Die „Märchenoper“ Siegfried (Dahlhaus) scheint, was Handlung und Personal angeht, spröder als Walküre oder Götterdämmerung. Siegfried, das Musikdrama, ist mehr Märchen als Drama. Zwei Sphären bestimmen die Oper, Menschenwelt und Mythos. Die Zukunft gehört ersterer: Siegfried tötet den letzten der Riesen und jenen Zwerg, der seiner Wälsungenmutter rettendes Obdach gewährte.
Anja Kampe singt die Siegfried-Brünnhilde mit Wärme und Elastizität und klingt souveräner als zur Premiere, Kampe scheint genau zu wissen, was sie kann. Zu den glanzvollen Akkorden der Weltbegrüssung (Wolzogen, 1878) von Heil dir, Licht vernimmt man nun sogar eine erste zarte Spur von genuinem Pathos. Den Oktavsprung auf das hohe C auf Leuchtend aus O Siegfried! Leuchtender Spross bekommen live nur wenige so gut hin wie Kampe in der Staatsoper Berlin 2024.
Zwischen Walküre und Siegfried bieten die diesjährigen Festtage der Staatsoper Unter den Linden eine Achte von Bruckner. Den gemächlich das Podium ersteigenden Zubin Mehta wird man nicht allzu oft mehr hören können. Eben dadurch erhält die Aufführung in der Philharmonie ihre Bedeutung, nicht minder aber dadurch, dass Mehta Bruckners späte c-Moll-Sinfonie stets besonders schätzte. In den 10er-Jahren wurde ihm bei den Philharmonikern gleich zweimal die „Achte“ anvertraut.
Festtage ohne Barenboim und Thielemann, dafür mit Philippe Jordan.
Das in Rheingold gezeigte Konzept eines lichtalbischen Forschungsinstituts, in dessen Untergeschossen die Nibelungen als bildungsfernes Forscherprekariat hausen, wird in den folgenden drei Tagen der Tetralogie locker (d. h. ohne interpretatorischen Übereifer!) fort- und weitergeführt.
Ist Die Walküre, wo die Wälsungentragödie unter entscheidender Mithilfe der Götter ihren unheilvollen Lauf nimmt, auch das populärste der vier Ringdramen, so wirkt der abrupte Wechsel zwischen leidenschaftlicher Liebesgeschichte und wortreichen Wotanszenen immer wieder problematisch – unter diesem Aspekt scheint die Götterdämmerung, wo der Göttermythos nur noch in der Nornenszene und im Brand Walhallas präsent ist, trotz größerer Länge geschlossener.
Tscherniakows Ringinszenierung schwelgt in repräsentativer Instituts-Innenarchitektur, die mal aus der DDR, mal aus der BRD zu stammen scheint. Dank Hebebühne wird die in ein eifrig rotierendes Stockwerksystem eingeschachtelt – wo dann eine biedere, opportunistische Forscherkaste rund um Lichtalbe Wotan haust. Regisseur und Bühnenbildner Tscherniakow schafft es sogar, dass die allenthalben eingesetzten Retroeffekte modern wirken. Naturgewalten haben nur als Partygimmick (Donners Gewitter, Frohs Regenbogen) überlebt – infantil mimetisch wie ein Emoticon. Auf der Bühne selbst herrschen pittoresk die 70er und 80er.
Passend steckt der Wotan von Tomasz Konieczny in kostümköstlich karierter Feinstoffhose (als DDR-Poser?). Leider pflegt Konieczny einen zähnefletschend blechernen, obendrein hellengen Ton. Deklamiert wird trocken: der Pole als German rasper. Abendlich strahlt der Sonne tönt wenig wagnerwürdig und ganz wie bei Hindemith: Tonschönheit ist Nebensache. Nicht einmal die Tatsache, dass Koniecznys metallig schallstarke Baritonhöhe beeindruckende Stärkegrade erreicht, vermag mit diesem Wotanporträt zu versöhnen.
Ein Samstagabendkonzert mit idealem Programm und halbidealem Ertrag.
Jungdirigent Tarmo Peltokoski hat den Turbo im Leib. Aber es klingt ruppig und wie mit dem Lineal gezogen. Peltokoski hat wenig Lust auf Nebenwerte.
