Lohengrin und Tannhäuser sind an der Bismarckstraße interessanter, Holländer, Meistersinger und Ring Unter den Linden. Parsifal funktioniert an beiden Häusern. An der DO inszenierte Stölzl Wagners Weihewerk ironisch monumental, an der SO Tscherniakow endzeitlich skeptisch.
Der Gurnemanz des René Pape ist ein Ordensmann in den besten Mannesjahren. Pape singt die Titurelerzählung besonnen, den Tadel nach dem Schwanenschuss kraftvoll empört, den Ergriffenheitsausbruch von O wunden-wundervoller heiliger Speer glaubhaft. Man hört einen lyrisch dringlichen Gralsritter. Pape agiert immer nah an der Ideallinie. Es ist ein Singen von wild-schöner Innigkeit. Das Wagnerische Cantabile realisiert der Sänger mit gerundeter Sanftheits-Fülle, mit scheu-männlichem Ausdruck. Der Rest ist Pape-Business as usual: der kernhaft feste Ton der Vollstimme, die vorbildliche Wort-Ausdeutung – bis hin zu feinsten Nuancen der Diktion, bei insgesamt ingeniöser Verquickung von Sprechgesang und vaterländischem Belcanto.

Tenorheld Andreas Schager machts richtig. Die Stimme hat Gewicht und Schönheit, die Interpretation Frische, und, noch wichtiger, Spontaneität (was Gould IMMER fehlte). Er findet den Ton für den Toren des ersten, für den Abenteurer des zweiten, für den Heilbringer des dritten Akts. Eine Meisterleistung. Im dritten Aufzug gibts einmal eine Mini-Rauigkeit der Stimme, sonst singt Schager simply tadellos. Schon sein Lohengrin war enorm. Man will den Sänger über den Sommer fast ins schöne Niederösterreich schicken, damit er für den Siegfried im Herbst in ähnlich bestechender Form nach Berlin kommt.
Den Klingsor gibt Tómas Tómasson wild und lebhaft, wenn auch durchgehend röhrend, aber mit metallisch drängendem Vortrag. Die Kundry der Stunde ist Elīna Garanča. Die singt – nicht. Aber statt ihrer Tanja Ariane Baumgartner. Mit ihr ist es so eine Sache. Ich wünsche mehr Kraft der Deklamation, mehr Volumen. Es ist eine Interpretation ohne Fehler, aber eine blasse. Die Tiefe ist wenig aufregend. In der Höhe fehlt Energie für die packend textpräzise Ausformung des Tones. Ihr Spiel bleibt enttäuschend kühl (Man weiß, wie gut Kampe bei Tscherniakow spielt). Einiges Gute gelingt, so Bekenntnis wird Schuld oder Gelobter Held. Sie klingt zu unbeschrieben für die Rolle. Also, die Frau verfügt über eine schöne Stimme, aber ihre Kundry ist uninteressant.

Licht und Schatten ersingt sich auch Lauri Vasar als Amfortas. Der Este verfügt über eine attraktive Stimmfarbe, präsentiert aber ein verquollen vokalverfärbendes Allerwelts-Espressivo, darüberhinaus werden die Spitzentöne bleich gespreizt.
Und Dirigent Philippe Jordan? Fürs Weihfestspiel hat er ein Händchen, mehr als für die Wotan- und Wälsungentragödien des Rings. Die Staatskapelle bietet flüssiges Legato und gut platzierte Binnenfarben. Die Dynamik ist imponierend nuanciert, der Ausdruck wirkt wie unter Glas erstarrt. Das Beste kommt im 3. Akt: im resignativen Vorspiel und im sorgfältig ausgebreiteten Stimmgefädel der Gurnemanz-Passagen. Packen tut der Orchestervortrag nicht.
Holländer mit Heras-Casado, jetzt ist tatsächlich die Nadeshdin durch Merbeth ersetzt. Schon Nadeshdins Micaela im Dezember war irgendwie stilistisch unausgegoren, vermutlich auch ungenügend vorbereitet. Sie hat eine schöne, große Stimme. Ich freu mich, wenn ich sie als Blumenmädchen, Leitmetzerin oder Walküre hör, aber Senta hab ich mir – auch vom Typ her – kaum vorstellen können. Jetzt wird es eine Senta mit viel Eisen und viel credibility. Merbeth rettete ja auch regelmäßig die recht üblen Bayreuther Holländer unter Kober.
Und Yamada beim DSO? Der Mann bringt es dann tatsächlich auf 3 Chefpositionen.
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So hab ich ja früher auch gedacht und geredet. Jetzt versuch ich, mir den schönen Klang am Klavier selber zu machen anstatt immer nur im Kopf. Das ist dann echte Arbeit.
