Die Wildwest-Grundsicherung: Fanciulla del West mit Kampe+Young

Ist La Fanciulla del West (deutsch: Das Mädchen aus dem Goldenen Westen) Puccinis Problemoper? Die deutsche Kritik sah Puccini schon Anfang der 1920er „anregend zwischen süßem Schmachten und leidenschaftlichem Toben“ (Paul Bekker) pendeln. In jeder einzelnen Wild-West-Szene aus „Fanciulla“ steckt mehr Verismo als in der gesamten Künstlerpaartragödie Tosca, ganz zu schweigen vom Jugendstildrama Butterfly.

Brandon Jovanovichs sexy Schlaksigkeit konnotiert mehr elitäre Ostküste als staubigen Wilden Westen. Aber der US-Amerikaner singt die exponierten Stellen angestrengt und macht wenig Eindruck mit dem Arienhöhepunkt Ch’ella mi creda. In den Duetten läuft die Tenorstimme aber fabelhaft warm, besitzt genuine Tonschönheit und diesen echt italienischen, zurück auf Pinkerton (Butterfly) und vor auf Calaf (Turandot) weisenden erotismo.

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Erinnerungskultur in Es: Staatskapelle Rattle Bruckner 4.

Man kann das alles auch andersrum sehen. Die Sinfonie Nr. 4, die Simon Rattle dirigiert, dampft aus allen Poren wie ein Wiener Schnitzel aus Bocuses Bratpfanne: laut, schnell und unkoordiniert. In den ersten fünf Minuten kämpft die Staatskapelle Berlin mit Rattles Tempo.

Es hört sich definitiv anders an als ein Bruckner von Thielemann. Dennoch ist Rattles Bruckner sehr gut.

Zum Beispiel im ungewöhnlich intensiven Satz 1. Dichtstimmig navigiert die Staatskapelle durch Bruckners himmlisch schöne Mehrstimmigkeiten. In der Reprise bedrängen die Gegenstimmen dann die eigentlichen Themen (Celli beim Es-Dur-Thema, erste Geigen bei Thema 2).

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Der Rodelunfall als Kunstform: noch mal Strauss Intermezzo

Intermezzo ist die einzige Oper, in der ein Rodelunfall eine zentrale Rolle spielt – Tobias Kratzer macht an der DO daraus einen Autocrash mit Blechschaden.

Bei der Premiere war die Christine (Maria Bengtsson) eine Dame mit Stil und feinem Charme. Bei Flurina Stucki kommt unterm Temperament das Ordinäre heraus. So wie wenn Anna Smirnowa in Aida die Amneris verkörpert. Das tut der Strauss’schen Figur unrecht. Stucki, nächstes Jahr die Elsa, hat eine schwer-schöne Stimme, aber vom textverständlichen Parlando wäre mehr schön, vom leichten Schlingern des Soprans im Finale gegebenenfalls weniger. Bei den Herren versteht man jede Silbe, aber Blondel ist ein klanglich unnötig eindimensionaler Baron Lummer, und dem Dirigenten Storch von Philipp Jekal wünschte man ein Körnchen Hermann Prey in der Stimme. Szenisch ist bei Jekal aber jeder Zoll Extraklasse.

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Clara Schumann Klavierkonzert a-Moll: Beatrice Rana

Hier, heute kann man es hören.

Clara Schumanns 1835 vollendetes, zwanzigminütiges Klavierkonzert a-Moll op 7 besteht aus drei ineinander übergehenden Sätzen. Satz 1 interpretiert die Sonatenform überaus frei, Satz 3, polonaisenartig, folgt in etwa der Rondoform. Eine große Kadenz fehlt, stattdessen spielen im Mittelsatz nur Klavier und Solo-Cello. Bei den Konzerten der Berliner Philharmoniker ist Clara Schumanns Klavierkonzert zum ersten Mal zu hören.

Exponiert die maestoso-Orchestereinleitung im Allegro ihr a-Moll-Material (Fanfare & Marsch) noch forschkonventionell, so wirkt die Soloexposition schon als weitschweifende Variation dazu. Die Überraschung ist aber perfekt, als sich das zweite Thema als herzzerreißend lyrische Variante des Marschthemas entpuppt. Es folgt eine Spielepisode, irgendwann hat man das Gefühl von Durchführung, ein ben-marcato-Thema zieht vorüber, und was endlich, wenige Augenblicke vor Satzschluss, nach errungender Tonika tönt, explodiert als plötzliches E-Dur. Die Romanze (As-Dur), halb Lied ohne Worte, halb Worte ohne Melodie, dabei ganz ohne Orchester, wahrt eine messerscharfe Objektivität der Intimität, vielleicht ein Pfund, mit dem die 1830er – Chopin, Mendelssohn, Bellini – besonders gut wuchern konnten. Dass das Cello-Solo ohne Larmoyanz auskommt, liegt auch an den glasklaren Akkordumspielungen der Solistin, Triolen, Sextolen: Einbettungen des Intimen in hochartifizielle Kunst. Oh Biedermeier, hättest du nur immer diese Lust zum Wagnis gehabt.

