Ensemble Compas: Wolf, Jeong, Murail, Vaillancourt bei der Klangwerkstatt Berlin

Ein Hoch auf die kleinen Musikfestivals in Berlin.

Hoppla, ist das ein piekfeines Konzert bei Klangwerkstatt Berlin im Kunstquartier Bethanien, wo das Ensemble Compas sich beherzt an den Damen und Herren Wolf, Jeong, Murail, Vaillancourt entlangspielt.

Magret Wolf verändert in The Card Players (2018, für Klarinette, Geige, Cello, Klavier) Dichte, Struktur und Dynamik kaum, lässt ihr Werk entspannt pulsieren. Das exakte Grooven passt einfach, wenn es zwei Tage vorher John Adams‘ Fearful Symmetries beim DSO gab. Sehr hörenswert Lagerfeuer von Saemi Jeong (UA, Enno Poppe hätte das entweder Lager oder Feuer genannt). Das Stück knistert vor deskriptiven Lagerfeuer-Assoziationen, tönt aber so diskret und ist vor allem sehr spielbar & hörbar, und das alles für Flöte, Klarinette, Gitarre und Live-Elektronik (die Komponistin). Ein im Programmzettel beigegebenes Gedicht untertunnelt das Stück anspielungsreich mit koreanischer Geschichte der 1950er.

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Bruckners Fünfte, Thielemanns Kapelle

Christian Thielemann mit der Sinfonie Nr. 5 von Anton Bruckner, die er dieses Jahr auch schon mit dem BRSO machte.

Es ist ein fulminantes Konzert der Staatskapelle Berlin. Aber eines mit Bedenken. Wenn auch mit zweitrangigen.

Christian Thielemann favorisiert eine abgerundete Attacke. Die Fanfaren der Introduktion klingen wie mit Gerhard Richter’scher Unschärfe abgesoftet. Das Losschlagen der dritten Themen geschieht wie mit dem Bedacht des Baumeisters vor der Integrität der Architektur – wobei Thema 3, Kopfsatz, so schlawinerhaft schön ansetzt wie sonst keines bei Bruckner.

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Adams‘ Furcht, Ticciatis Mahler

Ticciati kann das. Adams und Mahler.

Für die tanzbewegten Fearful Symmetries von John Adams hat das Orchester Lässigkeit und Akribie. Es ist nicht Adams‘ bekanntestes Werk: knappe halbe Stunde, 35 Jahre alt, trotz mehrfachen Neuansetzens wenig Gliederung. Symmetrieängste braucht der Hörer nicht zu haben. Am Anfang dominiert Bigband-Ton. Der wird abgelegt. Übrig bleiben Adams‘ lichtdurchflossene Motivbasteleien. Das ist wie Lego für Erwachsene, nur züngelt in Fearful Symmetries hinter allem Schwelgen stets beinharte prozessuale Kraft. Das DSO kann das.

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Unerhörte Musik: Joseph Houston, KNM Berlin und die Polen Śniady, Frąckiewicz, Łuc

Drei Mal Unerhörte Musik im Livestream! Am 24. neue Klaviermusik aus USA, Kanada und Großbritannien, am 31. neue Kammermusik aus Südkorea mit Klangzugabe Saunders und Rodriguez, am 7. schlussendlich polnische Musik für zwei Akkordeone plus Elektro-Unterfütterung.

Das Klavierrecital am 24. spielt Joseph Houston. Das Programm offeriert Werke voller Ruhe und contemplativeness.

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Kremer bei der Staatskapelle

Gidon Kremer, der vielleicht die Mozartkonzerte so spielen konnte und vermutlich kann, wie keiner und keine, gastiert in der Staatsoper Berlin. Wie spielt er Bartóks frühes, zweisätziges Violinkonzert?

Aufregend lebendig und unendlich diskret.

Da ist zum Beispiel Kremers bezauberndes, Bartóks jugendstilige Linien souverän umatmendes Legato. Man begreift, dass Ton und Tonfall Kremers ureigener sind.

Vollständig nach innen gekehrtes Geigentemperament.

Der Lette lernte ab 1965 bei Oistrach. Kremers Vibrato hat nicht den Hauch einer Espressivo-Allüre nötig (ähm, Frau Jansen?). Die Intensität der Spitzentöne hat flackernd packendes, inneres Fiebern. Den Abgesang des ersten, verrätselt stillen Satzes, offenbar ein Porträt der Geigerin Stefi Geyer, spielt niemand freier, ernster, gelöster.

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O ciel, noch eine Aida

Was ist schlecht an der neuen Linden-Aida? Nicht viel. Die Videos sind sicherlich schlecht.

