RSB, Konzerthaus

Ein Abend mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin im Konzerthaus.

Die f-Moll-Sinfonie von Haydn hört man jetzt öfters. Bei Ádám Fischer spielen 2. Geigen und Bratschen in Streichquartettformation. Und alle Streicher vibratolos. Ist der langsame Satz, der bei Haydn hier an erster Stelle steht, deshalb so lang? Doch das Allegro witzelt stürmisch durch die f-Moll-Wildheiten. Nach dem Menuett (ein Problemstück, es ist nicht nur zeremoniell und behäbig, sondern auch hintergründig) sprudelt das Allegro-Finale mit seinem tollen Thema (siehe Foto) rastlos-selbstbewusst zum beklatschten Ende.

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Licht überm See, Amme, wachst du?

Die Frau ohne Schatten ist ja eine klassische Doppelpaar-Oper, was schon bei Così fan tutte, Zauberflöte und Lohengrin funktionierte. Und die Amme ist eine der gewitztesten Intrigantinnen überhaupt. Hieße die Oper allerdings Die Amme oder Die Kaiserin, wäre dies Kinderkriegen-Image nicht so ein Problem. Claus Guth zeigt die Frau in einer von Dämonen und Geistermenschen bevölkerten k.-u.-k.-Zeit (Wiener-Werkstätten-Kleider à la Emilie Flöge). Ein verknöchert leidender Patriarch (Keikobad) steht gegen zwei sich zur Willensfreiheit ertüchtigende Frauen. Das wird stringent erzählt. Mit sparsamen Mitteln. Nur im 2. Akt wird die Handlung unklar. Daran ist Hofmannsthal schuld. Aber das Libretto ist auch ein Wunder.

Schagers Tenor ist ein Geschütz aus Schall und Schwermetall, frisch und frank singt der Österreicher den Kaiser. Denn in Amme, wachst du ist er – wenn auch zu lautstark in der Spitze – ein Märchengatte aus Fleisch (Pathos) und Blut (Herzton), und bei Das sind die Nichtgebornenen singt ein Mensch, kein gekünstelter Schmalspurtenor.

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Argerich, Barenboim in der Phiharmonie

Ein Konzert mit Daniel Barenboim und Martha Argerich.

In der Philharmonie vertrauen Dirigent und Solistin vertrautem Gelände, Beethovens erstem Klavierkonzert und Brahms‘ letzter Sinfonie.

Wie Martha Argerich das C-Dur-Konzert spielt: tollkühn akzentuierte Zielnoten und herausgestellte Vorschläge, sprudelnd sorglose Skalen, ernste Nachsatzverschattungen, charmant gewaltsame Temporückungen. So macht das keine und keiner. Ihr Ton ist doch einzigartig: Die leisen Noten klingen voll, rund, immer etwas aufgerauht und dunkel, und tragen ihre Gehalte problemlos in den Riesenraum. Der erste Satz, in dem die Solostimme bekanntlich nicht ein einziges Mal mit dem Hauptthema zu hören ist (ähnlich wie das Solo in der Durchführung kein einziges der Themen spielt), bleibt bei Argerich burschikos und klar, aber stellenweise geheimnislos. Und früher entledigte sich Barenboim der Durchführung am Flügel schwebender, packender.

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Gar nicht lustig: Musiktage Donaueschingen 2024

Während die Donauquelle quillt und das SWR-Orchester zwischen Putin-Fan Currentzis und Penis-Freund Roth in den Seilen hängt, laufen die Donaueschinger Musiktage 2024.

Die erste Uraufführung kommt von Simon Steen-Andersen, grosso für Quartett (Yarn Wire, 2 Pianisten, 2 Schlagzeuger) und Orchester (37′). Getragen wird das unausgeglichene Stück von weich gerundeten, vom Klicken und Klacken der unterschiedlichen Objekte gefüllten Geräuschfelder. Wozu die Schwerkraft des Wummerns die Sättigungsbeilage liefert. Das ist dann so eine Art Am Kamin 4.0 in Neue-Musik-Sprech. Interessanter wird es, als sich das Orchester mit lustvoll platzenden Fanfaren und Brucknerchorälen zwischen die Ready-Made-Friemelei schiebt. Dazwischen reizt Steen-Andersen mit einer Hammondorgel das Nostalgiepotenzial zwischen schön pittoresk und schal banal aus. Aber stellenweise klingt das so durchgedreht wie die besten Steen-Andersen-Klassiker.