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Die geschliffene Staatskapelle: Viotti, Kavakos summen Bartók, Dvořák

Baróks zweites Violinkonzert von 1939 ist inzwischen ein Klassiker. Uraufführung war in Amsterdam im März 39, acht Tage nach dem deutschen Einmarsch in Prag, Mengelberg stand am Pult, Székely spielte. In Berlin waren zuletzt grad die Großen damit zu hören: Zimmermann, Faust, im September kommt Kopatschinskaja. Ja, die Dreißiger setzten einen neuen Goldstandard für Violinkonzerte: Neben Bartók taten sich Szymanowski, Prokofjew, Hindemith, Berg und Schönberg hervor, just letzterer meinte bekanntlich, mittels Zwölftonmusik die Vorherrschaft der deutschen Musik für ein (weiteres) Jahrhundert gesichert zu haben.

Leonidas Kavakos Bartók 2. Violinkonzert Staatskapelle Berlin

Wie präsentieren sich bei Bartóks Zweitem die Themen? So zahlreich wie geschliffen scharf. Der Hypermodernist Bartók entrollt die Form schlackenlos, das Konzert gibt den Anschein so rückhaltloser Selbstsicherheit, dass der Komponist diese hinreißenden Spielepisoden einbauen konnte, und das ist virtuoser Hörgenuss von der G- bis zur E-Saite, ganz wie bei Prokofjews Violinkonzert Nr. 2 kurz zuvor.

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Schluppenschuh, Pelzzottel, Singstimme: Violetter Schnee

Beat Furrers zeitgenössische Oper Violetter Schnee hat starke Seiten. Der Text gehört nicht dazu. Denn die Handlung – fünf Menschen bibbern sich in einem Wintersturm von der Außenwelt abgeschnitten ihrem Untergang entgegen – kultiviert vor allem eines: Vagheit. Statt Konflikte, Zoff und Zoten sieht der Zuschauer ein bald zweistündiges Katastrophenbetroffenheitsstück (Uraufführungspremiere: 2019).

Dabei ist Furrers beherzter Griff zum Eis- und Kältethema gar nicht so kühn, schon in der ersten Hälfte der Zehnerjahre komponierte Miroslav Srnka für München die Amundsen-Oper Southpole, manche inszenatorisch runtergekühlte Produktion, besonders gerne bei Janáček, folgte. Dauerfrost und Frieren auf den Bühnenbrettern, das ist en vogue, fast so, wie es Polarkreuzfahrten sind.

Beat Furrer Violetter Schnee Staatsoper Berlin Anna Prohaska

Die Malaise an der Staatsoper ist aber, dass sich die Personen, Jan und Peter, Natascha und Silvia (Anna Prohaska silbenklar im Hänge-Unterkleid) sowie Jacques, nicht aus den Fängen des blutleeren Librettos (Händl Klaus) zu lösen vermögen, und das (das Libretto) klingt bisweilen wie dilettantische Huchel-Nachfolge der 70er. Die Regie von Claus Guth mag visuell dominieren, doch das Bühnenbild ist nicht nur für Freunde von M. C. Escher ein Traum, und die in Schluppenschuh und Pelzzottel in Superzeitlupe durch den Bühnenraum schwebenden Renaissancezeit-Jäger Brueghels scheinen plötzlich realer (!) als das Furrer-Händl’sche Bühnenpersonal.

Der Moment, in dem man sich genau dessen bewusst wird, lohnt das Kommen.

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Witten 2024

Es ist die 56. Ausgabe der Wittener Tage für neue Kammermusik. „Witten 2024“ versammelt 14 Konzerte zu einer konzentrierten Rundumschau der Neuen Musik mit Schwerpunkten bei Italien und Nordamerika. Francesca Verunelli ist Festivalskomponistin 2024, aus Kanada und den USA kommen Stücke von Raven Chacon, Liza Lim, Thierry Tidrow und George Lewis. Zweiter Achsenpunkt: Werke für Blechbläser, interpretiert von Marcel Blaauw und dem Ensemble The Monochrome Project.

