Einmal Mond und zurück: Brouček Premiere Staatsoper

Gelungene Premiere einer schwierigen Oper.

Es gibt leichter konsumierbare, aber kaum verrücktere Opern als Die Ausflüge des Herrn Brouček von Leoš Janáček, die nun Premiere an der Staatsoper Berlin feiern. Als spektakuläre Folge von durch Alkoholgenuss initiierten Fantasiereisen ähnelt Janáčeks Textbuch den Contes d’Hoffmann von Offenbach. Und was Offenbach sein Dichter E.T.A. Hoffmann war, das ist Janáček sein griesgrämiger Rentier Brouček. Denn der reist dank zahlloser konsumierter tschechischer Biere von Prag aus zuerst auf den Mond und dann ins Mittelalter der Religionskriege.

Doch so turbulent und verrückt die Handlung ist, so unkonventionell ist der Rest: Auf altbewährte Tricks für zündende Libretti verzichtet Janáček.

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Staatskapelle: María Dueñas mit Mendelssohn plus Thielemann

Reines Mendelssohnprogramm im Großen Saal der Staatsoper.

María Dueñas spielt das Violinkonzert op. 64 hinreißend. Ihr Spiel ist klangvoll. Dueñas ist wunderbar talentiert, in einem Maße, wie das bei Hadelich der Fall ist.

Ich hatte echt Bammel vor Dueñas. In Paris unter Mikko Franck gab sie das e-Moll-Konzert quälend übermotorisiert, das klang selbstverliebt, und die Arpeggienstelle beim Repriseneintritt tuckerte damals wie ein derber Zweitaktdieselmotor, das Andante war Soap Opera pur. Und dann heute: Sie kommt, sie spielt. Heute Abend gibt es nicht Dueñas mit ein bisschen Mendelssohn, sondern Mendelssohn mit viel Gefühl, aber auch mit viel (Kunstsach-)Verstand.

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Der perfekte Sturm: Frühling + Giedrė Šlekytė beim RSB

Statt Stress mit der Politik bietet das RSB-Konzert am Wahlsonntag einen neuen Blick auf Naturphänomene wie Frühlingsstürme und Libellen.

Oder auf hohe Temperaturen. Denn das sechsminütige Stück Heliosis von Hannah Eisendle schildert offenbar unerträgliche Hitze (2021, deutsche EA). Und landet, weil jenseits der lärmenden Klang-Fassade eher simpel gestrickt, schlussendlich irgendwo zwischen Strauss‘ Schleier- und Chatschaturjans Säbeltanz. Mehr Unterhaltung bietet das Violinkonzert der Schwedin Tebogo Monnakgotla, Untertitel Globe Skimmer Surfing the Somali Jet (Übersetzungsvorschlag: „Die Wanderlibelle lässt sich auf der Luftströmung ‚Somali Jet‘ treiben“). Aber es ist auch länger, farblich reich, delikat, was Details, Strukturen angeht. Aber kontrastarm. Der (natürlich falsche) Eindruck ist der, dass Solist Johan Dalene nur Arpeggien spielt. Meine Konzentration lässt genau da nach, wo der offenbar ähnlich empfindende Typ in Block A rechts während der Kadenz-artigen Arpeggienstelle hustet.

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Kürzungen Kultur Berlin? Ähm, why not?

Kürzungen für Kultur? Sämtliche Kulturschreibenden in Berlin waren in heller Empörung. Was ich denke, ist nur eine Einzelmeinung. Aber:

  • Braucht man acht Opernpremieren pro Saison? Ich wäre auch mit vier zufrieden. Lieber die Laufzeit von Opernproduktionen erhöhen. Lieber die Wegwerf-Mentalität von Opernintendanzen eindämmen. Wie viele Inszenierungen von Götz Friedrich laufen in Berlin noch?
  • Sind all die neuen Festivals wirklich nötig? Biennale bei den Philharmonikern („Unser Planet ist in Gefahr“), Healing beim DSO („Die aufgeführten Werke sind von meditativer Ruhe geprägt“), Projections im Konzerthaus („Dichterliebe recomposed“). Und dann gibts doch nur wieder Pastorale und Parsifal.
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Bronfman beim RSB

Im Konzerthaus gastiert Yefim Bronfman mit Brahms‘ forderndem Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll. Johannes Brahms, in seinen frühen, mittleren Zwanzigern, hatte bei der Komposition bekanntlich seine liebe Not. Die haben – bei der Interpretation – freilich auch heutige Pianisten.

