Staatskapelle Berlin: Thielemann + Levit finden den Herzrhythmus

Es ist das erste reguläre Konzert des neuen Generalmusikdirektoren der Staatsoper Berlin Unter den Linden. Ein solches Antrittskonzert gab es zuletzt Anfang der 90er.

Vorab gibts als easy konsumierbares Häppchen Elysium des Kanadiers Samy Moussa, der Klang kommt maximal von Elektra (oder von John Adams), der wummernde Inhalt von Götterdämmerung. Im Zentrum steht Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 2, das Igor Levit mit Ausdruck und leidenschaftlicher Genauigkeit anpackt – und mit hörbarer Gefühlsabdunklung. Danae Dörken spielte das Werk, das weder Virtuosenfutter noch Symphonie mit Soloinstrument sein will, vor Kurzem beim DSO eher trocken. Heute, mit Levit, klingt das zweite Thema zuerst streng wie Beethoven, dann schwärmerisch wie Schumann, doch zeigt sich Levits Spiel nie nur-expressiv, sondern stets auch Hirn-kontrolliert.

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Die Polinnen kommen: RSB und Gardolińska

Uwaga! Achtung, die Polinnen kommen. Zwischen Netrebko Unter den Linden vorgestern und Thielemann Staatskapelle übermorgen spielt das RSB im Konzerthaus.

Die erste Polin ist Grażyna Bacewicz (1909-1969). Ihre Ouvertüre von 1945 hat Schmiss, sechs Minuten kurz ist das, und es fängt an wie Die verkaufte Braut und hört auf wie Elektra. Die andere Polin ist die Dirigentin Marta Gardolińska, die sich energisch und empathiebereit an der Arbeit zeigt und beim 1. Violinkonzert op 35 von Szymanowski ganz klar ausschaut, als kennte sie das Stück aus- und inwendig. Während das Szymanowskikonzert so frisch und glühend wirkt, als wär die Uraufführung 1922 erst ein paar Wochen her.

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Camilla Nylund: die Kunst des Liederabends oder Wo die schwarzen Rosen blühen

Am Vortag Anna Netrebko, einen Tag später am gleichen Ort ein Liederabend mit Camilla Nylund.

Korngold (vier Lieder aus op 9) und Zemlinsky (Eichendorffs Waldgespräch) machen den Anfang. Dann kommt Berg und der ist außerordentlich. Nylunds Herangehensweise bei den 7 frühen Lieder ist instrumental. Zu unserem Glück. Kein peinliches Auspinseln von Ein Feuerlein rot/Knistert im Ofenloch zum biedermeierlichen Genrebild (ähm, Frau Fleming?). Bei Storms Trägt in der Hand den Sommerhut kein verschwörerisches Schäkern mit dem Saal. Bei Hauptmanns Trinke Seele! kein wolllüstiges Ineinssein mit dem Weltgeist des Fin de siècle. Im Gegenteil. Souverän platziert die Finnin die Lieder (1905-08) zwischen objektiviertem Ausdruck und Gefühl. Der Vortrag: kühl und dicht. Der Ton: weniger klassisch gerundet, doch reich, und mega easy groß genug für (nach der Pause) Strauss – und fein genug für den Dämmer von Im Arm der Liebe. So dargeboten, mit solch nacherzählender Sorgfalt, erhalten Bergs frühe, erst 1928 veröffentlichte Lieder eine stille, klassische Größe.

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Staatsoper Berlin Nabucco Premiere: Anna Netrebko faucht wie eine Diva

Endlich wieder Verdis Nabucco an der Staatsoper Berlin. Aber muss es so einer sein?

Es ist 1841. Giuseppe Verdi mischt in Nabucco (Wagner laboriert gerade am Fliegenden Holländer) alttestamentarische Wucht und Innigkeit der Kantilene, und selten füllte der Komponist den Grundbaustein der italienischen romantischen Oper – die Dreiheit aus einleitendem Rezitativ, gefühlsbetonter Arie und feuriger Cabaletta – mit solch sprühendem Leben. In Verdis dritter Oper steht weniger der titelgebende Nabucco, vielmehr dessen Tochter Abigaille im Zentrum eines Beziehungsvielecks, das Verdi kunstvoll zwischen Abigaille, dem Vater Nabucco, ihrem Ex Ismaele und der Schwester Fenena spannt. Für Abigaille, in Wahrheit Sklavin, mixen Verdi und sein Librettist Solera einen Affekt-Cocktail aus ruchlosem Machtstreben, Eifersucht und Hass. Und katapultieren ihre biblische Heroine so zuerst auf den Thron Nebukadnezars, um sie schließlich dem Reuetod zu überantworten. Der das doppelte lieto fine – die Rückkehr der Isrealiten und die Läuterung Nabuccos – von Verdis dramma lirico erst sinnfällig macht.

