Gelungene Premiere an der Deutschen Oper in Berlin. Die Oper Fedora (UA 1898) wird fabelhaft gesungen und kühlwasserklar inszeniert.
Umberto Giordanos melodramma handelt von Liebe und Rache, Hass und Eifersucht in der Belle Époque. Handlungsorte sind St. Petersburg, Paris und die Schweiz. Regisseur Christopher Loy setzt die Russen-Jetset-Tragödie – sie ist Fürstin Romasoff, er ist Graf Ipanoff – in ein als stilvolle Einheitsbühne dienendes Riesenzimmer mit Brokattapete und vergoldeten Türrahmen (Bühne Herbert Murauer). Loy inszeniert das poetisch, aber runtergekühlt. Zwei Polsterstühle, ein Tischchen. Im Hintergrund Europaletten als Stufen zum hinteren Bühnenraum. Das muss reichen. Aber es wird warm ausgeleuchtet (Licht Olaf Winter).
Giedrė Šlekytė, eine der interessantesten aus der jungen Generation, dirigiert beim RSB.
Ein Programm, schrill und schräg wie ein Otto Dix.
Zuerst Short Ride in a Fast Machine von John Adams. Petrenko machte es, Rattle machte es, jetzt catcht Šlekytė sich den Ride. Diese feine Sache von 1986, vier Minuten lang à peu près, ist vollgetankt mit konzentrierter Kraft und hellem Flimmern. Zuerst Bläser, dann Streicher dazu, und wenn die Trompeten-Fanfare kommt, ist Schlussgerade angesagt. Alles schlank instrumentiert. Bei Šlekytė ist es härter, aber ähnlich genau wie bei Petrenko. Bei dem war mehr Glitzer.
Es folgt programmatisch der komplette U-Turn. Der junge französische Cellist Victor Julien-Laferrière spielt das beeindruckend effektlose Schumannkonzert.
Alan Gilbert mit Mendelssohn und Britten bei der Staatskapelle. Mendelssohns Dritte ist en vogue (hervorragend Petrenko bei den Philharmonikern, irdisch-erdiger jüngst Gardolińska beim RSB), aber Brittens Cellokonzert macht sich rar auf den Berliner Podien.
Weichtönend, schlank und zügig legt der ehemalige New-York-Phil-Chef Alan Gilbert Mendelssohns a-Moll-Sinfonie in den 1356-Plätze-Saal. Ausbalanciert wirkt so die „Schottische“, dabei immer klangsensibel ausgeleuchtet und klangbildlich fein durchmodelliert. Das Scherzo flutscht superb geprobt durch, das Tempo wirkt pro Brillanz und contra Folklore. Im Adagio bindet die Staatskapelle die zwei Themen zum Bild zusammen, kantables erstes Thema und marschartiges – „fremdartig und feierlich wie Hamlets Geist“ (Kretzschmar) zweites. Vorher platziert Gilbert das Allegro zwischen pp-weichem Beginn und Stretta-Schluss, und immer ist da ein nervöser Puls mit am Start. Zwischendurch werden ausführlich die Gelegenheiten genutzt, um gehobene Klangkörperkultur zu präsentieren, zBsp Holzbläser. Das ist doch eine Art Gilbertismus. Gilbert positioniert Mendelssohn zwischen (alt-)meisterlichem Schwelgen und moderner, durchaus amerikanisch zu verstehender Straffheit.
Überdreht, stellenweise gut und nur halbwegs spannend, das sind Hoffmanns Erzählungen in der nagelneuen Inszenierung der US-Amerikanerin Lydia Steier an der Staatsoper Berlin.
Unter den Linden ist Hoffmann ein antriebsloser Schlurfi, um den sich der Teufel und ein Engel (die Muse) streiten, wobei der Teufel bis kurz vor Opernschluss wie der sichere Sieger aussieht. Das wird inszeniert mit nostalgisch-drallen Bühnenbildern (überambitioniert Momme Hinrichs), viel Goldne Zwanziger, viel dekorative Fifties, getunkt in fade Broadway-Ästhetik. Junge Zunge.
Valerie Fritz spielt Staud, Jérémie Moreau Beethovens G-Dur-Konzert.
Neu ist auch die Dirigentin Barbara Dragan, großgewachsen, aus Polen, Locken wie der junge Rattle.