Im Klavierkonzert Nr. 2 von Prokofjew, der nach seinem Geburtsort Sonizwka Ukrainer ist, feuert die rechte Hand virtuoses Skalenglitzer ab, während die Linke akkordische Schwerstarbeit verrichtet. Die Wucht des Repriseneintritts im ersten Satz ist unübertroffen, der Folklore-Chic à la Sacre du Printemps im vierten ödet an. Im zweiten Satz bleibt die Frage, wer wen beherrscht, das Klavier das Orchester oder das Orchester das Klavier, unentschieden. Jan Lisiecki brilliert beim listzschen Übertrumpfungs-Furor der ersten Kadenz, aber auch hier ist mehr Ruppigkeit als Zauber. Lässt die Bearbeitung von 1923 den Klavierpart von 1913 unangetastet?
Hauptstück des Konzertabends ist Sibelius‘ erstaunliche Lemminkäinensuite. Das vierteilige Werk steht zwischen Böcklins Toteninsel und Wagners Jung-Siegfried. Bester Satz ist nicht der Schwan von Tuonela, sondern der kolossale dritte. Peltokoski spart an Charme, aber nicht an Tempo. Sibelius‘ Stil umfasst bereits 1895 pathetische Posauneneinsätze und verschleierte Höhepunkte. Dirigieroptisch ist Peltokoski (ein bisserl hölzerner) Theatraliker.
Von der 2023 verstorbenen finnischen Komponistin Kaaja Saariaho erklingt zu Beginn Ciel d’hiver, und wenn man an diesem zugigen Vorfrühlingstag überhaupt an nordische „Winterhimmel“ erinnert werden will, dann von Saariaho. Das neunminütige Werk gehört zu den zahllosen Weltallstücken der Neuen Musik. Vage an Sibelius‘ Lemminkäinenmusik erinnernd, segelt die Edel-Tonstudie hart am Kitsch-Wind.
Ein Dvořák-Abend mit der Staatskapelle Berlin zu frühabendlichen 19 Uhr. Dazu eines der drei schönsten romantischen Klavierkonzerte überhaupt.
Lang Lang hält in Saint-Saëns‘ Klavierkonzert Nr. 2 den melodiesatten ersten Satz fern von Impressionismus. Langs pianistische Energie hat eine gewisse Nervosität von Tempo und Linie zur Folge. Was der hinreißenden Klarheit seiner Interpretation eine romantisierende Ebene einzieht, sehr zum Vorteil von Lang Langs Saint-Saëns-Deutung. Sensationell sind die Laut-leise-Abschattierungen – insbesondere beim 2. Thema von Satz 1 (dolce) – bei stupender Klarheit des Passagenspiels. Das knappe Rubato bleibt stets an den Sinn der Phrasierung gebunden. Will sagen, Ausdruck kommt im Untern-Linden-Hier-und-Heute nicht aus Gefühligkeit, sondern aus den Noten.
Zwischen Rusalka-Premiere und Dvořák-9. beim Staatskapellenkonzert lädt die Staatsoper zum Dvořák-Liederabend. Gesungen wird im Apollo gewidmeten Doppelsäulensaal Unter den Linden Berühmtes und weniger Berühmtes aus Dvořáks überaus reichem Liedschaffen. Anders als bei Schubert, Schumann, Brahms, Wolf kennt man die Gedichte nicht. Gesungen wird auf Tschechisch. Das heißt mehr Hören als Verstehen.
Večerní písně (Abendlieder) verteilen sich auf drei Opera, op. 3, op. 9 und op. 31. Es rollen die Melodien, es wiegen die Harmonien, es spannt der Gesang die Flügel. Wie in der Traumschilderung Mně zdálo se žes umřela („Mir träumte, du wärst tot“). Zauberhaft der leichte melodische Fluss von Vy malí, drobní ptáčkové („Ihr kleinen, winzigen Vögel“), einem koketten Allegretto als scherzhafte Liebesklage. Natalia Skryckas Singen kommt aus kantabler Fülle, die volle Mezzostimme wird innig expressiv geführt, die Lieder erhalten je ihr eigenes gestisch-dramatisches „Gesicht“, ihr eigenes Aufblühen und Verlöschen.
