Festtage ohne Barenboim und Thielemann, dafür mit Philippe Jordan.
Das in Rheingold gezeigte Konzept eines lichtalbischen Forschungsinstituts, in dessen Untergeschossen die Nibelungen als bildungsfernes Forscherprekariat hausen, wird in den folgenden drei Tagen der Tetralogie locker (d. h. ohne interpretatorischen Übereifer!) fort- und weitergeführt.
Ist Die Walküre, wo die Wälsungentragödie unter entscheidender Mithilfe der Götter ihren unheilvollen Lauf nimmt, auch das populärste der vier Ringdramen, so wirkt der abrupte Wechsel zwischen leidenschaftlicher Liebesgeschichte und wortreichen Wotanszenen immer wieder problematisch – unter diesem Aspekt scheint die Götterdämmerung, wo der Göttermythos nur noch in der Nornenszene und im Brand Walhallas präsent ist, trotz größerer Länge geschlossener.

Schade aber, dass der Sänger des Wotan, Tomasz Konieczny, über weite Strecken einen spasmodischen Vortrag favorisiert. Akzente werden hervorgestoßen, der Ton bleibt angespannt, Vokale werden gequetscht. Als wäre Wagners Walküre-Wotan ein geifernder Wutbürger. Es bleibt bei dem großen polnischen Bariton, dessen Ausdauer und metallische Wucht bewunderns- und lobenswert sind, ja nicht beim Knurren und Granteln. Bei Konieczny ist der Germanengott geradezu von um sich spritzendem Ingrimm besessen. Wo bleibt bei Konieczny der von Wagner geforderte vaterländische Belcanto? Man muss lange warten.
Im dritten Akt singt Konieczny plötzlich Du folgtest selig, Lebe wohl und Der Augen leuchtendes kantabel, markant im Timbre, kernig im Pathos, das Vibrato unterstützt wunderbar die Festigkeit der Linie. Das ist dann doch Weltklasse. Umso besser, dass Claudia Mahnke ihrem Mann zuvor voll Empörungswärme und mit der Gewitztheit der leidgeprüften Gattin vokal Paroli bot.
Anja Kampe steht an Metall und Durchschlagskraft hinter der Sieglinde von Miknevičiūtė zurück (Kampe war eine mitreißende Sieglinde – und Tosca), hat für den dritten Akt aber im Vergleich zu 22 und 23 an Stabilität der Spitzentöne gewonnen. Mit am besten das in aufsteigender Linie und wundervoll gedämpfter Emphase gesungene Der diese Liebe mir in’s Herz gehaucht. Kampes Spiel ist 1a.

Bei Publikumsliebling Vida Miknevičiūtė gilt: je mehr Stahl, desto mehr Ausdruck. Ihre Interpretation der Wälsungenschwester als hoffnungslos verzweifelte displaced person hat Rasse und Stimme. Gut, dass sie bei Siegmunds Schwertgewinnung auf den auch von Waltraud Meier stets gebrachten Rysanek-Jauchzer verzichtet. Der von Sieglinde geminnte Siegmund (Robert Watson) gefällt durch attraktives Timbre, aber die Minuspunkte sind größer: etwas bräsiges Spiel, fehlende Höhenkraft und amerikanisierte Aussprache (Endungs-Rs und –Ls, Umlaute, die Es entweder übereng oder überbreit). Und René Pape verkörpert einen noblen, mannesstolzen, dunkeltimbrierten Hunding.

Unter den Walküren stechen für mich Clara Nadeshdin und Alexandra Ionis heraus.
Ich kann mir nicht helfen, für Philippe Jordans Ring-Deutung fehlt mir das Interesse. Es gab in letzter Zeit Unter den Linden gute bis sehr gute Dirigate von Butterfly, Traviata und Barbiere. Jordans Ring des Nibelungen zählt zu den weniger guten. Jordan zeigt nicht nur wenig Gefühl für die Anpassung der Lautstärke im Großen Saal. Auch das Orchester phrasiert nicht, Linien blühen nicht, Details sprechen nicht, es entsteht kein dramatischer Zusammenhang. Schwert-, Walhall- und Ringmotiv tönen wie fabrikfrisch aus der Playmobilbox. Man mag gar nicht erst von den Feinheiten reden, mit denen Barenboim vor nicht langer Zeit hier triumphierte.
Schwachsinnige Kritik zu Tomasz Konieczny. Der wohl beste Wotan, den es jemals gab. Er erfüllte schon im 1. und 2. Akt den gesamten Saal mit seiner Stimme. Da kommt keiner ran.
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An dieser Stelle zunächst ein ganz herzlicher Dank für Ihre Kritiken zu den Wiedeaufnahmen! Für uns einfaches Publikum ist das doch viel mehr Opernrealität als die Premierenserien. Ich erwarte Ihre Beiträge immer gespannt und lese sie mit viel Freude und Gewinn.
Nach einem Rheingold, das ich wie Sie erlebt habe, war ich mit Jordan in der Walküre weitgehend versöhnt. Aber vielleicht war’s nur Gründonnerstagszauber in meinen Ohren?
Interessant, dass wir beim Thema Lautstärke ganz anderes gehört haben (kann aber auch gut am Sitzplatz liegen), mein Eindruck war, dass er sich sehr um Anpassung an einzelne Stimmen bemühte und gerade Watson sehr unterstützt hat (im Gegensatz bspw. zu Guggeis, den ich zuletzt hörte).
Ich freue mich sehr auf Ihre Beiträge zur zweiten Hälfte!
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Ich bevorzuge Thielemann als Dirigenten, kann aber auch dem Schweizer Jordan einiges abgewinnen. Generell war ich mit den Tempi und der Dynamik zufrieden, muss dem Rezensenten aber beipflichten, dass die Höhepunkte mir auch zu laut waren. Trügt mein Eindruck oder wird Jordan von Abend zu Abend langsamer? Rheingold war eher schnell, Walküre eher mittleres Tempo.
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bekloppte Inszenierung
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die schrecklichste und albernste aller Inszenierungen, die ich je erlebt habe.
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