Siegfried und Götterdämmerung am Donnerstag und Samstag vervollständigen den ersten Durchlauf vom Bayreuther Ring des Nibelungen mit Vogt, Nylund, Volle und Thielemann.
Ganz ehrlich, gesungen wird ziemlich gut.
Der junge Siegfried von Klaus Florian Vogt tönt jugendlich schlank: enthusiastisch, aber ohne Gegröhle, draufgängerisch, aber ohne Tumbheit. Meiner Meinung nach stellen die ein, zwei Takte im Schmiedelied nach heißes Blut doch, bevor die Posaunen das Schmiedeliedmotiv schmettern, die einzige banale Stelle im gesamten Ring dar. Als Götterdämmerung-Siegfried fehlt Vogt im Duett des Vorspiels zwar der Heldenton, doch in der Gibichungenhalle werden Wagnerträume wahr. Was für ein nuancenreicher, ja, genau: sympathischer Typ ist das. Vogt wird der Siegfried seiner Zeit sein, wenn Schager, der das nun seit 15 Jahren macht, mal nicht mehr können sollte. Und bevor es Mime an den Kragen geht, singt Gerhard Siegel die Wissenswette endlich einmal detailreich und spannend. Interessant, wie im Schmiedelied die Stimmen von Vogt und Siegel derart nah beeinanderliegen.
Ich höre BR Klassik.
Zwei Dinge machen den Wanderer von Michael Volle einzigartig, Wortüberdeutlichkeit und die Intelligenz des Schauspielersängers. So gelingt Volle alles. Sein Wotan ist ein gereizter Olympier mit löchriger Impulskontrolle, ein Göttervater a.D., dessen herrscherliche Räsonnierlust in hintergründiger Ironie an einen gewissen sächsischen Komponisten erinnert. Wagner-Labsal ohne Ende.
Siegfried: Wer naht dort schimmernd
Eine der fabulösesten Stellen im Ring dürfte Alberichs Angstvision In Wald und Nacht mit der anschließenden Wotanszene Wer naht dort schimmernd sein. Jochen Schmeckenbecher – mitreißend höhnisch – und Volle singen das als hitzige Battle zwischen Schwarz- und Lichtalbe. Bei Schmeckenbecher Intonationsschwankungen, die vermutlich am Radio stärker auffallen. Nicht weniger packend ist Wotans Beef mit Erda. Erda (Christa Mayer), letzte Repräsentantin einer Welt vor Wotan, strahlt die abgründige Würde des Mythos aus, und Chr. Mayer singt Der den Trotz lehrte mit mächtig steigernden Tönen, Wotan zu ebenso mächtigen Zorn reizend. Es gibt da Stellen, wo Wotan wie Sachs klingt. Man muss den Ring ein paar Mal gehört haben, ehe man Siegfried zu lieben beginnt.
Camilla Nylunds Siegfried-Brünnhilde ist keine gerissene 20-Jährige, die gerade aus dem Schönheitsschlaf erwacht, sondern eine gestandene Dame mit hochadligem background. Nylund geht das hochernst an, klasse die kontinuierliche Stimmpower. Das Vibrato gibt Nylunds Singen eine Stabilität, die gegen frühe Verausgabung feit. Die Stimme findet über Umwege – inklusive etlicher Spritzer Aceto nonbalsamico – ins Herz des Zuhörers. Weniger gelungen das Duett zu Beginn der Götterdämmerung mit eintöniger Dauerspitze. Der Schlussgesang ist wieder eine Leistung aus einem Guss, instrumental gesungen, aber man glaubt Nylund die Gestalt. Wichtigeres gibt es am dritten Tag der Tetralogie nicht. Man ist froh, dass die Ära der mit lustigem Nottinghamshire-Deutsch aufwartenden Catherine Foster endgültig vorbei ist.
Götterdämmerung: Von einer Lehre lass ich doch nie
1a der erste Götterdämmerung-Aufzug. Michael Kupfer-Radecky bringt als Gunther rollenspezifische Großsprecherei und textdeutliche Akzentuierung zusammen, Mika Kares kann Hagens Intrige so viel besser als Hundings finsteren Grimm. Eine Überraschung, ein Hörgenuss – weil lebhaft und deutschklar – die Gutrune der Magdalena Hinterdobler. Das ist gut. Alle drei formen unmittelbar einleuchtende Figuren. Als Vogt kommt, wird es auch nicht grad schlechter. Zwischen den gramvollen Gibichungen wirkt sein Siegfried nicht als Held, sondern als Teenager, der umwerfend jung die Welt erobert. Auch Thielemann ist hier Extraklasse, großer Bogen wie Details.
Die Waltrauteszene ist ein Streit zweier ehemaliger Pferdenärrinnen. Zu Beginn liefert Nylund ihr Bestes ab. Auch Waltraute Christa Mayer hält die Spannung, sie hat den Punch in der Tiefe, und in der Höhe den Stimm-Luxus in XXL. Gutes bis Bestes bieten auch die Nornen Magdalena Hinterdobler, Alexandra Ionis, Anna Kissjudit. Die formidablen Rheintöchter: Woglinde Katharina Konradi, Wellgunde Natalia Skrycka, Floßhilde Marie Henriette Reinhold. Der Waldvogel Victoria Randem hat Sommer-Glow in der Stimme.

Christian Thielemann führt das Festspielorchester als symphonisch-dramatische Einheit (aber doch zum Symphonischen neigend), klanglich warm gerundet, immer etwas Karajan im Händchen. Fabelhaft so Sachen in der Götterdämmerung wie die Siedehitze des Epilogs nach dem Duett und die Frische der Rheinfahrt. Wie unablässig vorantreibend, aber kontrolliert Thielemann das motivische Gewebe vorführt, zeitgleich dessen zentrifugale Kräfte bändigt, ohne an Spannung einzubüßen, ist verblüffend.
So zeigt das Orchester Göttermythos, Siegfried-Märchen und Heldensage in idealer Verbindung von Leitmotivik und Symphonik. Nur im Trauermarsch ist Thielemann zu brillant, ich werde bis zum Jüngsten Gericht (und darüber hinaus) Barenboims Version bevorzugen. Ein Traum sind wieder die letzten langen Minuten des Rings. Es könnte ja sein, dass der Bayreuther Ring heuer auch derart gelingt, weil man mit DACH-Leuten besetzt oder eben mit welchen, die hier seit langem singen.
Das KI-Desaster am Fichtelgebirge geht weiter. Die Bilderflut bringt Kennedy, Hitler, Chéreau. Und wer ist nochmal der Nazi? Das hat das Niveau von „Kauf eine echte, alte Zeitung von deinem Geburtstag“. Schade um die verbrauchte Rechenleistung. Da bleibt nur eine Frage: Und wo ist das Fräulein Flierl?
Deppert, dass die sogenannte „Live“-Übertragung am späteren Abend gesendet wird, Stunden nach der Aufführung. Was wohl eine Folge davon ist, dass nicht der BR, sondern das „ARD Radiofestival“ die Entscheidungshoheit hat. Götterdämmerung geht fast bis 1 Uhr in der Früh. Das ist 08/15-Nachsendung aus der Konserve.
Weitere Kritik: „Oper aus der Chip-Tüte“ (Markus Thiel)
Famos. Allein : wie kann ich verstehn, was das Palaver soll ?
LikeLike