Österreich in den 1860ern: Der Maler Waldmüller lebt bis 1865, der Schriftsteller Stifter bis 1868, der Dramatiker Grillparzer gar bis 1872. Sissi und Franz Joseph urlauben in Ischgl. Und in der Nach-Schumann-Ära der 1860er schreiben Robert Volkmann, Joachim Raff, Max Bruch, Saint-Saëns, Dvořák und der Oberösterreicher Anton Bruckner Sinfonien. Bruckner komponiert in diesem Jahrzehnt deren drei, die „Studiensinfonie“ f-Moll, die 1. Sinfonie c-Moll, die „annullierte“ Sinfonie in d-Moll.
Jetzt spielen die Berliner Philharmoniker unter Thielemann f-Moll- und d-Moll-Sinfonie.
Philharmonische Glocken 2024
Bei Thielemann klingt die Sinfonie f-Moll von 1863 episodisch kleinteilig und antimonumental, pittoresk gelockert beim lyrischen Thema. Bei Überleitungspassagen demonstriert Christian Thielemann einen Bruckner aus Haydns Händen.
Ist die Zeit der unzeitgemäßen Klavierkonzerte gekommen? Letzte Saison war gleich zwei Mal das heftige Klavierkonzert von Reger zu hören, einmal unter Metzmacher, einmal unter Janowski. In der Philharmonie stellt jetzt das DSO das Klavierkonzert op. 39 von Busoni zur Diskussion, nachdem Pappano und Levit mit dem zumutenden Werk schon das Musikfest 2022 bereicherten.
Ferruccio Busoni, Wahl-Berliner seit 1894, schafft 1904 eine fünfteilige Konzertanlage: Zwei extrovertierte Scherzo-Sätze (Pezzo giocoso und All’Italia) rahmen ein riesenhaftes, in vier Abschnitte geteiltes Andante (Pezzo serioso). Dazu kommen zu Beginn ein von einem solenne-Thema ausgehendes Allegro und als Beschluss das in einen feierlichen Männerchor mündende Largamente über ein dänisches Aladingedicht aus der Goethezeit. Was man kaum für möglich hält: Im Saal, musiziert, live, hält das Werk, was das überladene Konzept eigentlich nicht verspricht. Von Hyperernst durchdrungen, von Schönheit gehalten bis zum Chorfinale (Herren des Rundfunkchors unheimlich beeindruckend), von Ironie durchblitzt, ist Busoni hier etwas hybrid Musikfaszinierendes gelungen.
Die Tragische Ouvertüre von Brahms ist nicht so interessant – es sei denn, die Wiener Philharmoniker spielen sie Unter den Linden. Überdies haben in der deutschen bzw. österreichischen Musik der 1860er und -70er Robert Volkmann oder Karl Goldmark schönere Fünfzehnminüter geschrieben. Wegen Brahms flog Liszt aus dem Programm – vermutlich ein Fehler. Die Philharmoniker servieren viele Nebentöne aber keine Haupttöne.
Gegen das erste Violinkonzert des Polen Karol Szymanowski gibt es generell wenig zu sagen. Leider wirkt es heuer blass. Es liegt auch an Lisa Batiaschwili, deren Geigenlinien so schmiegsam schön sind, dass sie den Leidenschaftsattacken des Werks jede Erdenschwere nehmen.
Antonín Dvořáks Rusalka feiert erfolgreich Premiere – mit deftigen Buhs. Kornél Mundruczó, dessen Sleepless-Inszenierung am selben Ort ganz nett war, gelingt ein beflügelt krasses Regiewerk. Die Sänger – sind erstklassig.
Das ist das Fazit.