Ja, neue Gesichter, aber auch eine Repertoireerweiterung, nämlich die symphonische Dichtung Ange („Engel“) des Ukrainers Fjodor Akimenko, ein zehnminütiges Nachtstück. Komponiert wurde es 1924, hört sich aber an wie von 1904. Doch Akimekos schwermütig luxurierender Bewusstseinsstrom ist ein echter Hinhörer. Tuba und Harfe unterstützen üppig das Schwelgen und Schwärmen, Ange erinnert an Ähnliches bei Szymanowski. Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt das unter Dragan sehr gut.
Im trüben Berliner November lädt die Klangwerkstatt Berlin zum „Festival für Neue Musik“.
Das Minguet Quartett spielt im Studio I. Fünf Stücke, fünf Namen, fünf mal neue Musik.
Zu Beginn Elnaz Seyedi mit Fragmente über/unter Druck (11′, 2019), ein slightly trockener Aufmarsch von lauter klanglichen Mini-Ereignissen, die niemand vom Hocker hauen. Das Stück wirkt schnell statisch, sehr gewollt und nimmt keine Fahrt auf. Wobei das Minguet-Quartett Fragmente schon 2020 bei Ultraschall Berlin präsentierte.
Noch ereignisärmer gerät Quasi niente von Kunsu Shim (4′, 2025). In der auffälligen Kürze handelt es sich eher um eine Studie, die in schattenhaftem Erlöschen ihr Genüge findet. Das Material, Bezugspunkt ist eine Sonate von Skrijabin, erinnert immerhin an einen Hymnus.
In Gounods Meisterwerk von 1867 glitzern wieder die Melodiekostbarkeiten.
Unter den Linden, wo das Stadtbild eigentlich ganz in Ordnung ist, ist über eine gut besetzte Wiederaufnahme von Roméo et Juliette in der brauchbaren Inszenierung von Mariame Clément zu berichten. Clément koppelt Wohnglasbunker und Jetztzeitklamotten, so überzeugt die Produktion mit guter, wenn auch konventioneller Regie-Lust und Inszenier-Laune.
Die Juliette (Haare eisblau) präsentiert sich – Berlin verpflichtet – im attraktiven Fläz- und Schlabberlook. Lisette Oropesa singt das frappierend. Ihr Auftritt erfolgt mit dem kurzen Écoutez, écoutez. Die schwärmerische Arie Je veux vivre ertönt nicht nur als jugendfroher Ausdruck sprühender Lebensfreude, sondern auch als nervöses Besorgtsein der Generation Z.
Douce flamme, je te garde dans mon âme
Bei Oropesa tönt das einen Hauch adrett, eine Prise höhere Tochter. Aber Oropesa singt unendlich classy. Leicht, präzise, schnelles Vibrato, der Klang lupenrein. Hervorragend, wie der Moll-Teil von Je veux vivre durch federleichte Einfärbung der Stimme seine Melancholie erhält. Sie hat keine italienische Stimme, wie der Name nahelegen könnte, keine französische, sondern eine US-amerikanische von brillantem Finish.
Im Herbst 2025 heißt die Violetta an der Lindenoper Marina Rebeka. Die Lettin sang an der Staatsoper schon Troubadour-Leonora und Aida. Beide Male gefiel Rebeka mit großer, gut kontrollierter Stimme und stetigem, vollem Klang. Das ist heute Abend auch alles da. Aber ihre Traviata überrascht vor allem durch ein Singen von großem Ernst. Immer dabei ist ein Hauch (baltischer) Kühle. Sie singt eine Traviata mit Stil. Den Klang reichert Rebeka gerne mit einer Prise Aida-Majestät an (die lyrisch-dramatischen Expansionen im 2.-Akt-Finale, Prendi: quest’è l’immagine im 3.). Das ist aufregend. Das Erstaunliche ist, dass sie eines nicht hat: Sentimentalität. Der Ausruf im 3. Akt, È tardi, es ist zu spät, bleibt komplett ohne Selbstmitleid. Rebeka vermeidet sorgfältig Schluchzer. Auch das ist aufregend. La Traviata als Tragödin.
Sicher gibt es auch bei Rebeka Kritik. In der ersten Cabaletta im ersten Akt sind die Spitzen zu metallisch-laut. Und eine geschliffen klare Diktion ist nicht ihr Ding. Aber die Verzierungen in der Arie werden sorgfältig gesungen, eher instrumental, nicht als funkelnde Perlenkette.
