Da war doch was. Richtig, die Philharmoniker hatten letzte Saison Anton Bruckner satt auf dem Tablett (und lassen diese Saison nur Blomstedt mit der Siebten ran). Jetzt erlebt man im Konzerthaus das RSB als Bruckner-Nachzügler. Und als Vorreiter in Sachen Qualität und Tiefgang. Im Januar gab es die Zweite mit dem RSB-Neuling Urjupin, jetzt also mit Wladimir Jurowski die Sinfonie Nr. 8.
Es ist an diesem frostfreien, schneematschvollen Freitagabend ein Bruckner aus dem Unverpackt-Laden. Unbehauen und unbeschliffen. Eleganz ist Neben-, Ausdruck Hauptsache.

Doch bei der „Achten“ geht es immer erstmal ums Verständnis und dann erst um die Interpretation. Da ordnen sich selbst die Mega-Highlights – Todesverkündigung und Totenuhr, Zweikaisertreffen und Kosakenritt, Franz-Joseph-Fanfare und Protz-Auftritt aller Hauptthemen auf einmal – in die weitläufigen, symphonischen Abläufe ein.
Beim Rundfunk-Sinfonierochester Berlin gleichen die Themen des Adagio riesenhaften Rezitativen. Und die Klimaxe, Kulminations- und Kataraktpunkte – die Haas-Edition fordert 17 Mal forte-fortissimo – sorgen Werk-weit für schroff aufgegrellte Wucht. Wladimir Jurowski lässt sich mehr Zeit als Thielemann, Nelsons, Rattle und selbst Mehta. Und dennoch gerät der erste Satz, trotz Posaunen-Glanz und Tuba-Gloria, aufregend kompakt.
Ich gestehe, dass ich das fff (Feierlich breit) der Durchführung bisher stets als Reprise gehört habe. Wie dämlich, dies ist offenbar die Scheinreprise. Was soll’s. Ich höre Feierlich breit dennoch als Reprise Nr. 1 und die „richtige“ Reprise, wo Oboe, Klarinette und Trompete das Thema so beiläufig (und heute Abend aufgekratzt quirlig) präsentieren, als quasi nachgereichte zweite. Das Adagio hört man leichter, wenn man die Themenpaare in Strophen angeordnet denkt. Thema 1 und 2 erste Strophe = in etwa Exposition. Thema 1 und 2 zweite Strophe = in etwa Durchführung. Thema 1 (mit den Umspielungen, in etwa Reprise) und Thema 2 dritte Strophe. Gegen Schluss haut das nicht mehr hin, aber hilft dennoch.
Ein Bruckner von übergroßem Zuschnitt, ohne Konzession an den Geschmack. Die Harfe darf rauschen, die Flöte glitzern.
Ich glaube, Skrowaczewski machte die Sinfonie Nr. 8 vor einigen Jahren beim RSB mit mehr Sinn für Architektur, dämmte dafür die Subjektivität zurück. Man muss sich umgewöhnen von den stupenden Philharmonikern unter Petrenko letztens mit Brahms. Im Konzerthaus sind anfangs Blech und im ganzen ersten Satz die Geigen leicht unsauber. Aber das verschleift sich im Scherzo.
Lesenswerter Programmheftbeitrag von Georgi abseits des Üblichen.