Das ist ein guter Abend mit dem RSB und Jurowski im Konzerthaus.
Am späten Klavierkonzert C-Dur von Mozart, das Wladimir Jurowski und das RSB spielen, kann einem vieles auffallen, heute Abend aber besonders die imponierende Selbstverständlichkeit der Abläufe, und wie rätselhaft dicht sich „symphonisch“ und „solistisch“ durchdringen. Auch im ausdruckssatt klangströmenden Andante.
Vor allem hat Jurowskis KV503 diese C-Dur-Weite und diese mächtige Majestas der Ritornelle. Das Orchester fastet sich gar nicht auf historisch vermutete Schmächtigkeit zurück. Der Pianist des Abends, Martin Helmchen, bringt für Mozart sein sich nicht auf Fingerfertigkeit begrenzendes Können mit. Helmchen hat die „gelassene Kraft“ (Ch. Rosen) für die Mannigfaltigkeit der Themen und Motive, und er hat ein zupackendes, die Mozart’sche Architektur betonendes Temperament für Akzentuierung, Klang-Ausdruck, Triller, gewichtige, alles andere als selbstvergessen perlende Skalen. Das Tempo ist ideal, Tempoanpassungen passieren züchtig-werkdienlich im Hintergrund.
Selbstverständlich ist das ganze KV503 der helle Wahnsinn. Sowohl Allegro wie Andante führen im ersten Soloabschnitt ein zusätzliches Thema ein. Auch das Andante, das gefühlt ca. 100 Themen vorstellt, eins schöner als das andere, hat ein kleines durchführungsartiges Zentrum. Und im Zentrum des Finales steht eine der unerhörten, unerhört einfachen Melodien des späten Mozart. Das Zusammenspiel von Orchester und Solist ist erstklassig, niemals wird vordergründig auf dicke Harmonie-Hose gemacht. Etwas schwächer nach den herausragenden Sätzen 1 und 2 das heute vielleicht zu leichtgewichtige Finale, „kein humoristisches, sondern ein selbstsicher-ernsthaftes Rondo“ (Alfred Einstein).
Der zugegebene langsame Satz aus Mozarts F-Dur-Sonate KV332 schlägt zum Subjektiven aus – fast zu viel.
Die nach der Pause folgende Sinfonie Nr. 3 des Ukrainers Boris Ljatoschinski (1895-1968) aus dem Jahre 1951 schafft im Seltenheitsindex der Berliner Konzertgepflogenheiten volle zehn Punkte. Das Werk – h-Moll – ist viersätzig, besitzt eine langsame Einleitung zum ersten Satz, ein Andante an 2. Stelle, dessen Zentrum ein mäßig interessanter Marsch einnimmt, und ein Scherzo an 3. Stelle. Mächtig und kolossal sind die Stichworte. Auftrumpfend wird hier sechs Jahre nach Kriegsende den Kriegserfahrungen ein facettenreiches Denkmal gesetzt. Die Aufführung durch das RSB packt durchaus. Der Ton des pathetischen Sowjetstils der 1940er und 50er wird individuell variiert, und die Interpretation des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin unter Jurowski dürfte dem, was die Dritte von Ljatoschinski will, recht nahe kommen.
Ein ausgezeichnetes, sehr maßvoll besuchtes Sinfoniekonzert, das vermutlich mehr Einsichten vermittelte als die zeitgleiche Hochglanz-Elektra der Philharmoniker.
Nächste Woche hab‘ ich Lohengrin im 3. Rang. Bin nicht sicher, ob ich Lust habe, aber beim letzten Mal war’s derart gut, daß ich jetzt nur die Augen zumachen werde. Und wenigstens die Ortrud wird diesmal sicher nicht so laut bellen wie die im vorigen Jahr.
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Jetzt interessiert’s mich wieder: Frau M. ist ein mehr als adäquater Ersatz für Nylund. Na ja, und Schager wird das auch hinkriegen, s‘ wird ja nicht gleich so gewichtig klingen wie sein Tamino damals.
