- und Bellini-Opern fährt, so glücklich gelingt vieles bei Rossini und Donizetti. David Alden machte aus der Verwechselungsburleske des 22-Jährigen Rossini eine gagreiche, lieblich-bunte Klamotte, der gegen Ende allerdings die komödiantische Puste ausgeht. Christine Schäfers Donna Fiorilla klang, als dirigiere Boulez Mozart. Nichts Überschüssiges, kein Fett, haydnsche Mathematik. Die Eigentümlichkeit des Tons, die vollkommene Beherrschung der stimmlichen Möglichkeiten und die Ernsthaftigkeit der Darstellung machen ihre Fiorilla zu einem der schönsten Porträts der Saison. Constantinos Carydis dirigierte, wie die Inszenierung gelang: lebhaft verwickelt, mit Sinn für Farbe und Tempo, vor der Pause, pauschaler nach der Pause. Vinogradovs („Hört ihr Leut‘, und lasst euch sagen…“ – prächtig war es, prächtig) knorriger, kübelhohler Bassbariton (Selim), Renato Girolamis Don Geronio, Katharina Kammerlohers mehrschichtige Zaida und John Osbornes athletisch singender Don Narciso gewährleisteten das Niveau. Rossinis Eheposse ist den psychologisch unbeweglichen Stereotypen der Opernfiguren des 18. Jahrhunderts verpflichtet (wie der Fidelio). Der zweite Akt hätte einer deutlicheren Stütze durch Personenführung bedürft. Hier tröpfelte der Witz Aldens nur noch. Kritik: Beginnt gut, hört… nicht mehr ganz so gut auf.

Waltraud Meier, Tristan & Isolde Berlin: Matti Salminen, Ian Storey und Frau Meier & die deutsche Sprache

Daniel Barenboim Harry Kupfer Waltraud Meier Ian Storey Matti Salminen Roman Trekel Reiner Goldberg Michaela Schuster

Kritik Waltraud Meier Tristan & Isolde. Umbesetzungsdomino: erst Ian Storey für Peter Seiffert, dann Waltraud Meier für Katarina Dalayman, dann am Tag der Aufführung Matti Salminen für Christof Fischesser. Harry Kupfers alte Inszenierung löst die erst zwei Jahre alte mit dem Bühnenbild von Herzog & de Meuron ab. Waltraud Meier klang vor eineinhalb Jahren präsenter – vielleicht wegen diesmaliger Überanstrengung infolge Reisetätigkeit oder Schnupfen. Doch selbst Meiers andeutungsweise verschnupftes „Wagst du zu höhnen“ schmälert die Erinnerung an messerscharfe, mit dem Nachzittern von in die Mitte von Zielscheiben geschossenen Pfeilen vergleichbaren Meier-Isolden nicht um den Hauch eines ihrer phänomenalen „T“s und „S“s, von denen man dann immer denkt, die deutsche Sprache sei eben für Wagner und Waltraud Meier so geschaffen worden. Immer wieder unvergessen und unvergesslich von ihr: „da du so sittsam, mein Herr Tristan“ – ein Höhepunkt des ganzen Tristan, wenn Waltraud Meier singt.

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Magdalena Kozena & Dorothea Röschmann singen: Macht’s noch mal, Mädels

Magdalena Kozena Dorothea Röschmann

Ich habe Magdalena Kozena geschätzte zehn Mal in den letzten drei Wochen gehört. Dieses Mal zum Barenboim-Zyklus der reizendste Auftritt. Dorothea Röschmann (grünes Kleid, Stola) und Magdalena Kozena (pinkfarbenes Kleid, Rüschen) singen Duette. Röschmanns Opern-Sopran ist ein Meer aus massivem, vibrierendem Marmor. Man braucht, bis man nicht mehr ihre sensationelle Eva mithört. Kozenas lyrischer Mezzosopran ist luftiger, wärmer, duftender, ein Eldorado der scheuen Gesten. Dann singen beide das gleiche Lied mit verschiedenen Stimmen, und es ist immer der nie gleiche Zusammenklang verschiedener, doch in sich gleicher Perfektion. Felix Mendelssohn-Bartholdy, Hugo Wolf, Brahms, Saint-Saëns, Gounod, Fauré, Duparc, Dvořak. Gegen Ende erschöpfte ein Konzert, dessen einziger Charakter der zu sein schien, vollkommen zu sein. Daniel Barenboim begleitete. Ich habe nachgezählt. Ich hörte Magdalena Kozena sieben Mal in den letzten drei Wochen.

