Antonín Dvořáks Rusalka feiert erfolgreich Premiere – mit deftigen Buhs. Kornél Mundruczó, dessen Sleepless-Inszenierung am selben Ort ganz nett war, gelingt ein beflügelt krasses Regiewerk. Die Sänger – sind erstklassig.

Das ist das Fazit.

Die Erfolgsoper Rusalka trägt die Genrebezeichnung Lyrisches Märchen. Der Stoff – Hexen, die Zaubersud brauen, Nixenromantik – war im Uraufführungsjahr 1901 schon verstaubt, ein Jahr zuvor erblickte der Psychothriller Tosca das Licht der Opernwelt. Aber Dvořáks Musik ist tiefgründig und dramatisch, psychologisch feinfühlig und wunderbar eingängig. Monika Pormale baut ein hyperrealistisches Bühnenbild. Rechts ein Berliner Altbautreppenhaus, links eine pittoresk versiffte WG, in der die Elfen und der Wassermann mit Rusalka hausen.

Ein Stock drüber logiert der Prinz im Dachgeschoss-Loft mit nervtötend schicker Familie, an der Wand hängt ein echter Bisky. Rusalka ist ein schräges, schwer verpeiltes Gothic-Girl. Die Elfen figurieren als Partymädls. Der Wassermann ist ein strubbelhaariger, sympathischer Hüne, der verkatert am Küchentisch hängt. Die Hexe Ježibaba ist die Nachbarin von nebenan. Der Prinz ein empfindsamer, mit Tapered Cut und Vokuhila modisch urbaner junger Mann.

Rusalka – schmal, blass, kompliziert, sensitiv – taucht am liebsten liebeskrank in der Badwanne ab. Denn sie hat sich ausgerechnet in den androgynen Schönling vom Stock drüber verguckt, Christiane Karg singt das fesselnd, nuancenfein, liedhaft genau, öffnet den kostbaren Vokalfarbenfächer – nur beim berühmten Lied an den Mond fehlt das mitreißende Dahinströmen. Mundruczó inszeniert völlig romantikfrei: Rusalka kehrt als labiles Wrack aus der falschen Menschenwelt wieder.

Die wiedererlangte Sprachfähigkeit muss sie gegen einen monströsen, schwarzglänzenden, eklig hässlichen, mühsam hinter sich herzuschleppenden Wurmschwanz eintauschen. Da kippt die Geschichte an der Staatsoper Berlin ins Chiffriert-Symbolistische. Aber nur kurz. Denn als Kontrapunkt dazu fährt die Story per Hebebühne zum Finale ins dämmrige Kellergeschoss, wo der erlösende Kuss den Liebsten tötet und die letzten Minuten der Oper zu den spannendsten zählen, weil total offen ist, was passiert.

Gesungen wird stark. Pavel Černoch ist ein Parade-Prinz, tenoral schlank und fest, und wunderschön timbriert, besser gehts nicht, Mika Kares stellt einen machtvollen Wassermann dar, einen schluffigen WG-Oldie mit rächend bedrohlichem Auftritt im Finale. Die Ježibaba verkörpert Anna Kissjudit darstellerisch furios und stimmlich eindrucksvoll als herzhaft extrovertierte Hexe. Die Fürstin gibt Anna Samuil als sinnlich brodelndes blondes Gift. Adam Kutny ist ein souveräner Heger, ein vitaler Küchenjunge ist die heftig schön singende Clara Nadeshdin, für die fröhlichen Elfen geben Regina Koncz, Rebecka Wallroth und Ekaterina Chayka-Rubinstein ihr Sopran- bzw. Mezzo-Bestes. Der gute Jäger ist Taehan Kim.

Fotos: Gianmarco Bresadola

Am Pult überrascht Robin Ticciati, Noch-Chef beim hiesigen DSO. Unter Ticciati klingt die Staatskapelle frisch, klar, biegsam, dazu rhythmisch präsent wie selten und obendrein farbschön und transparent in Bläsern und Streichern. Leise kann Ticciati auch. Was will man mehr? Ein vollgültiger, sinnlicher Dvořák im warm durchleuchteten, nie grellen, noch dazu durchhörbar modernen Staatskapellenklang.

Die Kritik? Rusalka in Berlin ist ein bildstarker, fabelhaft krass erzählter Opernabend, in jeder Minute unterhaltsam, dabei exzellent musiziert.

Heftige Buhs nach dem ersten Akt und beim Schlussapplaus. Sonst viel Beifall.


Weitere Premierenkritik Rusalka: „Zickige Buhs“ (Kai Luehrs-Kaiser)