Eröffnungs- und Schlusskonzert der Donaueschinger Musiktage 2025 werden live übertragen, beide Male klangverkörpert durch das SWR Symphonieorchester. Beide Konzerte sind Uraufführung-only.
Ich höre über SWR.
Am Freitag also das Eröffnungskonzert. Es startet mit Mark Andre, Im Entfalten (15′). Das Pierre Boulez gewidmete Werk erscheint streng und fließend, ein ruhiger Puls trägt. Man meint einen Andre-Stil zu hören, solide und souverän, abgeklärt die Ereignisabwicklung. Andererseits bleibt Im Entfalten zu subtil, um einem Minimalismus zuzugehören. Freilich bleibt das Stück ohne Überraschungen.
Wie sich herausstellt, bleibt dies Altneu-Neualte von Mark Andre das Beste heute Abend. Was kommt, tritt kürzer.
Zwei Stunden Happy Hour beim RSB unter Chef Jurowski.
Mit dem Violinkonzert von Alban Berg ist es wie mit Prousts Suche nach der verlorenen Zeit. Die Verehrung ist groß, aber sich damit beschäftigen ist was anderes. Sperrig, ach was, missmutig mutet das Konzert an, egal wo mans hört. Und das, obwohl es mit Walzern und Jodlern aufwartet. Und mit dem Untertitel des Jahrhunderts, Dem Andenken eines Engels. Zweisätzig wie Bartóks frühes Violinkonzert, erhält es wie dieses seine spezifische Färbung durch einen emotionalen Background. Dort 1907 Stefi Geyer, hier 1935 Manon Gropius.
Michail Jurowski dirigiert ohne Nachlassen zupackend, symphonisch. Christian Tetzlaff packt seinen Berg wild an. Tetzlaffs Ton ist ernst bis zum Harschen.
Ende der Tetralogie an einem herbstlich trüben Berliner Sonntag.
Andreas Schager liefert zum Stimmsound des Heroen das Bühnencharisma des Überfliegers. Burschikos beseelt Schager die Gutruneszenen. Achtung, Knutsch-Alarm! Aber zu Schagers Klasse gehört eben auch, dass immer klar ist, dass Hagens Intrige ihm das Leben kosten wird. Kommt derzeit einer ihm gleich?
Heikel die Brünnhilde von Anja Kampe. Im Duett mit Siegfried spielt sie, wie Tscherniakow inszeniert, nämlich verspielt und ironisch. Gut. Außerdem singt sie, wie Tscherniakow inszeniert. Verspielt und ironisch. Als wäre sie nicht Brünnhilde, sondern eine, die Brünnhilde spielt. Nicht gut. Das funktioniert nicht. Gern indes höre ich Helle Wehr und Racheterzett, wo sie neben Kares und Vasar überzeugt. Im ganzen 2. Aufzug hat sie astreine Spitzentöne. Starke Scheite und Mein Erbe nun nehm‘ ich zu eigen hingegen enttäuschen. Das klingt mehr nach Achtsamkeitskurs im Grunewald als nach Walhalls Ende, und die letzten vier Zeilen hört man gar nicht mehr richtig. Gleichwohl geht der Klang ihrer Stimme oft genug unter die Haut. Doch gemach. In ein paar Jahren wird Kampe das adäquat machen, und dann doch wohl auf bestem Niveau.
Dritter Aufzug. Vorspiel und erste Scene: Stimmt soWeiterlesen →
Der dritte Opernabend und der zweite Tetralogie-Tag des zweiten Durchgangs des Thielemann-Rings Unter den Linden.
Andreas Schager. Der Mann ist ein Vergnügen. Denn Tscherniakows genial dürre Ring-Inszenierung mit den gnadenlos ausgeleuchteten Innenräumen braucht Thielemanns rassigen Sound, braucht Volles Wotanwahnsinn und Schagers coole Spontaneität. Dann klappts auch mit der Inszenierung, ist sie mehr als besserwisserische Regie-Dröppelei. Es ist ja stets ein neues Rätsel, wie Siegfried binnen einer Stunde vom Grobian (halte das Maul) zum Lyriker mutieren kann, der Kostbarkeiten wie Wie Wunder tönt singt. Schager (Adidas-Anzug in Royal-Blau, Mit diesem Trainingsanzug verpasst du deinem Streetstyle ein sportliches Update) löst das Rätsel. Die Stimme tönt stetig, fest, leuchtend auch in der Mitte, die Farbe aufregend zwischen hell und dunkel gemischt, das Timbre viel Metall im fluffigen Nockerlmantel, bei Brünnhildes Erweckung ist der Österreicher on fire. Der Tenor versteht sich der derzeit am besten auf Siegfrieds Huiness*. Und spielend füllt Schager den Heroenton des Finales mit jenem individuellen Gefühl, das sich bei jeder Phrase aufs Neue bewährt.