Die Erfolgsoper Rusalka trägt die Genrebezeichnung Lyrisches Märchen. Der Stoff – Hexen, die Zaubersud brauen, Nixenromantik – war im Uraufführungsjahr 1901 schon verstaubt, ein Jahr zuvor erblickte der Psychothriller Tosca das Licht der Opernwelt. Aber Dvořáks Musik ist tiefgründig und dramatisch, psychologisch feinfühlig und wunderbar eingängig. Monika Pormale baut ein hyperrealistisches Bühnenbild. Rechts ein Berliner Altbautreppenhaus, links eine pittoresk versiffte WG, in der die Elfen und der Wassermann mit Rusalka hausen.
Das Berliner Neue-Musik-Festival Ultraschall geht ins 26. Jahr, heuer sind DSO, RSB, Trio Catch, MAM, Ensemble Apparat dabei. Groß gefeiert wird nicht, nur eben anregend weitergemacht wie bisher. Was bringt Ultraschall 2024? Drei Orchesterkonzerte, zwei Liedrecitals, Computermusik, zwei Porträtkonzerte, zwei Veranstaltungen mit jeweils konzertfüllendem Einzelwerk. Neue Saison, neues Glück.
DSO: Filonenko, Šenk, Herrmann
Das DSO eröffnet das Festival Ultraschall. Da ist Memory Code (2021, 12′) der Ukrainerin Alexandra Filonenko. Formal folgt Memory Code dem Wechsel von nervöser Verdichtung und starker Spannungslösung. Inhaltlich wird der Brückenschlag zwischen individueller Erinnerung und Objektivität gesucht, die suggestive Titelwahl deutet es an. Was an dem Gehörten persönliche Erinnerung ist, teilt sich dem Hörer indes nicht mit – anders als die Qualität der Komposition. Ob Kurz-Einspieler von Nazi-Gesangsgut einen Zuwachs an Wert bedeuten, steht dahin.
Beinah unauffällig. Sachlich lyrisch. Es ist nur minimalste Selbstgefälligkeit im Ton. Wer wissen will, wie pianistische Wachheit mit einem Hauch von Beiläufigkeit klingt, voilà. Die Flöte tönt solistischer als Levit. Das Gefühl für die Kontinuität der Figurationspassagen (in denen sich die ersten Sechzehntel-Parallelsextakkorde in einem Beethovenkonzert verstecken >Popović) ist bestechend. Es gibt kein neues Thema in der Soloexposition wie noch vor Weihnachten beim 2. Beethovenkonzert mit Argerich/Barenboim.
Andrés Orozco-Estrada, dessen Abgang bei den Wiener Symphonikern vor zwei Jahren nicht geräuschlos verlief und der letztes Jahr an der Staatsoper eine schöne Bohème leitete, dirigiert heute das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, langsam das Cellokonzert von Dvořák, schnell den Don Juan von Strauss.
Die junge Julia Hagen, am Anfang nervös, spielt sich leidenschaftlich durch Dvořáks schönes Cello-Werk. Wo nötig, behauptet sich Hagen (blaues Kleid) gegen die starke Präsenz böhmischer Hornfanfaren. Verschlungene Überleitungen hat es reichlich in dem Konzert. Orozco-Estrada kostet sie aus. Julia Hagen kostet Teil eins der Durchführung kantabel aus, während die folgenden Figurationen wild zur Reprise – mit dem 2. Thema! – führen. Für ein in den 1890ern entstandenes Werk ist die Orchesterexposition ausführlich, länger wirds nur noch bei Elgars Violinkonzert. Was 1910 dann aber auch schon anachronistisch wirkte.
Günther Groissböck ist Unter den Linden ein von Lerchenau der lässigen Virtuosität. Ein Kavalier wie auf dem Theater, freimütig und derb und plastisch, mit der Eloquenz eines Theaterschauspielers. Hofmannsthal: „Ein Luder ist er… aber nicht ohne Kraft, nicht ohne Humor“. Groissböck, der Niederösterreicher, tut österreicheln ohne Anbiederung. Verbindet die Gravitas der Großen Oper mit der Grandezza der Komödie. Auch für die Zumutungen – sie waren es schon bei der Dresdner Uraufführung und wurden folglich gestrichen – der Ochs-Passagen wie „Wär‘ Verwendung für jede“ und „Zuzug von jungen Mägden aus dem Böhmischen“ gilt: Groissböck singt, als würde er sprechen. Das kann sonst keiner.