Benjamin Bernheim hören, heißt die Inszenierung von Lydia Steier zu ertragen. Während diese nicht besser wird, wird es der Franzose unausgesetzt.
Als Hoffmann ist Bernheim an der Staatsoper Berlin von schlaksiger Kühle, verliebt sich ruckizucki und immer in die Falsche – und ruft dabei kaum Mitgefühl hervor. Bei Klein-Zack im Prolog hör ich nur halb zu. Je länger Bernheim singt, desto stärker entfaltet sich ein Singen von hohem Reiz, frei von expressiven Marotten, von hellstimmig jugendlichem Klang und bestechend schlanker Diktion. Den feurigen Liebhaber mimt er aber wirklich nicht. Dafür dominiert seine Höhe unangestrengt Orchester und Ensembles. Das leicht Nasale fügt eine qualité hinzu. O Dieu! de quelle ivresse – Venedig-Akt – ist besser als alles, was Bernheim beim Silvesterkonzert in der Philharmonie sang. Man versteht, welch umwerfender Werther er ist.
Die Damen sind ordentlich besetzt. Regina Koncz singt eine tadellose, aber brave Olympia (auch ein Automat dürfte mal dezent über die Stränge schlagen), Siobhan Stagg singt mit leicht hochgeregelter Emotion die Antonia, Sandra Laagus eine erwartbar anrüchige Giulietta. Als Herr der Bösewichte waltet Alex Esposito, der die vier Rollen italienisch auffasst, so wie bei der Premiere Tagliavini. Die Regie wandelt die Dämonie der Figur in die clowneske Show eines C-Teufels. Die Nicklausse Samantha Hankey ist klangvoll bei forte, und wenn es piano heißt etwas leise. Die Barcarole Belle nuit macht wenig Eindruck.
Ich bin dankbar, dass wenigstens Titelheld Hoffmann und der Pult französisch besetzt sind. Pierre Dumoussaud dirigiert erfreulich lebhaft und sprühend, stellenweise ist das ein richtiges Vergnügen. Gibt es heute französische Sängerinnen, die Elle a fui singen können wie einst Geori Boué, Martha Angelici oder Suzanne Danco, mit der hinreißenden Präzision und dem erlesenen Timbre? Julia Kleiter war im November gar nicht schlecht.
Warum Lydia Steiers Inszenierung nervt? Weil sie immer im Push-up-Modus ist, auf der Suche nach Bühnen-Passform und szenischem Lifting-Effekt. Pas bon. Hoffmann singt gefühlt ein halbes Dutzend Arien bzw. Chansons, fast alle superkurz, Musik und Szene wechseln unausgesetzt. Da bräuchte es eher Ruhe – wie Laurent Pelly bei den leider abgesetzten „Contes“ an der DO demonstrierte. Bei Lydia Steier herrscht visuelles Zugedröhne, als wären die Contes d’Hoffmann billige B-Operette. Das Gehopse kommt von Tabatha McFadyen (Choreographie). Gähn. Stets ärgerlich, wenn ein Chor so was wie Glou, glou, glou hinter der Bühne singen muss.
Gut der Spalanzani von Florian Hoffmann, glaubwürdig der Crespel von Stefan Cerny. Den Diener singt jeweils Andrés Moreno García. Der eifrige Wirt ist Irakli Pkhaladze, Hoffmanns Freunde mimen David Oštrek, Junho Hwang. Die Stimme der Mutter im Antonia-Akt kommt von Natalia Skrycka. Ich würde Mutter, Antonia und Miracle vorne auf die Bühne stellen, damit man das Terzett Cher enfant einmal richtig hören könnte. Der Strapsen-Schlémil: Jaka Mihelač.
Und hier Suzanne Danco mit Elle a fui. Mon ami! quel accent!