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Janowski, Philharmoniker: Hadelichs Mendelssohn, Brucknerlandschaft ohne Unendlichkeit

Da ist Augustin Hadelich mit Mendelssohn.

Hadlich legt heute seine spielerische Flamboyanz, die man erwartete, ab. Der Ton im Violinkonzert ist bestechend schlank, bestens kultiviert. Keine Unklarheiten. So behält der Deutsch-Amerikaner schönlinig die Kontrolle über die Gefühle. Kommt dies vom Respekt vor Janowski, der mit jedem Zoll die Aura des deutschen Kapellmeisters verkörpert? Phrasierung, Vibrato, Portamenti bei Hadelich sind dezent, und die Vorschläge in den letzten Takten des Andante supersauber. Janowski gibt eine Art Maschinentempo vor. Die Beziehung zwischen Solisten und Orchester scheint aufs Neutrale runtergedimmt. Im Finale chipt Hadelich dann aber Doppelgriffkaskade nach Doppelgriffkaskade vom Griffbrett.

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Staatskapelle Berlin: Thielemann + Levit finden den Herzrhythmus

Es ist das erste reguläre Konzert des neuen Generalmusikdirektoren der Staatsoper Berlin Unter den Linden. Ein solches Antrittskonzert gab es zuletzt Anfang der 90er.

Vorab gibts als easy konsumierbares Häppchen Elysium des Kanadiers Samy Moussa, der Klang kommt maximal von Elektra (oder von John Adams), der wummernde Inhalt von Götterdämmerung. Im Zentrum steht Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 2, das Igor Levit mit Ausdruck und leidenschaftlicher Genauigkeit anpackt – und mit hörbarer Gefühlsabdunklung. Danae Dörken spielte das Werk, das weder Virtuosenfutter noch Symphonie mit Soloinstrument sein will, vor Kurzem beim DSO eher trocken. Heute, mit Levit, klingt das zweite Thema zuerst streng wie Beethoven, dann schwärmerisch wie Schumann, doch zeigt sich Levits Spiel nie nur-expressiv, sondern stets auch Hirn-kontrolliert.

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Die Polinnen kommen: RSB und Gardolińska

Uwaga! Achtung, die Polinnen kommen. Zwischen Netrebko Unter den Linden vorgestern und Thielemann Staatskapelle übermorgen spielt das RSB im Konzerthaus.

Die erste Polin ist Grażyna Bacewicz (1909-1969). Ihre Ouvertüre von 1945 hat Schmiss, sechs Minuten kurz ist das, und es fängt an wie Die verkaufte Braut und hört auf wie Elektra. Die andere Polin ist die Dirigentin Marta Gardolińska, die sich energisch und empathiebereit an der Arbeit zeigt und beim 1. Violinkonzert op 35 von Szymanowski ganz klar ausschaut, als kennte sie das Stück aus- und inwendig. Während das Szymanowskikonzert so frisch und glühend wirkt, als wär die Uraufführung 1922 erst ein paar Wochen her.

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Camilla Nylund: die Kunst des Liederabends oder Wo die schwarzen Rosen blühen

Am Vortag Anna Netrebko, einen Tag später am gleichen Ort ein Liederabend mit Camilla Nylund.

