Thielemann: Bruckner f+d

Österreich in den 1860ern: Der Maler Waldmüller lebt bis 1865, der Schriftsteller Stifter bis 1868, der Dramatiker Grillparzer gar bis 1872. Sissi und Franz Joseph urlauben in Ischgl. Und in der Nach-Schumann-Ära der 1860er schreiben Robert Volkmann, Joachim Raff, Max Bruch, Saint-Saëns, Dvořák und der Oberösterreicher Anton Bruckner Sinfonien. Bruckner komponiert in diesem Jahrzehnt deren drei, die „Studiensinfonie“ f-Moll, die 1. Sinfonie c-Moll, die „annullierte“ Sinfonie in d-Moll.

Jetzt spielen die Berliner Philharmoniker unter Thielemann f-Moll- und d-Moll-Sinfonie.

Philharmonische Glocken 2024

Bei Thielemann klingt die Sinfonie f-Moll von 1863 episodisch kleinteilig und antimonumental, pittoresk gelockert beim lyrischen Thema. Bei Überleitungspassagen demonstriert Christian Thielemann einen Bruckner aus Haydns Händen.

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Ticciati busserlt Busoni: Klavierkonzert mit Grosvenor

Ist die Zeit der unzeitgemäßen Klavierkonzerte gekommen? Letzte Saison war gleich zwei Mal das heftige Klavierkonzert von Reger zu hören, einmal unter Metzmacher, einmal unter Janowski. In der Philharmonie stellt jetzt das DSO das Klavierkonzert op. 39 von Busoni zur Diskussion, nachdem Pappano und Levit mit dem zumutenden Werk schon das Musikfest 2022 bereicherten.

Ferruccio Busoni, Wahl-Berliner seit 1894, schafft 1904 eine fünfteilige Konzertanlage: Zwei extrovertierte Scherzo-Sätze (Pezzo giocoso und All’Italia) rahmen ein riesenhaftes, in vier Abschnitte geteiltes Andante (Pezzo serioso). Dazu kommen zu Beginn ein von einem solenne-Thema ausgehendes Allegro und als Beschluss das in einen feierlichen Männerchor mündende Largamente über ein dänisches Aladingedicht aus der Goethezeit. Was man kaum für möglich hält: Im Saal, musiziert, live, hält das Werk, was das überladene Konzept eigentlich nicht verspricht. Von Hyperernst durchdrungen, von Schönheit gehalten bis zum Chorfinale (Herren des Rundfunkchors unheimlich beeindruckend), von Ironie durchblitzt, ist Busoni hier etwas hybrid Musikfaszinierendes gelungen.

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Petrenko: Szymanowski-Konzert, Strauss-Domestica

Die Tragische Ouvertüre von Brahms ist nicht so interessant – es sei denn, die Wiener Philharmoniker spielen sie Unter den Linden. Überdies haben in der deutschen bzw. österreichischen Musik der 1860er und -70er Robert Volkmann oder Karl Goldmark schönere Fünfzehnminüter geschrieben. Wegen Brahms flog Liszt aus dem Programm – vermutlich ein Fehler. Die Philharmoniker servieren viele Nebentöne aber keine Haupttöne.

Gegen das erste Violinkonzert des Polen Karol Szymanowski gibt es generell wenig zu sagen. Leider wirkt es heuer blass. Es liegt auch an Lisa Batiaschwili, deren Geigenlinien so schmiegsam schön sind, dass sie den Leidenschaftsattacken des Werks jede Erdenschwere nehmen.

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Pittoresk versifft, krass erzählt: Premiere Rusalka Staatsoper Berlin

Antonín Dvořáks Rusalka feiert erfolgreich Premiere – mit deftigen Buhs. Kornél Mundruczó, dessen Sleepless-Inszenierung am selben Ort ganz nett war, gelingt ein beflügelt krasses Regiewerk. Die Sänger – sind erstklassig.

Das ist das Fazit.

Die Erfolgsoper Rusalka trägt die Genrebezeichnung Lyrisches Märchen. Der Stoff – Hexen, die Zaubersud brauen, Nixenromantik – war im Uraufführungsjahr 1901 schon verstaubt, ein Jahr zuvor erblickte der Psychothriller Tosca das Licht der Opernwelt. Aber Dvořáks Musik ist tiefgründig und dramatisch, psychologisch feinfühlig und wunderbar eingängig. Monika Pormale baut ein hyperrealistisches Bühnenbild. Rechts ein Berliner Altbautreppenhaus, links eine pittoresk versiffte WG, in der die Elfen und der Wassermann mit Rusalka hausen.