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Lise Davidsen: Tosca-Perspektiven

In der Staatsoper gibt es wieder die römische Tragödie Tosca in einer guten Besetzung. Zubin Mehta dirigiert, als gäbe es kein Morgen, die Staatskapelle liefert Schönheit und Weichheit ohne Süffigkeit, kostet Puccinis Leidenschaften locker flockig aus. Wenn schließlich Mehta die Details der Partitur in hinreißender Fülle aufblühen lässt, geschehen unterhalb der Ebene des Hauptmotivischen Feste des Instrumentalen. Nur der Schluss zerfließt wie Butter in der Sonne.

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Die Wildwest-Grundsicherung: Fanciulla del West mit Kampe+Young

Ist La Fanciulla del West (deutsch: Das Mädchen aus dem Goldenen Westen) Puccinis Problemoper? Die deutsche Kritik sah Puccini schon Anfang der 1920er „anregend zwischen süßem Schmachten und leidenschaftlichem Toben“ (Paul Bekker) pendeln. In jeder einzelnen Wild-West-Szene aus „Fanciulla“ steckt mehr Verismo als in der gesamten Künstlerpaartragödie Tosca, ganz zu schweigen vom Jugendstildrama Butterfly.

Brandon Jovanovichs sexy Schlaksigkeit konnotiert mehr elitäre Ostküste als staubigen Wilden Westen. Aber der US-Amerikaner singt die exponierten Stellen angestrengt und macht wenig Eindruck mit dem Arienhöhepunkt Ch’ella mi creda. In den Duetten läuft die Tenorstimme aber fabelhaft warm, besitzt genuine Tonschönheit und diesen echt italienischen, zurück auf Pinkerton (Butterfly) und vor auf Calaf (Turandot) weisenden erotismo.

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Erinnerungskultur in Es: Staatskapelle Rattle Bruckner 4.

Man kann das alles auch andersrum sehen. Die Sinfonie Nr. 4, die Simon Rattle dirigiert, dampft aus allen Poren wie ein Wiener Schnitzel aus Bocuses Bratpfanne: laut, schnell und unkoordiniert. In den ersten fünf Minuten kämpft die Staatskapelle Berlin mit Rattles Tempo.

Es hört sich definitiv anders an als ein Bruckner von Thielemann. Dennoch ist Rattles Bruckner sehr gut.

Zum Beispiel im ungewöhnlich intensiven Satz 1. Dichtstimmig navigiert die Staatskapelle durch Bruckners himmlisch schöne Mehrstimmigkeiten. In der Reprise bedrängen die Gegenstimmen dann die eigentlichen Themen (Celli beim Es-Dur-Thema, erste Geigen bei Thema 2).

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Der Rodelunfall als Kunstform: noch mal Strauss Intermezzo

Intermezzo ist die einzige Oper, in der ein Rodelunfall eine zentrale Rolle spielt – Tobias Kratzer macht an der DO daraus einen Autocrash mit Blechschaden.

Bei der Premiere war die Christine (Maria Bengtsson) eine Dame mit Stil und feinem Charme. Bei Flurina Stucki kommt unterm Temperament das Ordinäre heraus. So wie wenn Anna Smirnowa in Aida die Amneris verkörpert. Das tut der Strauss’schen Figur unrecht. Stucki, nächstes Jahr die Elsa, hat eine schwer-schöne Stimme, aber vom textverständlichen Parlando wäre mehr schön, vom leichten Schlingern des Soprans im Finale gegebenenfalls weniger. Bei den Herren versteht man jede Silbe, aber Blondel ist ein klanglich unnötig eindimensionaler Baron Lummer, und dem Dirigenten Storch von Philipp Jekal wünschte man ein Körnchen Hermann Prey in der Stimme. Szenisch ist bei Jekal aber jeder Zoll Extraklasse.

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Clara Schumann Klavierkonzert a-Moll: Beatrice Rana

Hier, heute kann man es hören.

Clara Schumanns 1835 vollendetes, zwanzigminütiges Klavierkonzert a-Moll op 7 besteht aus drei ineinander übergehenden Sätzen. Satz 1 interpretiert die Sonatenform überaus frei, Satz 3, polonaisenartig, folgt in etwa der Rondoform. Eine große Kadenz fehlt, stattdessen spielen im Mittelsatz nur Klavier und Solo-Cello. Bei den Konzerten der Berliner Philharmoniker ist Clara Schumanns Klavierkonzert zum ersten Mal zu hören.