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Wenn Heras-Casado manche Details so unverwechselbar herausbringt wie in der Zauberflöte, dann will ich das hören. Wann gibt er das ?
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Wie ich las, hat Anita Rachvelishvili angeblich wegen ihrer Schwangerschaft die Stimme verloren und wurde von der Met kurzerhand nach einer Vorstellung ausgewechselt. Das wäre doch mal eine Meldung wert.
https://www.nytimes.com/2023/12/20/arts/music/anita-rachvelishvili-opera-voice.html
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Bei der neuen SO-Entführung ist die Blonde Sáenz bereits vor dem Vorverkauf aus der Besetzungsliste raus, jetzt Serafina Starke. Fand damals die Pamina von Sáenz mit lachhaftem Deutsch, wenn auch schön gesungen. Hier hätte man ernsthaft die bestechende Thalheimer-Produktion wieder rausholen können, damals auch bestechend gesungen (Schäfer, Prohaska, Breslik). Aber, wie gesagt, man hat ja die Millionen. Gut besetzte Toscas mit Yoncheva/Grigolo und Kurzak/Beczala. Lohengrin mit Koch als Telramund, hoffentlich schafft die Heever Elsa idiomatischer als zuletzt die Kaiserin. Kampe Ortrud? Könnte Prudenskaja vermutlich netter. Hab die Aida (Rebeka seufz, aber leider Eiwazow) schon sehnsüchtig erwartet. Auch die Traviata mit einer Doppelbesetzung, zuerst die kühle Garifullina, dann Rebeka. Pati und Pop OK. Gran Dio, Bóg wszechmogący, Oropesa als Juliette, drei Mal mindestens :-). Das dürfte ihr Berliner Debüt in einer Produktion sein. Auch Hoffmann mit 2 Besetzungen sowie Einzelbesetzungen für die Olympia-Antonietta-Giulietta.
Ist einem fast peinlich, aber eine gute Tosca könnte ich pro Saison inzwischen 3-4 Mal hören, ähnlich bei Traviata, Aida, Rigoletto, Lohengrin. Mit Elektra bin ich grad durch, es sei denn sie kommt mit Thielemann+Groissböck (lustig, wenn F. Hanssen es zum ersten Mal in seinem Leben in die nächstens 20 Jahre alte DO-Elektra schafft. Musikkritiker leben completely in eigener Welt).
Welche Premiere Thielemann wohl zurückgestellt hat? Die Wagner-Produktionen Unter Linden gelangen in den letzten 10 Jahren gut, die Ausnahme ist vor allem Waltz‘ Tannhäuser. Otello, den er mal in Salzburg machte? Doch wohl nicht Palestrina?
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Hoffentlich gibt es überhaupt mal wieder eine Entführung in Berlin, die man ansehen kann. Meine „Kinder“ sind ja inzwischen größer, aber Entführung im Puff oder im Chemielabor oder schwarz in schwarz war nun wirklich keinem zuzumuten.
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Das mit den Musikkritikern würd‘ ich unterschreiben…
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Machte mir beim Hören Gedanken über Papes Gurnemanz. Ein Teil seines lyrischen Singens ist vielleicht von Franz Crass beeinflusst (der 1970 unter dem Sprinter Boulez arg zu leiden hat, aber neben der grässlichen Jones und den kaum guten Stewart und McIntyre der überzeugendste ist), ein anderer Teil – der Ernst sowie die Exzellenz von Diktion und Phrasierung – doch wohl von Kurt Moll. Pape hat ein paar Manierismen, die man bitter vermissen würde, wenn er sie fortließe, etwa die bedachtvollen Endungs-S: „Schon nah dem Schloss-sss-sss“.
Neben Pape gab es mMn jahrelang nur Salminen, dessen urtümlich riesige Stimme vermutlich zu wenig phonogen für mehr als einen Mitschnitt war (Nagano, DSO, Baden-Baden). Groissböck fehlt bei aller Tonschönheit doch die Ordensritter-Autorität, Milling das letzte Quäntchen Textgenauigkeit, Youn beides. Zeppenfeld ist – finde ich – erst seit ca. 2020 ebenbürtig, und noch nicht 2016 unter Bytschkow. Es ist bezeichnend für Bayreuth, dass Salminen dort nie eine Wahl war. Muss 2012 oder 13 an der DO gewesen sein, als ich ihn zuletzt als Gurnemanz hörte.
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Was soll ich gross dazu sagen ? Habe sein Rollendebüt an der Met gesehn, das war so ungefähr vor 20 Jahren. Unglaubliche Textverständlichkeit bis in die letzte Reihe, was bei einer derart langatmigen Oper die Dinge länger am Laufen hält. Trotzdem kein Grund, sich das nochmal anzutun.
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