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Jedem Schall sein Ultraknall: Ultraschall Berlin 2024:

Das Berliner Neue-Musik-Festival Ultraschall geht ins 26. Jahr, heuer sind DSO, RSB, Trio Catch, MAM, Ensemble Apparat dabei. Groß gefeiert wird nicht, nur eben anregend weitergemacht wie bisher. Was bringt Ultraschall 2024? Drei Orchesterkonzerte, zwei Liedrecitals, Computermusik, zwei Porträtkonzerte, zwei Veranstaltungen mit jeweils konzertfüllendem Einzelwerk. Neue Saison, neues Glück.

DSO: Filonenko, Šenk, Herrmann

Das DSO eröffnet das Festival Ultraschall. Da ist Memory Code (2021, 12′) der Ukrainerin Alexandra Filonenko. Formal folgt Memory Code dem Wechsel von nervöser Verdichtung und starker Spannungslösung. Inhaltlich wird der Brückenschlag zwischen individueller Erinnerung und Objektivität gesucht, die suggestive Titelwahl deutet es an. Was an dem Gehörten persönliche Erinnerung ist, teilt sich dem Hörer indes nicht mit – anders als die Qualität der Komposition. Ob Kurz-Einspieler von Nazi-Gesangsgut einen Zuwachs an Wert bedeuten, steht dahin.

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Staatskapelle: Chan, ein Rodeo und zwei Levits

Der 36-jährige Pianist Igor Levit spielt das dritte Klavierkonzert von Beethoven.

Wie?

Beinah unauffällig. Sachlich lyrisch. Es ist nur minimalste Selbstgefälligkeit im Ton. Wer wissen will, wie pianistische Wachheit mit einem Hauch von Beiläufigkeit klingt, voilà. Die Flöte tönt solistischer als Levit. Das Gefühl für die Kontinuität der Figurationspassagen (in denen sich die ersten Sechzehntel-Parallelsextakkorde in einem Beethovenkonzert verstecken >Popović) ist bestechend. Es gibt kein neues Thema in der Soloexposition wie noch vor Weihnachten beim 2. Beethovenkonzert mit Argerich/Barenboim.

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Wenn Anna sinnend mich betrachtet: Juan, Julia Hagen, RSB

Andrés Orozco-Estrada, dessen Abgang bei den Wiener Symphonikern vor zwei Jahren nicht geräuschlos verlief und der letztes Jahr an der Staatsoper eine schöne Bohème leitete, dirigiert heute das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, langsam das Cellokonzert von Dvořák, schnell den Don Juan von Strauss.

Die junge Julia Hagen, am Anfang nervös, spielt sich leidenschaftlich durch Dvořáks schönes Cello-Werk. Wo nötig, behauptet sich Hagen (blaues Kleid) gegen die starke Präsenz böhmischer Hornfanfaren. Verschlungene Überleitungen hat es reichlich in dem Konzert. Orozco-Estrada kostet sie aus. Julia Hagen kostet Teil eins der Durchführung kantabel aus, während die folgenden Figurationen wild zur Reprise – mit dem 2. Thema! – führen. Für ein in den 1890ern entstandenes Werk ist die Orchesterexposition ausführlich, länger wirds nur noch bei Elgars Violinkonzert. Was 1910 dann aber auch schon anachronistisch wirkte.

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Unter den Linden: Die Leiden des jungen Octavian

Günther Groissböck ist Unter den Linden ein von Lerchenau der lässigen Virtuosität. Ein Kavalier wie auf dem Theater, freimütig und derb und plastisch, mit der Eloquenz eines Theaterschauspielers. Hofmannsthal: „Ein Luder ist er… aber nicht ohne Kraft, nicht ohne Humor“. Groissböck, der Niederösterreicher, tut österreicheln ohne Anbiederung. Verbindet die Gravitas der Großen Oper mit der Grandezza der Komödie. Auch für die Zumutungen – sie waren es schon bei der Dresdner Uraufführung und wurden folglich gestrichen – der Ochs-Passagen wie „Wär‘ Verwendung für jede“ und „Zuzug von jungen Mägden aus dem Böhmischen“ gilt: Groissböck singt, als würde er sprechen. Das kann sonst keiner.

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Die Neunte als nüchtern-vergnügliche Silvestersinfonie beim RSB mit Canellakis

Premiere. Dieses Jahr nicht bei den Philharmonikern im holzgetäfelten Weinberg-Saal der Philharmonie, sondern beim RSB im weiß-goldenen Rechtecksaal des Konzerthauses! Hier gibt es wohltuend klassisch die Neunte ohne hinterfragende Textbegleitung und ganz ohne Einhegung durch zeitgenössische musikalische Kontrastmittel.