Hummphhh… Der schlimmste anzunehmende Unfall: La Traviata an der Staatsoper

Die Kritik der Traviata Februar/März 2014 hier lesen.

Dan Ettinger Peter Mussbach Elzbieta Szmytka Marius Brenciu Alfredo Daza

Hier fällt der Opernbericht leicht und schwer. Die Götterdämmerung der Staatsoper im Monat Mai hieß La Traviata und zwar nicht in erster Linie wegen einer schmerzhaft deutlich indisponierten Elzbieta Szmytka (Violetta), der man einen Kamillentee und ein dickes Federbett gewünscht hätte, oder der in ihrer harschen Pauschalität unangemessenen, in einigen Details jedoch durchdringenden Inszenierung Peter Mussbachs, sondern weil die Staatsoper es zustande brachte, wegen einer verspäteten Touristengruppe die Oper fünfundzwanzig Minuten später beginnen zu lassen. Wie eine Operdirektion eine Repertoirevorstellung im eigenen Haus durch eine derartige Entscheidung gegen die Wand fahren kann, war neu und trostlos mitzuerleben. Szmytka bekam eisige Buhs entgegengebrüllt – zu Recht, wie man sagen muss -, der abwesende Mussbach ebenso, Marius Brenciu (Alfredo) immerhin noch ein empörtes Buh wegen eines nicht gestemmten Spitzentons.

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Staatsoper: Simon Rattle dirigiert Pelléas et Mélisande III

Simon Rattle Ruth Berghaus Magdalena Kozena Robert Lloyd Hanno Müller-Brachmann William Burden

Da liegt sie! Magdalena Kozena (Mélisande) vor gelber, getreppter Wand // Foto: Monika Rittershaus / .staatsoper-berlin.de

Staatsoper Berlin. Am Mittwoch Abend saß Daniel Barenboim im Sommeranzug in der Seitenloge. Simon Rattle dirigierte unverstellt und mit alle Kritik sinnlos machender Angemessenheit. Nach vier Vorstellungen des Pelléas kennt man Debussys sensible Flunder doch bis in die Fragmentierung der Subthemen hinunter. Klarheit des Klanges, Sinn schaffende Abstufung der Dynamik, kontrollierende Führung jedes Pianissimo, Stufung innerhalb des Klanges, keine Leerstellen. Sehr gut das alles. Wirklich sehr gut. Rattle muss sich ganz schön anstrengen, um Berghaus‚ schiefe Ebenen zu überwinden, wenn er zum Schlussapplaus auf die Bühne kommt. Opernkritik: atemnehmende Operation an Debussys offenem Herzen.

Debussys Pelléas et Mélisande, Staatsoper Berlin: Verliebe dich nie in ein Mädchen, das du im Wald triffst, und sei es auch noch so schön

Simon Rattle Ruth Berghaus Magdalena Kozena Robert Lloyd Hanno Müller-Brachmann William Burden

Und ein zweites Mal Pelléas et Mélisande. Simon Rattle im schwarzen Kittel. Zwei, drei Stichflammen des Orchesters. Dazwischen die überpräzise Motivik Debussys, die an einen Orientteppich, wenn nicht an Johann Sebastian Bach erinnert (das hat Debussy ansonsten aber von Wagner, ich schwöre es). Die Oper könnte auch heißen „Verliebe dich nie in ein Mädchen, das du im Wald triffst, und sei es auch noch so schön.“ Die Streicher machen die Sache so gut, dass man mehr auf sie als auf Debussy hört, was gar nicht leicht ist. Die Harfe tönt. Sie soll nicht vergessen sein. Die Sänger sind so gut, weil jeder weiß, was er singt. Zuletzt hört man, wie bei jeder erstklassigen Aufführung, nur noch den Klang. Warum dirigiert Simon Rattle nächste Saison nicht Macbeth, oder Traviata, oder Rosenkavalier? Dann würde ich in den Rosenkavalier auch wieder reingehen. Man kann sich ungefähr zusammenbasteln, wie das klingen würde, doch live hören ist aufregender.