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Die spinnen die Briten. Das Management des City of Brimingham Symphony Orchestras ermuntert das Publikum während des Konzerts zu fotografieren und zu filmen. Einfach unglaublich. Bostridge unterbrach jetzt sein Konzert deswegen.
https://www.birminghammail.co.uk/whats-on/music-nightlife-news/singer-halts-symphony-hall-concert-29017426
Nicht in Lohengrin??
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Ich gehöre überhaupt nicht zu den Bravorufern (außer bei einigen Barenboim-Parsifals ca. 2008), aber hier wäre ein Bravo für Bostridge fällig gewesen. Ich höre übrigens mir Intermezzo auch mit Flurina Stucki an trotz Limburg am Pult. Hoffentlich sagt Runnicles nicht kurzfristig ab. Rattle wurde ab den 2010ern auch von Teilen der Berliner Presse schlechtgeredet, aber was Runnicles sich anhören lassen muss, ist heftig. Die ganzen schweren, dynamischen Formen bei Wagner und Strauss in eine Kontinuität zu bringen, die nicht zerfasert, kann kaum jemand besser. Man könnte Runnicles ja mal an Linden einladen, damit nicht Posch+Pintsch Elektra und Lohengrin dirigieren müssen.
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Aber schön, dass es an der DO den Zwerg wieder geben wird, wo Jekal dann auch der einzige biodeutsch Singende sein wird. So ist es halt. Meistersinger ganz ordentlich mit Mayer (der vermutlich dann doch nicht singen wird) und Pesendorfer von der Bass-und-Bariton-Theke, aber Tsallagowa in Selig wie die Sonne???? Und ein David namens Chance Jonas-O’Toole, haben die da niemand anderen? Freue mich auch schon auf die Vepres https://deutscheoperberlin.de/de_DE/production/les-vepres-siciliennes.1355944 trotz dem Französisch. Ob man in Berlin wirklich einen neuen Macbeth braucht? Und Tannhäuser muss auch mal wieder sein, wobei wohl eher nicht mit Vogt/Teige. Und Werther konzertant ist ein absolutes Muss.
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Hoffentlich haben sie gute Russen, die den Zemlinsky angemessen in Originalsprache singen kónnen.
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Vorfreude auf Intermezzo, aber dass T. J. Mayer für die gesamte Serie abgesprungen ist, ist wieder so ein DO-Ding. Als Mandryka ist Mayer gesetzt, doch bis März 2025 fließt noch viel Abwasser die Panke runter. https://deutscheoperberlin.de/de_DE/production/intermezzo.1337239 Straussens Frau übrigens wird Januar 2025 mit keinem einzigen deutschsprachigen Sänger in den Hauptrollen gegeben, und Prudenskaja als Amme dürfte noch die am besten artikulierende sein. Ist gut, bei der Oper versteht man eh kaum ein Wort, aber ich hab schon Foster als Baraks Frau im Ohr.
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Ich kannte mal einen hier gleich um die Ecke, der faselte auch immer von Bio- und Passdeutschen. Der flog dann sogar aus der AfD raus. Widerlich.
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Letztens las ich, daß Glenn Gould gesagt habe, Mozart sei kein wirklich erstklassiger Komponist. Wie wäre es mit der Umdrehung?
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Glenn Gould ist schuld daran, dass die Goldberg- Variationen von fast allen Pianisten viel zu schnell heruntergerast werden. Der hatte einen ganzen Schrank voller Psychopillen, an denen er letztendlich starb.
Ohne ihn wäre das Stück allerdings noch viel länger vergessen geblieben.
Verrücktheit zählt.
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Wenn ich zum Beispiel Var. 26, die eine Sarabande ist, obwohl das nicht drüber steht, so spiele wie die modernen Pianisten, dann bekomme ich Schwierigkeiten mit den Umspielungen in der linken Hand. Zu schnell, zu wenig geläufig und unelegant. Wenn ich es aber im klassischen Sarabanden-Tempo spiele, wie in den Suiten, gesangvoll, dann läuft die linke Hand fast von alleine. Ich denke, so hat der Bach es geschrieben, denn er war ein Meister darin, einen musikalischen Flow zu erzeugen.
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