Korngold (vier Lieder aus op 9) und Zemlinsky (Eichendorffs Waldgespräch) machen den Anfang. Dann kommt Berg und der ist außerordentlich. Nylunds Herangehensweise bei den 7 frühen Lieder ist instrumental. Zu unserem Glück. Kein peinliches Auspinseln von Ein Feuerlein rot/Knistert im Ofenloch zum biedermeierlichen Genrebild (ähm, Frau Fleming?). Bei Storms Trägt in der Hand den Sommerhut kein verschwörerisches Schäkern mit dem Saal. Bei Hauptmanns Trinke Seele! kein wolllüstiges Ineinssein mit dem Weltgeist des Fin de siècle. Im Gegenteil. Souverän platziert die Finnin die Lieder (1905-08) zwischen objektiviertem Ausdruck und Gefühl. Der Vortrag: kühl und dicht. Der Ton: weniger klassisch gerundet, doch reich, und mega easy groß genug für (nach der Pause) Strauss – und fein genug für den Dämmer von Im Arm der Liebe. So dargeboten, mit solch nacherzählender Sorgfalt, erhalten Bergs frühe, erst 1928 veröffentlichte Lieder eine stille, klassische Größe.

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Staatsoper Berlin Nabucco Premiere: Anna Netrebko faucht wie eine Diva

Endlich wieder Verdis Nabucco an der Staatsoper Berlin. Aber muss es so einer sein?

Es ist 1841. Giuseppe Verdi mischt in Nabucco (Wagner laboriert gerade am Fliegenden Holländer) alttestamentarische Wucht und Innigkeit der Kantilene, und selten füllte der Komponist den Grundbaustein der italienischen romantischen Oper – die Dreiheit aus einleitendem Rezitativ, gefühlsbetonter Arie und feuriger Cabaletta – mit solch sprühendem Leben. In Verdis dritter Oper steht weniger der titelgebende Nabucco, vielmehr dessen Tochter Abigaille im Zentrum eines Beziehungsvielecks, das Verdi kunstvoll zwischen Abigaille, dem Vater Nabucco, ihrem Ex Ismaele und der Schwester Fenena spannt. Für Abigaille, in Wahrheit Sklavin, mixen Verdi und sein Librettist Solera einen Affekt-Cocktail aus ruchlosem Machtstreben, Eifersucht und Hass. Und katapultieren ihre biblische Heroine so zuerst auf den Thron Nebukadnezars, um sie schließlich dem Reuetod zu überantworten. Der das doppelte lieto fine – die Rückkehr der Isrealiten und die Läuterung Nabuccos – von Verdis dramma lirico erst sinnfällig macht.

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Lise Davidsen: Tosca-Perspektiven

In der Staatsoper gibt es wieder die römische Tragödie Tosca in einer guten Besetzung. Zubin Mehta dirigiert, als gäbe es kein Morgen, die Staatskapelle liefert Schönheit und Weichheit ohne Süffigkeit, kostet Puccinis Leidenschaften locker flockig aus. Wenn schließlich Mehta die Details der Partitur in hinreißender Fülle aufblühen lässt, geschehen unterhalb der Ebene des Hauptmotivischen Feste des Instrumentalen. Nur der Schluss zerfließt wie Butter in der Sonne.

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Die Wildwest-Grundsicherung: Fanciulla del West mit Kampe+Young

Ist La Fanciulla del West (deutsch: Das Mädchen aus dem Goldenen Westen) Puccinis Problemoper? Die deutsche Kritik sah Puccini schon Anfang der 1920er „anregend zwischen süßem Schmachten und leidenschaftlichem Toben“ (Paul Bekker) pendeln. In jeder einzelnen Wild-West-Szene aus „Fanciulla“ steckt mehr Verismo als in der gesamten Künstlerpaartragödie Tosca, ganz zu schweigen vom Jugendstildrama Butterfly.

Brandon Jovanovichs sexy Schlaksigkeit konnotiert mehr elitäre Ostküste als staubigen Wilden Westen. Aber der US-Amerikaner singt die exponierten Stellen angestrengt und macht wenig Eindruck mit dem Arienhöhepunkt Ch’ella mi creda. In den Duetten läuft die Tenorstimme aber fabelhaft warm, besitzt genuine Tonschönheit und diesen echt italienischen, zurück auf Pinkerton (Butterfly) und vor auf Calaf (Turandot) weisenden erotismo.

