RSB mit Tetzlaff

Im Konzerthaus spielt Tetzlaff Bartóks 2. Violinkonzert von 1939. Rein äußerlich ist das Konzert beruhigend konventionell: also dreisätzig, das erste Allegro hat Sonatenform (und das zweite doch auch?), das zweite Thema ist jeweils lyrisch. Elektrisierend (und zugleich fast mendelssohnisch) wirkt der Gegensatz von virtuosen Spielepisoden und luftklaren Bartók-Tuttis. Und dazwischen ein Variationen-Andante.

Christian Tetzlaff klingt bei Béla Bartók spitzenmäßig. Und Bartók bei Tetzlaff. Dabei ist dessen Geigenspiel nicht leicht zu beschreiben. Klar, die Attacke ist zupackend und der Ton energisch, plastisch, anti-säuselnd. Aber auch biegsam. Früher klang Tetzlaff bisweilen in allem Furor sehr direkt. Heute ist da auch konzentrierte Verinnerlichung. Zum Hysterischen neigende Gestik, wie bei Kopatschinskaja oder Jansen zu hören, fehlt vollständig, was gar nicht schlecht ist.

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RSB, Jurowski, Uchida: Schönberg, Beethoven, Brahms

Hörenswert in der Philharmonie: das RSB mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll.

Mitsuko Uchida spielt ungewohnt fehlerhaft (stets an den einfachen Stellen), aber mit außerordentlichem Gespür. Ihr Spiel atmet und drängt, ist gewichtig und frisch, ihr Beethoven einleuchtend und unberechenbar.

Für das c-Moll-Konzert, das noch das Ungestüm der früheren und schon das symphonische Gewicht der späteren Konzerte Beethovens besitzt – erstmals in einer Soloexposition bei Beethoven ist es der Solist, der mit dem Seitenthema einsetzt -, ist das ein Gamechanger.

Die Pianistin wagt ein Rubato bis zum Bedeutungsvollen. Charakteristisch für sie fand ich schon immer die lebhaften Beschleunigungen innerhalb einer Phrase. Dazu kommt natürlich der Anschlag, in den Allegros genau wie in Stich, der immer eine Wildheit bewahrt. Dabei bringt Uchida so viele Anschlags- und letztlich Musikdarstellungs-Nuancen rein: So repräsentiert ihr Spiel die subjektive Seite der Konzert-Medaille, das des Orchesters die objektive. Untrüglich Uchidas musikalischer Instinkt bei den megagelungenen Trillern. Die Kadenz ist lang. Uchidas Ton ist leicht geschärft. Unnachahmlich, wie da Struktur aus Klang kommt, und Klang aus Struktur. Ich erinnere mich noch relativ gut an ihre Beethovenkonzerte 2011 unter Rattle.

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Wes Pferd dies auch sei: 1. Akt Walküre

Anja Kampe, René Pape und Andreas Schager singen den ersten Akt von Die Walküre in der Staatsoper. Man hört wortverständlichen Wagnergesang ohne künstliche Exaltationen.

Anja Kampe ist heute Unter den Linden eine ideale Sieglinde, selbstbewusst beseelt, gewinnend und warm. In der Tiefe hat sie Wagnerischen Ernst, in der Höhe den weichen Thrill, das intensive Vibrieren, die Emphase für die Wagnerischen Gefühle. Den Ehemann trägt René Pape mit gerundeter Wucht vor, ohne finsteres Metall, hier und da nah am Sprechen, nicht als Präfiguration Hagens, sondern mit einem ins Objektive gesteigerten Missmut König Markes.

Verschämt leise beginnt Schager die Winterstürme und findet nicht den Ton für das Parlando der ersten Szene, ist aber ein aufregender Siegmund. Ein starkes Jagen wird zur mitreißenden Erzählung, fernab von jenem globalisierten Heldentenorjargon, der so oft für Verdruss sorgt. Es ist unendlich cool, Ein Schwert verhieß ohne jede Überanstrengung zu hören. Und Schager singt den Schluss spielerisch und eindringlich, mit jenem Überschuss an Tenorkraft, der ihn auszeichnet, und mit einem Lächeln.

