Die Inszenierung hat einen Vorteil: Sie wird besser.

Denn zu Beginn der Premiere verbreiten Ideenarmut und dünne Personenregie gepflegte Inszenier-Öde. Prompt schallt nach dem ersten Akt das erste Buh. Je näher der Doppelselbstmord in der Capulet-Gruft allerdings rückt, umso überzeugender wird der Abend. Sage und schreibe vier Liebesduette werden gesungen. Gounods drame lyrique Roméo et Juliette ist in Deutschland eher unbekannt, das Libretto verarbeitet Shakespeares Romeo und Julia. Opernfans kennen Juliettes irren Walzer Je veux vivre, Nadine Sierra, Diana Damrau oder Callas-Caballé singen oder sangen das. Auf melodischen Ausdruck ausgerichtet, konzentriert sich Gounods Roméo ganz auf die beiden Liebenden.

An der Staatsoper Berlin zeigt Regisseurin Mariame Clément die Juliette als scheues Mädchen, die sich auf der teuren Geburtstagsparty im väterlichen Hause wie ein Alien fühlt. Elsa Dreisig spielt das anrührend und überzeugend. Dazu kommt Roméo. Er ist ein süßer Typ, schlägt aber Tybalt kurz Mal mit der Eisenstange tot. Bühnenbild und Kostüme haben ein Faible für pittoreske Punker – die Montaigus – und Wohnambientes der gehobenen Sorte (Julia Hansen). Das kann Regie-Routine verbreiten. Aber besser als der vollverglaste Wohnbunker der Capulets schaut dann Juliettes Mädchenzimmer im vierten Akt aus. Und im fünften bereitet die gekachelte Leichenhalle im grellen Neonlicht – die Gruft – effektvoll die Wiedererwachensszene vor. Videos zeigen Schmetterlinge (Sébastien Dupouey).

Staatsoper Berlin Roméo et Juillet
Fotos: Monika Rittershaus

Die Juliette singt Elsa Dreisig (Jeans, Kapuzenhoodie, Haare Eisblau – die sind echt, oder?), den Roméo Amitai Pati. Beide haben leichte, lyrische, gut geführte Stimmen, eignen sich ideal für dies französische Repertoire. Dreisig singt nicht so brillant wie Oropesa, nicht so exuberant wie Sierra. Aber mit feinem Gefühl für die Romantik Gounods, mit genauer Farbe, schöner Linie, Ausdruck. Zum Inneneinsichts-Ton tritt bei Dreisig ein aufregender Hauch Kühle. Dergestalt klingt sie hypermodern.

Mit Farbe und Linie glänzt auch Pati, der den Ton des romantischen Lovers mit dezenter Leidenschaft würzt. Noch dazu, wenn der Neuseeländer sanfte Dynamik mit differenzierter Phrasierung verbindet. Den Pater Lorenzo gibt Nicolas Testé (sympathischer alt-linker Lehrer mit Zopf) nobel und Bass-gehaltvoll. Die Gertrude von Marina Prudenskaja ist eine Luxusbesetzung, erfreulich der Tybalt von Johan Krogius und der Stéphano der Ema Nikolovska, während Arttu Kataja den Capulet senior ungeschmeidig, aber sehr repräsentabel singt.

Stefano Montanari leitet flüssig und leicht, mit Tempo, aber nicht süffig sentimental, die Staatskapelle folgt leichtfüßig. Hörenswert.

Viel Kritik und Buhs zum Schluss der Premiere, aber auch viele Bravi.

Die Staatsoper schließt mit Gounods hochromantischer Oper eine Berliner Repertoire-Lücke, die Produktion ist schlussendlich sehenswert.


Weitere Premierenkritiken zu Roméo et Juliette: „Ein Reinfall also“ (Kai Luehrs-Kaiser)