Wie der usbekisch-gebürtige, US-amerikanisch-israelische Pianist das beim RSB macht, ist verblüffend. Sein Spiel hat Größe und Selbstverständlichkeit. Dazu kommt ein typisch schwerer Anschlag, in dem sich Nüchternheit und Wärme mischen, hörbar beim zweiten Thema mit seinem zweimaligen Aufsteigen.

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Zimmermann: Elgar Konzert, Sibelius Tondichtung

In der Philharmonie spielen die Berliner und der Geiger Zimmermann Elgars dreisätziges Violinkonzert. Das steht in h-Moll, ist höllisch lang, und erfrischend konventionell, was Satzfolge und -charaktere angeht. Aber lange zehn Minuten dauerts, bis im ersten Allegro Orchester- und Soloexposition geschafft sind. Die Kadenz setzt Elgar – ungewöhnlich – ganz an den Schluss. Selbstverständlich ist das Opus 61 wunderschön. Schwung und Flow der ersten, Schmelz und Schmalz der zweiten, lyrischen Themen sind unwiderstehlich, der Geigenpart ist bis in die Figurationen hemmungslos gut.

Wie spielt Frank Peter Zimmermann? Erst Mal klingt der Elgar kurzatmig (Kopfsatz) bis detailreich (Finale). Auf Leidenschaft wird verzichtet. Ebenso auf expansive Phrasierung. Deshalb ähnelt Zimmermanns Spiel dem von Capuçon. Aber der Ton ist präsenter, das Vibrato selbstbewusst, die Mischung aus hochsouveränem Können, Ironie und hart erarbeitetem Temperament gehört zu 100% Zimmermann. Der Deutsche spielt das Konzert, wie sonst niemand. Fast zelebriert er das Einmünden in die Reprise: zersplitternde Geigenfigurationen, während im Orchester das Thema à la Mendelssohn zurückkehrt. Das tönt diesseitig Pomp-befreit, frei von belle époque-Wehmut.

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Rosenkavalier: Damrau, D’Angelo, Mühlemann, Steffens

Ein Rosenkavalier in André Hellers hübscher Inszenierung an der Staatsoper. Emily D’Angelo, Regula Mühlemann und Diana Damrau rollendebütieren.

Die Sophie Regula Mühlemann schlägt sich am besten. Das ist ein tonreiner lyrischer Sopran, ohne das temperamentvolle Singen von Nadine Sierra freilich, aber vergleichbar attraktiv, wenn der Segelsopran zu Wie himmlische, nicht irdische, wie Rosen vom hochheiligen Paradies auffliegt. Mühlemann singt silberklar, die Gesangslinie leuchtet, und sie hat für die Geldadeltochter genau das wohlerzogene Temperament, dazu nimmt man ihr ab, dass sie den Rosenkavalier ohne Umwege anbaggert. In der Hosenrolle zwischen zwei Frauen trifft die schlaksige Emily D’Angelo, ausgestattet mit einem markanten Gesicht, genau das 17-Jährige. Ihr Mezzo flammt auf, hat maskuline Energie und kühles Vibrato, am besten funktioniert es bei Affekt-Aufschwüngen. Für einen erstklassigen Oktavian ist die Diktion zu verwaschen. Darunter leiden nicht nur das Parlando, sondern die Duette im zweiten und dritten Akt.

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Mmh, yeah, mmh, yeah: Festival Ultraschall 2025

Was bringt Ultraschall 2025? Ein Dutzend Konzerte und eine Diskussion über das Thema „absolute oder engagierte Musik“. Auf einen Festival-prägenden Komponistenfokus wird heuer verzichtet, auch auf Elektro-Frickelei der härteren Gangart. Stattdessen folgen ein Aperghis-Saunders-Abend und mehrere „Geburtstage“ von Ensembles, LUX:NM aus Berlin wird 15, das Ensemble Recherche aus Freiburg 40, das Ensemble Meitar aus Tel Aviv 20. Am Anfang aber stehen zwei schlüssige Orchesterkonzerte, das erste vom DSO, das zweite vom RSB. Ich höre via RBB und Deutschlandfunk Kultur.

