Richard Wagners Der Fliegende Holländer hat an der Deutschen Oper Berlin Premiere, zwei Vorgängerinszenierungen waren eher kurzlebig. Jetzt wollen die DO und Regisseur Milo Rau Berlin zeigen, wie man Wagner anders, besser inszeniert.

Und an der Deutschen Oper ist wirklich alles anders. Hier wird Wagners Holländer zur Allegorie der deutsch-israelischen Beziehungen. Die Ouvertüre spielt während der Shoa, der 1. Akt in den 60ern (Aufnahme diplomatischer Beziehungen), der 2. Akt in München 1972. Typisches Regietheater halt. Doch dann wird es tricky. Denn der Holländer repräsentiert das aufgrund der Shoa schuldbewusste Deutschland, Senta verkörpert Israel, Erik einen israelischen Araber.

Senta und ihre Israel-Girls werden adrett in Blau-Weiß gekleidet, liegen optisch zwischen Finnair-Stewardess und Eretz-Israel-Pionierin, mit Schlips und Käppi (Kostüme Silvie Nauheim). Daland ist ein Kibbuz-Chef (sieht aus wie Ben Gurion im Military-Look), der mit seiner Truppe in den 50ern Palästina aufbaut. Während der Holländer, bundesrepublikanisch korrekt, Anzug trägt.

Dazu läuft pausenlos Video, wir werden Zeuge einer im real life getätigten Israelreise des Produktionsteams, wir sehen historische Einspieler (zu viel, zu belehrend Moritz von Dungern). Es gibt Künstlerbiographien und Holocaustüberlebende. Wodurch Wagners Musik von 1842 erstens medial maximal vernetzt und zweitens qua Erschließung neuer Relevanzfelder fit für die Gegenwart gemacht werden soll.

Die Folge: Bei dieser Premiere ist die Inszenierung der Zweck, Wagners Oper nur das Mittel.

Auch sängerisch leuchten über dem Premierenabend die Unsterne. Holländer Konieczny muss während des Duetts im zweiten Aufzug ersetzt werden. Beim Daland des Nazmi befürchtet man zwischendurch Ähnliches.

Senta Aušrinė Stundytė singt die Ballade in neckischen Shorts, trägt Never-Again-Käppi. Man kann Stundytė anhören. Wenn auch mit Unbehagen. Aber eigentlich klingt die Ballade wie Satire, die Litauerin ist überfordert nicht nur an den Höhenstellen (Ich sei’s, Wohl kenn‘ ich dein Geschick). Ungenügend. Etwas besser der Holländer des Polen Tomasz Konieczny, der als Allegorie des deutschen Volks mit großer Energie, brüchigem Piano, heftiger Deklamation und metallisch unverwüstlicher Höhe, schlussendlich aber mit der Autorität des gestandenen Wagnersängers agiert. Den Indisponierten ersetzt bei laufender Vorstellung Derek Welton, der souverän aber harmlos klingt.

Als Daland versucht sich Tareq Nazmi am Spielopernton, aber nur ein wenig. Dafür hört man angestrengtes Volumen und schwache Höhe, die bisweilen wegbricht. Auch er wirkt indisponiert. Den Anforderungen genügen heute nur Erik und Mary. Aus dem Erik macht Attilio Glaser mehr als eine „dramatische Hilfsfigur“ (Dahlhaus), im Duett im zweiten Aufzug zeigt er, was tonschöner, nuancierender Wagnergesang sein kann. Ähnlich erfreulich auch Kai Rüütel-Pajula, die als Mary bravourös zupackt bei „in Küch und Keller säumet nicht“. Hingegen singt Omar Mancini das Steuermannlied in so schlechtem Opernstil, mit Schluchzern und schlecht artikuliertem Deutsch, dass man erneut Satire vermutet.

Ist das die neue DO, inszenatorisch auf Mega-Crash gepolt und sängerisch ungenügend?

Eine Freude stellt hingegen der Chor der Deutschen Oper dar. Aus vollen Kehlen wird Mit Gewitter und Sturm im ersten und Summ‘ und brumm im zweiten Aufzug intoniert. Die Spott- und Holländerchöre im dritten gelingen außerordentlich.

Vor der Ouvertüre quasseln Sarah Schwarze und Shlomi Wagner („Prolog“), letzterer auf hebräisch. Langweilig. Genauso öde wie letzthin beim DSO die Rede von Maja Göpel. Merke: 2026 wird man sogar in Konzertsaal und Oper zugetalkt.

Giedrė Slekytė dirigiert die Ouvertüre frisch drängend, aber im weiteren Verlauf wirken Holzbläser und Blech oft nicht souverän. Tempo-mäßig liegt man im Üblichen. Das bleibt noch Stückwerk. Die Folgevorstellungen dürften mehr aus einem Guss sein.

Kritik-Fazit: Milo Raus Fliegender Holländer erinnert fatal an Andrea Moses‘ Entführung an der Staatsoper. Auch da wurde ein Klassiker so rabiat umgekrempelt, dass man keine Lust auf einen zweiten Besuch hatte. Lohengrin, Tannhäuser, Parsifal habe ich x-Mal an der Bismarckstraße gesehen, in SO-Entführung und DO-Holländer geht man nur einmal rein.


Weitere Premierenkritik: Audio-Kritik von André Mumot.