Die Philharmoniker-Saison beginnt für mich mit Petrenko, Brahms und einem Isländer.

Der Isländer heißt Víkingur Ólafsson. Laut RBB ist Ólafsson ein „absoluter Weltklasse-Spitzenpianist“. Er spielt das Klavierkonzert Nr. 1 enorm abgeklärt, Lyrisches hat eine Prise Kalkül. Manches ist unsensibel gegenüber Dynamik (Oktaven Durchführungsbeginn). Andererseits ist Ólafsson traumhaft sicher, was Proportionen, Tempo, natürlich auch technisches Niveau angeht. Nichts tönt banal. An geschliffener Gewitztheit des Anschlags dürfte er so ziemlich jeden Konkurrenten derzeit überragen. Spielend besteht sein Spiel gegen die Berliner. Was stört? Sein Brahms klingt nicht nach oh mon amour, sondern nach App-basierter situationship. Die Kadenzen kräuseln sich aseptisch, die Reprise im Adagio spielt der Isländer – natürlich nur scheinbar – unbeteiligt runter. Sehr gut das Finale. Da ist auch das Zusammenspiel mit dem Orchester brillant.

Was nicht das Schlechteste ist angesichts von Brahms‘ umständlicher Unübersichtlichkeit („fünf große Themengruppen“ im 1. Satz). Petrenko arbeitet an der Verfeinerung des Klangs, setzt das Seitenthema wie eine Insel der Seligen. Das tönt elegisch aus purer Klangsensibiltät, ganz anders, als Jurowski es beim RSB machte. Die symphonische Energie wird messerscharf geballt, die Linien erreichen eine wundervolle Biegsamkeit.

Der Abend favorisiert eine unübliche Programmpaarung: Brahmskonzert plus Also sprach Zarathustra, zwei deutsche Repertoire-Schwergewichte. Brahms, der, so Schumann, „Berufene“, ein Übermensch? Egal.

Manchmal erzählen Komponisten Quatsch. Strauss hielt Zarathustra für das „Formvollendetste“ seiner Stücke. Seriously, man blickt selbst nach mehrmaligem Hören nicht durch, was wo warum gerade passiert. Sonatenform passt nur sehr ungenau, ist ja klar. Aber das Konzept von „Rotationen“ (Hepokoski, Youmans), nach denen Anbeten und Sehnsucht, Leidenschaft und Grablied, Wissenschaft und Genesender, Tanzlied und Nachtwandlerlied jeweils ein Paar bilden, dessen zweiter Teil den jeweils ersten variierend rekapituliert, wirkt nur bis zur triumphalen Wiederkehr des Naturthemas wie eine gute Idee.

Aber heute Abend sind derartige Überlegungen Schall und smoke, dank Kirill Petrenko. Das Tanzlied, sonst gern eine Art Pseudo-Höhepunkt von leicht erzwungener Fröhlichkeit, klingt heuer, als käme es aus einer lustigen Familienrunde aus der Symphonia Domestica, und das folgende Nachtlied, als wäre es aus Till Eulenspiegel. Das ist außerordentlich. Alles ist in Bewegung, ohne an Präzision einzubüßen. Das federt, hat Tiefenschärfe, wirkt an jeder Ecke geglückt. Die Schläge der Mitternachtsglocke illustrieren in der Philharmonie nicht nur den „zu mächtigster Stärke angewachsenen Tanz“ (Arthur Hahn), sondern imaginieren als plötzlichen Querverweis das Juchzen des Rosenkavaliervorpiels. Eine absolute Weltklasse-Spitzen-Interpretation, wie der RBB, selbst ein Weltklasse-Spitzensender, formulieren würde.