Exponiert die maestoso-Orchestereinleitung im Allegro ihr a-Moll-Material (Fanfare & Marsch) noch forschkonventionell, so wirkt die Soloexposition schon als weitschweifende Variation dazu. Die Überraschung ist aber perfekt, als sich das zweite Thema als herzzerreißend lyrische Variante des Marschthemas entpuppt. Es folgt eine Spielepisode, irgendwann hat man das Gefühl von Durchführung, ein ben-marcato-Thema zieht vorüber, und was endlich, wenige Augenblicke vor Satzschluss, nach errungender Tonika tönt, explodiert als plötzliches E-Dur. Die Romanze (As-Dur), halb Lied ohne Worte, halb Worte ohne Melodie, dabei ganz ohne Orchester, wahrt eine messerscharfe Objektivität der Intimität, vielleicht ein Pfund, mit dem die 1830er – Chopin, Mendelssohn, Bellini – besonders gut wuchern konnten. Dass das Cello-Solo ohne Larmoyanz auskommt, liegt auch an den glasklaren Akkordumspielungen der Solistin, Triolen, Sextolen: Einbettungen des Intimen in hochartifizielle Kunst. Oh Biedermeier, hättest du nur immer diese Lust zum Wagnis gehabt.

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Die geschliffene Staatskapelle: Viotti, Kavakos summen Bartók, Dvořák

Baróks zweites Violinkonzert von 1939 ist inzwischen ein Klassiker. Uraufführung war in Amsterdam im März 39, acht Tage nach dem deutschen Einmarsch in Prag, Mengelberg stand am Pult, Székely spielte. In Berlin waren zuletzt grad die Großen damit zu hören: Zimmermann, Faust, im September kommt Kopatschinskaja. Ja, die Dreißiger setzten einen neuen Goldstandard für Violinkonzerte: Neben Bartók taten sich Szymanowski, Prokofjew, Hindemith, Berg und Schönberg hervor, just letzterer meinte bekanntlich, mittels Zwölftonmusik die Vorherrschaft der deutschen Musik für ein (weiteres) Jahrhundert gesichert zu haben.

Leonidas Kavakos Bartók 2. Violinkonzert Staatskapelle Berlin

Wie präsentieren sich bei Bartóks Zweitem die Themen? So zahlreich wie geschliffen scharf. Der Hypermodernist Bartók entrollt die Form schlackenlos, das Konzert gibt den Anschein so rückhaltloser Selbstsicherheit, dass der Komponist diese hinreißenden Spielepisoden einbauen konnte, und das ist virtuoser Hörgenuss von der G- bis zur E-Saite, ganz wie bei Prokofjews Violinkonzert Nr. 2 kurz zuvor.

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Schluppenschuh, Pelzzottel, Singstimme: Violetter Schnee

Beat Furrers zeitgenössische Oper Violetter Schnee hat starke Seiten. Der Text gehört nicht dazu. Denn die Handlung – fünf Menschen bibbern sich in einem Wintersturm von der Außenwelt abgeschnitten ihrem Untergang entgegen – kultiviert vor allem eines: Vagheit. Statt Konflikte, Zoff und Zoten sieht der Zuschauer ein bald zweistündiges Katastrophenbetroffenheitsstück (Uraufführungspremiere: 2019).

Dabei ist Furrers beherzter Griff zum Eis- und Kältethema gar nicht so kühn, schon in der ersten Hälfte der Zehnerjahre komponierte Miroslav Srnka für München die Amundsen-Oper Southpole, manche inszenatorisch runtergekühlte Produktion, besonders gerne bei Janáček, folgte. Dauerfrost und Frieren auf den Bühnenbrettern, das ist en vogue, fast so, wie es Polarkreuzfahrten sind.

Beat Furrer Violetter Schnee Staatsoper Berlin Anna Prohaska

Die Malaise an der Staatsoper ist aber, dass sich die Personen, Jan und Peter, Natascha und Silvia (Anna Prohaska silbenklar im Hänge-Unterkleid) sowie Jacques, nicht aus den Fängen des blutleeren Librettos (Händl Klaus) zu lösen vermögen, und das (das Libretto) klingt bisweilen wie dilettantische Huchel-Nachfolge der 70er. Die Regie von Claus Guth mag visuell dominieren, doch das Bühnenbild ist nicht nur für Freunde von M. C. Escher ein Traum, und die in Schluppenschuh und Pelzzottel in Superzeitlupe durch den Bühnenraum schwebenden Renaissancezeit-Jäger Brueghels scheinen plötzlich realer (!) als das Furrer-Händl’sche Bühnenpersonal.

Der Moment, in dem man sich genau dessen bewusst wird, lohnt das Kommen.

