Man kann das alles auch andersrum sehen. Die Sinfonie Nr. 4, die Simon Rattle dirigiert, dampft aus allen Poren wie ein Wiener Schnitzel aus Bocuses Bratpfanne: laut, schnell und unkoordiniert. In den ersten fünf Minuten kämpft die Staatskapelle Berlin mit Rattles Tempo.

Es hört sich definitiv anders an als ein Bruckner von Thielemann. Dennoch ist Rattles Bruckner sehr gut.

Zum Beispiel im ungewöhnlich intensiven Satz 1. Dichtstimmig navigiert die Staatskapelle durch Bruckners himmlisch schöne Mehrstimmigkeiten. In der Reprise bedrängen die Gegenstimmen dann die eigentlichen Themen (Celli beim Es-Dur-Thema, erste Geigen bei Thema 2).

Oder dann im 2. Satz, wo das Endlos-Thema der Bratschen durch harsche Wechsel von pp und mf zu einem hochrhetorischen Gesang verdichtet wird. Auch hier strebt das Tutti nach kompakter Dichte. Überall Prozess, spannungssteigernde Intensivierung. Das tönt klangsüchtig, aber auch immerfort gestaltenreich ausdrucksagierend.

Das Scherzo gewinnt durchs Tempo sogar an tondichterischer Plastizität (eine Jagd im Wald, Picknick der Jagdgesellschaft). Dennoch werden sich seine Tutti-Explosionen in der Philharmonie womöglich raumpassender entfalten, als sie es im Großen Saal der Staatsoper tun. Das Beste ist, dass der Staatskapelle trotz allen zuvor stattgehabten Fortissimo-Feuerwerks im flutenden Finale das Zusammenfassen und Bekrönen gelingt.

Rattle löst Bruckner aus dem Überbehütetsein beglaubigter Spätromantik und holt ihn in eine realere Welt, in der auch chaotische Formfindung kein Tabu ist. Es ist eine mitreißend unkalkuliert wirkende Bruckner-Interpretation.

Die Kombination schließlich der „Vierten“ mit Weills frecher Moritatensammlung Die sieben Todsünden von 1933 erweist sich als aufreibend ungewohnt. Die Dignität des Werks rührt nicht nur von der Konstellation Weill-Brecht her, nicht minder von der haarsträubenden Kraft der wie unter Strom stehenden Themen. Hier stürmt die sinfonische Motorik (das Orchester mit viel Appetit), hinter der Kaltschnäuzigkeit des Tons leuchtet Mitgefühl auf für die Lebensgeschichte der Anna. Magdalena Kožená singt intensiv volltönend, aber wenig textklar – man muss den Brecht-Text verstehen, auch wenn man nicht in Reihe 1 sitzt. Aleš Briscein (zu hören kommende Saison zusammen mit Rattle in den außerordentlichen Ausflügen des Herrn Brouček), Florian Hoffmann, Arttu Kataja und Jan Martiník (umwerfend als Kolenatý in Die Sache Makropoulos, im Oktober wieder, übrigens AUCH mit Briscein) brillieren mit ansprechenden Soli als Annas geldgierig herzlose Familienangehörige.

Kurt Weill dürfte für das nicht ganz ausverkaufte Parkett verantwortlich gewesen sein.


Weitere Rezension: „Das riecht nach Rekord“ (Andreas Göbel)