Ausverkauftes Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Leute, die nicht jede Woche ins Konzert gehen, Schlangen an den Garderoben, Espresso mit Schuss vor dem Konzert.

Dabei nähert sich Karina Canellakis Beethovens Sinfonie Nr. 9 hörbar nüchtern. Feierlaune? Erst mal Pustekuchen. Die US-Amerikanerin will nichts von beklommener Bedeutungsschwere im leisen Quinten-Anfang wissen und gleicht die Scheu vor dramatischer Aufladung, je länger der erste Satz dauert, durch eilenden Geschwindschritt aus. Wobei man tatsächlich überhören kann, dass das zweite Thema das zweite Thema ist.

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Mallwitz‘ Rosenkavalier: Groissböck, Kleiter, Prudenskaya, Schultz, Trekel

Groissböck ist primus sine paribus. Aber neugieriges Interesse weckt das Rosenkavalier-Dirigat von Joana Mallwitz.

Hälse recken sich beim Auftrittsapplaus, um einen Blick auf die debütierende Dirigentin zu erhaschen. Dabei geht das erste Vorspiel gründlich daneben, weil haarsträubend ungenau. Im Folgenden wird mir abwechselnd kalt und heiß. Mallwitz‘ erster Akt zieht nicht. Schönes steht neben Geschnuddeltem. Auffällig die Heftigkeit der Solo-Holzbläser. Das zeichnet Mallwitz aus: Helligkeit des Klangs (Mallwitz als Anti-Barenboim), spontane Frische. Die Vorspiele zu Akt zwei und drei haben tatsächlich Lustspielbravour, aber ganz ohne Strauss-Schwere und symphonische Schwerfälligkeit, dafür mit viel Lachen im Klang. Das kann Mallwitz. Und sonst niemand?

Hier Bericht Rosenkavalier 2. Januar 2023 lesen!

Aus dem von Lerchenau macht Günther Groissböck keine Karikatur, sondern einen Charakter. Hier ist der Ochs ein Mensch. Das Verblüffende: Der Österreicher Groissböck verzichtet auf das chargierende Andienen an die Rolle. Da sitzt kein geiler Alter aus dem Buffo-Repertoire nicht, sondern die selbstbewusste Männlichkeit vom Land. Außerordentlich ist Groissböcks Leistung in punkto Aussprache, in punkto Sprech-Sing-Souveränität. Was er singt, ist zugleich Text. Glasklar. Hofmannsthals Genie auslotend. Nichts Forciertes. Zur Zeit wohl singulär (wie als Orest – neben Pape).

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Vorletzte Worte: Barenboim+Argerich

Martha Argerich spielt beim Klavierkonzert Nr. 2 op. 19, dessen Thema wohl schon von 1790 stammt, so auskostende Temporückungen, blendet Beethovens Phrasenenden dynamisch so ab, dass die Frage nach dem Wert des Frühwerks nicht aufkommt.

Beethovens Klavierkonzert Nr. 2, ist das genial? Es gibt das übliche neue Thema in der zweiten Exposition. Soloexposition und Durchführung fangen mit derselben Phrase an. Der Repriseneintritt ist vielleicht der unattraktivste in Beethovens Orchesterwerken. Und die brillante Kadenz ist aus dem Jahr von Beethovens 5. Klavierkonzert.

Das Adagio mit seinem unaufhörlich neu formulierenden Ansetzen des Themas, dem Argerich Nuancen und Schattierungen des Leisen abgewinnt: Monothematik, die nur unterbrochen wird von einem zwei Mal auftauchenden, viertaktigen Tutti-Solo-Dialog. Und doch kann man eine Art Reprise hören, eingehüllt in ein Tastenrieseln von Zweiunddreißigsteln, erst Solo, dann Tutti über den weiterlaufenden Zweiunddreißigsteln Argerichs. Ihr so dichterisches Spiel zentriert Phrasen um scharf leuchtende Akzente, realisiert Innehaltensrubati wie niemand sonst, lässt den ganzen Satz in schwebende Molltrübungen abrutschen. Die con-grande-espressione-Passage zum Schluss – Solo, Streicher mit dem Themenkopf, Solo, Streicher mit dem Themenkopf – hört man fast als Innehalten im Nichts.

