Alles beim Alten bei der neuen Aida? In der dritten Vorstellung gibts einige Buhs vor der Pause. Aber häufiger ist beifälliges Gekicher zu hören. Die Stimmung ist entspannt.

Denn die Neuproduktion von Calixto Bieito ist so kurzweilig wie überraschend. Und immer leicht nervig. Überraschend, weil die nagelneue Hubbühne dem klaren, geschickt mit Lichteffekten spielenden Bühnenbild Beine macht. Kostüme sind Hingucker, die Protagonistinnen giften sich im Glitzerfummel an. Schocker gibts nicht, außer wenn Feldherr Radamès beim Duett-Singen Gefangene exekutiert. Den Themenfächer kolonial, Kapitalismus & co hat Castorf anlässlich der Neuinszenierung von Macht des Schicksals an der DO aber triftiger entfaltet. Nachgerade hochironisch wirkt die piefige Beflissenheit, mit der Bieito ein Politkorrekt-Thema nach dem anderen abarbeitet.

Auf Anhieb einleuchten tut die Personenkonstellation. Amneris ist die gewissenlose Königstochter, der König eine Playboytype, Radamès eine stramme Kampfmaschine mit Null Ausstrahlung, Aida, die stolze Sklavin, rotiert zwischen Liebe und Verzweiflung. Fast menschlich nobel der Oberpriester Ramfis. Die Knaller: das Divenduell zwischen Amneris und Aida sowie in Akt 4 Amneris‘ Versuch, Radamès zu retten.

Einiges hat Pfiff. Die vor den Absperrungen des Triumphzugs Elektroschrott sortierenden weißen Kinder sind ein starkes Bild. Die Priesterin stolziert als fesche Disco-Biene über die Bühne, gesungen wird sie von der schwarzen Victoria Randem im blendend weißen Anzug. Weiße Bühne, weiße Schwarze. Was wie ein souverän spielerischer Kommentar zur Blackfacing-Diskussion quergedeutet werden kann.

Auch souverän Marina Rebeka, die ihr Sklavinnen-Soll ohne Sopran-Fehl und Vibrato-Tadel absolviert. Und das voll stolzer Leidenschaft. Wunderbar die fest gefügten dramatischen Bögen der Lettin, vorzüglich die Festigkeit des Tons. Etwas Herbes in jeder Schwingung des Klangs unterbindet Sentimentalität, aber auch vorschnelle Identifikation. Man fängt nicht gleich Feuer, aber ihr Singen hat Langzeitwirkung. Noch was? Sie singt befriedigend in allen Registern. Wünschte man sich was? Ein berückenderes Piano. Eine wunderbare Sängerin.

Elīna Garanča ist im Duett des 2. Akts eine kühn angreifende Verführerin, die Mezzo-Gift in Aidas (und Gott sei Dank in unsere) Ohren träufelt. Rassig das Brustregister, in ihrer Stimme züngelt eine unterkühlte baltische Flamme. Garanča singt erschreckend souverän, am besten in gebundenen Phrasen wie im magischen Già i sacerdoti. Umwerfend ihr Schlusston im giudizio, der Verurteilungsszene im 4. Akt. Ist Garanča die beste Amneris? Alles Geschmacksfrage. Smirnowa hat mehr Bulldogge in der Stimme, Hubeaux heißeres Feuer, Semjentschuk mehr Wucht.

Zwiespältig zumindest die Bilanz von Eyvazow, der in der romanza jeden Ton der Verinnerlichung verfehlt – von dem notierten pppp ganz zu schweigen -, in Nel fiero anelito am Nil, für den die Bühne nur schnödes Schulterzucken übrig hat, aber heldischen Thrill beweist. Überhaupt, was ist das für ein Schluss von Celeste Aida [Es handelt sich um die Toscanini-Fassung, siehe Kommentare]? Sieht aus, als hätte Luisotti Eyvazow dazu verdonnert, die letzte Phrase eine Oktave niedriger im piano zu wiederholen, da Eyvazow darauf bestanden hatte, den regulären Schlusston in vollem forte statt wie von Verdi gefordert pp zu singen.

Unterschiedlich die beiden Basspartien. Grigori Schkarupa offeriert einen voluminösen, stimmlich wenig fokussierten König, René Pape einen Ramfis der Wärme, der kantablen Sorgfalt, der umwerfend souveränen Phrasierung, zumal Bieito der Figur jede Karikatur verweigert.

Erstaunlich ist die Beliebtheit der Aida doch. Die Musik ist hinreißend, aber Duette und Arien sind bis auf die romanza des Radamès lang, geradezu unübersichtlich. Das Finale – sogar mit waschechter, wenn auch im adagio und pp verklingender Cabaletta: O terra, addio – endet sang- und klanglos in Grabesstille. Und die sympathische Titelheldin verspielt ihren Nimbus in Akt 3, wenn sie ihren Geliebten zum Hochverrat anstiftet, und erstaunlicherweise hat sie deswegen in Akt 4 nicht die geringsten Gewissensbisse.

Es sieht ganz so aus, als gingen Videokünstler aus einer gewissen Beschränktheit heraus davon aus, He-111-Bomber wären allein deswegen im Einsatz gewesen, um ihnen Filmmaterial für ihre Inszenierungen zu liefern. Ja, und meint Starregisseur und Großverdiener Bieito mit dem Spruchband „Let’s make lots of money“ sich selbst?

Luisotti am Pult ist tüchtig, das Dirigiat unnötig symphonisch und verschwommener als nötig. Das Terzett Aida-Amneris-Radamès im ersten Akt ist schlecht, weil man wenig hört und die Stimmen nicht zueinanderpassen. Flöte und Oboe im Nilakt sind a Draum, wie man in Tirol ein paar Kilometer vom Brenner wohl gesagt hätte. Wenig Flair besitzen die Triumphgesänge und Isis-Anrufungen der Chöre, die klingen wie vom Benediktinerchorfest von Maria Laach. In den vielen Ensembleszenen hört man die Sänger nicht so, wie man sollte oder wollte.

Hätte Bieito das corazón für einen Skandal, er zeigte in der neuen Aida den Krieg zwischen Eritirea und Äthiopien mit zehntausenden Toten und nationalistischen Eliten. Jetzt flimmert die Unter den Linden inszenierte kolonialistische Vergangenheit vorbei wie ein Ausstellungsdesign von nebenan aus dem Humboldt-Forum.

Besuchte Vorstellung: zweite nach der Premiere