DSO: Pagh-Paan, Neuwirth, Platz, Gourzi

Ultraschall 2025 beginnt religiös. Und zwar mit einer in milder Eleganz dahinziehenden Klagerede, deren Titelworte der wiederauferstandene Christus laut Johannesevangelium zu Maria Magdalena spricht: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Das kurze Werk von Younghi Pagh-Paan bietet nichts Neues, ist aber auf seine Art hörenswert. Was ebenso für Olga Neuwirths Dreydl gilt (jiddisch für „Kreisel“, 2021). Das verortet sich gekonnt zwischen Repetitiv-Motivik und Folklore-Touch. Doch die extrem leicht hörbare Oberfläche ist das eine. Da ist auch ein ins Innere der Musik treffender Witz. Neuwirths feiner Sinn für Struktur tut dann das Übrige.

Foto: © rbb/Claudius Pflug

Das Violinkonzert von Robert HP Platz klingt – gewollt oder ungewollt? – anfangs wie eine Fortsetzung von Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Das Ganze kommt routiniert-introvertiert rüber (2023, 18′, UA). Die Geige (Carolin Widmann bewährt, aber Virtuoses wird kaum gefordert) zieht melancholisch ihre Kreise über milchig flirrendem Orchesterlicht. Etwas Betuliches ist dem Werk nicht abzusprechen. Was machen mit Mykene von der Griechin Konstantia Gourzi? Die sieben Miniaturen (2002, 16′) sind schon arg retro, es grüßen Fontane di Roma und Das große Tor von Kiew. Die Titel der kurzen Sätze lauten u.a. Elektras Ängste, Klytemnästras Grab, Vollmond in Mykene. Enno Poppe, komponieren Sie die vierteilige Sinfonische Dichtung „Oberbayern“ mit den Sätzen „Neuschwanstein“, „Linderhof“, „Abendstimmung in Herrenchiemsee“, „Das Schachener Königshaus“. Anna Skryleva leitet das DSO.

Foto: © rbb/Claudius Pflug
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Tosca? Pérez, Grigolo, Burdenko, Mentuccia

Eine gute Tosca in der Staatsoper.

Das todgeweihte Paar sieht hinreißend aus und singt hinreißend, Vittorio Grigolo italienisch herzbetont, Aylin Pérez immer emphatisch.

Die Stimme des Tenors ist nicht groß, die Spitzenhöhe nicht außerordentlich, aber die Tonschönheit ist immer da und wird nie markiert. Dafür singt Grigolo heute fast manieriert, ständig wird an Klang, Tempo, Dynamik geschraubt. Das klingt eben – manieriert. Und verblüffend spontan und individuell. Grigolo ist in guter Form, macht, was Cavaradossi ist, überdeutlich, Quale occhio al mondo klingt 1:1 nach erfülltem sogno mio d’amore. Nach Álvarez und Calleja endlich mal ein Cavaradossi von Format, der nicht indisponiert ist.

Der erste Akt ist überhaupt außerordentlich. Aylin Pérez interpretiert lebhaft und vokal superfein, bringt die hinreißende follia der Tosca, ihre pazzia ganz (da spielt auch Grigolo voller Verve, fast überdreht). Im Herbst wirkte der Cavaradossi von Michael Fabiano ja seltsam neutral neben der statuesken, aber vokal kolossalen Lise Davidsen. Heute ist das wie ein Schaulaufen eines Teils der schönsten Musik, die geschrieben wurde.

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Konzerte im BKA-Theater: Aus die Rinne

Und hier sind drei Berichte zu UNERHÖRTER MUSIK im Kreuzberger BKA-Theater – zwei Berichte sind älter, der hier ist neu: Die Duo-Formation Susanne Stock (Akkordeon) und Georg Wettin (Klarinetten) widmet sich Stücken von J. Klein, Schlünz, Schweitzer, Cardew und S. Streich.