Es gibt eine neue Amneris, die Französin Clémentine Margaine, ihre Kraft ist guttural, ihr Sound üppig, ihr Singen angenehm zuverlässig, und sie bringt für die Rolle der Rivalin die richtige Mischung aus menschlich und rassig mit, ohne eine Mezzo-Maschine zu sein wie die formidable Garanča, bei der man nie genau weiß, ob echtes Blut in ihren Adern fließt oder irgendein baltisches Frostschutzmittel.

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Neues vom Nil

Alles beim Alten bei der neuen Aida? In der dritten Vorstellung gibts einige Buhs vor der Pause. Aber häufiger ist beifälliges Gekicher zu hören. Die Stimmung ist entspannt.

Denn die Neuproduktion von Calixto Bieito ist so kurzweilig wie überraschend. Und immer leicht nervig. Überraschend, weil die nagelneue Hubbühne dem klaren, geschickt mit Lichteffekten spielenden Bühnenbild Beine macht. Kostüme sind Hingucker, die Protagonistinnen giften sich im Glitzerfummel an. Schocker gibts nicht, außer wenn Feldherr Radamès beim Duett-Singen Gefangene exekutiert. Den Themenfächer kolonial, Kapitalismus & co hat Castorf anlässlich der Neuinszenierung von Macht des Schicksals an der DO aber triftiger entfaltet. Nachgerade hochironisch wirkt die piefige Beflissenheit, mit der Bieito ein Politkorrekt-Thema nach dem anderen abarbeitet.

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Philharmoniker: UA Djordjević. Und wer ist Mahler?

Die kaum fünfminütige Uraufführung Mali svitac („kleines Glühwürmchen“) von Milica Djordjević denkt über die Gleichzeitigkeit von Unvereinbarem nach, von hektischem Vorwärtstreiben und schimmerndem Schwebeklang. Zuvor leitete Blachers präzise und klare Fanfare den Konzertabend, den ursprünglich Zubin Mehta leiten sollte, ein, komponiert zur Eröffnung der Philharmonie vor 60 Jahren.

Mahlers 5. Sinfonie – die die Staatskapelle unter Payare Anfang September spannender spielte – klingt unter Gustavo Dudamel ereignisprall und höhepunktsatt, dabei gleich weit entfernt von Abbados wienerischer Gefühlsnoblesse wie von Rattles Hau-drauf-Intensität.

Vertraut Dudamel zu sehr gängigen Mahler-Narrativen?

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Poschners Elektra und Meiers Klytämnestra

Patrice Chéreaus immer noch fantastisch gelungene Elektra kann weiterhin Spaß bereiten.

Ricard Merbeth hat die Energie, Konzentration und die Stimme für die Rolle wie wenige derzeit, klingt aber angestrengter als 2022. Merbeths Vortrag vereint deklamatorische Schwere und Dringlichkeit der Vokalgesten, ohne Spontaneität und Natürlichkeit der Artikulation zu gefährden. Und Merbeth hat das Piano für so unglaubliche Stellen wie vergeh mir nicht, es sei denn, dass ich jetzt gleich sterben muss, man höre die Erkennensszene der Geschwister. Vida Miknevičiūtė brennt vor schwesterlicher Sorge, in ihrem Jubel schwingt Intensität und Mädchenhaftes (und auf einmal sind sie entbunden ihrer Last), ihre Sieglinde hat Chrysothemis-Töne, ihre Chrysothemis Sieglinde-Töne.

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RSB mit Don

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin widmet sich im Konzerthaus musikalischen Don Quichotterien.

Von denen gibt es mehr, als man denkt, und dass es dabei nicht nur um aberwitzige Toll- und Torheiten geht, sondern mindestens ebenso um Spaß und divertimento, zeigen zu Publikums-Genüge die programmeröffnenden Barockmeister Telemann und Boismortier. Welche sich wunderbar in den quichottigen Spannungsbogen des Abends einfügen, und das auf ihre Art, frech und suitenhaft kurzweilig, oder eben auch mal kastagnettendurchklöppelt.

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Staatsoper Berlin: Aida Premiere Bieito

Die neue Aida an der Staatsoper floppt fast, weil sie alles auf einmal will.

Stellenweise überambitioniert, bisweilen hektisch, und auf spielerische Art verweis- und bilderreich ist das, was Calixto Bieito Unter den Linden als Neuinszenierung des Eifersuchtsdramas um die äthiopische Prinzessin, die als Sklavin inkognito am ägyptischen Königshof lebt und in Liebe zu dem zukünftigen Feldherrn Radamès entflammt, präsentiert.