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Magie der Mansarde: Lungu, De Tommaso, Randem, Petean in Bohème

Die berühmteste Näherin der Operngeschichte singt die Moldawierin Irina Lungu. Lungu macht das poetisch, absolut sorgfältig, vom Temperament her üppig verhalten, hören Sie Ma quando vien lo sgelo aus der Arie im ersten Akt. Bei Donde lieta uscì wird man süchtig nach ihrer Mittelstimme. Sie kann flutende Piani in höchster Lage, hat oben aber Vibrato. Lungu: nicht so textverständlich, aber souveräner als Buratto, selbstbewusster, weniger sentimental als Pérez, weniger theatralisch als Yoncheva (am selben Ort vor drei Wochen).

Als lebenslustige Musetta gefällt Publikumsliebling Victoria Randem. Samuils Quando m’en vo klang üppiger, Queiroz kampflustiger, Novak souveräner. Trotzdem macht das bei Randem viel Spaß. Als Rodolfo zeigt sich Freddie De Tommaso von herrlicher Stimme und Linienführung und müheloser Höhe. Was die Stimmwirkung betrifft, scheint De Tommaso kein Herzensdieb: der Tenor klingt lyrisch leicht unterkühlt – aber nur in der Arie. Der Brite hat den Hauch standardisierter heroischer Männlichkeit, der Jonas Kaufmann in dieser Rolle immer gut stand. Unwiderstehlich De Tommasos O soave fanciulla.

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Fast die Vollfagottnarkose: James Aylward, Ingólfur Vilhjalmsson glänzen mit Dittrich, Beyer, Bedrossian, Masing, Hadžajlic

Fagott solo plus Elektronik im Kreuzberger BKA-Theater.

Paul-Heinz Dittrich, 2020 in Zeuthen gestorben, komponierte the – m Anfang der Achtziger. Das großräumige Stück (18 Minuten) startet mit Ein-Motiv-Phasen, spielt mit Ballungsbereichen des Figurativen und findet zu heroischer Holzbläserplastizität. Das by-play (Live-Elektronik, Ingólfur Vilhjalmsson) bleibt dezent. Man hört the – m auch als Nicht-Fagott-Experte wunderbar. Genauso wie die Uraufführung von Stefan Beyer, Hagelfeier. In Hagelfeier – Enno Poppe hätte das Stück Hagel oder Feier genannt - werden die Geschehnisse hinter eine Verwischtheitszone gesteckt, durch die der Hörer hindurch hören muss, ohne dass er sich jemals ein genaues Bild der Musik machen kann. Das fesselt.

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Intime Superklasse: Joyce diDonato in Berlin

Ein Berliner Liederabend, aber keiner wie sonst.

Dabei lief nicht alles glatt.

Debussys Bilitis-Lieder, formvollendet und von impressionistischer Vieldeutigkeit, klingen vielleicht zu sehr um die dunkel leuchtende Stimme der Joyce DiDonato zentriert. Ich denke bei diesem Soft-Porno in Liedform immer an pädophile Tendenzen innerhalb der französischen Intelligenzia („Er war 50, sie war 14…“).

Weniger überzeugend die Fünf Lieder Alma Mahlers, in denen DiDonato kaum als Interpretin zu greifen ist. Die US-Amerikanerin gibt subtil klangwogende Feinzeichnung (Bei dir ist es traut). Ich wünschte mir einen Zugang über die Dehmel-, Rilke-, Bierbaum-Texte. Ihr Deutsch klingt wie eine Wollsocke nach dem Kochwaschgang. Mehr Artikulation wagen. Übrigens, muss man Mahler zehn Mal hören, um diese Lieder zu schätzen?

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Adieu, bel dì in solitaria stanza: Sonya Yoncheva singt

Sonya Yoncheva singt im Großen Saal der Staatsoper Puccini, Martucci, Tosti, Verdi. Zuerst Lieder.

Für Tostis zauberisches L’ideale hat die Bulgarin den Ton der Sehnsucht und das Flehen intimen Vibratos. Giuseppe Martuccis Al folto bosco holt vergangenes Glück in gesungene Gegenwart zurück, und es überrascht überhaupt nicht, wenn die Sopranistin Martuccis schwelgerische Erinnerungsbeschwörung mit einer Prise Opernhaftigkeit garniert. So sinnig kann Programmdramaturgie sein: Tostis stanza solitaria („einsames Zimmer“) aus L’ideale taucht in Verdis In solitaria stanza von 1838, einer von sanftester Glut erfüllten Klage von kantablem Schwung, wieder auf. L’ultimo bacio, wieder von Tosti, wird in weichen Klangzauber gehüllt. Da stimmt Sonya Yoncheva ihr Instrument ganz auf amoroso-Wohllaut ein.

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