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Erinnerungskultur in Es: Staatskapelle Rattle Bruckner 4.

Man kann das alles auch andersrum sehen. Die Sinfonie Nr. 4, die Simon Rattle dirigiert, dampft aus allen Poren wie ein Wiener Schnitzel aus Bocuses Bratpfanne: laut, schnell und unkoordiniert. In den ersten fünf Minuten kämpft die Staatskapelle Berlin mit Rattles Tempo.

Es hört sich definitiv anders an als ein Bruckner von Thielemann. Dennoch ist Rattles Bruckner sehr gut.

Zum Beispiel im ungewöhnlich intensiven Satz 1. Dichtstimmig navigiert die Staatskapelle durch Bruckners himmlisch schöne Mehrstimmigkeiten. In der Reprise bedrängen die Gegenstimmen dann die eigentlichen Themen (Celli beim Es-Dur-Thema, erste Geigen bei Thema 2).

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Der Rodelunfall als Kunstform: noch mal Strauss Intermezzo

Intermezzo ist die einzige Oper, in der ein Rodelunfall eine zentrale Rolle spielt – Tobias Kratzer macht an der DO daraus einen Autocrash mit Blechschaden.

Bei der Premiere war die Christine (Maria Bengtsson) eine Dame mit Stil und feinem Charme. Bei Flurina Stucki kommt unterm Temperament das Ordinäre heraus. So wie wenn Anna Smirnowa in Aida die Amneris verkörpert. Das tut der Strauss’schen Figur unrecht. Stucki, nächstes Jahr die Elsa, hat eine schwer-schöne Stimme, aber vom textverständlichen Parlando wäre mehr schön, vom leichten Schlingern des Soprans im Finale gegebenenfalls weniger. Bei den Herren versteht man jede Silbe, aber Blondel ist ein klanglich unnötig eindimensionaler Baron Lummer, und dem Dirigenten Storch von Philipp Jekal wünschte man ein Körnchen Hermann Prey in der Stimme. Szenisch ist bei Jekal aber jeder Zoll Extraklasse.

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Clara Schumann Klavierkonzert a-Moll: Beatrice Rana

Hier, heute kann man es hören.

Clara Schumanns 1835 vollendetes, zwanzigminütiges Klavierkonzert a-Moll op 7 besteht aus drei ineinander übergehenden Sätzen. Satz 1 interpretiert die Sonatenform überaus frei, Satz 3, polonaisenartig, folgt in etwa der Rondoform. Eine große Kadenz fehlt, stattdessen spielen im Mittelsatz nur Klavier und Solo-Cello. Bei den Konzerten der Berliner Philharmoniker ist Clara Schumanns Klavierkonzert zum ersten Mal zu hören.

Exponiert die maestoso-Orchestereinleitung im Allegro ihr a-Moll-Material (Fanfare & Marsch) noch forschkonventionell, so wirkt die Soloexposition schon als weitschweifende Variation dazu. Die Überraschung ist aber perfekt, als sich das zweite Thema als herzzerreißend lyrische Variante des Marschthemas entpuppt. Es folgt eine Spielepisode, irgendwann hat man das Gefühl von Durchführung, ein ben-marcato-Thema zieht vorüber, und was endlich, wenige Augenblicke vor Satzschluss, nach errungender Tonika tönt, explodiert als plötzliches E-Dur. Die Romanze (As-Dur), halb Lied ohne Worte, halb Worte ohne Melodie, dabei ganz ohne Orchester, wahrt eine messerscharfe Objektivität der Intimität, vielleicht ein Pfund, mit dem die 1830er – Chopin, Mendelssohn, Bellini – besonders gut wuchern konnten. Dass das Cello-Solo ohne Larmoyanz auskommt, liegt auch an den glasklaren Akkordumspielungen der Solistin, Triolen, Sextolen: Einbettungen des Intimen in hochartifizielle Kunst. Oh Biedermeier, hättest du nur immer diese Lust zum Wagnis gehabt.

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