Immerhin ist die Neuproduktion das genaue Gegenteil der saftlosen Antikenmuseum-Story von Pet Halmen. Die hatte 1995 Premiere. Bieito präsentiert ein fröhliches tutti frutti der Deutungsansätze, mischt alles mit allem: viktorianisches Kostüm mit glitzerndem Paillettenfummel (Ingo Krügler, Kostüme), elegant aus Wandnischen herausfahrende, laubbekränzte Vodoofiguren mit dem vermutlich abgedroschensten Requisit des Regietheaters, der Maschinenpistole. Bild schiebt sich über Bild. Weißhäutige Wohlstandskinder sortieren gedankenverloren Elektroschrott. Der äthiopische König Amonasro entspringt zum Duett mit seiner Tochter einem grellweißen Jetztzeitkubus (Bühne Rebecca Ringst). Noch vor dem Vorspiel zum ersten Akt werfen Demonstranten imaginäre Steine gegen das Publikum.

Wieso?

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Parsifal Bayreuth 2023 Kritik: Jay Scheib, Heras-Casado

Der neue Bayreuther Parsifal ist üppig dekorativ, kindisch verspielt und von den meisten tieferen Einsichten frei. US-Regisseur und Bayreuth-Neuling Jay Scheib lockt das Auge mit Farben wie Zitronengelb und Barbie-Pink – und vergrault mit vielen losen Erzählansätzen.

Wie ist der neue Parsifal?

Heuer läuft Richard Wagners Titelheld (Andreas Schager) in zerrissener Patchwork-Hose und gehüllt in eine Weichgummijacke (Bauarbeiter oder Müllmann?) auf. Ganz anders der Gurnemanz (Georg Zeppenfeld). Der ist ein aufrechter Best-Ager, zerfurchten Antlitzes, in gelbem, wie eine Schürze getragenem Kampfrock und weißem Businesshemd – apart (Kostüme: Meentje Nielsen).

Alle Bilder: Livestream BR Klassik / Bayreuther Festspiele 2023

Die Gralsritter stellen eine recht harmlose Sekte in zitronengelben Gewändern dar. Sieht so die postkapitalistische Sinnsuche aus? In hinreißend dekorative Röcke kleiden sich die Knappen. Aber irgendwie bleibt dies ohne Anbindung an die Parsifalgeschichte. Lustig: Der Kittel des Amfortas gibt durch ein sauber ausgeschnittenes Loch den Blick auf das Schwären der fatalen Wunde frei.

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Liederabend Novak/Trekel: Italienisches Liederbuch

Ganz so oft hört man das Italienische Liederbuch nicht. Und wenn, dann macht es, so wie heute im Apollosaal der Staatsoper Berlin, wo Evelin Novak und Roman Trekel Hugo Wolfs Liedersammlung nach Gedichten von Paul Heyse singen, riesig Spaß.

Weil hier scharfer Esprit, himmelhohe Verliebtheit, irre Lobgesänge, unvergleichliche Streitlust und zu Tode betrübte Eifersucht in 46 Liedern, wie sie’s wenige gibt, zusammenkommen. Alle sind kurz, viele sind witzig, alle sind Meisterwerke.

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Staatsoper Salome: Roth, Holloway, Mayer, Schukoff

Muss man Salome zum x-ten Mal sehen?

Vielleicht nicht. Aber 110 Minuten für eine geile Geschichte mit einer Prinzessin als patenter Hauptperson in einer interessanten Inszenierung ist kurz vor Saisonschluss, und dann noch mit der Umbesetzung, will sagen jetzt mit T. J. Mayer, Grund genug.

Denn Neuenfels Inszenierung von Strauss‘ einst skandalösem Bibeldrama funktioniert blendend, zumindest bis zum Abgang des Propheten Jochanaan. Tiptop schon das Anfangsbild, die Tetrarchenfamilie auf drei Stühlen, dahinter aufgereiht ebenso viele Hofbedienstete in abgedreht cremeweißen Wüstenkriegerklamotten. Reinhard von der Thannen baute eine anspielungsreich reduzierte Bühne, die ein technoides Palastzuhause in einem abstrakten Wüstenstaat darstellt.

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Don Carlo Staatsoper: Kurzak, Hubeaux, Pape, Pop, Petean, Rustioni

Verdis Don Carlo in der Inszenierung von Philipp Himmelmann hat seine erste Wiederaufnahme in den renovierten Unter den Linden. Pape, Kurzak, Hubeaux, Pop, Petean singen. Rustioni dirigiert.

Wie klingt das?

Kaum ein Titelheld Verdis agiert so larmoyant und tollpatschig wie Don Carlo. Dazu gilt die Rolle als undankbar. Da nur eine kleine Arie, noch dazu eine von Verdis konventionelleren, für den Prinzen zu Buche schlagen. Dafür gibts gleich vier Duette. Der Rumäne Stefan Pop investiert für seinen Carlo Frische der Erregtheit und Spontaneität der Desillusion, dringt in den Ensembles aber etwas mühsam durch, klingt aufregend in der Mitte und farbloser bei Spitzentönen.

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