Zwei Toscas pro Saison gehen immer. Heuer singen Kurzak-Bernheim und im Januar Buratto-Sartori. Soddy leitet Unter den Linden.

Aleksandra Kurzak ist eine leidenschaftliche, lyrisch drängende, wundervoll präsente Tosca. Ihre Höhen klingen triumphaler als neulich. Dafür ist die bezaubernde Feinheit des Vortrags, die man an ihrer Tosca in den letzten Jahren bewunderte, weniger hörbar. Die Stimme tönt heute dunkler, aber auch breiter, hat mehr Klang und weniger Text. Deshalb fehlt Vissi d’arte, der Klage über das Ende des Glücks, ein wenig die Genauigkeit, was vielleicht auch Folge der Anstrengung von fünf Mal Un bel dì als Butterfly ist.

Was Kurzak auf der Bühne macht, lebt von Spielfreude und Einfühlung. Sie hebt bei perfidi consigli, damit er den Subtext versteht, den Zeigefinger. Bei Kurzak ist klar, dass Ma falle gli occhi neri ein in einer Bitte versteckter Befehl ist. Sie bekommt beide Male die Lacher. Quanto?, die Frage nach dem Preis für die Freilassung Cavaradossis, singt sie und spricht es nicht. Der Fight mit Scarpia ist einer auf Leben und Tod. Extrem gut. Sie sticht mit Entschlossenheit zu.

Bernheim: einmal stelle und zurück

Cavaradossi ist Benjamin Bernheim. Die Vittoria-Rufe im zweiten Akt sind keine Proklamation der Freiheit, das Di nuova speme-Unisono im dritten kein Aufschrei der Zukunft. Bei den Vittorias ist die Stimme an der Grenze. Bei Recondita und È lucevan wird ein Wort nach dem anderen gesungen, es klingt durchaus unitalienisch, die „e“s sind sehr hell. Das war die Kritik. Aber es ist wunderschön, wie die Tenorstimme sich in Recondita entfaltet, wie sie in Quale occhio durch die Register aufsteigt, vielleicht der Höhepunkt heute Abend.

È lucevan le stelle befördert einen zwar nicht zu den Sternen, denn die Arie klingt wie die Meditation eines Unidozenten. Wunderschön aber, wie der Franzose im Großen Saal der Staatsoper dem Klang den Ton der Trauer gibt. Bernheim singt wie Bergonzi, nicht wie del Moncao. Das tönt nicht extrovertiert, doch intensiv. Bernheim erreicht die Höhe verführerisch mühelos, und die Spitzentöne zeigen schlankes lyrisches Pathos, ohne eigentliche spinto-Qualität. Auch O dolci mani, das, genau wie Quale occhio, aus dem Zwiegespräch mit der Liebsten ariös emporwächst, gelingt. Bernheims schlaksige Bühnenpräsenz hat viel von einem Rodolfo aus Bohème.

Tosca-Love: Kataja, Winckhler, Hoffmann

Scarpia ist Davide Luciano, blendend aussehend, kultiviert und klangschön singend. Die Stimme füllt Ha più forte sapore (Beginn Akt II) noch nicht ganz. Dennoch wird das von dem Italiener souverän gesungen. Als Bühnencharakter reicht er noch nicht an Maestri, Finley, Volle heran. Ich hörte Luciano in Il Viaggio a Reims damals an der Deutschen Oper.

Mit der blassen Inszenierung von Alvis Hermanis hat man seinen Frieden geschlossen. Immerhin singen die Sänger nicht tief in der hinteren Bühne und es gibt keine Videos.

Berlin ist keine Metropole des Katholizismus. Denn das Kreuzzeichen wird nur mit drei Berührungen absolviert anstatt mit vieren, sowohl von Winckhler als auch von Kurzak.

Arttu Kataja ist für mich der glaubwürdigste Angelotti, durch die Zerrissenheit hindurch ist noch die Würde des ehemaligen consule spürbar. Sehr präsent der Mesner von Manuel Winckhler, ganz anders als einst dies genial Verschlurfte bei Jan Martiník. Ich finde den Spoletta von Florian Hoffmann eine der besten Charakterdarstellungen, die helle, gespannte, etwas belegte Stimmfarbe, das linkische Dastehen sind in jeder Sekunde ein bliss. Sciarrone Temur Bidschischwili, Kerkerwächter Irakli Pkhaladze.

Alexander Soddy am Dirigierpult gefällt mir endlich einmal gut. Die Bläser klingen, die Geigen fließen. Orchestrales Arioso und symphonischer Gestus bilden zusammen mit der Tonmalerei ein Opern-Ganzes. Ein Kritikpunkt: Es klingt eine Spur zu „klug“, etwa wie wenn Harding bei den Philharmonikern dirigiert. Berstendes Verismo-Drama ist nicht oberste Priorität.

Die beiden wichtigsten Opern des 20. Jahrhunderts sind vielleicht Tosca und Die Frau ohne Schatten, nicht Wozzeck und nicht Pelléas et Mélisande.