Berliner Philharmoniker – David Zinman: Elgar Violinkonzert Bartók Konzert für Orchester (Gil Shaham)

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Bericht Berliner Philharmoniker. Ordentlicher Dirigent, guter Solist, hübsche Werke. Das Konzert war aufschlussreich, befriedigend und genussreich. Es war vor allem aufschlussreich, da man den Philharmonikern bei der Arbeit zuhören und -sehen konnte. Edward Elgar, der auf dem abgebildeten Foto des Programmhefts wie ein Flugpionier aus englischem Uradel aussieht, schrieb sein Violinkonzert im besten Alter, also mit Anfang 50. Elgars Violinkonzert h-moll wäre ein Wunder an Abstufungen, bestünde es mehr als aus Schattierungen und Stufen. Zu der Leistung der Interpreten ist zu sagen: Alles ist immer um ein Quäntchen am Hervorragend vorbei und der Abend weder in hohem Maße befriedigend noch ein grenzenloser Genuss. David Zinman dirigiert werkdienlich souverän. Gil Shaham füllt den Violinpart bewundernswert genau aus, ohne geradezu aufregend zu sein. Bela Bartóks Konzert für Orchester wurde zum Schillern gebracht, doch man hätte sich mehr Überschuss an Präzision oder Leidenschaft gewünscht.

Staatskapelle Berlin – Daniel Barenboim: Schönberg Lieder op. 8 Bruckner Sinfonie Nr. 4 (Deborah Polaski)

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Vom zweiten Saisonkonzert der Staatskapelle gibt es Nebensächlichkeiten zu berichten. Schönbergs Lieder op. 8 fallen durch eine Richtungslosigkeit auf, die Anton Webern schon bei seinem Opus 1, wie im Frühjahr von Simon Rattle vorzüglich dargeboten gehört, vermied. Es gefiel dennoch die Sorgfalt und Sicherheit der Orchesterbehandlung Arnold Schönbergs. Schönberg gestaltet Anheben und Abebben der Lieder mit einer Perfektion, als ginge es um die ganze Musikgeschichte. Deborah Polaski trägt ein Kleid, an dem Gustav Klimt Gefallen gefunden hätte. In Philharmonie wie Konzerthaus werden die Konzerte der Staatskapelle von wohltuend wenigen Nicht-Berlinern besucht. Daniel Barenboim leitet die Sinfonie Nr. 4 Anton Bruckners ohne Partitur. Barenboim ist der einzige Dirigent, der sich bei laufender Musik am Hinterkopf oder im Gehörgang kratzt. Die Achte ein paar Wochen zuvor klang irgendwie besser. Die Berliner Spatzen pfeifen es von den Dächern der Staatsoper: Es steht in allernächster Nähe – schätzungsweise 2009/10 – ein Bruckner-Zyklus unter Barenboim an. Die Staatskapelle kostet den Applaus vor ihren Pulten stehend bis an die Grenze des Möglichen aus.

Berliner Philharmoniker – Simon Rattle: Schreker Kammersinfonie Bruckner Sinfonie Nr. 9

Konzertbericht Musikfest Berlin 08. Die mondsüchtige Kammersinfonie Schrekers wurde leider nicht von den Philharmonikern, sondern von den Stipendiaten der Orchesterakademie gespielt, wodurch nicht der Wert des Stückes, doch die Subtilität der Interpretation reduziert wurde. Die Neunte von Bruckner ist mit der Ersten seine kühnste. Die Lockerheit des Beginns, das defensiv wirkende Tempo kennt man von Rattles Interpretation der Vierten. Man muss sich erst hinein finden. Die schneidenden Tutti der Codas scheinen unter Rattles Stabführung ganz Musik des 20. Jahrhunderts zu sein. Deren klangliche Dichte war bis zur höchsten Intensität getrieben. Man erwartet die schlussendlichen Quinten mit nervenaufreibender Hochspannung. Die massiv aufgestockten Blechbläser, acht Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen, eine Kontrabasstuba, führten zu einem etwas unbeweglicheren Blechbläserchor als gewohnt. Zwei oder drei Artikulationsreibungen der Blechbläser gab es. Gott gibt’s, Gott nimmt’s. Das vom Schlagzeuger mit der unerbitterlichen Logik des „1 + 1 = 3“ kaltblütig exekutierte Paukencrescendo zu Ende der beiden schnellen Sätze kann auch Wochen später noch wohliges Rückenrieseln verursachen. Von Rattle kommt eine hüllenlose, streng das Material freilegende, zu abnormer Konzentrationskraft ausgreifende Aufführung. Die Qualität der Interpretation stand deutlich über der Hardings oder Jansons‚.