Es ist eine Tatsache, dass seit Bayreuther Ewigkeiten jene Wagnertenöre, die Siegmund können, eben nicht den Siegmund singen, sondern Siegfried. Die 2010er waren diesbezüglich kein gutes Jahrzehnt, wenn auch O’Neill, Botha, Smith, Ventris oder Gould als Siegmund mehr oder minder ihre Meriten hatte. Nur Seiffert stach heraus.

Die Staatskapelle muss aufgrund von Krankheit von Barenboim umsatteln. Der in Zürich geborene Philippe Jordan zäumt nun als reisige Maid das Orchesterross. Sein Wagner klingt genau und hart. Vor der Pause spielt man Tristanvorspiel und Liebestod, ersteres passabel.

Staatsoper Berlin: Roméo et Juliette

Die Inszenierung hat einen Vorteil: Sie wird besser.

Denn zu Beginn der Premiere verbreiten Ideenarmut und dünne Personenregie gepflegte Inszenier-Öde. Prompt schallt nach dem ersten Akt das erste Buh. Je näher der Doppelselbstmord in der Capulet-Gruft allerdings rückt, umso überzeugender wird der Abend. Sage und schreibe vier Liebesduette werden gesungen. Gounods drame lyrique Roméo et Juliette ist in Deutschland eher unbekannt, das Libretto verarbeitet Shakespeares Romeo und Julia. Opernfans kennen Juliettes irren Walzer Je veux vivre, Nadine Sierra, Diana Damrau oder Callas-Caballé singen oder sangen das. Auf melodischen Ausdruck ausgerichtet, konzentriert sich Gounods Roméo ganz auf die beiden Liebenden.

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RSB, Konzerthaus

Ein Abend mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin im Konzerthaus.

Die f-Moll-Sinfonie von Haydn hört man jetzt öfters. Bei Ádám Fischer spielen 2. Geigen und Bratschen in Streichquartettformation. Und alle Streicher vibratolos. Ist der langsame Satz, der bei Haydn hier an erster Stelle steht, deshalb so lang? Doch das Allegro witzelt stürmisch durch die f-Moll-Wildheiten. Nach dem Menuett (ein Problemstück, es ist nicht nur zeremoniell und behäbig, sondern auch hintergründig) sprudelt das Allegro-Finale mit seinem tollen Thema (siehe Foto) rastlos-selbstbewusst zum beklatschten Ende.

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Licht überm See, Amme, wachst du?

Die Frau ohne Schatten ist ja eine klassische Doppelpaar-Oper, was schon bei Così fan tutte, Zauberflöte und Lohengrin funktionierte. Und die Amme ist eine der gewitztesten Intrigantinnen überhaupt. Hieße die Oper allerdings Die Amme oder Die Kaiserin, wäre dies Kinderkriegen-Image nicht so ein Problem. Claus Guth zeigt die Frau in einer von Dämonen und Geistermenschen bevölkerten k.-u.-k.-Zeit (Wiener-Werkstätten-Kleider à la Emilie Flöge). Ein verknöchert leidender Patriarch (Keikobad) steht gegen zwei sich zur Willensfreiheit ertüchtigende Frauen. Das wird stringent erzählt. Mit sparsamen Mitteln. Nur im 2. Akt wird die Handlung unklar. Daran ist Hofmannsthal schuld. Aber das Libretto ist auch ein Wunder.

Schagers Tenor ist ein Geschütz aus Schall und Schwermetall, frisch und frank singt der Österreicher den Kaiser. Denn in Amme, wachst du ist er – wenn auch zu lautstark in der Spitze – ein Märchengatte aus Fleisch (Pathos) und Blut (Herzton), und bei Das sind die Nichtgebornenen singt ein Mensch, kein gekünstelter Schmalspurtenor.

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Argerich, Barenboim in der Phiharmonie

Ein Konzert mit Daniel Barenboim und Martha Argerich.

In der Philharmonie vertrauen Dirigent und Solistin vertrautem Gelände, Beethovens erstem Klavierkonzert und Brahms‘ letzter Sinfonie.