1. Tag: Djordjević, Lange/Berweck/Lorenz, Seidl, Dohmen, In margine, Kubisch, Jodlowski, Kessler

Monochrome lightblue darkness von Milica Djordjević heißt denn auch ein Stück für acht Trompeten. Es verteilt ein einziges Timbre über neun Minuten. Zu beobachten, wie der dergestalt monochrome Oktettklang an Färbung, lebendiger Tiefe und artikulatorischer Schärfe gewinnt, macht hier den spezifischen Reiz aus. Das Kurzwerk wirkt aufgrund seiner Konzentration klassisch. Ob es nun hellblaue Dunkelheit ausstrahlt, sei dahingestellt. Interpreten sind das Trompetenkollektiv Monochrome Project. In Hannes Seidls Unfinished Circles hockt jeder Spieler eines Streichquartetts (in Witten das Arditti Quartet) in einer holzgerahmten, dezent von unten ausgeleuchteten Glasvitrine.

Alle Fotos: © WDR / Claus Langer
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Deutsche Oper Berlin: Premiere Intermezzo Tobias Kratzer

Intermezzo ist Strauss‘ zehnte Oper. Dass sie selten gespielt wird, ist nicht übertrieben. Den plauderfreudigen Zweiakter, der im Nach-Inflationsjahr 1924 in Dresden Premiere hatte, dirigiert von Adolf Busch und mit Lotte Lehmann als Christine, inszeniert Tobias Kratzer jetzt an der Deutschen Oper Berlin pointenreich zupackend. Ungewöhnlich für Strauss: Das Libretto stammt vom Komponisten. Nach der wuchtigen Frau ohne Schatten (vollendet 1917) waren Gegenwart und flinkes Parlando angesagt.

In Intermezzo dreht sich alles um das Ehepaar Storch. Die bilden ein bestens funktionierendes dysfunktionales Traumpaar. Man zankt sich, weil man sich liebt. Immer und überall. Er leidet ein bisschen mehr. Sie, Christine, attackiert mit mehr Gusto. Weil er, Robert, aus besserer Familie stammt. Weil sie diesen Charakter hat: launisch, temperamentvoll, chaotisch, aber auch „recht frisch und pikant“, wie man bei der berühmten Skatrunde im 2. Akt erläutert. Er, der Dirigent, ist nicht ohne gefährlichen Dünkel, aber gutmütig. Intermezzo ist also eine Ehealltagsoper – aber in einem wohlhabenden Haushalt. Man hat Dienstpersonal, wobei die Kammerjungfer Anna (patent Anna Schoeck) mehr oder weniger unwillig die Hausherrin erträgt.

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Soddy, Bieito & Co: Neues vom Schwanenritter

Lang ist es her. Die Inszenierung von Calixto Bieito gefiel mir bei der Streamingpremiere 2020. Jetzt verärgert sie. Es gibt gutes Regietheater (Castorfs Forza an der DO, trotz Indio-Rezitat) und schlechtes Regietheater. Dies ist schlechtes. Hat der Brug also recht gehabt.

Hier kommt tatsächlich alles zusammen, die fantasielos nackte Bühne, das blendende Neonlicht, die Requisitenläpperei (der Blumentopf), das Hochhalten von beschrifteten Plakaten (das war vor 2000 richtig geil, bei Neuenfels), die Zappelattacken des Chors, die Videos. Aber es läuft wenig zusammen. Was bei Tscherniakows Ring gewitzt wirkt, nämlich das Ignorieren von Librettoanweisungen, wirkt beim neuen Staatsopern-Lohengrin ärmlich.

 Vida Miknevičiūtė, Klaus Florian Vogt, Lohengrin, Berlin

Sogar bei Hochzeitsmarsch mitsamt Brautjungfern lässt man den Vorhang unten, denn Sarah Derendinger präsentiert mit toughem Selbstbewusstsein ein Video, auf dem eine Schwarze, hold frei benippelt, einen Schwan gebiert. Dafür sind die Jungfern kaum hörbar. Geradezu deplorabel erscheint die Statik der Personenführung. Der Chor steht. Ortrud sitzt. Lohengrin steht. Dass Bieito das vielschichtiger kann, bewies er im Herbst bei Aida.

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Tosca: Yoncheva, Calleja, Maestri

Dialektisches Tosca-Pech Unter den Linden: Joseph Calleja ist nicht bei Stimme. Der Tenor markiert die Höhen nur, und wenn er im Duett des dritten Akts das Unisono Trionfal, di nova speme voll aussingt, so staubt es im Großen Saal wie Rostbruch. Mitte und Tiefe füllen dennoch mühelos den Saal. Die Stimme hat sogar mehr Charme und Seele. Vor zweieinhalb Wochen sang sich Calleja unsensibel muskulös, ja lustlos durch Puccinis römische Künstlertragödie. Heute wird in der Not der Indisposition gefühlvoll phrasiert, der tenorale Messingglanz zu reifer Bronze abgeblendet.