Warmlaufen tut sich das Duo Stock/Wettin mit Kanten, Konturen von Benjamin Schweitzer (2018). Kanten/Konturen formuliert abgeklärte Ereignisabläufe von erzählerisch schildernder Eigenart, wagt aber auch expressive Akzente bis hin zu Stellen gestischer Verrätselung. Also fließende Klanglandschaften mit kleinen, aber feinen Aufregern. Alles in allem unaufgeregt gute Musik. Statischer erscheint von Juliane Klein Aus der Wand die Rinne Nr. 4 für Akkordeon solo (1998), so da atomistisch Aktionen ohne Bewegungskern aneinanderreiht werden, selbst der mit der schnarrenden Toncharakteristik des Akkordeons spielende Humor macht die Komposition nicht unterhaltsamer.

Duo Stock/Wettin

Das ist bei dem Solostück Hortensien von Annette Schlünz anders (2002, Georg Wettin an den Klarinetten). Hier wird, umflossen von einer Geräusch-Folie aus dem Computer, mehr Fantasie-Raum gewagt, wenn die Musik quasi gestisch assoziativ sich dem Stücknamen Hortensien annähert. Noch eine Schippe drauf legt Solo with Accompaniment von Cornelius Cardew (1964), das mit massiven Akkordeon-Layern beginnt und der Duo-Konstellation rohe, aber immer wieder auch organisiert-differenzierte Klänge entlockt. Danach werden in Clouds 8 von Stefan Streich (2016) Sparsamkeit der Artikulation und Länge des Stücks spannungsvoll aufeinander bezogen – was plötzlich wie unablässig wechselnde Hintergründe wirkt, die sich in Vordergrund verwandeln und wieder zurück. Entspannt aufregend.

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Philharmoniker, Nelsons, Bruckner, 8.

Das nächste Brucknerjahr ist erst 2046.

Jetzt leitet Andris Nelsons die Achte. Es ist ein getrübtes Vergnügen.

Auch wenn die Berliner Philharmoniker Streicher aufbieten, die mit weicher Delikatesse ganz entspannt gelöst spielen. Es will was heißen, wenn im ersten Satz die Durchführung nicht pathetisch, sondern in wunderlicher Sattheit losgeht. Dazu tönen die Einwürfe der Bläser gelockert bis zum Anekdotischen. Nelsons, der lettische Dirigent, will uns sagen: Diese Einwürfe sind keine trockenen Motivabspaltungen, sondern lebensvolle Gesten aus dem Herzens-Hier und Jetzt.

Das dritte Thema schmettert. Der Klang ist weich, das Stimmengewebe stretchy wie gepolstertes Spaghetti-Top. Doch hat man die Sinfonie Nr. 8 selten so souverän, so aus einem gelungenen Augenblick heraus gespielt gehört.

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RSB mit Tetzlaff

Im Konzerthaus spielt Tetzlaff Bartóks 2. Violinkonzert von 1939. Rein äußerlich ist das Konzert beruhigend konventionell: also dreisätzig, das erste Allegro hat Sonatenform (und das zweite doch auch?), das zweite Thema ist jeweils lyrisch. Elektrisierend (und zugleich fast mendelssohnisch) wirkt der Gegensatz von virtuosen Spielepisoden und luftklaren Bartók-Tuttis. Und dazwischen ein Variationen-Andante.

Christian Tetzlaff klingt bei Béla Bartók spitzenmäßig. Und Bartók bei Tetzlaff. Dabei ist dessen Geigenspiel nicht leicht zu beschreiben. Klar, die Attacke ist zupackend und der Ton energisch, plastisch, anti-säuselnd. Aber auch biegsam. Früher klang Tetzlaff bisweilen in allem Furor sehr direkt. Heute ist da auch konzentrierte Verinnerlichung. Zum Hysterischen neigende Gestik, wie bei Kopatschinskaja oder Jansen zu hören, fehlt vollständig, was gar nicht schlecht ist.

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RSB, Jurowski, Uchida: Schönberg, Beethoven, Brahms

Hörenswert in der Philharmonie: das RSB mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll.

Mitsuko Uchida spielt ungewohnt fehlerhaft (stets an den einfachen Stellen), aber mit außerordentlichem Gespür. Ihr Spiel atmet und drängt, ist gewichtig und frisch, ihr Beethoven einleuchtend und unberechenbar.