Wie Martha Argerich das C-Dur-Konzert spielt: tollkühn akzentuierte Zielnoten und herausgestellte Vorschläge, sprudelnd sorglose Skalen, ernste Nachsatzverschattungen, charmant gewaltsame Temporückungen. So macht das keine und keiner. Ihr Ton ist doch einzigartig: Die leisen Noten klingen voll, rund, immer etwas aufgerauht und dunkel, und tragen ihre Gehalte problemlos in den Riesenraum. Der erste Satz, in dem die Solostimme bekanntlich nicht ein einziges Mal mit dem Hauptthema zu hören ist (ähnlich wie das Solo in der Durchführung kein einziges der Themen spielt), bleibt bei Argerich burschikos und klar, aber stellenweise geheimnislos. Und früher entledigte sich Barenboim der Durchführung am Flügel schwebender, packender.

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Gar nicht lustig: Musiktage Donaueschingen 2024

Während die Donauquelle quillt und das SWR-Orchester zwischen Putin-Fan Currentzis und Penis-Freund Roth in den Seilen hängt, laufen die Donaueschinger Musiktage 2024.

Die erste Uraufführung kommt von Simon Steen-Andersen, grosso für Quartett (Yarn Wire, 2 Pianisten, 2 Schlagzeuger) und Orchester (37′). Getragen wird das unausgeglichene Stück von weich gerundeten, vom Klicken und Klacken der unterschiedlichen Objekte gefüllten Geräuschfelder. Wozu die Schwerkraft des Wummerns die Sättigungsbeilage liefert. Das ist dann so eine Art Am Kamin 4.0 in Neue-Musik-Sprech. Interessanter wird es, als sich das Orchester mit lustvoll platzenden Fanfaren und Brucknerchorälen zwischen die Ready-Made-Friemelei schiebt. Dazwischen reizt Steen-Andersen mit einer Hammondorgel das Nostalgiepotenzial zwischen schön pittoresk und schal banal aus. Aber stellenweise klingt das so durchgedreht wie die besten Steen-Andersen-Klassiker.

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Janowski, Philharmoniker: Hadelichs Mendelssohn, Brucknerlandschaft ohne Unendlichkeit

Da ist Augustin Hadelich mit Mendelssohn.

Hadlich legt heute seine spielerische Flamboyanz, die man erwartete, ab. Der Ton im Violinkonzert ist bestechend schlank, bestens kultiviert. Keine Unklarheiten. So behält der Deutsch-Amerikaner schönlinig die Kontrolle über die Gefühle. Kommt dies vom Respekt vor Janowski, der mit jedem Zoll die Aura des deutschen Kapellmeisters verkörpert? Phrasierung, Vibrato, Portamenti bei Hadelich sind dezent, und die Vorschläge in den letzten Takten des Andante supersauber. Janowski gibt eine Art Maschinentempo vor. Die Beziehung zwischen Solisten und Orchester scheint aufs Neutrale runtergedimmt. Im Finale chipt Hadelich dann aber Doppelgriffkaskade nach Doppelgriffkaskade vom Griffbrett.

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Staatskapelle Berlin: Thielemann + Levit finden den Herzrhythmus

Es ist das erste reguläre Konzert des neuen Generalmusikdirektoren der Staatsoper Berlin Unter den Linden. Ein solches Antrittskonzert gab es zuletzt Anfang der 90er.

Vorab gibts als easy konsumierbares Häppchen Elysium des Kanadiers Samy Moussa, der Klang kommt maximal von Elektra (oder von John Adams), der wummernde Inhalt von Götterdämmerung. Im Zentrum steht Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 2, das Igor Levit mit Ausdruck und leidenschaftlicher Genauigkeit anpackt – und mit hörbarer Gefühlsabdunklung. Danae Dörken spielte das Werk, das weder Virtuosenfutter noch Symphonie mit Soloinstrument sein will, vor Kurzem beim DSO eher trocken. Heute, mit Levit, klingt das zweite Thema zuerst streng wie Beethoven, dann schwärmerisch wie Schumann, doch zeigt sich Levits Spiel nie nur-expressiv, sondern stets auch Hirn-kontrolliert.

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Die Polinnen kommen: RSB und Gardolińska

Uwaga! Achtung, die Polinnen kommen. Zwischen Netrebko Unter den Linden vorgestern und Thielemann Staatskapelle übermorgen spielt das RSB im Konzerthaus.