Berliner Philharmoniker – Trevor Pinnock, Maria Joao Pires: Mozart Sinfonien Nr. 24 und 40 Mozart Klavierkonzert Nr. 9

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Kritik Berliner Philharmoniker. Die Berliner Philharmoniker verdienten sich an diesem Abend die Krone der Langeweile. Man blickt im Saal umher und fragt sich, woran das liegen möge. Der Blick bleibt an Trevor Pinnock hängen. Nach acht Takten ist es ein nicht sehr aufregendes Konzert, nach acht Minuten steht fest, dass der ganze Abend ein zäher sein wird. In der Pause konsultierte man das Programmheft der Philharmonie, um mittels eines Besuchs der zweiten Hälfte eines Konzertes im Kammermusiksaal Pinnocks Darbietung der großen g-Moll-Sinfonie zu umgehen, doch die Intendantin, Frau Rosenberg, hatte ein solches Verhalten während der Programmplanung offensichtlich nicht vorgesehen. Der Kammermusiksaal wurde nicht bespielt, und so sieht man Pinnock, einen durch und durch freundlichen Mann, auch noch Mozarts Sinfonie Nr. 40 dirigieren. Pinnocks Linke befindet sich stets exakt auf der Höhe der Rechten – eine Dirigiertechnik, die in dieser Ausschließlichkeit außer von Thielemann (bei gewissen Steigerungen Bruckners) von keinen mir bekannten Orchesterleiter angewandt wird.

Eine asymmetrische Armhaltung bevorzugt Pinnock nur, wenn er die Partitur umblättert. Zudem scheint es, dass seine geduckte Haltung und die Weigerung, weiträumige Armbewegungen auszuführen, auf sein Musikverständnis abfärbt. Was der Zuhörer zu hören bekam, rechtfertigt voll und ganz eine gesunde Unzufriedenheit. Diesem Mozart fehlte das Salz in der Suppe ebens wie ein ernst gemeintes Piano. Die Trockenheit der Interpretation war von einer solchen Durchschlagskraft, wie sie sonst nur dem Beginn einer Beethoven-Reprise. Das Finale von KV 550 ist ein unverdaulicher Brocken. Wäre ich Mozart, ich würde Pinnock verbieten, meine Werke aufzuführen. Selten kam die Schönheit der Musik schlechter zur Geltung. Doch nun zum erfreulichen Teil des Konzertes. Maria Joao Pires führte bei Mozarts Klavierkonzert KV 271 einen klaren Anschlag und eine geglückte Mischung aus Genauigkeit und Poesie ins Feld. Ihr Spiel lebt von einem wohltuend plastischen Ton., der Farbreichtum ist sehr hörenswert (Schiff und Brendel vermögen hier weit weniger), die ganze Disposition des Spiels frei und schön und dennoch kontrolliert, die Tiefenschärfe der Skalen enorm. Rubati nimmt Pires fast sachlich vor und integriert diese geradezu unauffällig. Dabei scheint der Ausdruck stolz zurückgenommen, wenn auch nicht missachtet. Wenn ich mich nicht täusche, gab es zwei Buhs für Pinnock.