Für das c-Moll-Konzert, das noch das Ungestüm der früheren und schon das symphonische Gewicht der späteren Konzerte Beethovens besitzt – erstmals in einer Soloexposition bei Beethoven ist es der Solist, der mit dem Seitenthema einsetzt -, ist das ein Gamechanger.

Die Pianistin wagt ein Rubato bis zum Bedeutungsvollen. Charakteristisch für sie fand ich schon immer die lebhaften Beschleunigungen innerhalb einer Phrase. Dazu kommt natürlich der Anschlag, in den Allegros genau wie in Stich, der immer eine Wildheit bewahrt. Dabei bringt Uchida so viele Anschlags- und letztlich Musikdarstellungs-Nuancen rein: So repräsentiert ihr Spiel die subjektive Seite der Konzert-Medaille, das des Orchesters die objektive. Untrüglich Uchidas musikalischer Instinkt bei den megagelungenen Trillern. Die Kadenz ist lang. Uchidas Ton ist leicht geschärft. Unnachahmlich, wie da Struktur aus Klang kommt, und Klang aus Struktur. Ich erinnere mich noch relativ gut an ihre Beethovenkonzerte 2011 unter Rattle.

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Wes Pferd dies auch sei: 1. Akt Walküre

Anja Kampe, René Pape und Andreas Schager singen den ersten Akt von Die Walküre in der Staatsoper. Man hört wortverständlichen Wagnergesang ohne künstliche Exaltationen.

Anja Kampe ist heute Unter den Linden eine ideale Sieglinde, selbstbewusst beseelt, gewinnend und warm. In der Tiefe hat sie Wagnerischen Ernst, in der Höhe den weichen Thrill, das intensive Vibrieren, die Emphase für die Wagnerischen Gefühle. Den Ehemann trägt René Pape mit gerundeter Wucht vor, ohne finsteres Metall, hier und da nah am Sprechen, nicht als Präfiguration Hagens, sondern mit einem ins Objektive gesteigerten Missmut König Markes.

Verschämt leise beginnt Schager die Winterstürme und findet nicht den Ton für das Parlando der ersten Szene, ist aber ein aufregender Siegmund. Ein starkes Jagen wird zur mitreißenden Erzählung, fernab von jenem globalisierten Heldentenorjargon, der so oft für Verdruss sorgt. Es ist unendlich cool, Ein Schwert verhieß ohne jede Überanstrengung zu hören. Und Schager singt den Schluss spielerisch und eindringlich, mit jenem Überschuss an Tenorkraft, der ihn auszeichnet, und mit einem Lächeln.

Es ist eine Tatsache, dass seit Bayreuther Ewigkeiten jene Wagnertenöre, die Siegmund können, eben nicht den Siegmund singen, sondern Siegfried. Die 2010er waren diesbezüglich kein gutes Jahrzehnt, wenn auch O’Neill, Botha, Smith, Ventris oder Gould als Siegmund mehr oder minder ihre Meriten hatte. Nur Seiffert stach heraus.

Die Staatskapelle muss aufgrund von Krankheit von Barenboim umsatteln. Der in Zürich geborene Philippe Jordan zäumt nun als reisige Maid das Orchesterross. Sein Wagner klingt genau und hart. Vor der Pause spielt man Tristanvorspiel und Liebestod, ersteres passabel.

Staatsoper Berlin: Roméo et Juliette

Die Inszenierung hat einen Vorteil: Sie wird besser.

Denn zu Beginn der Premiere verbreiten Ideenarmut und dünne Personenregie gepflegte Inszenier-Öde. Prompt schallt nach dem ersten Akt das erste Buh. Je näher der Doppelselbstmord in der Capulet-Gruft allerdings rückt, umso überzeugender wird der Abend. Sage und schreibe vier Liebesduette werden gesungen. Gounods drame lyrique Roméo et Juliette ist in Deutschland eher unbekannt, das Libretto verarbeitet Shakespeares Romeo und Julia. Opernfans kennen Juliettes irren Walzer Je veux vivre, Nadine Sierra, Diana Damrau oder Callas-Caballé singen oder sangen das. Auf melodischen Ausdruck ausgerichtet, konzentriert sich Gounods Roméo ganz auf die beiden Liebenden.

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