Simon Rattle dirigiert Pelléas et Mélisande I

Simon Rattle Ruth Berghaus Magdalena Kozena Robert Lloyd Hanno Müller-Brachmann William Burden

Simon Rattle Pelléas et Mélisande (die Kritik zur Aufführung der Berliner Philharmoniker 2015 unter Rattle lesen sie hier). Es ist eine Oper im Bereich unglaublicher Perfektion. Debussy packt auch Hochdramatisches rein. Einige Stellen hören sich so an, als hätte Wagner den Parsifal mit 25 und nicht mit 75 komponiert. Sehr schöne Tristan- und Parsifal-Reminiszenzen. Anderes klingt nach dem Finale aus Madame Butterfly. Aber Hut ab vor der allergrößten der nach dem Parsifal geschriebenen Opern. Dagegen klingt Strauss wie Operette, na ja, Rosenkavalier ausgenommen. Magdalena Kozena ist schwanger und schafft eine urphänomenhafte Anrufung der Heiligen, fabelhaft entgeisterte Blicke und eine wagemutige Purzelrolle abwärts. Hanno Müller-Brachmann ist Golaud (autoritär tragisch, Klischees meidend wie der Teufel das Weihwasser). Robert Lloyd ist Arkel (sehr schön, menschlich-einsam vom Alter ausgehöhlt). William Burden ist Pelléas (wenig französisch, ein Don José ins Symbolistische versetzt). Weiterlesen

Barenboim, Brendel, Richter

Barenboim-Zyklus mit der Orchesterakademie. Luftige Streicherserenade von Dvořak, schönes, exaktes Stück von Elliot Carter für vier Pauken solo. Das Siegfried-Idyll klang danach wie Pudding, verzeih mir’s Gott. Dann ein Klavierkonzert Mozarts, das Barenboim mit gehirnwarmem Schwung abrollte. Die Abläufe gerieten ineinander greifend, mit jenem Hauch von Irregularität, der flugs zur höheren Richtigkeit wird. Spielt Brendel wirklich so gegenwärtig wie Barenboim? Warum gilt Brendel als bester Schubertspieler? Spielte Svjatoslav Richter während der Siebziger, von den Sechzigern ganz zu schweigen, nicht ergreifender? Fragen über Fragen.

Barenboim-Zyklus: Christine Schäfer singt

Wie immer bei den Matinéen (11 Uhr) des Barenboim-Zyklus‘ ist es ein nasser Berliner Morgen. Christine Schäfer (lichtschluckendes, schwarzes Kleid) singt makellos Schubert. Etwas belegter, etwas enger, etwas temperamentloser Sopran mit diesem so charakteristischen engen Vibrato, das gegen Ende des Tons um weniges offener wird. Ihre Liedkunst ist bei Schubert überwältigend, weil kein Ton gleich ist. Das schließende Ave Maria war ein nie endendes Paradies. Die Kontrolle, die Christine Schäfer entwickelt, ist nie zu viel. Die Lieder von Debussy klangen leicht unidiomatisch, wenn auch äußerst genau (es fehlte eine gewisse schläfernde Schwere des Tons, Debussy mit einem Schuss Webern), die Lieder von Hugo Wolf waren zu schnell rum (Wolf mit einem Schuss Mozart).

La Bohème: Jonas Kaufmann, Alexia Voulgaridou, Gustavo Dudamel, Staatsoper Berlin

Gustavo Dudamel Lindsey Hume Jonas Kaufmann Alexia Voulgaridou Alferdo Daza Anna Samuil

Bericht Staatsoper Berlin / Kritik Gustavo Dudamel. Ächz. Am Abend vorher Simon Rattles phantastische Sechste von Beethoven gehört. Zwei Tage später den Abend des Alban Berg Quartetts gehört. Dazwischen dann die mehrfach ausverkaufte La Bohème besucht. Gustavo Dudamel dirigierte leidenschaftlich schön. – Die Kritik zur Bohème 2016 mit Sonya Yoncheva und Joseph Calleja lesen! – Was die Dirigenten angeht, gleicht das italienische Repertoire an der Lindenoper einem Dornröschen, das auf den wartet, der es wachküsst. Gustavo Dudamel ist ein Kuss in die richtige Richtung. Das Dudamelsche Tohuwabohu stellte sich im ersten und zweiten Akt tatsächlich ein, man hatte es schon vermisst. Beethovens Siebente im Konzerthaus ist schon ein halbes Jahr her. Unter Dudamels Tempo fuhr die Bohème zusammen wie ein aufgeschrecktes Huhn. Aber es war großartig.

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