Juhu, da sind sie, die Donaueschinger Musiktage 2026. Immerhin sendet der SWR einige Konzerte live, darüberhinaus stehen die Orchesterkonzerte als Re-Live zur Verfügung. Das diesjährige Motto lautet schlicht Polyphonies.
Also nichts wie her mit dem Eröffnungskonzert, das SWR Symphonieorchester spielt unter der Leitung von Brad Lubman vier UAs.
Hannah Kendall, in London geboren, zentriert The unfleshed bells of the inaudible (9′) um ein feintexturiertes Fiepen, ähnlich Geartetem von Iannotta abgelauscht. Das dynamische Maximum liegt in der Mitte, davor ein Anschwellen, danach ein Abebben – das Uraltvorbild Lohengrinvorspiel lässt grüßen. Attacken der Perkussionisten klingen kultiviert. Ein ordentliches Stück.
Wabern im Weltzustand: Eröffnungskonzert Kendall, Prins, Silva, Barrett
Der Belgier Stefan Prins lässt in Madness Machines den Weltzustand wabern (25′). Leise Passagen klingen wie gegen Ibuprofen resistente Zahnschmerzen, laute nicht ganz so spannend. Die Programmnotizen deuten an, dass es sich bei Madness Machines um eine Allegorie der Weltlage handelt. Das Stück gibt sich episch. Und wirkt doch rabiat aufgetürmt („heterophones Gefüge“, Nonnenmacher). Es ist wahrscheinlich mit zu lockerer Hand komponiert. Und wahrscheinlich im Ergebnis etwas unausgegoren. Aber es ist das interessanteste Stück des Abends.
Ich höre über SWR Kultur.
Igor C Silva Tomorrow’s Next Bliss (22′) bricht die Einzelereignisse feinsinnig in einen Flow runter. Eher optimistisch die Haltung, manchmal sehr dekorativ, in den fröhlichen Repetitionen irgendwie von Steen-Andersen beeinflusst. Tomorrow’s Next Bliss kippt durch die Präsenz einer Impro-Trompete (hörenswert Susana Santos Silva) in Richtung Trompetenkonzert. Am wertvollsten ist es, wo die bewegten Details eine neue Unvorhersehbarkeit hervorrufen. Schlussendlich aber doch zu smooth, woran die Trompete mit ihrer jazzösen Gestik nicht unschuldig ist.
Natasha Barrett, Britin, mixt in The Disenchanted Tranquility of the Kingdom einfach zu viel zusammen (24′). Das ist unverhohlen narrativ und krass episodisch. Klingt so Vaughans In the Fen Country, ins 21. Jahrhundert versetzt? Ein schlechtes Stück (für dieses Festival), eine schlechte Komponistin (in diesem Kontext). Sogar der Text der Komponistin ist nichtssagend: „In einer Zeit, in der die Öffentlichkeit ebenso instrumentalisiert wie durch politische Inszenierungen…“ Noch mehr Kritik? Lieber nicht.
Für die Elektronik ist jeweils das SWR Experimentalstudio verantwortlich.
Süper Crashout, Brudi: Muntendorf, Silva & Orasbajewa, Ensemble Resonanz
Es wird erstmal nicht besser. Am Samstagabend verdient sich Brigitta Muntendorf mit Last Show die zahlreichen Buhs durch lästige Sprechpassagen. Aber die Musik ist nicht weniger uninspiriert. Der Untertitel lautet Q&A für Ensemble und Publikum. Es ist KI dabei, es ist Video dabei, es ist interaktiv. Aber Last Show löst nichts aus. POV: Du gehst ins Konzert und bekommst eines jener lähmenden einstündigen Auftragsstücke, ohne die offenbar kein Festival auskommen kann.
Bislang sind die Donaueschinger Musiktage 2026 alles andere als ein Sensations-Festival. Doch am Sonntag geht es aufwärts.
Im Vormittagskonzert spielt das Ensemble Resonanz unter Enno Poppe zwei UAs. Beide Stücke sind für jeweils 18 Streicher geschrieben. Dream Machine von Ann Cleare ordnet die Linien harscher, gibt sich atmosphärisch flirrend, der Ton streift das Larmoyante (19′). Thirst von Rebecca Saunders ist länger und stärker ausdifferenziert, was Dichte und Tempo angeht (33′). Durchdrungen ist Thirst von fesselnder Substanz. Im Zentrum stehen zwei Blöcke mit jeweiligen Artikulationsmaxima, die eine von gläsernen Glissandi geprägte Episode einfassen (20:15). Generell ist das Liniengeflecht bei Saunders körperhafter. Ein mächtiges Stück. Einhelliger Beifall.
Susana Santos Silva (Trompete) und Aischa Orasbajewa (Geige) improvisieren gekonnt durch die Konzertperformance Forms of Togetherness, huldigen freilich ausgiebiger, als der Qualität zuträglich ist, Folklore- bzw. Jazz-Prägungen.
Der Bestien pure Bläue: Abschlusskonzert Baba, Lanza, Lévy, Iannotta
Keine Ahnung, was die Buhrufe vor dem ersten Werk des Abschlusskonzerts bedeuten. Es dirigiert auf jeden Fall François-Xavier „Pimmel-Xaver“ Roth.
Das Konzert ist summa summarum ungewohnt gut. Noriko Baba versammelt in Bestiarium Musicale VI vier Tierporträts (13′, deutsche EA). Im 19. Jahrhundert komponiert man über Don Juan und Don Quixote, im 21. über das Schuppentier. Die einfühlende Verve bei der Schilderung der unterschiedlichen tierischen Genossen wirkt ansteckend. Zumal die entstehenden Musikmuster komplex sind. Poulencs Bestiaire-Lieder über Gedichte von Apollinaire kommen, durchaus positiv, in den Sinn.
Interessant ist auch von Mauro Lanza We’ve actually been in this place before (15′, UA). Das Stück wiederholt kurze, gestisch prägnante Einheiten. Deren variativ mutative Ausdifferenzierung sorgt – Komponist Poppe winkt aus der Ferne – für die Verklammerung des nur scheinbar Gleichen. Klingt so fröhliche Jetztzeitmusik? Gar nicht so unähnlich funktioniert die UA Que reste-t-il? von Fabien Lévy (13′). Auch Lévy schafft rhythmisch reizvolle Mini-Abschnitte, die das Stück allseitig prozessual nach vorne bringen. Ironisch Konzertantes folgt unbeholfen Dräuendem.
Aus, vorbei, und Schluss? Nein. Den Abschluss bildet von Clara Iannotta das 25-minütige Into a world that is pure blue, gleichfalls eine Uraufführung. Subthematisch kreist Into a world offenbar obsessiv um das Thema Erinnerung. Endlich lese ich einen Stücktext („Werkkommentar“), der interessant ist. In dem Werk wogt das Unheimliche an, und wenn es kommt, rollen sich einem die Fußnägel hoch. Iannotta komponiert fitzelig genug, um die Ereignisdichte auch in leisen Passagen unberechenbar zu halten. Und sie formt größere Einheiten so, um bedrohlich Transsubjektives in Klang zu fassen. So wenn bei 17:30 das Stück nicht in eine Coda ausläuft, sondern die nächste Woge – oder soll man sagen, die nächste pure Bläue – sich anbahnt. Ned schlecht, wie der Schwabe sagen würde.
Weitere Kritik: bewährt kompetent die Videokritik von Rainer Nonnenmann, weitere Berichte folgen, soweit online