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Witten 2024

Es ist die 56. Ausgabe der Wittener Tage für neue Kammermusik. „Witten 2024“ versammelt 14 Konzerte zu einer konzentrierten Rundumschau der Neuen Musik mit Schwerpunkten bei Italien und Nordamerika. Francesca Verunelli ist Festivalskomponistin 2024, aus Kanada und den USA kommen Stücke von Raven Chacon, Liza Lim, Thierry Tidrow und George Lewis. Zweiter Achsenpunkt: Werke für Blechbläser, interpretiert von Marcel Blaauw und dem Ensemble The Monochrome Project.

1. Tag: Djordjević, Lange/Berweck/Lorenz, Seidl, Dohmen, In margine, Kubisch, Jodlowski, Kessler

Monochrome lightblue darkness von Milica Djordjević heißt denn auch ein Stück für acht Trompeten. Es verteilt ein einziges Timbre über neun Minuten. Zu beobachten, wie der dergestalt monochrome Oktettklang an Färbung, lebendiger Tiefe und artikulatorischer Schärfe gewinnt, macht hier den spezifischen Reiz aus. Das Kurzwerk wirkt aufgrund seiner Konzentration klassisch. Ob es nun hellblaue Dunkelheit ausstrahlt, sei dahingestellt. Interpreten sind das Trompetenkollektiv Monochrome Project. In Hannes Seidls Unfinished Circles hockt jeder Spieler eines Streichquartetts (in Witten das Arditti Quartet) in einer holzgerahmten, dezent von unten ausgeleuchteten Glasvitrine.

Alle Fotos: © WDR / Claus Langer
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Deutsche Oper Berlin: Premiere Intermezzo Tobias Kratzer

Intermezzo ist Strauss‘ zehnte Oper. Dass sie selten gespielt wird, ist nicht übertrieben. Den plauderfreudigen Zweiakter, der im Nach-Inflationsjahr 1924 in Dresden Premiere hatte, dirigiert von Adolf Busch und mit Lotte Lehmann als Christine, inszeniert Tobias Kratzer jetzt an der Deutschen Oper Berlin pointenreich zupackend. Ungewöhnlich für Strauss: Das Libretto stammt vom Komponisten. Nach der wuchtigen Frau ohne Schatten (vollendet 1917) waren Gegenwart und flinkes Parlando angesagt.

In Intermezzo dreht sich alles um das Ehepaar Storch. Die bilden ein bestens funktionierendes dysfunktionales Traumpaar. Man zankt sich, weil man sich liebt. Immer und überall. Er leidet ein bisschen mehr. Sie, Christine, attackiert mit mehr Gusto. Weil er, Robert, aus besserer Familie stammt. Weil sie diesen Charakter hat: launisch, temperamentvoll, chaotisch, aber auch „recht frisch und pikant“, wie man bei der berühmten Skatrunde im 2. Akt erläutert. Er, der Dirigent, ist nicht ohne gefährlichen Dünkel, aber gutmütig. Intermezzo ist also eine Ehealltagsoper – aber in einem wohlhabenden Haushalt. Man hat Dienstpersonal, wobei die Kammerjungfer Anna (patent Anna Schoeck) mehr oder weniger unwillig die Hausherrin erträgt.

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Soddy, Bieito & Co: Neues vom Schwanenritter

Lang ist es her. Die Inszenierung von Calixto Bieito gefiel mir bei der Streamingpremiere 2020. Jetzt verärgert sie. Es gibt gutes Regietheater (Castorfs Forza an der DO, trotz Indio-Rezitat) und schlechtes Regietheater. Dies ist schlechtes. Hat der Brug also recht gehabt.

Hier kommt tatsächlich alles zusammen, die fantasielos nackte Bühne, das blendende Neonlicht, die Requisitenläpperei (der Blumentopf), das Hochhalten von beschrifteten Plakaten (das war vor 2000 richtig geil, bei Neuenfels), die Zappelattacken des Chors, die Videos. Aber es läuft wenig zusammen. Was bei Tscherniakows Ring gewitzt wirkt, nämlich das Ignorieren von Librettoanweisungen, wirkt beim neuen Staatsopern-Lohengrin ärmlich.

 Vida Miknevičiūtė, Klaus Florian Vogt, Lohengrin, Berlin

Sogar bei Hochzeitsmarsch mitsamt Brautjungfern lässt man den Vorhang unten, denn Sarah Derendinger präsentiert mit toughem Selbstbewusstsein ein Video, auf dem eine Schwarze, hold frei benippelt, einen Schwan gebiert. Dafür sind die Jungfern kaum hörbar. Geradezu deplorabel erscheint die Statik der Personenführung. Der Chor steht. Ortrud sitzt. Lohengrin steht. Dass Bieito das vielschichtiger kann, bewies er im Herbst bei Aida.

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