Die erste Polin ist Grażyna Bacewicz (1909-1969). Ihre Ouvertüre von 1945 hat Schmiss, sechs Minuten kurz ist das, und es fängt an wie Die verkaufte Braut und hört auf wie Elektra. Die andere Polin ist die Dirigentin Marta Gardolińska, die sich energisch und empathiebereit an der Arbeit zeigt und beim 1. Violinkonzert op 35 von Szymanowski ganz klar ausschaut, als kennte sie das Stück aus- und inwendig. Während das Szymanowskikonzert so frisch und glühend wirkt, als wär die Uraufführung 1922 erst ein paar Wochen her.

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Camilla Nylund: die Kunst des Liederabends oder Wo die schwarzen Rosen blühen

Am Vortag Anna Netrebko, einen Tag später am gleichen Ort ein Liederabend mit Camilla Nylund.

Korngold (vier Lieder aus op 9) und Zemlinsky (Eichendorffs Waldgespräch) machen den Anfang. Dann kommt Berg und der ist außerordentlich. Nylunds Herangehensweise bei den 7 frühen Lieder ist instrumental. Zu unserem Glück. Kein peinliches Auspinseln von Ein Feuerlein rot/Knistert im Ofenloch zum biedermeierlichen Genrebild (ähm, Frau Fleming?). Bei Storms Trägt in der Hand den Sommerhut kein verschwörerisches Schäkern mit dem Saal. Bei Hauptmanns Trinke Seele! kein wolllüstiges Ineinssein mit dem Weltgeist des Fin de siècle. Im Gegenteil. Souverän platziert die Finnin die Lieder (1905-08) zwischen objektiviertem Ausdruck und Gefühl. Der Vortrag: kühl und dicht. Der Ton: weniger klassisch gerundet, doch reich, und mega easy groß genug für (nach der Pause) Strauss – und fein genug für den Dämmer von Im Arm der Liebe. So dargeboten, mit solch nacherzählender Sorgfalt, erhalten Bergs frühe, erst 1928 veröffentlichte Lieder eine stille, klassische Größe.

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Staatsoper Berlin Nabucco Premiere: Anna Netrebko faucht wie eine Diva

Endlich wieder Verdis Nabucco an der Staatsoper Berlin. Aber muss es so einer sein?

Es ist 1841. Giuseppe Verdi mischt in Nabucco (Wagner laboriert gerade am Fliegenden Holländer) alttestamentarische Wucht und Innigkeit der Kantilene, und selten füllte der Komponist den Grundbaustein der italienischen romantischen Oper – die Dreiheit aus einleitendem Rezitativ, gefühlsbetonter Arie und feuriger Cabaletta – mit solch sprühendem Leben. In Verdis dritter Oper steht weniger der titelgebende Nabucco, vielmehr dessen Tochter Abigaille im Zentrum eines Beziehungsvielecks, das Verdi kunstvoll zwischen Abigaille, dem Vater Nabucco, ihrem Ex Ismaele und der Schwester Fenena spannt. Für Abigaille, in Wahrheit Sklavin, mixen Verdi und sein Librettist Solera einen Affekt-Cocktail aus ruchlosem Machtstreben, Eifersucht und Hass. Und katapultieren ihre biblische Heroine so zuerst auf den Thron Nebukadnezars, um sie schließlich dem Reuetod zu überantworten. Der das doppelte lieto fine – die Rückkehr der Isrealiten und die Läuterung Nabuccos – von Verdis dramma lirico erst sinnfällig macht.

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Lise Davidsen: Tosca-Perspektiven

In der Staatsoper gibt es wieder die römische Tragödie Tosca in einer guten Besetzung. Zubin Mehta dirigiert, als gäbe es kein Morgen, die Staatskapelle liefert Schönheit und Weichheit ohne Süffigkeit, kostet Puccinis Leidenschaften locker flockig aus. Wenn schließlich Mehta die Details der Partitur in hinreißender Fülle aufblühen lässt, geschehen unterhalb der Ebene des Hauptmotivischen Feste des Instrumentalen. Nur der Schluss zerfließt wie Butter in der Sonne.

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