Eine gute Walküre. Leicht abfallen tut nur der erste Akt.
In Aufzug I reiht sich Eric Cutler in die Reihe mittelmäßiger englischsprachiger Siegmunde ein. Die klingen wahlweise nach Arts College Student aus Kansas oder nach College-Sportler aus Iowa. Cutler klingt nach letzterem. Cutler verbindet ein tolles Timbre mit lauten und fantasielosen Wälse-Rufen. Der letzte richtige Siegmund war Seiffert im Schillertheater. Cutler dringt mit der Mittelstimme nicht recht durchs Orchester. Und dazu dieses Iowa-Deutsch. Sieglinde (Vida Miknevičiūtė) ist gut in Akt I und ausgezeichnet in Akt II. Vibrato und Timbre sind eisenstreng. Höhepunkt ist Da er sie liebend umfing. Ihre Spitzentöne sind wie Granit, dazu kommt eine Bühnenpräsenz, der man Scheu und Leidenschaft abnimmt. Der Hunding des Finnen Mika Kares ist schon der schieren Größe der Bassstimme wegen hörenswert. Doch bei Miknevičiūtė wie bei Kares mag man leichte Defizite bei einer plastischen und expressiven Deklamation bemängeln. Vor allem, wenn die nachfolgenden Kollegen mit auf der Bühen stehen.
Wotan hat die Nase voll: fast drei Oktaven Chromatik hoch, dann großer Knall ff d-MollWeiterlesen →
Im Konzerthaus gibt das RSB Byström, Goldmark und Beethoven zum Besten: ein rhapsodisches Trompetenkonzert von Britta Byström, dazu Karl Goldmarks Frühlingsouvertüre und Beethovens Zweite.
Fehl- und tadellos gelingt Sebastian Weigle (Dirigiermantel in glamourösem Schwarzblau) ausgerechnet Goldmarks Im Frühling. Das spritzige Stück folgt trotz Themenvielfalt der Sonatensatzform, mit kurzer Durchführung und detailreicher Reprise. Also: in erster Linie eine Konzertouvertüre, eher keine Tondichtung. Das RSB kann das klangsicher, energisch, gewitzt. Goldmark war viel mehr als Brahms ein Ohrwurm-Komponist. Man höre die wonnig sinnlichen Konzertouvertüren Sakuntala und Sappho, über letztere machte sich Brahms übrigens lustig. Die Interpretation unter Weigle ist fabelhaft.
Etwas gewöhnlicher, aber schlussendlich souverän – und etwas majestätisch – kommt die D-Dur-Sinfonie von Beethoven daher, seine zweite. Das Tempo liegt im abgesicherten Terrain zwischen Kirill Petrenko und Wladimir Jurowski. Weigles Beethoven ist einer des Mittelwegs: hier ein durchaus heroischer Tonfall, dort immer wieder ein behutsamer Zugriff. So darf Beethovens Voranstürmen heute geradlinig wirken. Und solide. Aber trotzdem glitzern die Geigen beim Schrammeln. Beim Larghetto wirkt die Interpretation lebendig durch Eingriffe in den Details: hier die markierten Sechzehntelpausen beim Thema, dort kommt das ff deutlich, aber eben nicht knallig. Und die Themengegensätze nähern sich durch unmerkliche Zügigkeit an (die Geigen weitgehend vibratolos). Gut auch Scherzo und Finale.
Das Trompetenkonzert Täckminnen (UA 2013) der Schwedin Britta Byström ist unterhaltsam und beinah abwechslungsreich. Überflüssig nur die langsamen Abschnitte. Der erste besonders, mit Dämpfer, pfeifenden Musikern, lauen Pizzicati. Der folgende rasche Abschnitt lässt sich zu problemlos auf Neoklassizismus plus Minimal Music reduzieren. Kaum interesseloses Wohlgefallen rufen die kurzen Solokadenzen hervor. Ein wiederum rascher Satz schließt effektvoll ab. Die Orchesterbehandlung hingegen ist raffiniert, auch farblich. Tine Thing Helseth spielt die Solotrompete.