Repušić markiert am Pult köstlichen Streicherklang. Das Dirigat ist sehr gut. Die Staatskapelle gestaltet Drama ohne Showeffekte und (in den Genreszenen, Mesner im 1., Hirte im 3. Akt) blühendes Detail ohne Fin-de-siècle-Nepp. Freilich überzeugt der wie ein gefallener Engel lächelnde Ambrogio Maestri im Porträt des ersten Polizisten Roms: aufregend Maestris Eleganz des Bösen, fast noch packender die kalkulierte Gemütlichkeit des Verhörstrategen.

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RSB: KV503+Helmchen, Boris Ljatoschinski 3. Sinfonie

Das ist ein guter Abend mit dem RSB und Jurowski im Konzerthaus.

Am späten Klavierkonzert C-Dur von Mozart, das Wladimir Jurowski und das RSB spielen, kann einem vieles auffallen, heute Abend aber besonders die imponierende Selbstverständlichkeit der Abläufe, und wie rätselhaft dicht sich „symphonisch“ und „solistisch“ durchdringen. Auch im ausdruckssatt klangströmenden Andante.

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Götterdämmerung: Schager, Kampe, Jordan

Was die Regie von Tscherniakow angeht, ist Götterdämmerung wohl der am wenigsten zwingende Teil der Tetralogie. Die Eber-Jagd des dritten Akts durch Firmensport zu ersetzen wirkt beliebig. Für die zentrale Waltrautenszene (Violeta Urmana mythisch gut) muss sich der Zuschauer mit statischem Sofasitzen begnügen, und die Szene, in der die Rheintöchter (geduldig streng mit Siegfried: Ekaterina Chayka-Rubinstein, Natalia Skrycka, Evelin Novak) den topfitten Siegfried einem Gesundheitscheck mit anschließender Lebensberatung unterziehen, hängt genauso in der Luft wie zuvor die Zusammenkunft der Nornen, wo die Nornen in Stützstrümpfen und eisgrauen Haartürmen trippeln.

Götterdämmerungsbesetzunglistenaushang
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Siegfried: Kampe, Schager, Kränzle, Jordan

Die „Märchenoper“ Siegfried (Dahlhaus) scheint, was Handlung und Personal angeht, spröder als Walküre oder Götterdämmerung. Siegfried, das Musikdrama, ist mehr Märchen als Drama. Zwei Sphären bestimmen die Oper, Menschenwelt und Mythos. Die Zukunft gehört ersterer: Siegfried tötet den letzten der Riesen und jenen Zwerg, der seiner Wälsungenmutter rettendes Obdach gewährte.

Anja Kampe singt die Siegfried-Brünnhilde mit Wärme und Elastizität und klingt souveräner als zur Premiere, Kampe scheint genau zu wissen, was sie kann. Zu den glanzvollen Akkorden der Weltbegrüssung (Wolzogen, 1878) von Heil dir, Licht vernimmt man nun sogar eine erste zarte Spur von genuinem Pathos. Den Oktavsprung auf das hohe C auf Leuchtend aus O Siegfried! Leuchtender Spross bekommen live nur wenige so gut hin wie Kampe in der Staatsoper Berlin 2024.

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Mehta bei der Staatskapelle

Zwischen Walküre und Siegfried bieten die diesjährigen Festtage der Staatsoper Unter den Linden eine Achte von Bruckner. Den gemächlich das Podium ersteigenden Zubin Mehta wird man nicht allzu oft mehr hören können. Eben dadurch erhält die Aufführung in der Philharmonie ihre Bedeutung, nicht minder aber dadurch, dass Mehta Bruckners späte c-Moll-Sinfonie stets besonders schätzte. In den 10er-Jahren wurde ihm bei den Philharmonikern gleich zweimal die „Achte“ anvertraut.

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Walküre: Jordan, Mahnke, Kampe, Konieczny, Pape

Festtage ohne Barenboim und Thielemann, dafür mit Philippe Jordan.

Das in Rheingold gezeigte Konzept eines lichtalbischen Forschungsinstituts, in dessen Untergeschossen die Nibelungen als bildungsfernes Forscherprekariat hausen, wird in den folgenden drei Tagen der Tetralogie locker (d. h. ohne interpretatorischen Übereifer!) fort- und weitergeführt.

Ist Die Walküre, wo die Wälsungentragödie unter entscheidender Mithilfe der Götter ihren unheilvollen Lauf nimmt, auch das populärste der vier Ringdramen, so wirkt der abrupte Wechsel zwischen leidenschaftlicher Liebesgeschichte und wortreichen Wotanszenen immer wieder problematisch – unter diesem Aspekt scheint die Götterdämmerung, wo der Göttermythos nur noch in der Nornenszene und im Brand Walhallas präsent ist, trotz größerer Länge geschlossener.

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